Letztes update: 9.10.2011
Denn nichts schadet spirituell Suchenden
mehr, als wenn ihnen ein Weg
gewiesen wird, der nicht ans Ziel ihrer
Sehnsucht führt.
Paul
M.
Zulehner,
Megatrend
Religion,
Stimmen der Zeit, Heft 2/2003, S. 93
"Zum Wunder der
Identität Israels gehört seine
Kraft der Unterscheidung. Die
Ekklesia braucht dieses ständige
Unterscheiden so dringend wie die
Synagoge. Sie darf nicht in jenen
Krankheitszustand des Geistes
verfallen,
in dem alles gleich, alles gleich
gültig, alles beliebig ist.
Dort, wo nichts mehr unterschieden wird,
kehren die alten Götter
zurück."
Gerhard Lohfink, Braucht Gott die Kirche? Zur
Theologie des Volkes
Gottes, Freiburg 1998, S. 114
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Einige
Überlegungen
zum
esoterischen
Christentum
Wir
leben
in
einer
postchristlichen
Zeit. Bisherige christliche Selbstverständlichkeiten
haben ihre
Plausibilität verloren. Manche Kenntnis über den
christlichen
Glauben, manche früher vielleicht
selbstverständliche
Erfahrung mit dem christlichen Glauben ist weggebrochen.
Christentum ist erklärungsbedürftig geworden.
ChristInnen
müssen sich Rechenschaft darüber ablegen, was
die
unverzichtbaren Inhalte ihres Glaubens sind und - wenn
notwendig - wo
die Grenzen zu anderen Glaubenssystemen verlaufen. Die
Abgrenzung ist
nicht leicht. Unschärfen in Randzonen sind zu
erwarten,
Entwicklungen auf dem "Markt der Religionen" zu beachten.
Vielleicht
müssen wir auch eine Zeitlang damit leben, dass die
Abgrenzung
dort am deutlichsten vorgenommen wird, wo die
größte
Nähe ist: zu Fundamentalismus einerseits,
esoterischem
Christentum andererseits.
1. Erscheinungsformen
Hier versuche ich zunächst, meine Erkenntnisse
hinsichtlich
esoterischen Denkens darzulegen. Dabei stütze ich
mich auf eigene
Erfahrungen und auf die Bewertungen der Evangelischen
Zentralstelle
für Weltanschauungsfragen. 1
Eindeutig
und
leicht zu beurteilen ist das marktgängige
esoterische Angebot,
das
gelegentlich
sehr
platt daherkommt - und dennoch für Hilfe
suchende Menschen attraktiv ist. Als recht unproblematisch
erweist sich
auch eine sog. Gebrauchsesoterik von ChristInnen,
die
unbefangen und oft auch in Unkenntnis der
weltanschaulichen
Hintergründe mit dem breiten Angebot der Esoterik zur
Bewältigung von Problemen umgehen kann: mit Reiki,
Pendeln, der
Kinesiologie, einer Bachblüten-Medikation; Qi-Gong,
Klangmassage
und Aqua Wellness .........
Darüber
hinaus
gibt es jedoch ein inzwischen breites Spektrum
nicht-organisierten
esoterischen Christentums, das bis weit in die Kirchen
hineinwirkt, in
kirchlichen Bildungshäusern und in der kirchlichen
Frauenarbeit vorzufinden ist und in der Regel beansprucht,
christlich
zu sein. Vertraute Begriffe, die bisher einen klar
erkennbaren
Inhalt hatten, werden benutzt und verändert, ohne
dass die
Veränderungen jedoch benannt werden.
2. Begriffe und Inhalte
Dies gilt z.B. für den Begriff
"Spiritualität": Für
Christen bezeichnet dieser Begriff die Verbindung
zwischen Mensch und
Gott, Mensch und Mensch (spiritus=Geist, Geist Gottes,
Hl. Geist). In
der breiten und durchaus uneinheitlichen Esoterik-Szene
wird der
Begriff inflationär angewandt; er verweist auf ein
"Mehr", ohne
dieses Mehr jedoch mit einem umschriebenen Inhalt zu
verknüpfen.
