Initiative
„Gewaltüberlebende Christinnen und GottesSuche. Arbeits- und
Selbsthilfegruppe “ im Internet und in der Bruchsaler Gruppe
Wer dem Menschen zum
Opfer fiel; wer Gewalt – zumal im Nahbereich – erlebt hat; wer bereits
als Kind Opfer körperlicher, sexueller oder seelischer Gewalt
wurde, der leidet häufig lange oder lebenslänglich an den
Folgen der Gewalt. In Deutschland müssen wir davon ausgehen, dass
40% Prozent aller Frauen zwischen 16 und 85 Jahren (Migrantinnen in
noch höherem Maß) Opfer von Gewalt werden. Wir wissen
darüber hinaus, dass jedes 7. Mädchen und jeder 10. Junge
zwischen 0 und 14 Jahren Opfer sexueller Gewalt i.e.S., d.h. von
Vergewaltigung, wird. Manche der durch
Gewalt Traumatisierten finden gute professionelle Hilfe; viele finden
sie nicht. Ob die Frauen nun therapeutische Hilfe suchten und fanden
oder nicht – die Frage nach dem SINN
bleibt auch lange nach der
Überwindung der schlimmsten Traumafolgen bedrängend. Sie ist
eine genuine Glaubensfrage. Wer dem Menschen zum Opfer fällt und
keine Hilfe findet, dem zersplittert das Vertrauen in sich, in andere
Menschen und in Gott. Ob es je wieder aufgebaut werden kann, hängt
auch davon ab, ob andere Menschen sich als vertrauenswürdig zeigen
und Traumatisierte ihre SOLIDARITÄT
erfahren lassen oder nicht.
Im Sommer 2000 begann
ich mit meiner Suche nach Gewaltüberlebenden Frauen, die die
Sinnfrage vor dem Hintergrund ihres christlichen Glaubens stellen
wollten. Im April 2002 setzte ich die Suche per Internet fort. Die HP
GottesSuche entstand. In einem längeren Prozess des
Vertrautwerdens mit diesem Medium und im Austausch mit inzwischen
über 200 Betroffenen entwickelten wir miteinander entlang unserer
Bedürfnisse und Hoffnungen die HP „GottesSuche“ mit
Betroffenenforum und Mailingliste. Es zeigte sich, dass die
schützende Anonymität des Internet eine Hilfe ist. Nicht
selten erlaubt sie Betroffenen, erstmals in ihrem Leben von
Gewalterfahrungen und den Folgen zu erzählen. Häufig tun sie
das erst, nachdem sie sich manchmal monatelang überzeugt haben,
dass das Gegenüber zuverlässig, ehrlich,
vertrauenswürdig und parteiisch für Opfer ist. Die
Mailingliste erlaubt es, einander auf Gegenseitigkeit zu
unterstützen. Sie lässt Gewaltopfer erfahren, dass sie nicht
nur der Hilfe und Solidarität bedürftig sind, sondern selber
solidarische Helferinnen sein können; eine Erfahrung, die ein
gutes Gegengewicht zur Ohnmachtserfahrung der Gewalt ist. Inzwischen
ist vor allem in der stark frequentierten Mailingliste eine
Internet-Gemeinde von Christinnen entstanden, die sorgsam mit sich und
miteinander umgeht und auch in kritischen Situationen - wie
Therapieabbruch, Therapeutensuche, vergebliche Suche nach
seelsorglicher Begleitung, Erfahrung der Solidaritätsverweigerung
- ihre Tragfähigkeit gezeigt hat. Im Vordergrund des
Gespräches steht die alltägliche Bewältigung eines
Lebens, das von den üblichen Traumafolgen durch menschliche Gewalt
belastet ist – und immer neu die Frage, auf wessen Seite der biblische
Gott zu finden ist: Auf der Seite der GewalttäterInnen, der Opfer
oder der Zuschauer.
Die häufige
Erfahrung der Solidaritätsverweigerung in Familie, Beruf,
Nachbarschaft, Kirchen lässt uns immer neu daran zweifeln, dass
wir, die wir oft bereits als kleine Kinder unter die Räuber
fielen, tatsächlich diejenigen sein sollen, denen ein gefolterter
und ermordeter Jesus die Solidarität Gottes mit uns zeigen wollte.
