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René Girard: Die Bibel aus der Opferperspektive lesen

Das Christentum kennt eine „Theologie der Täter“ – und das ist gut so, denn es sorgt sich um die Erlösung der Schuldigen. Das Problem ist, dass über der Sorge um die Erlösung der Schuldigen die Gerechtigkeit für die Opfer dieser Schuldigen übersehen wird. „Die den Glauben Israels beunruhigende Frage nach der Gerechtigkeit für die unschuldig Leidenden wurde im Christentum allzu schnell verwandelt und umgesprochen in die Frage nach der Erlösung der Schuldigen.“[1]

Fragen wir also nach der Gerechtigkeit für die Opfer von Menschengewalt (victim)[2] und prüfen zunächst den biblischen Befund. Ist es legitim, mit der Bibel auf eine „Theologie der Opfer“ zu dringen? Frank Crüsemann, evangelischer Alttestamentler, geht davon aus, dass die Bibel überhaupt nur dann sachgerecht gelesen werden kann, wenn sie aus der Perspektive der Opfer gelesen wird.

Der Kulturanthropologe René Girard hat in seinem Lebenswerk[3] die Frage gestellt, was Mythen einerseits, die Bibel des Ersten und des Neuen Testaments andererseits von Opfern zu sagen wissen.

In den Mythen erkennt Girard den Versuch der Menschen, mit der gegeneinander gerichteten Gewalt, deren Ursache die Rivalität ist, umzugehen, damit die Gemeinschaft nicht zerbricht und damit nicht jeder dem anderen zum Opfer fällt. Auf dem Höhepunkt der gegenseitigen Gewalt entlädt diese sich gegen einen „Sündenbock“, der oft am Rande der Gesellschaft oder außerhalb lebt. Ist der Sündenbock umgebracht, kehrt wieder Friede in die Gemeinschaft ein. Die Opfernden bemerken selbst nicht, dass der Sündenbock unschuldig ist. Sie halten ihn – und darin sind sich alle ausnahmslos einig – für schuldig dessen, wofür man ihn angeklagt hatte.

Weil mythische Gesellschaften den durch die Tötung des Opfers herbeigeführten Frieden als gut empfinden, wiederholen sie die Opferung in streng kontrollierten Riten, um die gesellschaftlich virulente Gewalt einzudämmen.

In einem dritten Schritt divinisieren die Opfernden das ursprüngliche Opfer, weil sie merken, dass die Gemeinschaft dem Opfer sein Leben verdankt. Girard spricht vom „Gründungsmord“.

Die Mythen gehen von der Schuld des Opfers aus. Das gesamte Kollektiv ist von der Schuld des Opfers überzeugt. Ganz anders – so Girard – geht es im Judentum und im Christentum zu. Das Alte Testament ist die Literatur, die erstmals in der Menschheitsgeschichte die Unschuld des Opfers aufdeckt. An einem Beispiel sei dies erläutert. Girard legt die Josefsgeschichte und den Ödipus-Mythos nebeneinander und stellt viele Gemeinsamkeiten und einen gravierenden Unterschied fest.

Sowohl der Ödipus-Mythos als auch die Josefsgeschichte erzählen von einer Krise in der Familie: Die Eltern von Ödipus erhalten ein Orakel, dass Ödipus seinen Vater töten und seine Mutter heiraten wird. Josefs Bevorzugung durch den Vater weckt den Neid der Brüder. Beide Familien stoßen das Kind aus, das zunächst getötet werden soll, dann aber mit dem Leben davonkommt.

Es folgt jeweils eine weitere Krise: Ödipus löst das Rätsel der Sphinx und befreit damit Theben von dem Ungeheuer. Er wird zum König ernannt. Josef löst ebenfalls Rätsel, indem er die Träume des Pharao deutet – er wird zum Stellvertreter des Pharaos. Josef wird von Potifars Frau der Vergewaltigung beschuldigt, kommt ins Gefängnis, kann wie Ödipus ein Rätsel lösen, indem er die Träume des Pharaos deutet und wird zum Stellvertreter des Pharaos ernannt. Die Bibel macht sehr deutlich, dass Josef keine Schuld an der Bevorzugung durch den Vater trifft und dass er Potifars Frau nicht vergewaltigte.

