Stichwort
„innovatio“
Kölnische Straße 108-112
34119 Kassel
Telefon (05 61) 78 81-4 83
Telefax (05 61) 78 81-7 14
E-Mail bewerbung@innovatio-sozialpreis.de
http://www.innovatio-sozialpreis.de/
Betrifft:
Bewerbung
um
den
Sozialpreis für caritatives und diakonisches Handeln
Projektbeschreibung
Das
Projekt
hat
mehrere
Aufgaben:
1.
Es
bringt
betroffene
Christinnen in einer Selbsthilfegruppe zum Austausch über
Gewaltfolgen
vor dem Hintergrund des gemeinsamen christlichen Glaubens. Die
Selbsthilfegruppe existiert als Gruppe vor Ort (Bruchsal) und als
virtuelle
Gruppe im Internet.
2.
Das
Projekt
versucht seit
den ersten Anfängen im Sommer 2000 eine Anbindung an beide
Großkirchen.
Dort wurden bisher ca 350 KirchenmitarbeiterInnen angesprochen. Eine
wirkliche
Anbindung an eine der beiden Kirchen gelang jedoch bisher nicht.
Möglicherweise
ist den kirchlich Verantwortlichen die Thematik zu brisant.
3.
Die
Initiative
GottesSuche
ist zugleich eine Arbeitsgruppe, die Betroffene und Verbündete zum
gemeinsamen Nachdenken darüber bringt, wie es möglich werden
kann, dass auch
innerhalb der Kirchen das Schweigen über Gewalt gebrochen und die
Ausgrenzung
Gewaltüberlebender reduziert werden kann. Ein erstes Ergebnis
dieses
Nachdenkens ist die Erkenntnis, dass es inzwischen gut möglich
ist, ÜBER
Gewaltüberlebende zu sprechen; dass es aber noch kaum möglich
ist, MIT ihnen zu
sprechen.
Eine
weitere
Beobachtung
zeigt,
dass Betroffene sich häufig esoterischen oder fundamentalistischen
Angeboten
zuwenden. Ein Grund für diese Besorgnis erregende Entwicklung ist
auch der
Mangel an spezifisch christlichen Angeboten für Betroffene.
b.)
Projektumsetzung/-realisation
Das Projekt existiert einmal in
einer Gruppe gewaltüberlebender Christinnen, die sich monatlich in
Bruchsal
trifft. Eine Kirchengemeinde gewährt Gastrecht und schützt
die Anonymität der
Betroffenen.
Ein zweiter „Treffpunkt“ sind
Forum und Mailingliste Betroffener und Verbündeter.
Die
Themen,
die
zur Sprache gebracht werden, umfassen
drei Bereiche:
d.)
Bisherige
Ergebnisse
Bisher gelang es, mit ca 154
gewaltüberlebenden Christinnen in Kontakt zu kommen. Es gab knapp
7000 (Stand:
März 2005) Kontakte per Mail, in Forum oder Mailingliste. Für
viele der
Betroffenen war es oft die erste Möglichkeit überhaupt, vom
eigenen Glauben vor
dem Hintergrund der Gewalterfahrungen sprechen zu können. Die
Anonymität des
Internet erleichtert den Betroffenen sehr die Kontaktaufnahme.
Der Arbeitsaufwand (Kontakte
knüpfen, HP betreuen, Forums- und Listenmoderation ...)
beträgt
durchschnittlich etwa 3 Stunden täglich.
f.)
Das
eigentlich
Innovative des Projektes
GottesSuche
besteht darin, dass nicht
über
Betroffene gesprochen wird, sondern mit ihnen. Auch das
theoretische
Nachdenken
über Gewalt ist an das Gespräch mit den Betroffenen gebunden.
Die Leidenden
sind der Ausgangspunkt theologischen Sprechens und Handelns. In 5
Jahren
Recherchen habe ich im katholischen Raum bisher keine Gruppe
Gewaltüberlebender
Christinnen vor Ort gefunden. Im evangelischen Raum gibt es in
Köln und in
Hamburg Frauenseelsorgerinnen, die mit Betroffenen arbeiten. Beide
Großkirchen
bieten kein spezifisches Internetangebot für Betroffene
christlichen Glaubens
an. Das Projekt spricht Christinnen beider Konfessionen an und versteht
sich
als ökumenisch. Es ist der Versuch, das Tabu des Sprechens mit
Gewaltüberlebenden und das Tabu des Sprechens über den
christlichen
Glauben zu brechen. Das Internet bot sich als „moderner Marktplatz“ an,
auf dem
viele Betroffene auf der Suche nach Hilfe „unterwegs“ sind.
Mehr Informationen sind der HP http://www.gottes-suche.de zu entnehmen. Einen Pressebericht hänge ich an, dessen Veröffentlichung keinem angeschriebenen Presseorgan möglich war. Er gibt ein wenig auch von der Atmosphäre des Vertrauens und der Verbindlichkeit wieder, die die Frauen miteinander herstellen konnten.
