Letztes update: 2.10.2006
Denn nichts schadet spirituell Suchenden mehr, als wenn ihnen ein Weg
gewiesen wird, der nicht ans Ziel ihrer Sehnsucht führt.
Paul
M.
Zulehner,
Megatrend
Religion, Stimmen der Zeit, Heft 2/2003, S. 93
"Zum Wunder der
Identität Israels gehört seine Kraft der Unterscheidung. Die
Ekklesia braucht dieses ständige Unterscheiden so dringend wie die
Synagoge. Sie darf nicht in jenen Krankheitszustand des Geistes
verfallen,
in dem alles gleich, alles gleich gültig, alles beliebig ist.
Dort, wo nichts mehr unterschieden wird, kehren die alten Götter
zurück."
Gerhard Lohfink, Braucht Gott die Kirche? Zur Theologie des Volkes
Gottes, Freiburg 1998, S. 114
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Einige
Überlegungen
zum
esoterischen
Christentum
Wir
leben
in
einer
postchristlichen
Zeit. Bisherige christliche Selbstverständlichkeiten haben ihre
Plausibilität verloren. Manche Kenntnis über den christlichen
Glauben, manche früher vielleicht selbstverständliche
Erfahrung mit dem christlichen Glauben ist weggebrochen.
Christentum ist erklärungsbedürftig geworden. ChristInnen
müssen sich Rechenschaft darüber ablegen, was die
unverzichtbaren Inhalte ihres Glaubens sind und - wenn notwendig - wo
die Grenzen zu anderen Glaubenssystemen verlaufen. Die Abgrenzung ist
nicht leicht. Unschärfen in Randzonen sind zu erwarten,
Entwicklungen auf dem "Markt der Religionen" zu beachten. Vielleicht
müssen wir auch eine Zeitlang damit leben, dass die Abgrenzung
dort am deutlichsten vorgenommen wird, wo die größte
Nähe ist: zu Fundamentalismus einerseits, esoterischem
Christentum andererseits.
1. Erscheinungsformen
Hier versuche ich zunächst, meine Erkenntnisse hinsichtlich
esoterischen Denkens darzulegen. Dabei stütze ich mich auf eigene
Erfahrungen und auf die Bewertungen der Evangelischen Zentralstelle
für Weltanschauungsfragen. 1
Eindeutig und
leicht zu beurteilen ist das marktgängige esoterische Angebot,
das
gelegentlich
sehr
platt daherkommt - und dennoch für Hilfe
suchende Menschen attraktiv ist. Als recht unproblematisch erweist sich
auch eine sog. Gebrauchsesoterik von ChristInnen, die
unbefangen und oft auch in Unkenntnis der weltanschaulichen
Hintergründe mit dem breiten Angebot der Esoterik zur
Bewältigung von Problemen umgehen kann: mit Reiki, Pendeln, der
Kinesiologie, einer Bachblüten-Medikation; Qi-Gong, Klangmassage
und Aqua Wellness .........
Darüber hinaus
gibt es jedoch ein inzwischen breites Spektrum nicht-organisierten
esoterischen Christentums, das bis weit in die Kirchen hineinwirkt, in
kirchlichen Bildungshäusern und in der kirchlichen
Frauenarbeit vorzufinden ist und in der Regel beansprucht, christlich
zu sein. Vertraute Begriffe, die bisher einen klar erkennbaren
Inhalt hatten, werden benutzt und verändert, ohne dass die
Veränderungen jedoch benannt werden.
2. Begriffe und Inhalte
Dies gilt z.B. für den Begriff "Spiritualität": Für
Christen bezeichnet dieser Begriff die Verbindung zwischen Mensch und
Gott, Mensch und Mensch (spiritus=Geist, Geist Gottes, Hl. Geist). In
der breiten und durchaus uneinheitlichen Esoterik-Szene wird der
Begriff inflationär angewandt; er verweist auf ein "Mehr", ohne
dieses Mehr jedoch mit einem umschriebenen Inhalt zu verknüpfen.
Auch das Wort Ökumene
erhält einen veränderten Inhalt. Bisher war es möglich,
von der Ökumene der christlichen Kirchen zu sprechen. Im
Denkhorizont der Esoterik umfasst Ökumene alle Weltreligionen,
archaische und indigene, magische und mythische Religionen.
Esoterisches Christentum erkennt unterschiedlos allen Religionen
Offenbarungscharakter zu.
