Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt...
Dem Bösen nicht widerstehen?
„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wenn jemand dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar; und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch den Mantel! Und wenn jemand dich zwingen wird, eine Meile zu gehen, mit dem geh zwei!“ (Mt 5, 38-41) So steht es in der Bergpredigt. Diese Perikope wird in der evangelischen Kirche am 21. Sonntag nach Trinitatis (Reihe VI) und in der katholischen Kirche am 7. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) gelesen.
Einige Überlegungen aus dem Bibelchat von GottesSuche möchte ich Ihnen zu diesem Text hier vorlegen.
Fragen
Der Textabschnitt gehört als erste zu den fünf Redekompositionen im Matthäus-Evangelium. Dort richtet sich Jesus direkt an seine Zuhörenden und stellt ihnen die Frage, wie sie sich selbst in der Nachfolge Jesu verstehen. Dabei erweitert er das bisherige Verständnis der Tora und der Propheten, er steht in der jüdischen Tora-Tradition, wenn er sagt, er sei nicht gekommen das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen (Mt 5, 17). Diesen Hintergrund gilt es, immer mitzudenken.
Zunächst beginnt der Textabschnitt mit der bekannten und oft missverstandenen Talionsformel (Ex 21, 24): Du sollst geben „Auge um Auge, Zahn um Zahn…“. Dieses Gesetz sollte nicht etwa Rache erlauben, wie es heute als geflügeltes Wort meist missverstanden wird. Vielmehr diente es der Einschränkung der Vergeltung. Sie sollte nicht übermäßig sein und etwa Leben für ein Auge fordern. Die Vergeltung sollte gerecht und verhältnismäßig sein. Jesus hebt das Gesetz der Tora nicht auf, vielmehr vertieft er die gegen Blutrache gesprochene Talionsformel in ihrer ursprünglichen Zielrichtung: Nicht nur soll Vergeltung eingeschränkt werden – Christ*innen sollen gänzlich auf Vergeltung und sogar auf Widerstand verzichten: „Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen! – ἐγὼ δὲ λέγω ὑμῖν μὴ ἀντιστῆναι τῷ πονηρῷ“ An drei konkreten Beispielen erläutert Matthäus/Jesus, wie der Verzicht auf Vergeltung und Widerstand aussehen sollte. Wer Jesus ernst nimmt, kommt nicht an der Radikalität seiner Forderungen vorbei.
Nicht nur Gewaltbetroffene sind geneigt, in den Forderungen Jesu eine Überforderung zu hören. Will Jesus also böse handelnden Menschen freie Hand lassen? Will er, dass die Opfer den Schlag ins Gesicht, das Unrecht vor Gericht und die Forderungen der römischen Besatzungsmacht einfach hinzunehmen haben, wenn sie ihm nachfolgen wollen?
Wie aber ist dann zu verstehen, dass Jesus selbst durchaus Widerstand gegen Unrecht geleistet hat? Er hat alle Händler und Käufer aus dem Tempel getrieben, die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler umgestoßen und ihnen vorgeworfen, sie machten aus dem Haus des Gebetes eine Räuberhöhle (Mt 21, 12-13). Das Tun der religiösen Autoritäten seiner Zeit, der Schriftgelehrten und Pharisäer, deckt er auf und wirft ihnen vor, den Menschen unerträgliche Lasten aufzubürden und ihnen gar den Weg in das Himmelreich zu versperren (Mt 23).
Und in der Bergpredigt soll er dann Verzicht auf Vergeltung und Widerstand fordern? So wie er selbst keinen Widerstand gegen seine Verhaftung leistete? Müssen wir also hinnehmen, dass Jesus die demütigende, gar freiwillige Unterwerfung der Ohnmächtigen unter die ungerechte Macht der Mächtigen fordert? Fragen über Fragen.
