Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am
28.1.2012
Die
Urkunde
Oberbürgermeister Demal, Stutensee
Im Foyer des
Rathauses
Gäste
Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Stutensee
Frau Gallinat-Schneider
Sehr geehrte Damen und
Herren, liebe Mitfeiernde, liebe Erika, wir lernten uns 2002
kennen. Du warst damals frisch in unsere Pfarrei
gekommen, weil Du auf der Suche nach einer für
Dich passenden Gemeinde warst. Ich durfte damals
noch etwas, was seit einigen Jahren nicht mehr
erlaubt ist, nämlich die Ansprache in einem
Jugendgottesdienst halten. Es ging um das Thema
Frauen. Das war der Anfang, das
leidvolle Thema „Frauen in der Kirche“. Über
Frauenarbeit lernten wir uns dann etwas besser
kennen und 2003 fragtest Du mich, ob ich mir
vorstellen könnte, eine Gruppe von
gewaltüberlebenden Frauen, die Du in Bruchsal
gründen wolltest, seelsorgerlich zu begleiten.
Ich habe ja gesagt, obwohl ich keine Ahnung hatte,
was auf mich zukommt und ich keine Fortbildungen zu
diesem Thema besucht hatte. Ich habe einfach
versucht, da zu sein, Mensch zu sein,
zuzuhören, mitzuleiden. Ich habe bei Carola
Moosbach, die ich so auch mit in diese Feier
hineinnehmen möchte, weil sie diejenige war,
die die Initiative ergriff und Erika Kerstner
für das Bundesverdienstkreuz vorschlug und die
nun wenigsten gedanklich dabei sein sollte, einen
Text gefunden, der viel über eine solche Gruppe
aussagt. Er lautet: „Spurensuche
(Für eine
Selbsthilfegruppe) Da sitzen wir Wunde
an Wunde
Schmerz an
Schmerz
da sitzen wir teilen Hoffnung und
Tränen Wut und Kraft da sitzen wir suchen Wege und Spuren verbrannte
Träume da sitzen wir finden Leben“
Soweit der Text aus dem Buch Himmelsspuren,
Gebete durch Jahr und Tag Ja, so habe ich es auch
erfahren. In der Gruppe gab es Gespräche, die
kaum auszuhalten waren, da gab es Trauer, Leid und
Tränen, aber es gab auch ganz viel Leben. Fast
jedes Mal wird auch ein Witz erzählt, es wird
gelacht. Wir leiden miteinander, wir teilen Leben
miteinander. Es gehört zum Leben dazu, dass
Leid auszuhalten. Das zeichnet Dich, liebe Erika,
aus, dass Du zu den Menschen gehörst, die es
aushalten, wenn Menschen die ganz schwierigen Dinge
erzählen und nicht nur die
oberflächlichen. In dieser Gruppe hast
Du auch immer wieder von Deinem Engagement für
die Gewaltarbeit erzählt. Das ist etwas, was
Dich auch auszeichnet und weshalb ich meine, dass Du
das Bundesverdienstkreuz verdient hast, Du bist
beharrlich. Wenn ich jemanden etwas frage und es
heißt „nein“, ziehe ich mich zurück. Du
hast auch nach dem zweiten, dritten, vierten,
fünften Nein weitergemacht, hast Anfragen
gestellt, Mails, Briefe, Gespräche, Telefonate
geführt, um der Sache willen. Das bewundere ich
an Dir. Ich war neben der
Begleitung der Gruppe auch dafür
zuständig, Türen innerhalb der Kirche zu
öffnen, damit das Thema dort präsent wird.