Auch das Wort Ökumene
erhält einen veränderten Inhalt. Bisher war es
möglich,
von der Ökumene der christlichen Kirchen zu sprechen.
Im
Denkhorizont der Esoterik umfasst Ökumene alle
Weltreligionen,
archaische und indigene, magische und mythische
Religionen.
Esoterisches Christentum erkennt unterschiedlos allen
Religionen
Offenbarungscharakter zu.
Im Gegensatz zur
Religionswissenschaft geht esoterisches Christentum davon
aus, dass
Mystik
am Anfang jeder Religion stehe und ihren wesentlichen Kern
bilde. Die Wege aller Religionen werden als Wege zu einer
mystisch
erfahrbaren Mitte betrachtet. Alle Religionen haben die
Aufgabe,
diesen Weg zur mystisch erfahrbaren Mitte zu ebnen.
Religionen sind zu
überwindende Stufen auf dem Weg zur Mitte. Letztlich
machen sie
sich überflüssig. Religiöse Institutionen
und Organisationen haben nur insofern eine Berechtigung,
als sie
diesem Weg zur Mitte dienen. ChristInnen können nach
Ansicht
esoterischer ChristInnen durchaus in ihrem Christentum
bleiben,
Christentum ist dann "Weg ihrer Wahl" - jedoch kann
Christus in diesem
Denkhorizont keine Priorität beanspruchen. 2
Aus dem Spektrum des Begriffs
Spiritualität, der neben
individuell-meditativ-mystischen
Erfahrungen
wesentlich auch rationale, zwischenmenschliche,
moralische,
soziale, politische Erfahrungen umfasst, wird alleine die
individuelle, meditativ-mystische Bedeutung
herausgenommen. Nur diese
mystische Erfahrung wird als Plausibilitätskriterium
anerkannt.
Dabei wird das höhere Wissen der Esoterik
individuell und eklektisch (aus unterschiedlichen Quellen
schöpfend) benutzt. Die Auswahl richtet sich nach
persönlichen Vorlieben. Da diese Wahl individuell
ist, kann sie
naturgemäß keiner Kritik unterworfen werden. Im
Blick auf
Therapien mit religiösem Anspruch, wie die
Transpersonale
Psychologie sie darstellt, gibt es keine Verfahrensregeln,
die dem
Schutz der KlientInnen dienen könnte. Die Ausbildung
unterliegt
keinen anerkannten Regelungen: "Wer an diesen
Institutionen
allerdings die Qualitätsstandards setzt oder in der
Lage ist,
Qualitätssicherung zu betreiben, bleibt fraglich" 3,
urteilt die EZW.
Seine
Identität gewinnt
dieses esoterische Christentum als angeblich
funktionierende Technik
zur Erreichung des persönlichen Glücks ebenso
wie des
Weltfriedens. Die Zentralstelle
für
Weltanschauungsfragen spricht gar von einem
"technikförmigen
Protest gegen einen von Technik und Ökonomie
beherrschten Alltag" 4. Das
wissenschaftliche Weltbild wird abgewertet, die
religiöse
Erfahrung individualisiert, das globalisierte
religöse Angebot
aufgegriffen. Die Grenzen zwischen Esoterik und Religion,
Glaube und
Aberglaube, Methode und Magie werden unklar und verwischen
sich. Bisher
wurden religiöse Erfahrungen als eine durch die
Tradition einer
Religion vermittelte (und so auch den Menschen
schützende)
Erfahrung interpretiert. Im esoterischen Christentum
hingegen wird die
persönliche spirituelle, manchmal auch magische
Erfahrung als unmittelbare
Erfahrung mit einer absoluten kosmischen
Realität gedeutet.