Im Gegensatz zur
Religionswissenschaft geht esoterisches Christentum davon aus, dass
Mystik
am Anfang jeder Religion stehe und ihren wesentlichen Kern
bilde. Die Wege aller Religionen werden als Wege zu einer mystisch
erfahrbaren Mitte betrachtet. Alle Religionen haben die Aufgabe,
diesen Weg zur mystisch erfahrbaren Mitte zu ebnen. Religionen sind zu
überwindende Stufen auf dem Weg zur Mitte. Letztlich machen sie
sich überflüssig. Religiöse Institutionen
und Organisationen haben nur insofern eine Berechtigung, als sie
diesem Weg zur Mitte dienen. ChristInnen können nach Ansicht
esoterischer ChristInnen durchaus in ihrem Christentum bleiben,
Christentum ist dann "Weg ihrer Wahl" - jedoch kann Christus in diesem
Denkhorizont keine Priorität beanspruchen. 2
Aus dem Spektrum des Begriffs
Spiritualität, der neben individuell-meditativ-mystischen
Erfahrungen
wesentlich auch rationale, zwischenmenschliche, moralische,
soziale, politische Erfahrungen umfasst, wird alleine die
individuelle, meditativ-mystische Bedeutung herausgenommen. Nur diese
mystische Erfahrung wird als Plausibilitätskriterium anerkannt.
Dabei wird das höhere Wissen der Esoterik
individuell und eklektisch (aus unterschiedlichen Quellen
schöpfend) benutzt. Die Auswahl richtet sich nach
persönlichen Vorlieben. Da diese Wahl individuell ist, kann sie
naturgemäß keiner Kritik unterworfen werden. Im Blick auf
Therapien mit religiösem Anspruch, wie die Transpersonale
Psychologie sie darstellt, gibt es keine Verfahrensregeln, die dem
Schutz der KlientInnen dienen könnte. Die Ausbildung unterliegt
keinen anerkannten Regelungen: "Wer an diesen Institutionen
allerdings die Qualitätsstandards setzt oder in der Lage ist,
Qualitätssicherung zu betreiben, bleibt fraglich" 3, urteilt die EZW.
Seine
Identität gewinnt
dieses esoterische Christentum als angeblich funktionierende Technik
zur Erreichung des persönlichen Glücks ebenso wie des
Weltfriedens. Die Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen spricht gar von einem "technikförmigen
Protest gegen einen von Technik und Ökonomie beherrschten Alltag" 4. Das
wissenschaftliche Weltbild wird abgewertet, die religiöse
Erfahrung individualisiert, das globalisierte religöse Angebot
aufgegriffen. Die Grenzen zwischen Esoterik und Religion, Glaube und
Aberglaube, Methode und Magie werden unklar und verwischen sich. Bisher
wurden religiöse Erfahrungen als eine durch die Tradition einer
Religion vermittelte (und so auch den Menschen schützende)
Erfahrung interpretiert. Im esoterischen Christentum hingegen wird die
persönliche spirituelle, manchmal auch magische Erfahrung als unmittelbare
Erfahrung mit einer absoluten kosmischen Realität gedeutet.
An diesem Punkt, an
dem eine religiöse Erfahrung nicht mehr in den Dimensionen und mit
dem in einer religiösen Tradition vermittelten Geist gedeutet
wird, geschieht der entscheidende Schritt zum esoterischen
Christentum. Damit ist auch eine Veränderung der biblischen
Gottesvorstellung verbunden. Da es keine
akzeptierte Korrektur "von außen" durch eine verbindliche
Gemeinschaft, Institution, ein "heiliges Buch" .... gibt,
ist es nicht möglich, die persönliche Erfahrung einer
korrigierenden oder Horizont erweiternden Sichtweise zu unterwerfen.
Weil die persönliche Erfahrung nicht vor einer Kontrastfolie
betrachtet werden kann, kann auch die Veränderung des biblischen
Gottesbildes nicht einmal wahrgenommen werden.
Da
esoterische
ChristInnen
das
esoterische Christentum als einzig
zukunftsträchtige Form des Christentums ansehen, lehnen sie ihre
Beschreibung als "esoterisch-christlich" in der Regel ab - sie
verstehen sich als christlich und benennen sich auch so.5 In der Priorität, die
der individuellen Erfahrung zuerkannt wird, liegt zugleich ein - sicher
zu prüfender und sicher nicht vom Tisch zu wischender
- Protest gegen Traditionalismus, gegen versteckten Fundamentalismus,
gegen die Verkopfung in den Kirchen und die manchmal starre Bindung an
ein Dogma, das der persönlichen und persönlich verantworteten
Erfahrung nur wenig Raum zu lassen scheint.