So haben wir 2005 im Konradsblatt, unserer
Kirchenzeitung, einen Artikel gehabt, in dem wir
interviewt wurden, im gleichen Jahr war ich auf
einer Fortbildung zum Thema „Traumaarbeit in der
Seelsorge“. Da hatte man das Thema eigentlich nicht
eingeplant, aber ich brachte es in der
Vorstellungsrunde mit ein, als ich meine Arbeit mit
traumatisierten Frauen vorstellte. Ich habe dann
gespürt, wie unangenehm das Thema ist, auf was
ich mich da eingelassen habe, niemand will
eigentlich davon hören. Egal ob
Frauenreferentinnen, kirchliche Stellen für
Hilfesuchende, alle waren sehr distanziert. Dennoch
haben wir weitergemacht, 2006 gab es in Weingarten
einen Gottesdienst, im Spätjahr ebenso einen
Gottesdienst in der Lutherkirche mit Frau Dr.
Barbara Haslbeck. 2007 hat der Caritasverband
Bruchsal die Aktion Stolpersteine durchgeführt,
im selben Jahr war Kirchentag in Köln, wo es
eine Podiumsdiskussion zum Thema gab, bei der
Barbara Haslbeck auch Referentin war und wir im
Anschluss gute Gespräche an unserem Stand
hatten. Dann kam das Jahr 2009.
Wir veranstalteten in der Pfarrei eine Aktion zu
unserem Jahresthema mit dem Propheten Amos, von dem
viele auch nichts hören wollten, weil er
für soziale Gerechtigkeit steht. Du, liebe
Erika, hast es geschafft, Dein Thema, den
Mißbrauch von Frauen, mit hineinzunehmen in
die Abende. Beim Abschlusswochenende sollten einige
eine Bibelarbeit mit einer Stelle machen, die ihnen
besonders viel bedeutet. Du hast Tamar eingebracht,
die Frau, die in der Bibel als Vergewaltigungsopfer
steht. Überhaupt sind es 2 Bibelstellen, die
die Arbeit immer wieder begleitet haben. Tamar aus
dem Alten Testament und der barmherzige Samariter
aus dem Neuen Testament, der Mann, der nicht
wegsieht, sich auf die Seite der Opfer stellt, sich
mit ihnen solidarisiert. Dein Glaube ist das
Fundament, mit dem Du es geschafft hast, diese
Arbeit überhaupt zu machen. Durch den Amosprozess
habe ich bei Dir eine Veränderung gespürt.
Du warst plötzlich den Kinderschuhen entwachsen
und hattest Bergschuhe an, mit denen Du
losstürmtest, mich nicht mehr brauchtest, um
Gespräche mit offiziellen Stellen zu
führen, sondern Du trautest Dich alleine, Du
hattest den Mut ohne Hilfe zu diesem Thema zu
stehen. Bei der Arbeit habe ich
zusätzlich auch noch mehr als vorher begriffen,
wie wichtig eine sensible Sprache ist, wie wichtig
es ist, keine männlich dominierte oder
gewaltverherrlichende Sprechweise zu verwenden.
Ausdruck davon ist auch die Tatsache, dass die
Gruppe Gottessuche im Projekt zur Erstellung der
Bibel in gerechter Sprache die Patenschaft für
einen Teil des Buches der Psalmen übernommen
hat. Als ich auf einer Fortbildung zu diesem Thema
war, war ich dank dir, Erika, die Du mich von Anfang
an in den Prozess der Entstehung dieser Bibel mit
hineingenommen hast, eine der wenigen, die diese
Bibel kannte und hatte. Nun kam das Jahr 2010,
das alles veränderte? Wirklich? Zumindest war
es der katholischen Kirche klar, dass es gut ist,
wenn sie Mißbrauchsopfer hört, mit ihnen
redet und sie zu Wort kommen lässt. So bist Du,
liebe Erika, in diesem Jahr, in dem das Ausmaß
dessen, was wir, die wir schon lange auch mit Opfern
kirchlicher Täter arbeiteten, ahnten, zu Tage
trat, endlich eingeladen worden, endlich angefragt
worden bist und Du durftest Stellung nehmen zu
Deinem Thema. Ich befürchte zwar, es ist eher
geschehen, weil Kirche nun auch eine gute Presse
braucht und es sich nicht leisten kann, zu diesem
Thema weiter zu schweigen und nicht aus ehrlichem
Herzen, weil ein Veränderungsprozess im Denken
entstanden ist. Aber endlich gab es nicht nur
Ablehnung. Ich wünsche Dir,
dass Du weiterhin mit diesem Thema Gehör
findest, dass Du weiterhin den Mut hast, für
die Frauen zu kämpfen, ihnen eine Stimme zu
verleihen und gratuliere Dir ganz herzlich zur
Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.
