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„Wir fürchten uns, etwas gegen üble Praktiken zu sagen, und lassen so zu, dass wir und andere missbraucht und beschädigt werden. Wir sind Opfer und Täterinnen zugleich. Sei uns gnädig, Gott und schenke uns deine Barmherzigkeit.“- So war die Formulierung des Schuldbekenntnisses beim Weltgebetstag der Frauen 2006. Zwei Frauen protestierten dagegen, dass sie als "Opfer und Täterinnen zugleich" angesprochen werden.


1. Brief   + Antwort
2. Brief   + Antwort





Erster Brief
Erika Kerstner
Adresse
rika_k@web.de
4.3.2006


An den
Weltgebetstag der Frauen – Deutsches Komitee e.V.
Deutenbacher Str. 1
90547 Stein
weltgebetstag@weltgebetstag.de


Sehr geehrte Frau H.!

Im Schuldbekenntnis des diesjährigen Weltgebetstages hieß es: „Wir fürchten uns, etwas gegen üble Praktiken zu sagen, und lassen so zu, dass wir und andere missbraucht und beschädigt werden. Wir sind Opfer und Täterinnen zugleich. Sei uns gnädig, Gott und schenke uns deine Barmherzigkeit.“

Ich fürchte mich durchaus. Aber nicht so sehr, dass ich schweigen würde und deswegen nichts gegen üble Praktiken sagen würde. Aus diesem Grund protestiere ich gegen dieses Schuldbekenntnis. In meinem Namen wurde es nicht gesprochen. Ich tue dies vor dem Hintergrund, dass ich selbst Gewaltüberlebende bin und in einer realen und einer virtuellen Arbeits- und Selbsthilfegruppe gewaltüberlebender Christinnen arbeite.

Ich möchte Ihnen gerne meinen Protest begründen:
1. Jeder Täter und jeder Zuschauer von Gewalt kann sich über dieses Schuldbekenntnis nur freuen. Auf der Strecke bleiben Frauen, die als Kinder schon Gewaltopfer wurden und oft unsägliche Dinge erleiden mussten und tun mussten. Auf der Strecke bleiben Frauen, denen in Beziehung oder im sonstigen Nahbereich ebenso wie von Außenstehenden Gewalt angetan wurde. Der Text erweckt den Eindruck, als seien ausnahmslos alle, die Opfer wurden, zugleich Täterinnen und hätten somit zugelassen, dass sie selbst missbraucht und beschädigt wurden. Der Text impliziert, dass die Opfer aktiv zugelassen haben, womöglich unterstützend, dass ihnen Gewalt angetan wurde. Dies ist unerträglich. Ob es bösartig ist, kann ich nicht entscheiden – fahrlässig ist es in jedem Fall.

2. Dieses Schuldbekenntnis vertieft einen psychischen Mechanismus, den man in der Fachsprache „Identifikation mit dem Aggressor nennt“ und gegen den alle Gewaltopfer sehr zu kämpfen haben. Opfer von Gewalt – kindliche Opfer ohne jede Chance der Reflexion und Distanzierung; aber auch Erwachsene, wie der Wallert-Fall vor einigen Jahren aller Öffentlichkeit eindrücklich vor Augen führte – suchen immer zuerst die Schuld für die ihnen angetane Gewalt bei sich selbst. Sie übernehmen im Dienste des Überlebens die Tätersicht. In einem langen und qualvollen Prozess der Heilung erst lernen sie, diese Sicht gegen viele Ängste, nicht selten Todesängste, und Zweifel zu verändern. Das Schuldbekenntnis wirft diese Menschen in Selbstbeschuldigung zurück. Es ist unerträglich. Ich kann nur hoffen, dass Gewaltopfer am letzten Freitag nicht da waren – aber das ist unwahrscheinlich, wenn auch in Deutschland jede 4. bis 3. Frau Opfer von Gewalt wurde. Dann bleibt mir nur zu hoffen, dass diese Frauen einfach nicht zugehört haben. Von einigen weiß ich, dass sie zuhörten – es bekam ihnen ziemlich schlecht.

3. Ein öffentliches Gebet hat eine ganz eigene Qualität. Es ist anders als ein Vortrag und jede andere Art des Sprechens von Menschen. Es ist ein verbindliches Sprechen im Angesicht Gottes. Es trifft auf Menschen, die sich für Gott öffnen. Nur so macht Beten auch Sinn. Beten können nur hörbereite Menschen. Was sie hören, heilt – oder verletzt. In der Situation des Betens sind Menschen sehr schutzlos. Für Gewaltopfer ist die Schutzlosigkeit des Betens gefährlich, weil sie verwundbar macht. Und den Missbrauch der Schutzlosigkeit eines Menschen - den kennen Gewaltopfer, den haben sie erlitten.
Beten bedeutet auch, dass Gott zum Zeugen gerufen wird. Im Schuldbekenntnis des WGT wurde Gott zum Zeugen dafür gerufen, dass Opfer zugleich Täterinnen sind. Sie (!) sollen Gott um Vergebung dafür bitten, dass sie (!) missbraucht und beschädigt wurden. Ich und die Frauen mit mir – wir können das nur als einen Missbrauch des Namens Gottes und als Gotteslästerung des biblischen Gottes verstehen.

