|
Im Frühjahr 2000 entschied
ich - nicht zum ersten Mal und nie unangefochten - über meinen
Verbleib in meiner Herkunftskirche. Damals formulierte ich die
folgenden Positionen und Wünsche. Dies geschah vor allem im Blick
auf meine Kirche, die katholische. Diese Herkunft leugne ich nicht -
für Hinweise und ökumenische Horizonterweiterungen bin ich
jedoch dankbar.
Wäre nicht Gott meine Hilfe, bald
würde ich im Land des Schweigens wohnen.“ ( Ps 94, 17)
A. Horizont des Themas
1. In der Theologie, der Liturgie, der Seelsorge erleben Frauen
beständig ihre Minder-Wertigkeit. Diese Erfahrung teilen Frauen
mit Gewalterfahrungen in der Kindheit mit vielen anderen, nicht
traumatisierten Frauen. Traumatisierte Frauen erleben jedoch eine
spezifische Verlassenheit in kirchlichen Kontexten. Sie erleben eine
Fortsetzung ihrer Missachtung und zugleich eine himmlisch legitimierte
Fundierung der erlittenen Gewalt.
2. Unabhängig von der konkret erlebten Gewalt (Inzest, sexueller
Missbrauch, psychische oder physische Gewalt, Vergewaltigung,
Kombinationen der Gewaltformen) hat die menschliche Psyche nur
begrenzte Möglichkeiten, Gewalt zu erleben, zu überleben, zu
verarbeiten und sich künftig vor weiteren Verletzungen zu
schützen. Jede Lebensgeschichte und ihre Bewältigung ist
einmalig. Da die psychische Struktur des Erlebens - bei Frauen und
Männern - jedoch ähnlich ist, kann von gemeinsamen
Erfahrungen gesprochen werden.
3. Allein von sexualisierter Gewalt sind ¼ bis 1/3 aller
Mädchen betroffen. Es ist also davon auszugehen, dass auch in den
sonntäglichen Gottesdiensten mindestens jede 4. anwesende Frau
von Gewalterfahrungen geprägt ist.
4. Für früh traumatisierte Frauen sind Erfahrungen von
schutzloser Gewaltaussetzung, Stigmatisierung, Verrat in nahen
Beziehungen und Ohnmacht prägende, in die Persönlichkeit
eingegrabene Strukturelemente. Diese Strukturelemente werden durch
manche Erfahrungen im kirchlichen
Raum fortgesetzt und verstärkt. Dabei ist von einer Wechselwirkung
auszugehen: Die Kirche will sich nicht mit kritischen Anfragen zur
„Männerkirche“ auseinandersetzen und traumatisierte Frauen sind
oft nicht in der Lage, ihre Isolation zu durchbrechen, die
Sprachlosigkeit zu überwinden, ihr Erleben darzustellen und ihre
Rechte einzufordern.
B. Thesen: Wie ich Glauben, Theologie und Kirche erlebe
Nun stelle ich thesenartig die langfristigen Folgen von
Gewalterfahrungen von Frauen dar und skizziere, welche spezifischen
Probleme mit Glauben, Bibel und Kirche traumatisierte Frauen haben bzw.
haben können.
1. Die Erfahrung von Gewalt ist die tief eingegrabene und später
generalisierte Erfahrung von absoluter Ohnmacht. Das Vertrauen in die
eigene Fähigkeit, etwas/jemanden/eine Situation/sich selbst
verändern zu können, ist geschwächt oder genommen.
Zugleich haben Frauen/Mädchen oft über lange Jahre hinweg
erfahren, dass sie keine Hilfe finden. Zu oft wurden sie
überhört, übergangen, übersehen.
Zu oft mussten sie erleben, dass die Täter angesehen waren – und
sie
kein Ansehen hatten. Ihre Sprache – es ist die Sprache der Opfer, die
kenntnisreich entschlüsselt werden muss – wurde nicht verstanden.