An diesem
Punkt, an
dem eine religiöse Erfahrung nicht mehr in den
Dimensionen und mit
dem in einer religiösen Tradition vermittelten Geist
gedeutet
wird, geschieht der entscheidende Schritt zum
esoterischen
Christentum. Damit ist auch eine Veränderung
der biblischen
Gottesvorstellung verbunden. Da es keine
akzeptierte Korrektur "von außen" durch eine
verbindliche
Gemeinschaft, Institution, ein "heiliges Buch" .... gibt,
ist es nicht möglich, die persönliche Erfahrung
einer
korrigierenden oder Horizont erweiternden Sichtweise zu
unterwerfen.
Weil die persönliche Erfahrung nicht vor einer
Kontrastfolie
betrachtet werden kann, kann auch die Veränderung des
biblischen
Gottesbildes nicht einmal wahrgenommen werden.
Da
esoterische
ChristInnen
das
esoterische
Christentum als einzig
zukunftsträchtige Form des Christentums ansehen,
lehnen sie ihre
Beschreibung als "esoterisch-christlich" in der Regel ab -
sie
verstehen sich als christlich und benennen sich auch so.5 In der
Priorität, die
der individuellen Erfahrung zuerkannt wird, liegt zugleich
ein - sicher
zu prüfender und sicher nicht vom Tisch zu wischender
- Protest gegen Traditionalismus, gegen versteckten
Fundamentalismus,
gegen die Verkopfung in den Kirchen und die manchmal
starre Bindung an
ein Dogma, das der persönlichen und persönlich
verantworteten
Erfahrung nur wenig Raum zu lassen scheint.
3.
"Ökumenisches" Zentrum Neumühle
Am Beispiel des Ökumenischen Zentrums Neumühle,
das sich als
"erstes christliches Meditationszentrum auf deutschem
Boden" vorstellt,
untersucht die Evangelische Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen den Hintergrund
dieses Zentrums. Sie stuft es als "esoterisch" ein.6
In
Neumühle
wird der verbale Anspruch erhoben, den interreligiösen
Dialog
zu pflegen. Zum Dialog zwischen den Religionen gehört
die
Klärung der unterscheidenden und der verbindenden
Vorstellungen in
den Religionen der Dialogpartner. Diese rationale Arbeit
nun
wird im Ökumenischen Zentrum Neumühle gerade
nicht
geleistet. Da werden unterschiedliche Traditionen
unterschiedlicher
Religionen und Weltanschauungen "verwertet": Angebote aus
der
christlichen und der fernöstlichen Tradition,
körpertherapeutische Methoden und esoterische und
spiritualistische westliche Traditionen werden in
freizügiger
Weise miteinander verbunden. Da kann
dann schon mal aus Jesus ein Zen-Lehrer werden und die
Beschäftigung mit Meister Eckhart in die
Beschäftigung mit
dem "Meister
in mir" übergehen. Von einer Begegnung zwischen
buddhistischer und
christlicher Tradition, zwischen wissenschaftlicher
Psychotherapie und
Spiritualismus kann keine Rede sein. Aus der Sicht
esoterischen
Christentums ist eine rationale Auseinandersetzung mit den
Religionen/Weltanschauungen aber auch nicht notwendig,
denn in
ihren Augen steht das Ergebnis des Dialoges bereits fest.
Es ist
die Synthese aller religiösen Traditionen unter
Zurücklassung
der zur Zeit vorfindlichen Religionen und
Weltanschauungen.
4. Weltanschauliche
Hintergründe
Mit dieser Deutung der Religionen einher
gehen folgende Ansichten, die in der Praxis natürlich
nicht in der
hier genannten theoretischen "Reinheit" vorliegen:
- Das Gottesbild
esoterischen Christentums ist im Vergleich zur
biblischen Tradition ins
Unpersönliche
und
Ungeschichtliche
verschoben.
Persönliche Gottesbilder, wie sie in der Bibel
vorherrschen,
fehlen weitgehend. Das Bild eines fernen, dunklen
Gottes jenseits
menschlichen Begreifens ist eher unbekannt.