Einige Beobachtungen am Text
„Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wenn jemand dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar.“
Stellen Sie es sich bildlich vor. Der Schlagende schlägt mit der rechten Hand auf die rechte Backe des Gegenübers. Er schlägt also mit dem rechten Handrücken. Dies ist eine Geste großer Verachtung für das Gegenüber, die die Machtstellung des Schlägers zeigt. In der Position des Ohnmächtigen wäre es mindestens unklug, zurückzuschlagen. Der Geschlagene weiß um seine niedrigere Stellung. Üblicherweise würde er den demütigenden Schlag kommentarlos hinnehmen.
Dazu fordert Jesus jedoch nicht auf. Er stellt ein anderes Szenario vor: Der Geschlagene nimmt den ersten Schlag zwar hin, aber er spitzt die Situation noch zu, indem er – ohne Worte – auch seine linke Backe zum Schlag anbietet. Damit spiegelt er dem Schläger sein Tun und fragt ihn wortlos: Willst du einen, von dem du weißt, dass er sich nicht ohne Nachteile und Selbstgefährdung wehren kann, weiter schlagen? Es könnte der Versuch des Geschlagenen sein, seine Würde zu wahren, nicht in der Situation des Ohnmächtigen zu bleiben, sondern handlungsfähig zu werden. Ob diese Konfrontation zur Umkehr des Schlägers führen würde, wissen wir nicht.
„… und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch den Mantel!“
Der Text sagt es nicht, aber wir können wohl angesichts des Kontextes davon ausgehen, dass der Beklagte in diesem Beispiel zu Unrecht angeklagt werden soll vor Gericht. Der Kläger will das Untergewand pfänden. Der Unterlegene willigt in die ungerechte Pfändung ein und verzichtet auf sein Untergewand. Er weiß um seine Unterlegenheit.
Aber er geht noch einen Schritt weiter und überlässt dem Kläger – ohne Worte – auch noch den Mantel. Nach ersttestamentlichem Recht (Ex 22,25-27) musste ein gepfändeter Mantel vor Sonnenuntergang zurückgegeben werden, weil er der Schutz vor nächtlicher Kälte war. Der Schwächere verschärft die Strafe also noch. Mit dieser Zuspitzung konfrontiert er den Kläger mit dessen Verhalten: Du willst mir nehmen, was zum Leben unbedingt nötig ist. Mehr noch: Du bist es, der mich nackt und schutzlos macht.
Durch die Übersteigerung des Urteils wahrt der Unterlegene seine Würde und gewinnt seine Handlungsfähigkeit zurück: Nicht er wäre für seine beschämende Nacktheit verantwortlich, Ankläger (und Richter) wären es.
„Und wenn jemand dich zwingen wird, eine Meile zu gehen, mit dem geh zwei!“
Vorausgesetzt ist hier das Angari-Recht der römischen Besatzungsmacht. Römische Soldaten durften die einheimische Bevölkerung zwingen, ihnen das Gepäck zu tragen, allerdings nur eine Meile (damals ca 1,5 km) weit. Wenn der Mensch aus dem besetzten Land dem Besatzer das Gepäck eine zweite Meile weit trägt, scheint das auf den ersten Blick großzügig zu sein und Zustimmung zum Unrecht der Besatzung zu signalisieren. Beim zweiten Blick entpuppt sich das Angebot des gezwungenen Einheimischen jedoch als Falle für den Soldaten. Wenn der Soldat das Angebot annimmt, verstößt er gegen das Recht, dem er unterliegt.
Der zum Dienst für die verhasste Besatzungsmacht Gezwungene erweist sich als ein Mensch, der sich aus der Situation seiner Ohnmacht befreit, nicht durch Gegenwehr, sondern durch die Überführung des Zwangs in eine freiwillige Hilfe, die jedoch den Soldaten in ein Dilemma führt.