- In
der
Kirche
wird diese Ohnmachtserfahrung von Frauen fortgesetzt. Immer
wieder und noch immer vergeblich fordern Frauen in den Kirchen die
ihnen zustehenden Rechte gleichwertiger Menschen ein, wie sie im
biblischen Menschenbild nachweisbar sind und im Umgang Jesu mit Frauen
bestätigt werden. Frauen jedoch müssen erleben, wie sie
über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg hingehalten,
vertröstet, ausgelacht und mit absurden Argumenten oder gar einem
Diskussionsverbot abgespeist werden, wenn sie ihre Rechte einfordern. In der alltäglichen und oft
beiläufigen Diskriminierung von Frauen in der Kirche – selbst die
Liedtexte sind noch voll davon – erleben sie die Fortsetzung ihrer
Missachtung. Diese Missachtung ist der erlebten Gewalt nicht
vergleichbar. Sie wird jedoch schleichend wie ein niedrig dosiertes
Gift aufgenommen. Sie scheint der Preis zu sein, den Frauen zu zahlen
bereit sein müssen, wenn sie mit
dem jüdisch - christlichen Gott in Kontakt kommen wollen. Der Kirchenraum ist
ein ausgeprägt
hierarchischer Raum, in dem die Orte der Frau, des Mannes, des Laien,
des
Priesters.... bis hin zum Ort Gottes klar definiert sind durch
Zuweisung
von Macht und Ohnmacht, Berechtigung und Nicht-Berechtigung, Über-
und
Unterordnung. Frauen stoßen in der soziologischen Verfasstheit
der
Kirche ständig auf Machtgefälle. Das Machtgefälle
hält die Erinnerung an ihre erlebte Ohnmacht fest und gibt der
Gewalt eine vom Himmel abgeleitete Berechtigung. Gegen die himmlisch
sanktionierten patriarchalischen Verhältnisse anzuleben, weil frau
nicht auf den Himmel verzichten will, erfordert große
Kraftanstrengung.
2. In der Gewalt erfährt die Frau, dass vertraute Menschen – im
Falle der Eltern die höchsten irdischen Autoritäten -
nicht vertrauenswürdig sind. Frau muss sich vor ihnen
schützen,
um weitere Verletzungen zu vermeiden. Wo sie Schutz und Hilfe erwarten
dürfte, erfährt sie Schutzlosigkeit und willkürliche
Gewalt.
„Es gibt nur einen Menschen, auf den ich mich verlassen kann – und das
bin ich selbst.“ So könnte eine Folge von Gewalterfahrung
umschrieben
werden. Diese Haltung half, die Situation der Gewalt zu überleben.
Diese Haltung wird hinfort aber in allen Beziehungen zur Falle, weil
sie
nicht erlaubt, Gefühle des Vertrautseins, der Abhängigkeit,
des
Angewiesenseins, der Hingabe zuzulassen.
- Glaube
spielt
sich
nicht im luftleeren Raum ab. Er ist Spiegelbild
menschlicher Erfahrungen. Menschen, die lernen mussten, dass die ersten
Vertrauenspersonen nicht vertrauenswürdig und sogar
gefährlich waren, haben unendliche Schwierigkeiten, Gott als
vertrauenswürdig zu erleben. Zugleich sind sie in ihrer
Hingabefähigkeit eingeschränkt, weil Hingabe und Nähe
immer schon mit Gewalt und Verletzung verbunden waren und immer wieder
angstauslösend sind. Verschärft wird diese gewordene
Un-Fähigkeit dadurch, dass die Gewalttäter oft Männer
sind und Gott noch immer als „Mann“ gedacht und erlebt wird. Für
Frauen mit Gewalterfahrungen im kirchlichen Kontext spitzt sich diese
Situation noch einmal zu: Gott ist ein Mann und steht – wie die
kirchliche Hierarchie auch - auf der Seite der (kirchlichen)
Männer/Täter. Glauben heißt, dem Gott
Israels und Jesu zu vertrauen. Traumatisierte Frauen haben gelernt,
dass Vertrauen gefährlich ist, verletzt und schändet. Es ist
um jeden Preis zu vermeiden. Zugleich fühlen sich diese Frauen
schuldig für ihre Vertrauensunfähigkeit.
3. Von Entführungs- und Folteropfern kennen wir das befremdende
Phänomen: Die Opfer identifizieren sich mit dem Aggressor. Dies
tun auch Kinder, die über längere Zeit willkürlicher
Gewalt ausgesetzt sind. Der Aggressor muss um jeden Preis Recht haben,
weil der Gedanke, dass die versorgende und Schutz gewährende
Autorität Unrecht haben und tun könnte, für ein Kind
unerträglich ist und sein Überleben gefährden
würde. Das Kind definiert also auch die gewalttätige
Autorität als gut.