Marieluise Gallinat-Schneider
Frau Dr. Barbara Haslbeck
Sehr geehrte
Festversammlung, ich darf hier
anlässlich der Verleihung des
Bundesverdienstkreuzes an Frau Erika Kerstner eine
Laudatio halten. Was führt mich zu dieser Ehre?
Mein Name ist Barbara Haslbeck und ich kenne das
Projekt Gottessuche seit seinen Anfängen. Als
Mitarbeite-rin am Lehrstuhl für Christliche
Gesellschaftslehre und Caritaswissenschaften der
Uni-versität Passau forschte ich mehr als
zehn Jahren zum Themenkreis sexualisierte Ge-walt
hinsichtlich Religiosität und Kirche.
Inzwischen ist das Thema Gottseidank mehr in die
Öffentlichkeit gerückt und ich darf als
Fachfrau für das Thema in vielen Kontex-ten
tätig sein. Aufmerksam wurde ich auf die Arbeit
von Frau Kerstner durch einen Hinweis von Frau
Carola Moosbach, die wiederum diejenige ist, die die
heutige Verleihung des Verdienstordens anregte und
der ich dafür sehr herzlich danke. Über
die Jahre entwickelte sich eine rege Zusammenarbeit
zwischen Frau Kerstner und mir. Wer sich intensiv
mit den Folgen von Gewalt auseinander setzt, kommt
dabei immer wieder an die Grenzen des Aushaltbaren.
So lernten wir uns nicht nur als Fachfrauen, sondern
auch als Menschen mit ganz eigenen Geschichten und
Fähigkeiten kennen. Auf diesem Hintergrund will
ich versuchen, Frau Kerstner und ihre heute
gewürdigte Arbeit mit einigen wenigen
Stichworten zu charakterisieren. Dabei versuche ich,
vom Äußeren zum Inneren der Arbeit von
Frau Kerstner vorzudringen. Frau Erika Kerstner ist
zum Ersten:
Die Engagierte Es ist ein
unglaublich hohes Maß an Zeit und Energie, das
Frau Kerstner in die Gewalt-arbeit steckt. Hier darf
ich ein paar nüchterne Zahlen nennen, die ich
der Statistik der Homepage Gottessuche entnehme. Die
Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum seit dem
01.01.2005, also auf sieben Jahre. Zu unterscheiden
ist zwischen Mails von Einzelpersonen, die sich an
Frau Kerstner als Inhaberin der Homepage wenden und
Mails, die in der Mailingliste geschrieben werden –
das ist ein Forum, zu dem sich Betroffene anmelden
und miteinander über Mails in Kontakt treten. •
In Einzelkontakten gab es 21.248 Mails, das sind im
Schnitt 3035 Mailkontakte pro Jahr und 8 pro Tag. •
In der Mailingliste sind 16.522 Mails zu
verzeichnen, das sind 2360 pro Jahr und 7 pro Tag.
Das
heißt, dass Frau Kerstner im Schnitt etwa 15
Mails pro Tag bearbeitet, also liest und
schreibt, und das sieben Tage die Woche. Zu
dieser hohen Zahl hinzu ist zu bedenken, dass es
sich um Mails handelt, die von existentiellen
Verletzungen handeln, also eine hohe emotionale
Beteiligung und Konzentration erfordern.
Zu der
unmittelbaren Begleitung von Gewaltbetroffenen
kommen folgende Tätigkeiten hinzu: •
Die Betreuung einer Gruppe von Betroffenen vor Ort
zusammen mit der Seelsor-gerin Frau Marieluise
Gallinat-Schneider. •
Die Recherche für einen täglich
aktualisierten und kenntnisreich kommentierten
Pressespiegel zur Gewaltthematik. •
Die Erstellung von Analysen und Kommentaren zum
Thema. •
Die Teilnahme an Buch- und Zeitungsprojekten, an
Workshops und Gottesdiensten zum Thema. •
Vernetzungsarbeit mit kirchlichen Einrichtungen zum
Thema. •
Aktualisierungsarbeiten für die Homepage.
