Leider konnte dieser Bericht - von einer kirchlichen Verlautbarungsstelle am 23.12.2004 zunächst angefragt - dann doch nicht veröffentlicht werden, weil er sich auf eine Initiative bezieht, die nicht in einem Bistum angesiedelt ist und keine Unterstützung von offizieller kirchlicher Seite hat. Die in diesem durchaus freundlichen Dialog von mir eingebrachten Namen von Kirchenfrauen und -männern, die die HP unterstützen, konnten die Entscheidung leider nicht verändern. - Damit der Bericht nicht nur für den Papierkorb geschrieben wurde, stelle ich ihn hier ein.
22.1.2005
Erika Kerstner
Gewaltüberlebende Christinnen und GottesSuche
Arbeits- und Selbsthilfegruppe im Internet
Die Schicksale und die Zahlen sind erschreckend – dennoch tauchen sie im Alltagsbewusstsein von Öffentlichkeit und Kirchen kaum auf: Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. 2004 zeigte die erste repräsentative Studie des Bundesfamilienministeriums die Größenordnung des Problems. Ab dem 16.Lebensjahr erlebte jeweils mehr als die Hälfte aller Frauen sexuelle Belästigung (58%), jede Zweite bis Dritte (37%) körperliche Gewalt und jede Zehnte (13%) eine Vergewaltigung.1 Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend sind damit nicht erfasst. Unter den Betroffenen sind vermutlich mit gleichen Prozentzahlen auch Christinnen. Oft haben Frauen ein Leben lang an vielfältigen Folgen der Gewalterfahrungen zu leiden. Eine Fülle psychosomatischer Störungen und gesundheitlicher Beschwerden gehören ebenso dazu wie Scham- und Schuldgefühle. Eine zentrale Folge von Gewalterfahrungen ist die Beschädigung und manchmal Zerstörung der Vertrauens- und Glaubensfähigkeit.
Es ist oft eine große Not Gewaltüberlebender, Gott vertrauen zu wollen und zugleich mit ganz spezifischen Glaubensschwierigkeiten kämpfen zu müssen. Diese Schwierigkeiten resultieren aus den Gewalterfahrungen, die das Opfer von Gott und den Menschen isolierte. Nicht selten erleben diese Frauen ihre Nichtzugehörigkeit zur Gemeinschaft der Menschen – auch der Christen. Die Scham, Opfer geworden zu sein, ist groß; das Schweigen von Gesellschaft und Kirche über Gewalt gegen Frauen beharrlich.
Zerbrochenes Vertrauen neu zu lernen ist nur in einer Gemeinschaft von Menschen möglich. Dieses Lernen kann erleichtert werden durch Menschen, die die besonderen Schwierigkeiten des Glaubensweges Gewaltüberlebender kennen und zugleich selbst erfahren haben, dass der christliche Glaube ein tragfähiger Halt auch in großer Not sein kann. Die Internetseite „GottesSuche“ versucht, einen solchen Erfahrungsraum zu schaffen. Seit April 2002 hat sich dort eine ökumenische Gemeinschaft gebildet. Initiatorin dieser Seite ist eine selbst betroffene Religionslehrerin. Über hundert Christinnen beider Konfessionen – und manche, die sich überlegt, Christin zu werden – haben sich bisher an sie gewandt. Viele dieser Frauen haben zum ersten Mal überhaupt über ihre Gewalterfahrungen und die Folgen für ihren Glauben reden können. Seit dem Frühjahr 2003 treffen sich die Frauen auf „GottesSuche“ auch interaktiv in Mailingliste und Forum. Sie tauschen Erfahrungen aus, denken miteinander über ihren Glauben nach und gewähren sich gegenseitig Unterstützung im langfristigen Leben mit den Traumafolgen. Die Anonymität und Niederschwelligkeit des Angebotes erleichtert die Kontaktaufnahme. Trotz der Unverbindlichkeit des Internet gelang es, eine verbindliche Atmosphäre herzustellen, in der es möglich ist, vom eigenen Glauben und seinen Schwierigkeiten angesichts der eigenen Lebenserfahrung zu sprechen. So entstand ein Raum, in dem Betroffene zur Sprache bringen können, was gemeinhin dem Schweigen unterliegt. In diesem Raum kann Mut zugesprochen, Last abgelegt, Leid geteilt und Hoffnung wach gehalten werden.
Drei MitarbeiterInnen beider Großkirchen erklärten sich im September 2003 bereit, das Angebot rund um „GottesSuche“ zu erweitern – sie stehen seither als SeelsorgerInnen ihrer Kirche gewaltüberlebenden Christinnen zur Verfügung. Damit signalisieren sie, dass Betroffene wissen dürfen, dass sie mit ihren Gewalterfahrungen in ihren Kirchen willkommen sind und nicht ausgegrenzt werden. (E.K. 23.12.2004)
http://www.gottes-suche.de
1 Studie des Bundesfamilienministeriums über „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ (2004)
http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Studie-Gewalt-gegen-Frauen,property=pdf.pdf
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