3.
"Ökumenisches" Zentrum Neumühle
Am Beispiel des Ökumenischen Zentrums Neumühle, das sich als
"erstes christliches Meditationszentrum auf deutschem Boden" vorstellt,
untersucht die Evangelische Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen den Hintergrund
dieses Zentrums. Sie stuft es als "esoterisch" ein.6
In Neumühle
wird der verbale Anspruch erhoben, den interreligiösen Dialog
zu pflegen. Zum Dialog zwischen den Religionen gehört die
Klärung der unterscheidenden und der verbindenden Vorstellungen in
den Religionen der Dialogpartner. Diese rationale Arbeit nun
wird im Ökumenischen Zentrum Neumühle gerade nicht
geleistet. Da werden unterschiedliche Traditionen unterschiedlicher
Religionen und Weltanschauungen "verwertet": Angebote aus der
christlichen und der fernöstlichen Tradition,
körpertherapeutische Methoden und esoterische und
spiritualistische westliche Traditionen werden in freizügiger
Weise miteinander verbunden. Da kann
dann schon mal aus Jesus ein Zen-Lehrer werden und die
Beschäftigung mit Meister Eckhart in die Beschäftigung mit
dem "Meister
in mir" übergehen. Von einer Begegnung zwischen buddhistischer und
christlicher Tradition, zwischen wissenschaftlicher Psychotherapie und
Spiritualismus kann keine Rede sein. Aus der Sicht esoterischen
Christentums ist eine rationale Auseinandersetzung mit den
Religionen/Weltanschauungen aber auch nicht notwendig, denn in
ihren Augen steht das Ergebnis des Dialoges bereits fest. Es ist
die Synthese aller religiösen Traditionen unter Zurücklassung
der zur Zeit vorfindlichen Religionen und Weltanschauungen.
4. Weltanschauliche
Hintergründe
Mit dieser Deutung der Religionen einher
gehen folgende Ansichten, die in der Praxis natürlich nicht in der
hier genannten theoretischen "Reinheit" vorliegen:
- Das Gottesbild
esoterischen Christentums ist im Vergleich zur biblischen Tradition ins
Unpersönliche
und
Ungeschichtliche
verschoben.
Persönliche Gottesbilder, wie sie in der Bibel vorherrschen,
fehlen weitgehend. Das Bild eines fernen, dunklen Gottes jenseits
menschlichen Begreifens ist eher unbekannt.
- Es
dominieren monistische Gottesbilder. Alles, was weltlich und
menschlich ist, wird als göttlich erfahren. Wo das Christentum die
Welt entdivinisiert und sie damit zugleich in ihrer
Eigenständigkeit aufwertet, sakralisiert und divinisiert
esoterisches Christentum die Welt. Ein monistisches Gottesbild findet
Gott prinzipiell schon in der Welt und weiß ihn im Inneren des
Menschen präsent. Mit diesem monistischen
Gottesbild verschwindet der unüberbrückbare Unterschied
zwischen Schöpfer und Geschöpf; die Grundstruktur des
biblischen Schöpfungsglaubens löst sich auf.
- Gott ist
prinzipiell vom Menschen her mittels Techniken und nötigenfalls
auch mit Magie zu erkennen. Ist Gott einem Menschen nicht erkennbar,
dann hat der Mensch die Techniken nicht richtig angewandt. Dieses
Denken nähert sich Selbsterlösungsvorstellungen, die
die Erlösung in die Hand eines Menschen legen muss und sie nicht
mehr als anzunehmendes Geschenk Gottes erkennen kann. Hier
verflüchtigt sich ein entscheidendes Merkmal christlichen
Glaubens, der davon ausgeht, dass der Mensch jenseits jeder und vor
aller Leistung ein geliebtes Kind Gottes
ist, dem sich Gott zuwendet.
- Wenn der
Mensch Gott von sich her erkennen kann, dann bedarf es
natürlich keines Gottes mehr, der sich an seinen Bund mit den
Menschen bindet, wie er im Ersten Testament (vorwiegend, aber nicht
ausschließlich) im Blick auf Israel und im Neuen Testament im
Blick auf die ganze Welt vorliegt. Gott ist nicht mehr der oder die
Entgegenkommende - vielmehr ist der Mensch derjenige, der durch eigene
Leistung Gott erkennen kann. Jesus behält im esoterischen
Christentum seine Rolle als vorbildlicher Mensch. Eine andere kommt ihm
nicht zu. Er ist kein heruntergekommener Gott, der die
Außenseiter und an den Rand Gedrängten grenzenlos liebt und
das auch ernst, sozusagen todernst, meint und mit Leib und Leben
unterschreibt.