4. Ein öffentliches Gebet wird auch vor und in der Gemeinschaft der MitchristInnen gesprochen. Das Schuldbekenntnis des WGT legt Zeugnis dafür ab, dass Opfer auch TäterInnen sind. Das ist ein falsches Zeugnis. Es verstößt gegen das Gebot, vor Gericht, d.h. im Ernstfall, kein falscher Zeuge sein zu dürfen. Ein Gebet ist der Ernstfall, ein weltweites Gebet allemal.

Nun wissen weltweit alle Frauen, die zum Weltgebetstag der Frauen gingen, dass Opfer irgendwie selber schuld sind, wenn ihnen Gewalt angetan wurde. Genau das wussten die Frauen auch bisher schon. Nichts Neues. Nichts Befreiendes für Opfer von Gewalt. Nichts, was die Mauer der Abwehr gegen die Opfer ein ganz klein wenig durchlässiger machen würde für Menschen, die dem Menschen unterlagen.

Ich bin entsetzt, obwohl mir dieses Denken auch in Deutschland und auch in den Kirchen sattsam bekannt ist. Dass ausgerechnet der WGT der Frauen sich nahtlos einreiht in die Riege derer, die Opfer als Täterinnen beschuldigen - das tut weh. Ich kann nur hoffen, dass der biblische Gott sich nicht instrumentalisieren lässt für die Interessen derer, die die Opfer zum Schweigen bringen möchten. Er – oder Sie – ist meine letzte Hoffnung.

Diesen Protest werde ich – trotz meiner Furcht – auf der HP Gewaltüberlebender Christinnen und GottesSuche veröffentlichen.

Ich verbleibe in Erwartung Ihrer Antwort
Erika Kerstner und weitere vier Unterzeichnerinnen

Nachtrag: Eine weitere Frau hat sich angeschlossen.






Antwort
23.3.2006 Die Verantwortliche schreibt: "Auf gar keinen Fall will der Weltgebetstag sich in die Riege derer einreihen, die Opfer und Überlebende sexueller Gewalt als Täterinnen beschuldigt. Hier bitte ich Sie um Entschuldigung, wenn aufgrund unklarer Formulierungen dieser Eindruck entstanden ist. ......Dass die  von Ihnen genannte Formulierung leider nicht ganz eindeutig in diesem Sinne zu verstehen ist, bedauere ich zutiefst. Wir werden bei künftigen Gottesdienstordnungen verstärkt darauf achten müssen, ob das Anbliegen der Schreiberinnen auch unmissverständlich zum Ausdruck kommt."
27.3.2006 In einem weiteren Briefwechsel zeigt sich, dass die Adressatin des Protestbriefes sich die Mühe gemacht hat, WIRKLICH hinzuhören und die Formulierung des Weltgebetstages der Frauen einmal aus der Perspektive von Gewaltopfern gelesen hat. Dafür danke ich von Herzen - es ist noch immer die Ausnahme, dass nicht mit einer erneuten Opferbeschuldigung, noch ein wenig subtiler als die erste - reagiert wird, sondern mit offenem Ohr und Herzen. Diese Reaktion macht Mut und Hoffnung!
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2. Brief

an


Frau H.
Weltgebetstag der Frauen - Deutsches Komitee e.V.
Postfach 1240

90544 Stein


Weltgebetstag der Frauen                            

Ortschaft, am Weltfrauentag 2006.

Sehr geehrte Frau H.,

ich schreibe Ihnen aus aktuellem Anlaß.

Vor etwas mehr als drei Jahren bin ich einmal zum Opfer von Gewalt aus dem nahen Umfeld geworden – als erwachsene Frau, in einem begrenzten Raum und Rahmen, ohne irreparable Folgen für meinen äußeren Lebensweg und nach einem Leben, das bis dahin sicher und glücklich, ohne Erfahrungen von Gewalt, verlief. Ich bin, abgesehen natürlich davon, daß ich eine Frau bin, in so ziemlich jeder Hinsicht privilegiert, in der man es in unserem Land sein kann: familiär, sozial, finanziell, gesundheitlich, körperlich, edukativ und beruflich. – Nichts aber, wirklich nichts von all dem hat mich davor bewahrt, in die Strukturen zu geraten, in die Menschen, und ganz besonders Frauen, geraten, die in unserer Gesellschaft zum Opfer von Gewalt werden. Diese Strukturen sind Ihnen bekannt; das weiß ich aus Ihren Publikationen zum Thema sexualisierter Gewalt an Kindern. Ich nenne nur Schlagwörter: Schweigen – Wegsehen – Vermeidung – Verharmlosung – abstrahierende Verklärung – Nivellierung von Täter und Opfer – Täterschutz und Opferbeschuldigung.