- Es
dominieren monistische Gottesbilder. Alles,
was weltlich und
menschlich ist, wird als göttlich erfahren. Wo
das Christentum die
Welt entdivinisiert und sie damit zugleich in ihrer
Eigenständigkeit aufwertet, sakralisiert und
divinisiert
esoterisches Christentum die Welt. Ein monistisches
Gottesbild findet
Gott prinzipiell schon in der Welt und weiß ihn
im Inneren des
Menschen präsent. Mit diesem monistischen
Gottesbild verschwindet der
unüberbrückbare Unterschied
zwischen Schöpfer und Geschöpf; die
Grundstruktur des
biblischen Schöpfungsglaubens löst sich auf.
- Gott
ist
prinzipiell vom Menschen her mittels Techniken und
nötigenfalls
auch mit Magie zu erkennen. Ist Gott einem Menschen
nicht erkennbar,
dann hat der Mensch die Techniken nicht richtig
angewandt. Dieses
Denken nähert sich Selbsterlösungsvorstellungen,
die
die Erlösung in die Hand eines Menschen legen
muss und sie nicht
mehr als anzunehmendes Geschenk Gottes erkennen kann.
Hier
verflüchtigt sich ein entscheidendes Merkmal
christlichen
Glaubens, der davon ausgeht, dass der Mensch jenseits
jeder und vor
aller Leistung ein geliebtes Kind Gottes
ist, dem sich Gott zuwendet.
- Wenn
der
Mensch Gott von sich her erkennen kann, dann bedarf
es
natürlich keines Gottes mehr, der sich an
seinen Bund mit den
Menschen bindet, wie er im Ersten Testament
(vorwiegend, aber nicht
ausschließlich) im Blick auf Israel und im Neuen
Testament im
Blick auf die ganze Welt vorliegt. Gott ist nicht mehr
der oder die
Entgegenkommende - vielmehr ist der Mensch derjenige,
der durch eigene
Leistung Gott erkennen kann. Jesus behält
im esoterischen
Christentum seine Rolle als vorbildlicher Mensch. Eine
andere kommt ihm
nicht zu. Er ist kein heruntergekommener Gott,
der die
Außenseiter und an den Rand Gedrängten
grenzenlos liebt und
das auch ernst, sozusagen todernst, meint und mit Leib
und Leben
unterschreibt.
- Das Bewusstsein
des
Menschen wird in esoterischem Christentum als Fragment
des
Göttlichen im Menschen betrachtet. Es geht
also darum, das
Bewusstsein zu erweitern, um das Göttliche in
sich zu finden. Das
Bewusstsein ist zugleich der Materie
übergeordnet. So ist es auch
nur konsequent, wenn das Bewusstsein auch als
Ursache des
persönlichen Ergehens betrachtet
wird.
5.
Vertreter
esoterischen Christentums
Die
Evangelische
Zentralstelle
für
Weltanschauungsfragen
nennt den
Namen des angesehenen Religionswissenschaftlers Michael
von
Brück, München, der diese Form des
Christentums vertrete
und nach eigener Aussage seit
Jahren in Neumühle ein- und ausgeht.7 Michael von
Brück
war im Zusammenhang seiner undistanzierten Mitarbeit in
der
Mun-Bewegung in das Kreuzfeuer der Kritik von
Elterninitiativen in
München geraten.8
Er hatte 1988 den
New-Age-Kongress "Geist und Natur" in Hannover
vorbereitet. In einem
ORF-Interview9
konnte er am 5.4.1999 formulieren:
"Tantras beschreiben Rituale in den je nach
Alter der
tantrischen Gefährtin unterschiedliche Wirklichkeiten
und Aspekte
menschlicher Energien zum Tragen kommen, und dargestellt
werden und das
sind in der Tat 12-jährige Partnerinnen,
16-jährige,
20-jährige bis zu 70-jährigen. Diese
verschiedenen
Lebensalter repräsentieren verschiedene Energien und
so weiter.