- Das Bewusstsein
des
Menschen wird in esoterischem Christentum als Fragment des
Göttlichen im Menschen betrachtet. Es geht also darum, das
Bewusstsein zu erweitern, um das Göttliche in sich zu finden. Das
Bewusstsein ist zugleich der Materie übergeordnet. So ist es auch
nur konsequent, wenn das Bewusstsein auch als Ursache des
persönlichen Ergehens betrachtet wird.
5. Vertreter
esoterischen Christentums
Die
Evangelische
Zentralstelle
für
Weltanschauungsfragen nennt den
Namen des angesehenen Religionswissenschaftlers Michael von
Brück, München, der diese Form des Christentums vertrete
und nach eigener Aussage seit
Jahren in Neumühle ein- und ausgeht.7 Michael von Brück
war im Zusammenhang seiner undistanzierten Mitarbeit in der
Mun-Bewegung in das Kreuzfeuer der Kritik von Elterninitiativen in
München geraten.8 Er hatte 1988 den
New-Age-Kongress "Geist und Natur" in Hannover vorbereitet. In einem
ORF-Interview9
konnte er am 5.4.1999 formulieren:
"Tantras beschreiben Rituale in den je nach Alter der
tantrischen Gefährtin unterschiedliche Wirklichkeiten und Aspekte
menschlicher Energien zum Tragen kommen, und dargestellt werden und das
sind in der Tat 12-jährige Partnerinnen, 16-jährige,
20-jährige bis zu 70-jährigen. Diese verschiedenen
Lebensalter repräsentieren verschiedene Energien und so weiter.
Aber man muss natürlich bedenken, dass in asiatischen Kulturen in
vielen nicht europäischen Kulturen, Indien., China und
natürlich auch Tibet; 12-jährige Mädchen hier zumindest
in der Vergangenheit erwachsen waren oder auch verheiratet wurden. Also
von Kindesmissbrauch kann hier von keine Rede sein. Das ist eine
Übertragung heutiger europäischer Zivilisationsvorstellungen
in einer anderen Welt und das ist völlig unzulässig."
Ebenso nennt die
Zentralstelle für Weltanschauungsfragen den Namen von Willigis
Jäger, der diese Form esoterischen Christentums vertrete und
2000 bei den PSI-Tagen in Basel auftrat.10
Das
esoterisch-christliche Denken von Willigis Jäger führt -
unbeschadet seiner vielen Verdienste gerade um Menschen, die auf der
Suche sind und dem Christentum fern stehen - auch dazu, dass er in
seinem Buch "Die Welle ist das Meer" (S. 96) formulieren kann: "Im
mystischen Erleben ist das, was wir 'böse' nennen, aus der
göttlichen Wirklichkeit nicht herauszunehmen. Menschen, die Opfer
von Gewalt wurden, berichteten mir vom Zustand der Ruhe
und des Einverständnisses in dieser Situation. Es gibt dort
keine Schuldzuweisung und keine Angst und keine Wertung mehr, sondern
eine große Gewissheit, dass auch das zweifellos zum
göttlichen
Vollzug des Lebens gehört, was wir Sünde nennen." (s. auch http://www.confessio.de/
27.4.2004 Missionar des Nichts. Pater Willigis Jäger in
der
Ev. Akademie Meißen)
6. Die
Schwierigkeiten des Gespräches zwischen ChristInnen und
esoterischen ChristInnen
liegen nach Ansicht der Evangelischen Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen darin, dass esoterische ChristInnen das rationale
Unterscheiden als intolerant und unreif, gar als Gewaltakt erleben. Sie
haben sich ja gerade aufgemacht, um gegen die Überwertigkeit
rationalen Denkens in unserer westlichen Gesellschaft die
Überzeugungskraft der eigenen Erfahrung zu setzen. Sie können
"die Relativität menschlicher Erkenntnis, und damit den
Entscheidungscharakter rationalen Denkens, nicht nachvollziehen... Die
Folge ist, dass 'esoterische Christen' den andersdenkenden
Dialogpartnern ihr Anderssein oft nicht als stimmige Position
zugestehen, sondern sie als spirituelle Unreife, moralisches Defizit
usw. diffamieren. Ihre Sichtweise der spirituellen Wirklichkeit hat
eine so unmittelbare Evidenz, dass
sie nicht mehr als Gedachtes, also als (auch potentiell anders zu
denkendes) geistiges Produkt wahrgenommen wird. Darin erweist sich
wiederum der
gnostische Grundzug der Esoterik, der tendenziell Wissen verabsolutiert
und Gott denkbar, also dem hoch genug gestiegenen menschlichen Geist
verfügbar, macht." 11
7. Konsequenzen
Mir scheint, dass esoterisches Christentum für ChristInnen - neben
dem richtigen Hinweis auf Erfahrungsdefizite in der Praxis christlichen
Lebens - Inkompatibilitäen
enthält. Einige seien hier im Blick auf mich als
Gewaltüberlebende genannt:
a. Im
esoterischen Christentum ist es möglich, sich Gottes zu
bemächtigen durch menschliche Erkenntnis.