Der zeitliche
Umfang all dieser Arbeiten ist mit etwa vier Stunden
pro Tag – sieben Ta-ge die Woche! – sicher nicht zu
hoch gegriffen. Als hauptberufliche Lehrerin ist
Frau Kerstner nicht weniger intensiv bei der Sache
und ich frage mich oft, wie dieses un-glaublich hohe
Engagement überhaupt zu leisten ist. Frau Kerstner
ist nicht nur außerordentlich stark engagiert,
sondern tut dies auch äu-ßerst kompetent
– zweites Kennzeichen:
Die Kompetente Gut gemeint ist
nicht gleich gut. Das trifft auf Frau Erika Kerstner
mit Sicherheit nicht zu. Mit großer Akribie
legt sie Wert darauf, ihre Arbeit nach allen
Maßstäben kompe-tent zu gestalten. Es
gibt kaum ein psychotraumatologisches und
theologisches Buch zur Gewaltthematik, das sie nicht
kennt und als Hintergrundwissen für die
Begleitung Betroffener verarbeitet. Zu den
Qualitätsstandards ihrer Arbeit gehört es
auch, regel-mäßig in Supervision zu
gehen. Ihre Recherchen zu den verschiedenen Themen
im Umkreis der Gewaltthematik zeichnen sich durch
absolute Präzision und Bemühen um
Ausgewogenheit aus. Frau Erika
Kerstner wurde durch diese hochkompetente
Arbeitsweise zur gefragten Gesprächspartnerin
von Fachfrauen und -männern, die sich die
Mühe geben, sich in ähnlich aufwendiger
und verunsichernder Weise der Gewaltthematik
auszuliefern. Sie ist Ratgeberin für die
Entwicklung von Qualitätsstandards für die
Gewaltthematik in der Ausbildung von kirchlichen
Mitarbeiter/innen und gehört zur Expertengruppe
der Deutschen Bischofskonferenz, die die Daten der
Hotline zu Missbrauch in der Kirche auswertet. Zur fachlichen
Kompetenz kommt ein hohes institutionelles Wissen
hinzu, das die Ar-beit mit Gewaltbetroffenen in den
Kirchen betrifft. Hier erlebt Frau Kerstner viel zu
oft, wie das Thema als „randständiges
Orchideenthema“ oder als „Nestbeschmutzung“ abgetan
wird, dem besser keine Aufmerksamkeit geschenkt
wird. Hier bleibt sie freundlich und beharrlich dran
und lässt sich nicht entmutigen. Zur Kompetenz
gehört nicht nur das Fachwissen, sondern auch
die heute immer mehr geforderten „softskills“ –
Schlüsselqualifikationen, ohne die das beste
Expertenwissen nicht an die Frau und den Mann kommt.
Hier kann ich nur kurz andeuten, dass Frau Kerstner
in ausgezeichneter Weise komunikationsfähig,
frustrationstolerant, einfühl-sam und
selbstkritisch ihren Dienst leistet.
Wenn ich auf
das überdimensionale Engagement und die
erstaunliche Kompetenz von Frau Kerstner blicke,
stellt sich mir die Frage: Warum tut sie das
eigentlich? Warum beschäftigt sie sich nicht
lieber mit Gartenbau oder lernt portugiesisch? In
der Einla-dung zu dieser Feier heute zitiert sie
Dorothee Sölle und das Zitat gibt Einblick in
die zugrunde liegende Motivation: „Die wichtigste
Beteiligung an der Gewalt ist die Ge-wöhnung an
sie.“ So komme ich zu meiner dritten
Charakterisierung:
Die, die sich nicht
gewöhnt. Wer die Zahlen
zum Vorkommen von Gewalt und Missbrauch kennt,
könnte sagen: Das ist Teil der Realität,
damit muss ich mich abfinden. Das ist nicht die
Perspektive von Frau Erika Kerstner. Sie
gewöhnt sich nicht. In dieser
Widerständigkeit steckt eine große
Ressource. Immer wieder aufs Neue spürt sie,
welcher Skandal es ist, was Kinder und Frauen in
unseren Familien erleben und erleiden müssen.
