Die "Kultur" des Vergebens und das Schweigen der kfd-Redaktion
"Gewalt ist ein Geschehen, das uns täglich in physischer, psychischer und struktureller Form begegnet; für Frauen hat dabei sexuelle Gewalt eine besondere Bedeutung. Trotzdem wird das Thema Gewalt in Kirche und Gesellschaft weiterhin tabuisiert – Gewalt wird übersehen, toleriert, ertragen und geleugnet. Oft wird darüber hinaus den Gewaltopfern die Schuld für das erlittene Unrecht zugeschoben – sie werden so zum Schweigen gebracht. Dies bedeutet letztlich eine Fortsetzung der Gewalt."
(Aus den Leitlinien der kfd vom Mai 2000, S. 15)
So steht es in den Leitlinien der kfd. Es sind Mut machende Worte. Die Praxis hingegen ist eine andere. In Heft 6/2003 der kfd-Zeitschrift "Die Mitarbeiterin" stand ein Artikel von Karin Vorländer, in dem Gewaltopfer zur Vergebung der "Kränkung durch Gewalt" aufgefordert werden. Dieser Artikel war bereits seit einem Jahr in verschiedenen kirchlichen Zeitschriften veröffentlicht worden - u.a. im Evangelischen Sonntagsblatt für Bayern, Januar 2003, in Glaube und Heimat. Evangelische Wochenzeitung für Thüringen (nicht mehr online), in der Zeitung der Evangelischen Kirchengemeinde Denklingen, August 2003 (nicht mehr online) und der Wochenzeitung für Anhalt und die Kirchenprovinz Sachsen, 2003 (nicht mehr online). Offensichtlich hatte es keinen Widerspruch gegeben - oder dieser Widerspruch war nicht veröffentlicht worden.
In der Veröffentlichung im Mitarbeiterin-Heft hat die Autorin auch Gebete der "Gottesdichterin" Carola Moosbach, Inzestüberlebende, zitiert und Carola Moosbachs Intention umgedeutet zu einer Vergebungsaufforderung an Opfer. Eine Bitte um die Erlaubnis, den vollständigen Artikel veröffentlichen zu dürfen, wurde nicht beantwortet. Die Autorin teilte Frau Moosbach mit, dass sie sich an einer öffentlichen Diskussion ihres Artikels nicht beteiligen werde, da von ihrer Seite aus gesagt sei, was zu sagen war. Daraufhin schrieben vier Frauen Offene Briefe an die Redaktion der kfd-Zeitschrift und an die Autorin. Außer einer Frau erhielt m.W. keine eine Antwort.
Offener Brief von Carola Moosbach 28.9.2003
Offener Brief von Erika Kerstner 30.9.2003
Offener Brief von Pfarrerin Daniela Hammelsbeck 3.10.2003
Offener Brief von Pastorin Christina Schlarp, Frauenreferentin, Evangelischer Stadtkirchenverband Köln-Neuss 15.10.2003
Die Offenen Briefe wurden weder beantwortet noch in der "Mitarbeiterin" veröffentlicht. Es gab auch keinen Hinweis darauf, dass Gesprächsbedarf über die Thesen der Autorin besteht und dass dieser Gesprächsbedarf von Frauen angemeldet wurde, die entweder selbst Gewaltopfer sind oder mit Gewaltüberlebenden in der Seelsorge arbeiten. Mein erneutes Schreiben an Redaktion und Autorin vom 16.12.2004, in dem ich nach einem Jahr Abstand von den Ereignissen darum bat, miteinander nachzuschauen, was die Kommunikation so verunglücken ließ, wurde ebenfalls nicht beantwortet.
Damit bestätigt die kfd-Zeitschrift, was bereits in ihren Leitlinien von 2000 steht: Das Thema Gewalt in Kirche und Gesellschaft ist weiterhin tabuisiert. Und die "Mitarbeiterin" - eine Zeitschrift, die die Multiplikatorinnen katholischer Frauenarbeit in Deutschland erreicht - beteiligt sich an diesem Schweigen. Bedrückend bleibt, dass es in der Leserinnenschaft der Mitarbeiterin und der anderen kirchlichen Zeitschriften außer den Schreiberinnen der Offenen Briefe keinen einzigen Menschen gab, der sich mit Gewaltüberlebenden solidarisierte und unangemessene und Opfer beschuldigende Sichtweisen korrigieren half.