Wenn Gott eine/r ist, die/der menschliches Begreifen übersteigt,
ist es dann nicht eine verzweifelte Anmaßung des Menschen
gegenüber Gott, sich Ihrer/Seiner "bemächtigen" zu
wollen durch menschliche Erkenntnis? Keine religiöse
Erfahrung, keine noch so hoch entwickelte Spiritualität, nicht
einmal christliche Mystik, kann doch in der Lage sein oder
dies auch nur wollen: Gottes hab-haft zu werden. Ein Gott, deren
und dessen sich der Mensch bemächtigen kann, ist kein Gott mehr,
denn sie befindet sich in der Hand des Menschen. Dieser Gott
ist auf Menschenmaß zurechtgestutzt, der Beliebigkeit des
Menschen ausgeliefert. (Und was die Beliebigkeit von Menschen anrichten
kann, können wir sehr genau wissen und beschreiben, nicht nur
an der eigenen Lebensgeschichte.) Dieser handhabbare Gott verliert
schließlich auch seine/ihre Schutz gewährende
"Größe". Im Anfang mag es so scheinen, dass ein Gott,
dessen/deren ich mich
bemächtigen kann, leicht konsumierbar, gut handhabbar, meinen
Bedürfnissen anpassbar ist. Nur eines ist Er/Sie dann nicht
mehr: Gott.
b.
Esoterisches Christentum hat ein eher unpersönliches Gottesbild.
Wenn
ich
die
Erfahrungen
Israels mit seinem Gott und die Erfahrungen der
ChristInnen mit dem jüdisch-christlichen Gott als Erfahrungen mit
einem personalen Gegenüber, dem sich der Mensch als Ebenbild
Gottes aussetzt, verstehe,
dann kann dieses personale Gegenüber gerade in seiner
Personalität eine heilsame Begegnung sein. Diese Begegnung schafft
ein Gegengewicht zu den unheilen Erfahrungen mit Menschen. Die Wunden
der Vergangenheit, von Menschen zugefügt, können heilen,
gerade WEIL
Gott personal vorgestellt werden kann.
Zur Vorstellung der Personalität Gottes gehört die
Vorstellung, dass der Mensch "das Bild Gottes" ist. Damit erhalte ich
eine Würde und Eigenständigkeit, die in der Traumatisierung
zerstört wurde. Auch dies
erlebe ich als heilsam.
Zur Personalität Gottes und zum gottebenbildlichen Menschen
gehört es, dass Gott mir auch dunkel und unbegreiflich erscheint.
Manchmal werde ich herausgefordert, altbekannte Sicherheiten zu
verlassen und Neues zu wagen. Manchmal muss ich Klärungen
herbeiführen, die mich von Menschen isolieren. Manchmal muss ich
Aufgaben übernehmen, denen ich nicht gewachsen bin; Positionen
wieder verlassen, in denen ich gerade erst angefangen habe, mich
heimisch zu fühlen. Zur Personalität Gottes - und zu meiner -
gehört, dass Er/Sie mich vor Herausforderungen stellt, die ich mir
zunächst lieber ersparen würde. Aber: Diese Herausforderungen
sind meinem Menschsein angemessen.
c.