Wenn nun eine gute Autorität Gewalt ausübt, jedoch per
definitionem kein Unrecht tun kann, dann gibt es nur eine
Möglichkeit: Die Gewalt ist gerechtfertigt, weil das Kind
böse und schlecht ist und Schuld an der Gewalt hat. Dieses
Gefühl der Schuld und Schlechtigkeit, gefolgt von dem Gefühl
der Scham, wird in die Persönlichkeit des werdenden Menschen
eingegraben. Die Schutz gebende Autorität kann so gerettet werden
– Selbstwertgefühl und Integrität des Opfers bleiben auf der
Strecke. „Seelenmord“ ist ein für diese Erfahrung zutreffender
Begriff.
- In
der Kirche wird das Gefühl der Schuld, der Schlechtigkeit und der
nachfolgenden Scham zementiert. In der Bibel, in der Auslegungs- und
Wirkungsgeschichte der Bibel, in der Geschichte der Kirche –
überall
stoßen Frauen darauf, dass sie Schuld haben. Sie haben Adam
verführt, ihnen ist die Vertreibung aus dem Paradies anzulasten,
sie sind das Einfallstor des Teufels.... Gott wird zu einem Gott, der auf
der Seite der Mächtigen, der Männer, der Täter steht.
Die Botschaft von einem befreienden, aus Knechtschaft
herausführenden Gott gerät unter der Hand für
traumatisierte Frauen zu einer Botschaft von einem Gott, der jedenfalls
nicht auf der Seite der Frauen steht. Klammheimlich und über
lange, schreckliche Zeiten unerkannt wird diese Gottesvorstellung
mitgeschleppt und kann im Untergrund ihr zerstörerisches Werk
tun. Die reflektierten Gottesvorstellungen mögen die Sprache der
Befreiung kennen –
die körperlichen und seelischen Erfahrungen wissen nichts davon.
4. Im öffentlichen Diskurs ist es ebenso ausgemacht wie vor
Gericht: Die Opfer sind selber Schuld. Das Gefühl der
Zugehörigkeit zu anderen Menschen verschwindet, weil die
Gewalterfahrung die Frau mit dem Gefühl der
Nichtzugehörigkeit, des Andersseins und dem Gefühl der
Stigmatisierung zurücklässt. Die Frau mit Gewalterfahrung
erlebt sich isoliert und wie mit einem allen sichtbaren Kainsmal
versehen. Das Gefühl, Schuld zu haben, vergiftet jede
Lebensäußerung. Wer Schuld auf sich geladen hat, hat keine
Rechte und keine Berechtigung. Der biblische Kain wusste es: Er hatte
Schuld und musste sich folglich verbergen, ruhelos und rastlos, d.h.
auch heimatlos, hatte er zu sein. Wer ihn fände, würde ihn
erschlagen. Nun war Kain ein Mörder –
und Frauen sind Opfer. Dennoch kennen traumatisierte Frauen dieses
Lebensgefühl. Die ihnen zugewiesene Schuld an der Gewalt - sie ist
von realer Schuld zu unterscheiden! - hindert sie daran, Gott oder
Menschen wirklich nahe zu kommen.
Nähe bedeutet dann immer schon, dass die Schuld der Frau erkannt
würde
und ihr ohnehin prekäres Gefühl der Existenzberechtigung noch
fragiler würde. Nähe und Verbundenheit sind also zu meiden.
- In
der Kirche ist – mehr noch als sonst in der Gesellschaft üblich
– der Mann der Normalfall des Menschen. Die Frau ist die „Andere“, die
nicht dazugehört, die nicht Teil hat an den Rechten des
menschlichen
Normalfalles, die sich männlicher Definitionsmacht ihres „Wesens“
zu unterwerfen hat – die theologische Literatur über Maria mag als
Beispiel dienen. Frauen mit Gewalterfahrungen
erfahren in der Kirche eine Bekräftigung ihres Andersseins, die
sie mit der ganzen Wucht mehrtausendjähriger theologischer
Tradition trifft. Ein Gefühl der Zugehörigkeit ist unter
diesem Ballast kaum noch auszumachen.
5. Im Falle sexualisierter Gewalt – aber nicht nur dort – ist
es offensichtlich, dass Frauen über ihr Geschlecht und ihre daraus
abgeleitete gesellschaftliche Rolle definiert werden. Sie werden Opfer,
weil sie weiblich sind. (Dass auch Männer Opfer werden, bleibt
dabei unberührt.)