Anders sieht es bei Ödipus aus. Als erkennbar wird, dass das Orakel eingetroffen ist, Ödipus seinen Vater getötet und die Mutter geheiratet hat, kommt eine Krise in Form der Pest über das Land – Ödipus wird als der Verursacher der Pest verstoßen.

In der Josefsgeschichte kommt es zu weiteren Kontakten mit den Brüdern, die ihn beschuldigt hatten. Als Josef nach dem ersten Getreideeinkauf der Brüder in Ägypten fordert, dass die Brüder bei einem nächsten Getreidekauf in Ägypten den Jüngsten, Benjamin, mitbringen sollen, tun sie das auch. Josef versteckt einen Becher in den Getreidesäcken und beschuldigt dann den Jüngsten des Diebstahls und will ihn dabehalten. Es ist die gleiche Situation, wie sie in dieser Familie schon einmal geschehen war: Der Jüngste, der Schwächste wird beschuldigt. Dieses Mal jedoch sind die 10 Brüder nicht mehr einig in der Zustimmung zur Beschuldigung des Unschuldigen. Juda widersteht und bietet sich selbst als Ersatz an. An dieser Stelle kann Josef sich zu erkennen geben. Statt Rache für das Erlittene zu nehmen, vergibt er seinen Brüdern.[4] Damit ist der Kreislauf der Rache unterbrochen. Nach dem Tod des Vaters fürchten die Brüder noch einmal Josefs Rache, aber Josef sagt ihnen: „Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Stelle?“ (Gen 50,19) Josef verweigert sich seiner Divinisierung.

Wir können andere biblische Texte als Beispiele für die Unschuld des Opfers heranziehen.

Der Brudermörder Romulus wird im Gründungsmythos Roms gerechtfertigt – der Brudermörder Kain wird in der Bibel angeklagt, die sich mit dem Opfer Abel solidarisiert.

Ijob beharrt gegenüber seinen Anklägern auf seiner Unschuld – am Ende gibt Gott ihm und nicht seinen Anklägern Recht.

Gott ist auf der Seite des leidenden Gottesknechtes bei Deuterojesaja wie er immer auf der Seite derer ist, die unschuldig verfolgt werden und Gewalt erleiden.

Im Neuen Testament finden wir die Prozessberichte gegen Jesus. Die Verurteilung Jesu sollte eine Krise des jüdischen Volkes verhindern: Sowohl Pilatus als auch Hoherpriester und Pharisäer fürchteten einen Aufstand der Juden, wenn sie Jesus gewähren ließen. Der Hohepriester Kajaphas gibt die Parole aus: „Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.“ (Joh 11, 50) Und dann wird Jesus „ohne Grund“ (Joh 15,25) zum Tod verurteilt. Die  Passionsberichte beschreiben die kollektive Gewalt, der sogar die Freunde Jesu unterliegen. Erst als sie erkennen können, dass der Gekreuzigte eben nicht, wie Deuteronomium (21,23) schreibt, von Gott verflucht ist, können sie seine Unschuld sehen. Als kleine Minderheit konnten sie die Einmütigkeit der mordenden Menge durchbrechen, die meinte, einen Schuldigen getötet zu haben: „Er wurde verachtet, von allen gemieden. Von Krankheit und Schmerzen war er gezeichnet. Man konnte seinen Anblick kaum ertragen. Wir wollten nichts von ihm wissen, ja, wir haben ihn sogar verachtet.“ (Jes 53,3).

Was im Ersten Testament schon deutlich wurde, zeigt sich in Prozess, Verurteilung und Tod Jesu unübersehbar: Das Opfer ist unschuldig. Und in der Auferweckung Jesu solidarisiert sich Gott mit dem Opfer. An einer kleinen Notiz bei Lukas (23,12) sehen wir, dass die Ermordung eines Unschuldigen zu einer Versöhnung bislang Verfeindeter führt: „Auf den Tag wurden Pilatus und Herodes Freunde miteinander, denn zuvor waren sie einander feind.“ Die „Teilnehmer an einer kollektiven Mordtat“, die „reuelosen Verfolger“[5] und Komplizen finden zueinander, aber ihre neue Gemeinschaft baut auf einer Lüge und der Ermordung eines Unschuldigen auf.

Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, werden bis heute nicht selten auch Opfer von Mythen, die verletzen und geeignet sind, Gewaltopfer weiterhin im Schweigen zu belassen.

Gewaltopfern wird beispielsweise gesagt, wenn sie vergeben, würden sie geheilt.[6] Wenn sie nicht vergeben, würden sie psychosomatisch erkranken. An psychosomatischen Krankheiten werden Schlaflosigkeit, Alpträume, Rückenschmerzen, sonstige chronische Schmerzen, Angst, Unruhe… genannt. Allerdings wird bei diesem Argument die Ursache der psychosomatischen Krankheit in einem Fehlverhalten des Gewaltopfers – seiner Unfähigkeit oder seinem Mangel an Bereitschaft zur Vergebung – gefunden. Die Ursache der psychosomatischen Erkrankung wird nicht mehr dort gesehen, wo sie liegt: in der Gewalt. Diese Ursachen-Verschiebung hat den Vorteil, dass Außenstehende mit dem Finger auf die vergebungsunwilligen Opfer zeigen können. Die Erklärung, psychosomatisch erkranke, wer nicht vergebe, tarnt ihre Opferfeindlichkeit mit der Fürsorge für die Gewaltopfer. Diese Erklärung hat für Täter zugleich den unbestreitbaren Vorteil, dass sie diesmal nicht im Fokus des Interesses stehen. Von ihnen wird nicht Umkehr, Reue und Wiedergutmachung erwartet – vielleicht weil bekannt ist, dass Täter sich in der Regel für unschuldig halten. Diese Erklärung hat auch für Zuschauer einen unbestreitbaren Vorteil: Zuschauer können sich von Opfern distanzieren und sie ihrem Schicksal überlassen, denn dieses Schicksal haben sich die Opfer ja selbst zuzuschreiben. Würden sie vergeben …. Und so weiter. Zuschauer können Zuschauer bleiben, sie müssen nicht in Konflikt mit Tätern geraten, sie müssen keine Auseinandersetzung mit täterschützenden Institutionen führen, sie müssen nicht die eigene Isolierung aushalten, die denen sicher ist, die mit Gewaltopfern solidarisch sind, sie müssen auch nicht das Leid der Opfer mitaushalten.

Ein anderer Opfermythos hält sich beharrlich. Er besagt: Täter waren früher selbst Opfer. Damit wird zugleich die Vermutung transportiert, dass heutige Opfer demnächst TäterInnen werden. Nun stimmt es ja, dass viele Täter tatsächlich früher selbst Opfer waren. Zu fragen ist jedoch, ob Täter weniger Täter sind, wenn sie früher Opfer waren; und ob Opfer weniger Opfer sind, weil die Täter früher einmal Opfer waren. Wenn die Aussage in dieser Form zutreffen würde, dann müssten unsere Gefängnisse voller Frauen sein. Die erste (!) repräsentative Studie über Gewalt an Frauen in Deutschland ergab 2006, dass 40 Prozent aller Frauen in Deutschland Opfer von Gewalt werden. Der Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Gefängnisinsassen, die für Gewalttaten verurteilt wurden, liegt jedoch bei nur 4-5 Prozent. Es gibt also offensichtlich eine geschlechtsspezifische Art, mit Opfererfahrungen umzugehen. Die meisten Frauen und viele Männer reagieren gerade nicht mit Gewalt auf Gewalterfahrungen.

Ein letzter bis heute virulenter Mythos um Gewaltopfer sei erwähnt. Man beteiligt die Opfer von Gewalt nicht am Gespräch über Gewalt, Gewaltfolgen und Verhinderung von Gewalt, weil man sie damit nicht belasten will. Hinter dieser vermeintlichen Fürsorge um das Wohl der Opfer verbirgt sich der unausgesprochene Verdacht, Opfer seien nicht zurechnungsfähig und könnten daher zum Thema Gewalt keine Auskunft geben. Gelegentlich wird auch – mit aller Vorsicht – darauf hingewiesen, dass Opfern durch ihre emotionale Betroffenheit der notwendige Abstand fehle, um lösungsorientiert arbeiten zu können. Übersehen wird dabei, dass in der Geschichte die Befreiung von Ungerechtigkeit in der Regel von denen ausging, die selbst von Unterdrückung und Unfreiheit betroffen waren. Man denke an M.L.King, M. Gandhi, Nelson Mandela oder die Frauenbewegung.