Aber man muss natürlich bedenken, dass in asiatischen
Kulturen in
vielen nicht europäischen Kulturen, Indien., China
und
natürlich auch Tibet; 12-jährige Mädchen
hier zumindest
in der Vergangenheit erwachsen waren oder auch verheiratet
wurden. Also
von Kindesmissbrauch kann hier von keine Rede sein. Das
ist eine
Übertragung heutiger europäischer
Zivilisationsvorstellungen
in einer anderen Welt und das ist völlig
unzulässig."
Ebenso nennt
die
Zentralstelle für Weltanschauungsfragen den Namen von
Willigis
Jäger, der diese Form esoterischen Christentums
vertrete und
2000 bei den PSI-Tagen in Basel auftrat.10
Das
esoterisch-christliche Denken von Willigis Jäger
führt -
unbeschadet seiner vielen Verdienste gerade um Menschen,
die auf der
Suche sind und dem Christentum fern stehen - auch dazu,
dass er in
seinem Buch "Die Welle ist das Meer" (S. 96) formulieren
kann: "Im
mystischen Erleben ist das, was wir 'böse' nennen,
aus der
göttlichen Wirklichkeit nicht herauszunehmen.
Menschen, die Opfer
von Gewalt wurden, berichteten mir vom Zustand der Ruhe
und des Einverständnisses in dieser Situation. Es
gibt dort
keine Schuldzuweisung und keine Angst und keine Wertung
mehr, sondern
eine große Gewissheit, dass auch das zweifellos zum
göttlichen
Vollzug des Lebens gehört, was wir Sünde
nennen." (s. auch http://www.confessio.de/
27.4.2004 Missionar des Nichts. Pater Willigis
Jäger in
der
Ev. Akademie Meißen)
6. Die
Schwierigkeiten des Gespräches zwischen ChristInnen
und
esoterischen ChristInnen
liegen nach Ansicht der Evangelischen Zentralstelle
für
Weltanschauungsfragen darin, dass esoterische ChristInnen
das rationale
Unterscheiden als intolerant und unreif, gar als Gewaltakt
erleben. Sie
haben sich ja gerade aufgemacht, um gegen die
Überwertigkeit
rationalen Denkens in unserer westlichen Gesellschaft die
Überzeugungskraft der eigenen Erfahrung zu setzen.
Sie können
"die Relativität menschlicher Erkenntnis, und damit
den
Entscheidungscharakter rationalen Denkens, nicht
nachvollziehen... Die
Folge ist, dass 'esoterische Christen' den andersdenkenden
Dialogpartnern ihr Anderssein oft nicht als stimmige
Position
zugestehen, sondern sie als spirituelle Unreife,
moralisches Defizit
usw. diffamieren. Ihre Sichtweise der spirituellen
Wirklichkeit hat
eine so unmittelbare Evidenz, dass
sie nicht mehr als Gedachtes, also als (auch potentiell
anders zu
denkendes) geistiges Produkt wahrgenommen wird. Darin
erweist sich
wiederum der
gnostische Grundzug der Esoterik, der tendenziell Wissen
verabsolutiert
und Gott denkbar, also dem hoch genug gestiegenen
menschlichen Geist
verfügbar, macht." 11
7. Konsequenzen
Mir scheint, dass esoterisches Christentum für
ChristInnen - neben
dem richtigen Hinweis auf Erfahrungsdefizite in der Praxis
christlichen
Lebens - Inkompatibilitäen
enthält. Einige seien hier im Blick auf mich als
Gewaltüberlebende genannt:
a. Im
esoterischen Christentum ist es möglich, sich
Gottes zu
bemächtigen durch menschliche Erkenntnis.