Andererseits machen wir miteinander die tragfähige Erfahrung, dass
dieser biblische Gott oft unsere letzte und nicht selten auch die
einzige Rettung aus einem entsetzlich einsamen und von Gewaltfolgen
geprägten Leben ist. Es ist eine gute Erfahrung – und wir sind
immer neu dankbar, dass wir sie miteinander in der Mailingliste – und
mit den wenigen solidarischen Menschen außerhalb der Liste –
teilen dürfen. Unter uns sind auch Frauen, die sich erstmals oder
ganz neu auf die Suche nach hilfreichen Perspektiven des Christentums
im Leben mit den Traumafolgen gemacht haben.
Im Sommer 2003
entstand nach längerer und lange vergeblicher Vorarbeit eine
Vor-Ort-Gruppe gewaltüberlebender Christinnen. Sie ist in der
Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal, beheimatet und wird von der
Bruchsaler Gemeindereferentin Marieluise Gallinat-Schneider
seelsorglich begleitet. Dort habe ich auch in Pfr. Dr. Jörg
Sieger einen kirchlichen Verbündeten gefunden, der als
Seelsorger Gewaltüberlebenden zur Verfügung steht und
ebenso wie Frau Gallinat-Schneider das Anliegen, Gewaltüberlebende
in der Kirche zu beheimaten, von Anfang an wohlwollend begleitet und
effektiv unterstützt hat. Diese Namen seien stellvertretend
für einige solidarische Menschen genannt, die sich in fünf
Jahren gewinnen ließen.
Die HP GottesSuche
und die Bruchsaler Gruppe sind ein Zusammenschluss gewaltbetroffener
Frauen, die sich gegenseitig im Leben mit Traumafolgen und auf der
Suche nach Sinn und einem auch mit ihnen mitgehenden Gott
unterstützen. Sie sind zugleich Arbeitsgruppen. Wir denken dort
immer neu auch darüber nach, welche Varianten der Abwehr von
Opfern wir permanent erleben, welche Position ChristInnen einzunehmen
hätten und wie es möglich werden kann,
Gewaltüberlebenden in ihren Kirchen eine Heimat anzubieten. Eine
große Hilfe ist bei diesem Nachdenken und dem Brückenbau zu
den Kirchen Dr. Barbara Haslbeck, Mitglied der Mailingliste GottesSuche
und Theologin. Sie bringt ihre vielfältigen Erfahrungen im Umgang
mit Gewaltopfern ebenso ein wie ihre wissenschaftliche Arbeit , die –
erstmals im deutschsprachigen Raum – im Gespräch mit
Gewaltüberlebenden entstand und den Zusammenhang zwischen Glauben
und sexueller Gewalt thematisiert.
Gelernt haben wir in
diesen Jahren, dass die wahren Trennungslinien nicht zwischen
Männern und Frauen verlaufen („Männer sind Täter, Frauen
sind Opfer“). Es gibt zweifellos eine geschlechtsspezifische
Rollenverteilung, die nicht unterschlagen werden darf. Aber die
entscheidenden Trennungslinien verlaufen zwischen TäterInnen,
Opfern und ZuschauerInnen. Dennoch wendet sich die Initiative
GottesSuche ausschließlich an Frauen, weil die meisten von ihnen
Opfer von Männern wurden. Gelegentliche Anfragen von
männlichen Gewaltopfern zeigen, dass es auch bei ihnen einen
Bedarf an Gruppen gibt. Unserer Solidarität und Unterstützung
dürfen sie gewiss sein. Wenn Sie eine Gruppe
Gewaltüberlebender gründen möchten, müssen
Sie zwei
Voraussetzungen mitbringen: Sie müssen berührbar sein von
menschlichem Leid – und zugleich dürfen Sie eine gute Distanz
nicht verlieren. Nur wenn Sie zur Zusammenarbeit mit Betroffenen bereit
sind, können Sie hilfreich sein, weil Sie im anderen Fall an den
Bedürfnissen der Gemeinten vorbeigehen. Es scheint nötig zu
sein, solche Gruppen auf einer mittleren Ebene (einem Dekanat etwa)
anzusiedeln. Wichtig ist, dass Ansprechpartnerinnen mit Name, Adresse
und Gesicht kenntlich sind und die Anonymität Betroffener, die das
wünschen, schützen - denn noch immer sind es die Opfer, die
sich schämen und die beschämt werden. Unabhängig davon,
ob Sie selbst traumatisiert sind – was ja angesichts der Zahlen
Gewaltbetroffener nicht unwahrscheinlich ist – oder nicht, müssen
Sie einige Aspekte bedenken:
Sie brauchen neben
einer vermutlich nötigen Supervision ein stabiles Netz von guten
und kritischen FreundInnen. Sie müssen mit unglaublichen
Widerständen und massiv anhaltendem Schweigen und
Abgewimmeltwerden rechnen. Man wird Sie offen oder subtil aus dem
Dialog von Menschen ausgrenzen, Sie isolieren und Ihnen, falls Sie
selbst Gewaltopfer sind, Unzurechnungsfähigkeit unterstellen.