Der Mythos von der Nicht-Belastbarkeit von Gewaltopfern übersieht völlig, dass Frauen, die Gewaltopfer sind, zugleich noch vieles andere sind: Sie sind Hausfrau, Pfarrerin, Nachbarin, Wissenschaftlerin, Kollegin, Mitglied im Sportverein, Lehrerin, Verwaltungsangestellte, die Referentin des Vortrags, Theologin, Fabrikarbeiterin, Altenpflegerin, Teilnehmerin am Fortbildungskurs, Mutter von Kindern, Studentin; Mitglied einer Pfarrgemeinde, Teilnehmerin am Bibelabend…… Wer Gewaltopfer aus dem Gespräch über Gewalt ausgrenzt, spricht ihnen – erneut – ihre Menschenwürde ab. Nicht von der Hand gewiesen werden kann der Eindruck, dass es nicht um die Anerkennung des Unrechts einerseits, um Gespräche auf Augenhöhe mit den Betroffenen andererseits geht, sondern um Schadensbegrenzung für die Institution: Wenn Opfer sprechen, zeigen sie täterbegünstigende Strukturen von Institutionen auf.

Die Überlegungen René Girards beziehen sich auf literarische und biblische Texte – wir sehen jedoch an den Opfermythen, die Gewaltopfern bis heute vorgehalten werden, dass sie höchst aktuell sind.

Dies trifft auch für Girards Überlegungen zum „Sündenbock“ zu. Nicht wenige Menschen, die in ihren Familien oder im Nahbereich sexuelle Gewalt erlitten haben, sind innerhalb ihrer Herkunftsfamilien ausgegrenzt als „missratenes Kind“, als Tochter, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegt; als Sohn, der den Kontakt zu den Eltern und Geschwistern bösartig und völlig unverständlich abgebrochen hat.

Friedrich Nietzsche hat das Wesen des Christentums verstanden, wenngleich er es ablehnt: „Der Einzelne wurde durch das Christentum so wichtig genommen, so absolut gesetzt, daß man ihn nicht mehr opfern konnte: aber die Gattung besteht nur durch Menschenopfer… Die ächte Menschenliebe verlangt das Opfer zum Besten der Gattung – sie ist hart, sie ist voll Selbstüberwindung, weil sie das Menschenopfer braucht. Und diese Pseudo-Humanität, die Christenthum heißt, will gerade durchsetzen, daß Niemand geopfert wird…“[7]


[1] Johann Baptist Metz, Memoria Passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft, Freiburg 2006, S. 57

[2] Im Deutschen unterscheidet man nicht zwischen dem Opfer, das getötet oder verletzt wird von Menschen (victim) und dem religiösen Opfer (sacrifice), das einer Gottheit dargebracht wird oder aber sich selbst freiwillig hingibt für ein wichtiges Ziel.

[3] Vgl. Girard René: Der Sündenbock, Zürich 1988; Das Heilige und die Gewalt, Frankfurt a.M., 1992; Assmann Hugo (Hg.): Götzenbilder und Opfer. René Girard im Gespräch mit der Befreiungstheologie, Münster 1996; Wenn all das beginnt. Ein Gespräch mit Michel Treguer, Münster 1997; Hiob. Ein Weg aus der Gewalt, Zürich 1999; Das Ende der Gewalt. Analyse eines Menschheitsverhängnisses, Freiburg 2009

[4] Vgl. René Girard: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz, München 2002, S. 140- 144

[5] René Girard, Ich sah den Satan vom Himmel fallen, S. 169

[6] Vgl. Vorländer Karin:  Die heilsame Kraft der Vergebung. Vergebung leben – Freiheit erfahren, in Sonntagsblatt, Evangelische Wochenzeitung für Bayern, 26.1.2003, URL http://www.sonntagsblatt-bayern.de/03/03-04-26.01.2003_1043228394-68498.htm?PHPSESSID=aff85a1948134354f13f55f6ab7bad26 (Abruf am  4.7.2014)

[7] Nietzsche, zitiert nach René Girard, Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz, München 2002, S. 218

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