Bequem ist das nicht und es zehrt an den
Kräften. Gleichzeitig macht das berührbar,
und das ist der Schlüssel, um in dieser Arbeit
authentisch und lebendig zu bleiben. Sich nicht
anpassen zu wollen und Dinge einfach hinzunehmen,
macht angreifbar. All-zu schnell steht frau als
„überreizte Person“ da, die engstirnig nur das
Eine sieht. Dorothee Sölle erzählt von
Frauen, die gegen die Apartheid in Südafrika
demonstrier-ten, indem sie in deutschen
Supermärkten Kunden beim Kauf von
südafrikanischem Obst darauf ansprachen, dass
die Orangen nach Blut schmecken. Darin steckt eine
Strategie, die ich auch bei Erika Kerstner erlebe:
Nicht müde werden und immer wieder auf
Missstände hinweisen. Und das da anfangen, wo
es möglich ist. Im ganz normalen Alltag, in der
stinknormalen Realität. Auf die Gefahr hin,
unbequem und lächerlich zu sein. Sich nicht zu
gewöhnen, sondern sich immer wieder in den
Widerstand zu begeben, kostet viel Kraft. Es gibt
verschiedene Faktoren, die dazu beitragen, um den
Akku im-mer wieder neu aufzuladen. Zuallererst denke
ich da an Frau Kerstners Mann Johann und ihre
Kinder, die ihr Halt geben, die den Blick zu weiten
vermögen, die Hoffnung und Zuversicht stiften.
Frau Kerstner ist als eine, die sich nicht
gewöhnt, hier nicht al-leine: In der
Kirchengemeinde in Bruchsal gibt es um sie herum
noch einige weitere Widerständige, die mit ihr
die Hoffnung teilen, dass die Gewalt nicht das
letzte Wort hat. Ich erlebe bei
Frau Kerstner eine besondere Kraft, die mit dem
vierten und letzten As-pekt zu tun hat, mit dem ich
sie charakterisieren möchte:
Die Gottsucherin Das
Internetprojekt „Gottessuche“ vernetzt Frauen, die
sich auf dem Hintergrund des christlichen Glaubens
mit ihren Gewalterfahrungen auseinander setzen. Frau
Kerstner ist damit zutiefst in der
jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt, in
der Opfer von Ge-walt Gott an ihrer Seite wissen
dürfen. Doch Frau Kerstner gibt keine platten
Antworten und klebt auf die schwelenden Wunden keine
billigen Trostpflaster. Was sie anbietet, ist so
anspruchsvoll wie simpel zugleich: Es geht ums
Suchen. Da, wo die Fähigkeit zu vertrauen in
dramatischer Weise beschädigt wurde, braucht es
keine Lösungen und Tipps, sondern einen Ort, um
Fragen stellen zu dürfen, der Zerstörung
ins Gesicht zu schauen, um zu klagen, um als
Sucherin unterwegs zu sein. Vielleicht kann sich auf
diese Weise wieder etwas wie Vertrauen in sich
selbst, in Mitmenschen und in Gott neu
buchstabieren. Frau Kerstner ist eine
unermüdlich Sucherin, für andere ebenso
wie für sich selbst. So ist sie für mich
und mit mir für viele andere Gewaltbetroffene
eine echte „Gotteslehrerin“ geworden, die mir etwas
von einer Hoffnung erzählen kann, die
glaubwürdig ist.