Das Unrecht ist konkret
Bezeichnend ist, dass Jesus es nicht bei pauschaler Aufforderung zur kontextlosen Feindesliebe belässt. Er stellt vielmehr sehr konkrete Situationen vor. In allen drei Szenarien begegnen sich einzelne: einerseits Menschen, die Macht haben und sie missbräuchlich nutzen; andererseits Menschen, deren Situation von Ohnmacht, Rechtlosigkeit und Hilflosigkeit geprägt ist. Würden sich die Ohnmächtigen gegen die ungerechten Forderungen der Mächtigen wehren, müssten sie mit Nachteilen, vielleicht mit dem Tod rechnen. Wer solchem Unrecht unterliegt, tut gut daran, keinen offenen Widerstand zu leisten.
Gewaltbetroffene können der Gewalt oft keinen Widerstand entgegensetzen
Dem Unrecht ausgeliefert zu sein, ist eine Situation, die Opfer von Gewalt bis heute kennen. Auch sie können häufig keinen Widerstand leisten, ohne sich in noch größere Gefahr zu begeben. Dies gilt für Kinder und Jugendliche, die misshandelt und missbraucht werden. Es gilt auch noch für Erwachsene, wenn sie keine Möglichkeit sehen, der Gewalt-Situation zu entkommen oder wenn ihnen ihre Wahrnehmung vernebelt wurde, sie manipuliert wurden und oft über lange Zeit außerstande sind, die Gewalt auch nur zu erkennen und zu benennen.
Gewaltbetroffene verzichten meist auf Rache – auf Gerechtigkeit müssen sie meist auch verzichten
Betroffene von sexualisierter Gewalt haben meist keine Möglichkeit, sich in der Gewaltsituation (die bei sexuellem Missbrauch im Durchschnitt mindestens ein Jahr andauert) zu wehren. Der Täter – seltener: die Täterin – ist stärker und größer. Er hat die Macht. Dem Opfer bleibt häufig nur die Sprachlosigkeit. Wenn es oft erst nach Jahrzehnten in der Lage ist, zu sehen und dann zur Sprache zu bringen, was ihm angetan wurde und wenn es sich entscheidet, vor Gericht zu gehen, gibt es häufig keine gerichtsfesten Beweise (mehr). Diese Opfer müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie auf dieser Erde kein Recht finden werden. Sie müssen erfahren, dass sie das bleibende Unrecht hinzunehmen haben.
Dass Opfer sich an ihrem Täter rächen, geschieht kaum. Zudem ist für viele der Verzicht auf Rache dadurch motiviert, dass sie ihr Verhalten nicht dem Verhalten des Täters angleichen wollen, indem sie ihrerseits Gewalt anwenden. Sie wissen, was Gewalt durch Menschen anrichtet.
Jesus ermutigt zum klugen Widerstand
Aus Mt 5, 38-48 abzuleiten, dass Jesus nicht nur für den Verzicht auf Vergeltung, sondern auch für den Verzicht auf Widerstand plädiert, ist wohl nicht richtig. Vielmehr ermutigt Jesus in den bei Mt 5, 38-48 vorgestellten Szenarien die einer ungerechten Macht Unterlegenen zur Wiedergewinnung ihrer Würde und ihrer Handlungsfähigkeit. Er lässt sie Reaktionen auf das Unrecht finden, die sie selbst schützen und dennoch das ihnen angetane Unrecht aufdecken. Jesus holt sie aus ihrer Ohnmacht und lässt sie die Sprache der Handlungen finden: die zweite Backe hinhalten, den Mantel überlassen, das Gepäck die zweite Meile tragen. Bezeichnenderweise wird in allen drei Szenen kein Wort gesprochen. Offensichtlich haben die Unterlegenen keine Sprache. Gewaltbetroffene wissen, wie schwer es ist und wie lange es dauert, bis sie eine Sprache finden. Ihnen bleibt oft nur das Verhalten und das Handeln, das von ihrer Not spricht.
Bleibende Fragen
- Geht es im Text in erster Linie oder nur um ethisches Verhalten?
- Geht es um die Gottesbeziehung, die damit rechnet, dass Gott auch dem Unrechttäter Gemeinschaft anbietet?
- Was meint „vollkommen“ sein?