Die Konsequenzen für mich waren grausam und verheerend: In fast sofortiger Folge wurde ich – fassungslos und verstört, in einer Welt, die ich nicht mehr verstand – wieder, nochmals zum Opfer zunächst von Mißbrauch, dann von neuer Gewalt. In dem langen Verarbeitungsprozeß, der seitdem für mich begonnen hat und noch andauert, habe ich viele andere Betroffene, ganz überwiegend Frauen, kennengelernt, die zum Opfer psychischer oder physischer, oft sexualisierter, immer aber systematischer Gewalt wurden und an deren Bewältigungsprozessen ich in unterschiedlichem Maße seither teilhabe.

Damit komme ich zum aktuellen Anlaß meinen Schreibens: Vor einigen Tagen berichtete mir eine Bekannte, selber Gewaltbetroffene, von dem „Schuldbekenntnis“, das sie in der Liturgie zum Weltgebetstag der Frauen miterleben mußte und dessen gedruckte Form sie an mich weitergegeben hat. Darin heißt es:


„Wir fürchten uns, etwas gegen üble Praktiken zu sagen, und lassen so zu, dass wir und andere missbraucht und beschädigt werden. Wir sind Opfer und Täterinnen zugleich. Sei uns gnädig, Gott und schenke uns deine Barmherzigkeit.“

Liebe Frau Heilig: Diese Sätze sind für eine gewaltbetroffene Frau wie ein Schlag ins Gesicht. Für meine Bekannte waren sie es. Ich wage mir kaum auszurechnen, wie viele Schläge in wie viele Gesichter gewaltbetroffener Frauen diese Sätze am Weltgebetstag in Deutschland waren. Statistisch gesehen müßten es etwa 370.000 Schläge gewesen sein. Mehr als eine Million Frauen, schreiben Sie auf Ihrer Webseite, feiern in Deutschland den Weltgebetstag. 37 % aller Frauen in Deutschland, so eine Studie des Bundesfamilienministeriums, werden allein im Erwachsenenalter zum Opfer körperlicher Gewalt.

Wer einmal zum Opfer von Gewalt wurde, der – die! – muß in einem jahre- und oft lebenslangen Prozeß zur Verarbeitung und auch zum Schutz vor neuer Gewalt, für die ein erhöhtes Risiko besteht, vor allem zwei Dinge lernen:

1.    dringlichst: Die Schuld für die erlebte Gewalt nicht bei sich selber zu suchen. Dies nämlich tun nicht nur Kinder, sondern fast ausnahmslos alle Opfer von Gewalt immer wieder. Sie entsprechen damit nicht nur einem bekannten Täterintrojekt, sondern sie befriedigen oft auch ein Bedürfnis ihres Umfelds und in einem weiteren Sinne der ganzen Gesellschaft.
2.    Die Strukturen zu begreifen – und idealerweise nicht zu befolgen –, die hinter diesem Bedürfnis stehen und die dazu führen, daß Gewalt in aller Regel nach Kräften totgeschwiegen wird; nicht nur im Zweifelsfall auf Kosten des Opfers.

Das „Schuldbekenntnis“ aus der Liturgie zum Weltgebetstag der Frauen ist einem solchen Prozeß nicht förderlich. Schlimmer noch: Es wirkt ihm mit bemerkenswerter Exaktheit entgegen. Nach meinem Verständnis transportieren die Sätze zwei Botschaften:

1.    Eine Generalisierung, Verteilung und damit auch Zuweisung von Schuld an alle, also auch an gewaltbetroffene Frauen. Gemeint ist dabei nicht einmal Schuld in einem abstrakten Sinne, sondern es handelt sch ausdrücklich um eine sehr konkrete: die Schuld an Gewalt und die Schuld daran, Gewalt nicht zu verhindern.
2.    Eine nicht einmal unterschwellige, sondern ausdrückliche Gleichsetzung von Opfern und Tätern!

Das sind die Strukturen, von denen ich oben schrieb. Ich bin über das „Schuldbekenntnis“ und das darin enthaltene Gedankengut entsetzt. Mit allem Nachdruck möchte ich dagegen protestieren; für eine Erklärung wäre ich dankbar.

Es scheint am Ende dieses Briefs wie Hohn, ist aber nur bittere Realität, wenn ich Sie bitte, dieses Schreiben oder jedenfalls meinen Namen im Zusammenhang mit den persönlichen Details, die es enthält, vertraulich zu behandeln. Ich bin in einer öffentlichen beruflichen Position. Schweigen zu brechen würde mir – noch – schaden.


Mit freundlichen Grüßen,

N.N.


Auch auf dieses Schreiben erhielt die Absenderin eine Antwort von der Adressatin, aus der hervorgeht, dass der Protest ernst genommen und verstanden wurde.






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