Interessant zu wissen ist, dass Frau Vorländer sich auf Forschungen beruft, die mit 10 000 000 US-Dollar von der Templeton-Foundation ermöglicht wurden. Die Templeton-Foundation verdankt sich einem Mann, der überzeugt ist, dass sein wirtschaftlicher Erfolg eng verknüpft ist mit seiner christlich-spirituellen Entwicklung. Deswegen hier noch ein paar Hintergrundinformationen zurDiese Gruppe reicher und einflussreicher amerikanischer Wissenschaftler hat die von Frau Vorländer referierten Forschungen über "Forgiveness" finanziert. Nach meinen bisherigen Recherchen habe ich nunmehr aufgehört mich zu wundern, warum mich der Artikel von Frau Vorländer so empört.
Templeton-Foundation
Templeton-Foundation-WebsiteFinanzieller Erfolg zeigt die Richtigkeit der Spiritualität: Auf einer Wirtschaftsseite fand ich folgende Selbstbeschreibung von Herrn Templeton in der Wiedergabe des unbekannten Autors: "Templeton continues to live in Nassau and take an active interest in investment. As a committed Christian, he believes his financial success and philanthropic achievements have been closely linked to his own spiritual development." (http://uk.biz.yahoo.com/profile/templeton.html - nicht mehr online)
Dokumentation der Forschungsergebnisse "Forgiveness
Manifest der 58" vom 8.8.2002: Nächstenliebe verlangt Gewaltanwendung
Der Executive Director der John Templeton Foundation, Charles Harper, hat im August 2002 das "Manifest der 58", ein Schreiben von US-Intellektuellen, unterzeichnet - zusammen mit Herrn Huntington ("Kampf der Kulturen"). In diesem Manifest wird für den gerechten Krieg plädiert. Die nicht verknüpfbare Unterschriftenliste finden Sie unter
http://www.google.de/search?q=cache:Q5SMoSaVpDoJ:www.gcn.de/download/8_Text2].
Vielleicht mögen Sie auch die Reaktion deutscher Wissenschaftler auf das Manifest vom 7.3.2003 lesen.
Die Bibel wörtlich oder ernst nehmen? Ein Mitglied des Verbandes Deutscher Biologen und biowissenschaftlicher Fachgesellschaften sagt im Jahr 2002 in einer Fachdiskussion, dass die Templeton-Foundation die in den USA mächtige Bewegung der Kreationisten finanziell unterstütze. Kreationisten wollen in den Schulen der USA durchsetzen, dass die Evolutionslehre nicht mehr gelehrt werden darf. Statt dessen sei die biblische Schöpfungslehre von der Erschaffung der Welt in 7 Tagen zu unterrichten. Die Behauptung finanzieller Unterstützung ist nachzulesen unter http://www.uni-kassel.de/~kut/beitrag1.html. Mit Nachricht vom 7.10.2003 teilte mir Prof. Dr. Kutschera, Universität Kassel, auf Anfrage mit, dass er diese Information der Fachzeitschrift "Evolution" entnommen habe.
Übersetzt: Herr Templeton lebt weiterhin in Nassau (auf den Bahamas) und hat ein aktives Interesse an Kapitalanlagen. Als engagierter Christ glaubt er, dass sein finanzieller Erfolg und seine philanthropischen (menschenfreundlichen) großen Leistungen eng verknüpft mit seiner eigenen spirituellen Entwicklung sind. Vorausgesetzt, diese Aussage stammt tatsächlich so oder sinngemäß von Herrn Templeton, dann ist sie die Beschreibung einer sich christlich nennenden Ideologie, die Dorothee Sölle einst sehr deutlich als christo-faschistisch bezeichnete. Diese Beschreibung geht davon aus, dass ein richtiger Christ auch wirtschaftlichen Erfolg hat - neben all den übrigen Erfolgen der bürgerlichen Gesellschaft: Ansehen, Einfluss, Macht. In diesem Weltbild haben "Erfolglose" - wie Arme, Kranke, Arbeitslose, Gewaltüberlebende und all die vielen anderen Gestrandeten einer kapitalistischen und (zur Not halt auch einer dem Kapitalismus dienlichen) kriegerischen (Welt-)Gesellschaft - sich ihre Erfolglosigkeit selbst zuzuschreiben. Würden sie die richtige spirituelle Entwicklung nehmen - wie Herr Templeton sie uns vormacht -, dann hätten sie auch Erfolg. Der Erfolg zeigt an, dass der Glaube der richtige ist.
Seltsam: Jesus wurde ständig in der Gesellschaft dieser Erfolglosen und Gestrandeten gesehen. Gott sei Dank!
Weitere Informationen:
Kreationisten auch in der Lehrerbildung in Deutschland aktiv: http://www.nua.de/html/archivmaer99.htm#Lehrer
Die Zeit im Mai 2006 über die Templeton Foundation
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