Wenn Gott eine/r ist, die/der menschliches Begreifen
übersteigt,
ist es dann nicht eine verzweifelte Anmaßung des
Menschen
gegenüber Gott, sich Ihrer/Seiner "bemächtigen"
zu
wollen durch menschliche Erkenntnis? Keine religiöse
Erfahrung, keine noch so hoch entwickelte
Spiritualität, nicht
einmal christliche Mystik, kann doch in der Lage sein oder
dies auch nur wollen: Gottes hab-haft zu werden. Ein Gott,
deren
und dessen sich der Mensch bemächtigen kann, ist kein
Gott mehr,
denn sie befindet sich in der Hand des Menschen. Dieser
Gott
ist auf Menschenmaß zurechtgestutzt, der
Beliebigkeit des
Menschen ausgeliefert. (Und was die Beliebigkeit von
Menschen anrichten
kann, können wir sehr genau wissen und beschreiben,
nicht nur
an der eigenen Lebensgeschichte.) Dieser handhabbare Gott
verliert
schließlich auch seine/ihre Schutz gewährende
"Größe". Im Anfang mag es so scheinen, dass ein
Gott,
dessen/deren ich mich
bemächtigen kann, leicht konsumierbar, gut
handhabbar, meinen
Bedürfnissen anpassbar ist. Nur eines ist Er/Sie dann
nicht
mehr: Gott.
b.
Esoterisches Christentum hat ein eher
unpersönliches Gottesbild.
Wenn
ich
die
Erfahrungen
Israels mit seinem Gott und die Erfahrungen der
ChristInnen mit dem jüdisch-christlichen Gott als
Erfahrungen mit
einem personalen Gegenüber, dem sich der Mensch als
Ebenbild
Gottes aussetzt, verstehe,
dann kann dieses personale Gegenüber gerade in seiner
Personalität eine heilsame Begegnung sein. Diese
Begegnung schafft
ein Gegengewicht zu den unheilen Erfahrungen mit Menschen.
Die Wunden
der Vergangenheit, von Menschen zugefügt, können
heilen,
gerade WEIL
Gott personal vorgestellt werden kann.
Zur Vorstellung der Personalität Gottes gehört
die
Vorstellung, dass der Mensch "das Bild Gottes" ist. Damit
erhalte ich
eine Würde und Eigenständigkeit, die in der
Traumatisierung
zerstört wurde. Auch dies
erlebe ich als heilsam.
Zur Personalität Gottes und zum gottebenbildlichen
Menschen
gehört es, dass Gott mir auch dunkel und
unbegreiflich erscheint.
Manchmal werde ich herausgefordert, altbekannte
Sicherheiten zu
verlassen und Neues zu wagen. Manchmal muss ich
Klärungen
herbeiführen, die mich von Menschen isolieren.
Manchmal muss ich
Aufgaben übernehmen, denen ich nicht gewachsen bin;
Positionen
wieder verlassen, in denen ich gerade erst angefangen
habe, mich
heimisch zu fühlen. Zur Personalität Gottes -
und zu meiner -
gehört, dass Er/Sie mich vor Herausforderungen
stellt, die ich mir
zunächst lieber ersparen würde. Aber: Diese
Herausforderungen
sind meinem Menschsein angemessen.
c.
Esoterisches Christentum hat ein eher ungeschichtliches
Gottesbild
Der Rückgriff auf meine eigene Gottverbundenheit ist
immer
störanfällig und wird es wohl auch bleiben.
Zerschlagenes
Urvertrauen kann nicht rückgängig gemacht
werden. Linderung
und täglich neues Aufbauen sind möglich. Beides
gelingt
jedoch nicht zuverlässig. Für mich sind daher
die
geschichtlichen Zeugnisse von Menschen, die ihre
Erfahrungen mit ihrem
Gott erzählen, kostbar. In ihnen finde ich trotz
aller
patriarchalen Verzerrungen Halt, weil ich erkennen kann,
dass
die Menschen der Bibel immer neu erfuhren, dass Gott sich
in ihrer
menschlichen Geschichte an sie, die Menschen, gebunden
hat. Auf diese
Tradition kann ich zurückgreifen, wenn es in mir
keinen Halt
mehr gibt. Diese Tradition erlaubt mir zu hoffen, dass
Gott seine
Selbstbindung
an Mensch und Welt bis heute nicht zurückgenommen hat
und
dass sie auch mir gilt.
d. Im esoterischen
Christentum
muss der Mensch sein eigener Erlöser
werden.