- In
der kirchlichen Optik gibt es Frauen nahezu ausschließlich als
Jungfrauen, Mütter und Ehefrauen. Sie werden über ihr
Geschlecht
definiert. (Männer hingegen würden es sich – zu Recht -
verbitten,
ausschließlich als sexuell unerfahrene Männer oder als
Ehemänner
oder als Väter definiert zu werden.) Von der Kirche haben Frauen
mit Gewalterfahrungen keine Ermutigung und Unterstützung zu
erwarten,
wenn sie sich auf die Suche nach einer Identität machen, die die
sexuelle Identität integriert und sie zugleich überschreitet.
Kirchlich vermitteltes weibliches Rollenangebot verkrüppelt statt
zu befreien.
6. Kindliche Gewaltopfer wissen sehr genau, dass sie zu schweigen
haben. Das Schweigen brechen zu lernen kann Jahre und Jahrzehnte dauern
und ist höchst angstbesetzt. Wird das Schweigen gebrochen, dann
muss über die Folgen des Patriarchats für Frauen und Kinder
gesprochen werden. Hierarchien müssen in Frage gestellt werden.
Himmlische Legitimation irdischer patriarchaler Verhältnisse ist
zu befragen. Auch vor einem Gottesbild, das einen gewalttätigen
Gott zeigt (Opfertheologie, Jahwe als Kriegsherr, Jahwe als
Vergewaltiger
in Nah 3,5-6; Hos 2,12), kann nicht Halt gemacht werden. Die Angst ist
eine doppelte: Zunächst die Angst vor dem Brechen eines
gesellschaftlichen
und kirchlichen Tabus – dann aber auch die Angst, die entsteht, wenn
eigene
vertraute und liebgewordene Denkgewohnheiten aufgegeben werden
müssen.
- Die
Bücher, auf die sich die Christen berufen, sind patriarchalische
Bücher, geschrieben in patriarchalen Zeiten. In der Bibel kommen
Frauenerfahrungen eher am Rande vor, Frauen sind tendenziell
unsichtbar. Die Wirkungsgeschichten vieler biblischer Texte
verschärften die Randständigkeit und Ausgrenzung von Frauen.
Die Kirchengeschichte tat ein Übriges dazu, Frauen zum Schweigen
zu bringen. Hexenverbrennungen gehören der
Geschichte an – vergessen sind sie nicht. Oft wurde Frauen die Rolle der
Projektionsträgerin zugewiesen, die die dunklen und abgewehrten
Kehrseiten männlicher Macht zu tragen hatten. Die Weigerung von
Frauen, Projektionsträgerin zu sein, muss zu starker Angst auf
Seiten der Machthaber führen und heftige Gegenreaktionen
auslösen. So wird verständlich, dass das Paulus-Wort von der
in der Kirche schweigenden Frau seine nahezu ungebrochene Wirksamkeit
entfalten kann und Frauen, die sprechen, als hysterisch denunziert
werden. Weil Frauen diese Formen heftigster Abwehr kennen,
fürchten und teilen (!), scheint ihr Schweigen allemal sicherer zu
sein. Wenn das Sterben Jesu die
logische Konsequenz
eines Lebens an der Seite der Opfer von Gewalt war, dann kann unser
Schweigen
sich allerdings nicht auf Jesus berufen. Dies auch dann nicht, wenn
Frauen
zur Abwechslung mal im eigenen Interesse erzählen und sprechen.
C.
Ausblick: Drei Möglichkeiten
- Ich
kann einem „Gott der Täter“ den Laufpass geben - und mit ihm
zusammen auch einem vielleicht überraschend anderen Gott. Damit
verzichte
ich auf eine entscheidende Dimension meines Lebens.
- Ich
kann auch den „Gott der Täter“ retten – auf meine und unsere
Kosten, indem ich meine Hoffnung auf Anerkennung und Wahrgenommenwerden
begrabe und auf eine eigene, berechtigte Identität verzichte.
- In
beiden Fällen bleibt immer jemand auf der Strecke: Ich selbst mit
Sicherheit. Vermutlich auch ein biblischer Gott, von der ich die
Hoffnung
nicht aufgeben mag, dass Sie auf meiner Seite steht. Dann bleibt also
nur ein dritter Weg: Sich beharrlich und geduldig miteinander auf die
Suche nach einem hilfreichen Gott zu machen, die auch für
traumatisierte Frauen ein offenes Ohr hat.
4.11.2000
Erika Kerstner
|