
Pastorin Christina Schlarp,
Frauenreferentin des Evangelischen Stadtkirchenverbandes Köln schreibt einen Offenen
Brief auf die Opferbeschuldigung der kfd-Mitgliederzeitschrift "Die
Mitarbeiterin":
An die Redaktion der Zeitschrift
„Die Mitarbeiterin“
z.Hd. Frau
Vorländer
Klens Verlag GmbH
Carl-Mosters-Platz 1
40477
Düsseldorf
Köln, den 14.10.2003
Sehr geehrte Frau
Vorländer,
als interessierte
Leserin und Abonnementin der Zeitschrift „Die
Mitarbeiterin“ möchte ich mich gerne zu einem Artikel von Ihnen
äußern, der im Heft 6/2003 zu lesen ist: „Die beste
´Rache` ist glücklich zu werden“.
Dort berufen Sie
sich auf die Forschungsergebnisse amerikanischer
WissenschaftlerInnen und schreiben: „Denn wer nicht vergeben kann,
bindet Unmengen seelischer Energie, verschwen-det die eigene Kraft in
Zorn, Rachegedanken, Schmollen, in Hass, Bitterkeit und Wut. Im
Ver-zeihen dagegen liegt die Möglichkeit, die Fesseln der
Vergangenheit abzustreifen.“ Als Beleg für die heilsame Wirkung
der Vergebung führen sie mehrere Beispiele an, wobei sie auch die
Inzestüberlebende Carola Moosbach mit ihrem „Rachepsalm“ zitieren.
Seit Jahren arbeite
ich als Frauenreferentin des Evangelischen
Stadtkirchenverbandes Köln am Thema „Gewalt gegen Mädchen und
Frauen“ und erlebe in der Beschäftigung mit diesem Themenbereich
und in Gesprächen mit betroffenen Frauen immer wieder, dass Frauen
und Mädchen mit Gewalterfahrungen nachhaltig traumatisiert sind,
insbesondere dann, wenn sie Opfer von Missbrauch in der Kindheit
wurden. Sie sind an Leib und Seele verletzt, und im Fall von
sexualisierter Gewalt dieser Art heilt weder Vergebung noch Zeit die
Wunden.
„Zeit heilt
keineswegs alle Wunden“, so lautet der Titel einer
Handreichung, die die Evangelische Kirche im Rheinland im
vergangenen Jahr herausgegeben hat. Aus dieser Handreichung möchte
ich gerne zitieren und damit ihre Ansichten zum Thema „Vergebung“
nachdrücklich in Frage stellen:
„Auch der Begriff
der Versöhnung wurde/wird gegenüber Opfern
missbraucht. Sowohl Täter als auch kirchliche Vertreter
verlang(t)en von den Geschädigten vorschnell Vergebung ohne
Verurteilung des Missbrauchs, ohne das Ins-Recht-setzen der Opfer und
ohne die Reue der Täter.
Biblisch gesehen
ist Vergebung nicht ohne wirkliche Einsicht in Unrecht
und Schuld und nicht ohne Buße möglich. Buße kann z.B.
in Form eines Täter-Opfer-Ausgleichs geschehen, der den
angerichteten Schaden wieder gut macht, soweit das menschenmöglich
ist.
Vergebung kann,
wenn sie dem Opfer möglich ist, erst am Ende eines
mitunter langen Verarbeitungsprozesses stehen. Es ist aber auch
möglich, dass Opfer nicht vergeben können oder wollen, weil
der ihnen zugefügte Schaden zu verheerend ist. Dies gilt es
auszuhalten!
Entscheidend kommt
es darauf an, Betroffene nicht zur Vergebung zu
drängen. Ihr diesbezüglicher Wille ist jederzeit unbedingt
zu achten.“ (aus: Zeit heilt keineswegs alle Wunden. Leitlinien zum
Umgang mit sexualisierter Gewalt, Evangelische Kirche im Rheinland
2002, S.10).
Dass das
„Einander-Vergeben-können“ eine wichtige
christliche Maxime ist und unter Umständen auch heilsam sein
kann, möchte ich gar nicht in Frage stellen. Aber die von Ihnen
angeführten Beispiele für die heilsame Wirkung der Vergebung
halte ich für völlig verfehlt. Hier handelt es sich um
derart existenzielle Verletzungen, dass die Menschen, denen sie
zugefügt
wurden, nur je für sich entscheiden können, ob Vergebung
überhaupt möglich ist oder auch nicht. Keinesfalls kann man
diese Art der Verletzungen als Beispiel für die heilsame Wirkung
der Vergebung allgemein heranziehen. Denn damit setzten Sie indirekt
Menschen unter Druck, die ähnliches durchlitten haben und für
die Vergebung eben nicht möglich ist.
In diesem
Zusammenhang möchte ich dann auch klarstellen, dass Ihre
Interpretation der Texte von Carola Moosbach geradezu dem
entgegensteht, was Frau Moosbach eigentlich mit ihren Gedichten,
Gebeten, Psalmen aussagen will. Soweit ich Carola Moosbach kenne, wird
sie die Letzte sein, die von einer heilsamer Wirkung der Vergebung
spricht und was den von Ihnen zitierten Rachepsalm angeht, so steht
dort „...laß ihn nicht davonkommen diesen ehrbaren
Schrebergärtner“ und der Rachepsalm endet „...und erlöse mich
von meinem Vater für immer“. Das
hört sich für mich nun gerade nicht nach Vergebung an...
Carola Moosbach ist
als Inzestüberlebende eine derjenigen, die
nicht vergeben können und nicht vergeben wollen und das mit vollem
Recht!!!
Ich würde mich
freuen, wenn Sie in Zukunft alle Seiten eines
Themas, das Sie in einem Ihrer Artikel diskutieren wollen, beleuchten
würden.
Mit freundlichen
Grüßen
Pastorin Christina
Schlarp, Frauenreferentin, Evangelischer
Stadtkirchenverband Köln