Wenn im Christentum Gott den Menschen vor dessen
Grandiositätswünschen und ihn
überfordernden
Ansprüchen schützt - hier tauchen
Grandiosität und
Überforderung erneut auf. Der Mensch muss sich
grenzen- und
gnadenlos anstrengen, um die Einheit mit Gott zu
erreichen. Wenn die
eine Technik sie nicht ermöglichte, muss die
nächste und die
dritte und vierte Technik ausprobiert werden. Im
Christentum darf eine
Christin sein, was sie ist: fehlbar. Die Christin muss
weder Gott noch
sich selbst zur Gänze verstehen wollen. Sie darf die
Bruchstückhaftigkeit, die Vorläufigkeit, die
Fehlerhaftigkeit
ihres Lebens und ihrer Gotteserkenntnis Gott zur
Vollendung
überlassen.
Wenn ich hier eine Abgrenzung zu
esoterischem Christentum und seinen bekanntesten
Vertretern versuche,
dann auch deswegen, weil ich mich weigere zu glauben, dass
der Gott,
den/die ich anbete, die von Menschen erfahrene Gewalt als
"zum
göttlichen
Vollzug des Lebens gehörig" betrachten könnte.
Es wäre
dies nur eine weitere Variante der bedrückenden
Erfahrung, dass
noch
immer Gewalt als göttlich legitimiert betrachtet
würde.
Für
mich liegt die Menschen befreiende Perspektive nicht in
der
göttlichen
Legitimation von Gewalt, sondern umgekehrt im
schärfsten
Widerspruch
Gottes dazu. Und diesen Mensch gewordenen Widerspruch
Gottes gegen
Unterdrückung und Gewalt finde ich unüberbietbar
in Jesus von
Nazareth.
Wieweit die
o.a.
Deutung von Gewalt dem esoterischen Christentum
systemimmanent ist und
aus dem monistischen Gottes-, Menschen- und Weltbild
resultiert, bedarf
weiterer Klärung.
30.10.2003
1
Panorama der
neuen
Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn
des 21.
Jahrhunderts. Hrsg v. Reinhard Hempelmann, Ulrich Dehn,
Andreas Fincke,
Michael Nüchtern, Matthias Pöhlmann, Hans-Jügen
Ruppert,
Michael Utsch im Auftrag der Evangelischen Zentralstelle
für Weltanschauungsfragen (EZW),
Berlin, Güterloh 2001
Hans-Jürgen
Ruppert: Durchbruch zur Innenwelt. Spirituelle Impulse aus New
Age und
Esoterik in kritischer Beleuchtung, Stuttgart 1988
2 vgl. Joachim Keden /
Hansjörg
Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das
Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel.
Materialdienst 2/02, S. 36-37
3
http://www.ekd.de/ezw/index_frame.html?http://www.ekd.de/ezw/40019.html
4 vgl. Joachim Keden /
Hansjörg
Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das
Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel.
Materialdienst 2/02, S. 38
5
a.a.O., S. 38
6 a.a.O., S. 40-43
7 vgl. a.a.O., S. 46
8
Information des
"Berliner Dialogs" http://www.religio.de/dialog/498/15_28-30.htm (Stichwort Medien - v.
Brück)
9Brück
in einem
ORF-Interview. ORF/FUNK - "Religion" - 5. April 1999 (s. auch die Rolle von
Brücks
in der "Friedensuniversität" http://www.relinfo.ch/friedensuni/info.html)
10vgl. Joachim Keden /
Hansjörg
Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das
Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel.
Materialdienst 2/02, S. 35 (s. auch die Konfliktpunkte zwischen
der kath.
Kirche und P. Wiligis Jäger Bistum Würzburg)
11
Joachim Keden /
Hansjörg
Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das
Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel.
Materialdienst
2/02, S. 44-45