Das Thema „Gewalt gegen Frauen“ und damit auch die Betroffenen unterliegen einem hohen Tabu. Es könnte eine gute Unterstützung im Kampf gegen die Mauer des Schweigens sein, die Betroffene auch innerkirchlich umgibt, wenn diese im deutschsprachigen Raum bisher einmalige Initiative mit einem Preis ausgezeichnet wird. Eine solche Unterstützung könnte helfen, Berührungsängste mit Gewaltüberlebenden abzubauen und zugleich das Projekt bekannter machen, damit es vielleicht sogar Nachahmerinnen findet. Wenn ich recht sehe, wird von den Frauen, die Kontakt zu GottesSuche aufgenommen haben, sehr deutlich verstanden, dass Kirche hier den unter die Räuber Gefallenen einen Raum öffnet.
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Pressebericht
Gewaltüberlebende
Christinnen und GottesSuche
Arbeits- und Selbsthilfegruppe im Internet
Die
Schicksale und die Zahlen sind erschreckend – dennoch tauchen sie im
Alltagsbewusstsein von Öffentlichkeit und Kirchen kaum auf:
Frauen, die Opfer
von Gewalt wurden. 2004 zeigte die erste repräsentative Studie des
Bundesfamilienministeriums die Größenordnung des Problems.
Ab dem 16.Lebensjahr
erlebte jeweils mehr als die Hälfte aller Frauen sexuelle
Belästigung (58%),
jede Zweite bis Dritte (37%) körperliche Gewalt und jede Zehnte
(13%) eine
Vergewaltigung.1
Gewalterfahrungen in
Kindheit und Jugend sind damit nicht erfasst. Unter den Betroffenen
sind
vermutlich mit gleichen Prozentzahlen auch Christinnen. Oft haben
Frauen ein
Leben lang an vielfältigen Folgen der Gewalterfahrungen zu leiden.
Eine Fülle
psychosomatischer Störungen und gesundheitlicher Beschwerden
gehören ebenso
dazu wie Scham- und Schuldgefühle. Eine zentrale Folge von
Gewalterfahrungen
ist die Beschädigung und manchmal Zerstörung der Vertrauens-
und
Glaubensfähigkeit.
Es ist
oft eine große Not Gewaltüberlebender, Gott vertrauen
zu wollen und zugleich mit ganz spezifischen Glaubensschwierigkeiten
kämpfen zu
müssen. Diese Schwierigkeiten resultieren aus den
Gewalterfahrungen, die das
Opfer von Gott und den Menschen isolierte. Nicht selten erleben diese
Frauen
ihre Nichtzugehörigkeit zur Gemeinschaft der Menschen – auch der
Christen. Die
Scham, Opfer geworden zu sein, ist groß; das Schweigen von
Gesellschaft und
Kirche über Gewalt gegen Frauen beharrlich.
Zerbrochenes Vertrauen neu zu lernen ist nur in einer Gemeinschaft von
Menschen
möglich. Dieses Lernen kann erleichtert werden durch Menschen, die
die
besonderen Schwierigkeiten des Glaubensweges Gewaltüberlebender
kennen und
zugleich selbst erfahren haben, dass der christliche Glaube ein
tragfähiger
Halt auch in großer Not sein kann. Die Internetseite
„GottesSuche“ versucht,
einen solchen Erfahrungsraum zu schaffen. Seit April 2002 hat sich dort
eine
ökumenische Gemeinschaft gebildet. Initiatorin dieser Seite ist
eine selbst
betroffene Religionslehrerin. Über hundert Christinnen beider
Konfessionen –
und manche, die sich überlegt, Christin zu werden – haben sich
bisher an sie
gewandt. Viele dieser Frauen haben zum ersten Mal überhaupt
über ihre
Gewalterfahrungen und die Folgen für ihren Glauben reden
können. Seit dem
Frühjahr 2003 treffen sich die Frauen auf „GottesSuche“ auch
interaktiv in
Mailingliste und Forum. Sie tauschen Erfahrungen aus, denken
miteinander über
ihren Glauben nach und gewähren sich gegenseitig
Unterstützung im langfristigen
Leben mit den Traumafolgen. Die Anonymität und Niederschwelligkeit
des
Angebotes erleichtert die Kontaktaufnahme. Trotz der Unverbindlichkeit
des
Internet gelang es, eine verbindliche Atmosphäre herzustellen, in
der es
möglich ist, vom eigenen Glauben und seinen Schwierigkeiten
angesichts der
eigenen Lebenserfahrung zu sprechen. So entstand ein Raum, in dem
Betroffene
zur Sprache bringen können, was gemeinhin dem Schweigen
unterliegt. In diesem
Raum kann Mut zugesprochen, Last abgelegt, Leid geteilt und Hoffnung
wach
gehalten werden.
Drei MitarbeiterInnen beider Großkirchen erklärten sich im
September 2003
bereit, das Angebot rund um „GottesSuche“ zu erweitern – sie stehen
seither als
SeelsorgerInnen ihrer Kirche gewaltüberlebenden Christinnen zur
Verfügung.
Damit signalisieren sie, dass Betroffene wissen dürfen, dass sie
mit ihren
Gewalterfahrungen in ihren Kirchen willkommen sind und nicht
ausgegrenzt werden.
(23.12.2004)
http://www.gottes-suche.de
| Diese Seite gehört zu http://www.gottes-suche.de |