Liebe Erika,
wenn dir heute das Bundesverdienstkreuz verliehen
wird, dann freue ich mich außerordentlich mit
dir, dass dein „Dienst“ damit gewürdigt und
öffentlich ge-macht wird. Ich gratuliere der
Stadt Stutensee-Blankenloch zu ihrer Bürgerin,
auf die sie zu Recht stolz sein kann. Ich gratuliere
Erikas Familie – ihren Geschwistern, ihrem Mann und
ihren Kindern. Weil ich vermute, dass es für
dich gar nicht so angenehm ist, hier im Mittelpunkt
zu stehen, sollst du wissen: Heute sind mit dir eine
ganze Reihe weiterer Menschen sehr stolz darauf,
dass die Arbeit gegen Gewalt geehrt wird. Du bringst
den Stein dazu unermüdlich ins Rollen:
engagiert, kompetent, als eine, die sich nicht
gewöhnt, als Gottessucherin. Dazu weiterhin
viel Kraft und Segen!
28.1.2012 Sehr geehrter Herr
Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und
Herren, liebe Freundinnen und Freunde, liebe
Familie! Carola Moosbach,
Kölner Autorin, - Gottesdichterin wird sie von
Dorothee Sölle genannt -, hat die Verleihung
des Bundesverdienstkreuzes vorgeschlagen. Dass ihr
Vorschlag aufgenommen wurde und Sie und ich heute
hier sind, haben weder Frau Moosbach noch ich uns
vorstellen können. Es zeichnet ein Land aus,
wenn es in seinen Ehrungen auf diejenigen blickt,
die sonst keine Stimme haben. Dass dies auch
für Opfer von Gewalt im Nahbereich zutrifft,
haben viele von uns mit Entsetzen im Jahr 2010
gesehen. Da haben Menschen erstmals nach Jahren und
Jahrzehnten von der erlittenen Gewalt spre-chen
können, weil sie die Hoffnung hatten,
gehört zu werden. 2010 haben wir auch
gesehen, dass Traumatisierung durch Menschengewalt
häufig langfristige und lebenslange Folgen hat.
Betroffene brauchen – neben der
psychotherapeutischen, medizinischen und
psychiatrischen Unterstützung – die Begleitung
von Menschen, die zuhören, sich von der Not
berühren lassen und nicht „davonlaufen beim
ersten Geruch des Schreckens“, wie Carola Moosbach
das in einem ihrer Gebetstexte nennt. Ich möchte den
Menschen danken, die diese Arbeit seit vielen Jahren
begleiten.
Ich danke meinen
Geschwistern, meiner Familie, unseren Kindern, und
allen voran meinem Mann. Johann, ohne deinen
beständigen und treuen Rückhalt
wäre eine solche Arbeit nicht leistbar.
Ich danke Frau
Gallinat-Schneider aus der Pfarrei St. Peter in
Bruchsal. Als ich dich, Mari-eluise, vor ca 10
Jahren fragte, ob du als Seelsorgerin eine Gruppe
Betroffener begleiten könntest, hast du
sofort zugesagt – wohl wissend, dass der direkte
Kontakt mit Betroffenen voraussetzt, dass du viel
Leid anhören musst. Die Gruppe in Bruchsal
weiß deine Authentizität, deine
Offenheit, deinen Humor und deine Hoffnung zu
schätzen – und ich auch.
Ich danke Pfr. Dr.
Sieger (nicht in Althebräisch, sondern in
Deutsch :-)). Jörg, du hast – genau wie
Frau Gallinat-Schneider - die Arbeit mit
Gewaltüberlebenden von Anfang an
unterstützt und immer ein offenes Ohr und
Zeit dafür gehabt. Nie vergessen werde ich,
wie ich von einem kirchl. Bildungshaus den
Bescheid erhielt, Gewaltüberlebende passten
nicht zum Profil dieses christlichen
Bildungshauses. Als du von dieser Absage an
Unterstützung erfahren hast, meintest du,
Gewaltüberlebende passten genau zum Profil
der Pfarrei St. Peter in Bruchsal. Später
hast du einmal gesagt, dass den Menschen in der
Pfarrei ohne die Betroffenen etwas fehlen
würde.
Ich danke Frau Dr.
