Hoffnungsseite

Susanne Kristen

Frei sein

Frei will ich sein.
Aber du hast mich gebunden:
Mit den Wunden meines Körpers und den Wunden meiner Seele,
Mit Todesfurcht, Einsamkeit und Verzweiflung,
Mit Schmerz, Ohnmacht und Entsetzen,
Dich kniend um Gnade anbetteln zu müssen.
Mit meiner Angst vor dir,
Deinem Vergnügen an meiner Qual.
Mit der Trauer um alles Fröhliche,
Dem Schweigen über das Unsagbare,
Dem Glauben, das alles zu verdienen,
Der Hoffnung, etwas ändern zu können.
Mit meiner Liebe zu dir.

Frei wollte ich sein.
Ich habe mein Leid verborgen, vergessen, bekämpft,
Erinnert, angeschrieen und betrauert.
Aber so wurde ich nicht frei.

Wenn ich nicht ohne mein Leid leben kann, will ich mit ihm leben.
Ich will umarmen, die ich in meinem Leid geworden bin,
Und mich willkommen heißen.
Ich verdiene es zu leben.
Ich kann nicht frei sein?
Wenn ich mit meinem Leid tanzen und singen und erschaffen kann,
Wenn alles in mir das Leben feiern kann,
Bin ich schon jetzt ganz,
Bin ich schon jetzt frei.

(in: Spiegel meiner Seele, hrsg. von Petra Pauls, Lumen Verlag, Freiburg i.Br. 2005, S. 150 f.)
http://www.lumen-verlag.de/





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