Verbündete finden Sie oft da, wo Sie nie damit gerechnet haben und
selten da, wo Sie sicher waren, sie anzutreffen. Gewalt spaltet – auch
die bislang stabilsten Freundeskreise und die besten Mailinglisten.
Bedenken Sie immer, dass Ihr Gegenüber, das Sie um
Unterstützung bitten, TäterIn sein könnte oder Opfer
oder ZuschauerIn. Sie sind eine Bedrohung – möglicherweise
für alle. Als bereits Traumatisierte sollten Sie mit
Retraumatisierungsgefahr durch das ubiquitäre Schweigen umgehen
können; als Nicht-Traumatisierte sollten Sie viel über
Traumatisierung wissen und mit Sekundärtraumatisierung rechnen.
Menschen werden Ihnen, wenn Sie sich als vertrauenswürdig erwiesen
haben, erzählen, was mitten in Deutschland, hier bei uns, im
Nahbereich, hinter der Fassade von Normalität an Gewalt gegen
Frauen und kleine Kinder schon möglich ist und wovon die bislang
zu niemandem sprechen durften. Um dieses für Traumatisierte
überlebensnotwendige Erzählen aushalten zu können,
brauchen Sie eine möglichst stabile Verankerung – Gott ist m.E.
eine gute, nein, die beste Adresse dafür. Sie werden aber auch
erleben, wie Ihr Leben an Tiefe, Fülle und Dankbarkeit gewinnt,
wenn Sie an Leben und Glauben Gewaltüberlebender Anteil nehmen.
Neben den Belastungen werden Sie tiefe Freude kennenlernen und
vielleicht überrascht sein, dass auch Sie – und gerade Sie – einem
anderen Menschen Hoffnung schenken konnten. Einem Menschen in Not
Schwester oder Bruder zu werden, gibt dem Leben Sinn. Und darum geht
es: Um Sinn und um Solidarität. Für Gewaltüberlebende
ist die Erfahrung von Sinn und von erfahrener und geschenkter
Solidarität eine gültige Übersetzung des Wortes vom
„Reich Gottes“, das hier und heute schon anfängt. Ich möchte
Sie einladen und ermutigen, den Weg Gewaltüberlebender mitzugehen
– er ist nicht immer einfach, zugleich ist er jedoch für alle
Beteiligten eine Bereicherung. Für konkrete
Fragen, Adressen, Tipps stehe ich – so Gott will :-) und soweit meine
Kraft reicht - zur Verfügung. Erika Kerstner -
Löwenstr. 17 - 76249 Stutensee - Tel. 07249-1561 - rika_k@web.de
Veröffentlicht S. 51-53 in: Gemeinsam
gegen Gewalt. Eine Arbeitshilfe zum Umgang mit häuslicher Gewalt
gegen Frauen in Gemeinde, Frauenseelsorge, Männerseelsorge und
kirchlicher Bildungsarbeit. Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der
Deutschen Bischofskonferenz und Kirchliche Arbeitsstelle für
Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen
Diözesen. Im Auftrag der Unterkommission "Frauen in Kirche und
Gesellschaft" der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz.
Herausgeberinnen: PD Dr. Hildegund Keul, Dr. Andreas Ruffing Die Arbeitshilfe kann kostenlos bei der Frauenseelsorge
der Deutschen Bischofskonferenz bestellt werden.