Barbara Haslbeck aus Freising, früher Passau.
Du hast schon das Nötige zu unserem Kontakt
gesagt. Ich füge noch hinzu, dass deine
wissenschaftliche Arbeit zum Thema Missbrauch und
Religiosität für mich bis heute ein
wichtiges Hintergrundwissen bietet, auf das ich
bis heute zurückgreife. Dass ich die
konstruktive, sehr ehrliche, manchmal sehr
fröhliche Zusammenarbeit mit dir
schätze, weißt du.
Ich danke Frau Dr.
Bayer, die als Psychoanalytikerin und Supervisorin
die ersten Anfänge und den Fortgang dieser
Arbeit begleitet hat und mir immer neu wertvolle
Hinweise gab und gibt.
Ich danke den
Freundinnen und Freunden, denen ich von der Arbeit
– genauso wie vom weiterhin anhaltenden Schweigen
– erzählen konnte und die ein offenes Ohr
für Betroffene hat-ten.
Und schließlich
möchte ich den Betroffenen danken, die mir
ihr Vertrauen geschenkt haben. Es gehört zu
den schönsten Momenten in der Begleitung
traumatisierter Menschen, wenn sie Vertrauen zu
sich selbst, zu anderen Menschen und vielleicht
auch zu Gott finden. So wie ich Zeugin von oft
unsäglichem Leid wurde, das Kindern in ihren
Familien und im Nahbereich zugefügt wird, so
darf ich auch Zeugin sein, wenn Menschen Schritte
in die Freiheit gehen können. Ich habe Frauen
– und auch Männer – kennengelernt, die
tapfer, zuversichtlich, mit täglich
erneuerter Hoffnung, mit großer Geduld und
einer unerschöpflichen Bereitschaft, anderen
zu helfen, ihr oft sehr schweres Leben
bewältigen.
Diese Menschen sind mitten unter uns. Die
2010 veröffentlichten Zahlen von
Missbrauchsopfern haben uns gezeigt, dass wir
überall Gewaltüberlebenden begegnen, ohne
dies in der Regel zu wissen, denn sie tragen kein
Etikett auf der Stirn, das sie kenntlich machte.
Für Gewaltopfer ändert sich ihre ganze
Welt, wenn sie in ihrer Umgebung auf Menschen
treffen, die ein hörbereites Herz haben. Sie
hier können einen Beitrag dazu leisten und tun
dies ja längst, indem Sie zuhören, sich
nicht an den üblichen Opferbeschuldigungen
beteiligen und sich nicht dem Täterschutz zur
Verfügung stellen. So wird es möglich, das
Vertrauen von Gewaltopfern zu gewinnen und deren
Suche nach solidarischen Menschen zu beantworten. Ich kann Sie nur
ermutigen, dem Kontakt mit Gewaltopfern nicht
auszuweichen. Aus meiner Erfahrung kann ich Ihnen
versprechen, dass dieser Kontakt Sinn macht und eine
tiefe Freude bereitet. Er ist eine große
Bereicherung – sowohl für Sie als auch für
die Überlebenden von Menschengewalt. Ich nehme das
Bundesverdienstkreuz gerne an als Zeichen für
einen Paradigmenwechsel in Politik und Gesellschaft,
die begonnen haben zu verstehen, was Gewalt
anrichtet und dass Betroffene So-lidarität
brauchen. Ich nehme den
Verdienstorden auch stellvertretend für
diejenigen, die zum Schweigen gebracht wurden,
entgegen und verstehe ihn als Ermutigung, weiterhin
dafür zu kämpfen, dass sprachlos Gemachte
eine Stimme brauchen, nein, besser noch: viele
Stimmen brauchen, und auch Ihre. Vielen Dank!
Erika Kerstner
Ortsblatt der Gemeinde
Stutensee, Nr. 7, Jg. 2012, S. 1-2
Quelle: Badische
Neueste Nachrichten - Ausgabe Hardt, Nr. 25 vom
Dienstag, 31. Januar 2012 - Seite 15