Esoterisches Christentum hat ein eher ungeschichtliches Gottesbild
Der Rückgriff auf meine eigene Gottverbundenheit ist immer
störanfällig und wird es wohl auch bleiben. Zerschlagenes
Urvertrauen kann nicht rückgängig gemacht werden. Linderung
und täglich neues Aufbauen sind möglich. Beides gelingt
jedoch nicht zuverlässig. Für mich sind daher die
geschichtlichen Zeugnisse von Menschen, die ihre Erfahrungen mit ihrem
Gott erzählen, kostbar. In ihnen finde ich trotz aller
patriarchalen Verzerrungen Halt, weil ich erkennen kann, dass
die Menschen der Bibel immer neu erfuhren, dass Gott sich in ihrer
menschlichen Geschichte an sie, die Menschen, gebunden hat. Auf diese
Tradition kann ich zurückgreifen, wenn es in mir keinen Halt
mehr gibt. Diese Tradition erlaubt mir zu hoffen, dass Gott seine
Selbstbindung
an Mensch und Welt bis heute nicht zurückgenommen hat und
dass sie auch mir gilt.
d. Im esoterischen Christentum
muss der Mensch sein eigener Erlöser werden.
Wenn im Christentum Gott den Menschen vor dessen
Grandiositätswünschen und ihn überfordernden
Ansprüchen schützt - hier tauchen Grandiosität und
Überforderung erneut auf. Der Mensch muss sich grenzen- und
gnadenlos anstrengen, um die Einheit mit Gott zu erreichen. Wenn die
eine Technik sie nicht ermöglichte, muss die nächste und die
dritte und vierte Technik ausprobiert werden. Im Christentum darf eine
Christin sein, was sie ist: fehlbar. Die Christin muss weder Gott noch
sich selbst zur Gänze verstehen wollen. Sie darf die
Bruchstückhaftigkeit, die Vorläufigkeit, die Fehlerhaftigkeit
ihres Lebens und ihrer Gotteserkenntnis Gott zur Vollendung
überlassen.
Wenn ich hier eine Abgrenzung zu
esoterischem Christentum und seinen bekanntesten Vertretern versuche,
dann auch deswegen, weil ich mich weigere zu glauben, dass der Gott,
den/die ich anbete, die von Menschen erfahrene Gewalt als "zum
göttlichen
Vollzug des Lebens gehörig" betrachten könnte. Es wäre
dies nur eine weitere Variante der bedrückenden Erfahrung, dass
noch
immer Gewalt als göttlich legitimiert betrachtet würde.
Für
mich liegt die Menschen befreiende Perspektive nicht in der
göttlichen
Legitimation von Gewalt, sondern umgekehrt im schärfsten
Widerspruch
Gottes dazu. Und diesen Mensch gewordenen Widerspruch Gottes gegen
Unterdrückung und Gewalt finde ich unüberbietbar in Jesus von
Nazareth.
Wieweit die o.a.
Deutung von Gewalt dem esoterischen Christentum systemimmanent ist und
aus dem monistischen Gottes-, Menschen- und Weltbild resultiert, bedarf
weiterer Klärung.
30.10.2003
1 Panorama der neuen
Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21.
Jahrhunderts. Hrsg v. Reinhard Hempelmann, Ulrich Dehn, Andreas Fincke,
Michael Nüchtern, Matthias Pöhlmann, Hans-Jügen Ruppert,
Michael Utsch im Auftrag der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW),
Berlin, Güterloh 2001
Hans-Jürgen
Ruppert: Durchbruch zur Innenwelt. Spirituelle Impulse aus New Age und
Esoterik in kritischer Beleuchtung, Stuttgart 1988
2 vgl. Joachim Keden / Hansjörg
Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das
Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel.
Materialdienst 2/02, S. 36-37
3 http://www.ekd.de/ezw/index_frame.html?http://www.ekd.de/ezw/40019.html
4 vgl. Joachim Keden / Hansjörg
Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das
Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel.
Materialdienst 2/02, S. 38
5 a.a.O., S. 38
6 a.a.O., S. 40-43
7 vgl. a.a.O., S. 46
8 Information des "Berliner Dialogs" http://www.religio.de/dialog/498/15_28-30.htm (Stichwort Medien - v. Brück)
9Brück in einem
ORF-Interview. ORF/FUNK - "Religion" - 5. April 1999 (s. auch die Rolle von Brücks
in der "Friedensuniversität" http://www.relinfo.ch/friedensuni/info.html)
10vgl. Joachim Keden / Hansjörg
Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das
Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel.
Materialdienst 2/02, S. 35 (s. auch die Konfliktpunkte zwischen der kath.
Kirche und P. Wiligis Jäger Bistum Würzburg)
11 Joachim Keden / Hansjörg
Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das
Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel. Materialdienst
2/02, S. 44-45