Offener Brief an die kfd

Daniela Hammelsbeck,
Pastorin für Frauenberatung und Mädchenarbeit im Kirchenkreis Köln-Mitte, schreibt einen Offenen Brief auf die Opferbeschuldigung der kfd-Mitgliederzeitschrift "Die Mitarbeiterin":

Sehr geehrte Frau Vorländer!

Mit zunächst großem Befremden und dann zunehmendem Empören habe ich Ihren Artikel „Die beste ´Rache` ist, glücklich zu werden“ (Die Mitarbeiterin 6/2003) gelesen.
Ich arbeite seit mehreren Jahren als Pastorin für Frauenberatung und Mädchenarbeit in Köln. Schwerpunkt meiner Arbeit ist das Angebot von Seelsorge und Beratung für Frauen, insbesondere auch für Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben.

Es sind zwei Aspekte Ihres Artikels, die ich auf keinen Fall unwidersprochen stehen lassen kann:

° Das unreflektierte Plädoyer für Vergebung
Entsetzt bin ich über Ihre pauschale Art und Weise, von Vergebung als heilsamer Kultur zu sprechen. Ganz sicherlich gibt es Situationen, Beziehungen, Erfahrungen, Kränkungen, in denen Vergebung heilsame Wege zu eröffnen vermag. Die von Ihnen angeführten Beispiele (Aidskranker, vorsätzlich durch einen Arztfehler geschädigte Frau, Inzestüberlebende) sind jedoch so existentieller Art, dass es nur Zynismus oder Ignoranz sein kann, wenn Sie dabei von „Kränkungen“ sprechen und wenn Sie diesen Betroffenen pauschal Vergebung ans Herz legen.

Derart zur Vergebung aufgefordert zu werden, ist insbesondere für Inzestüberlebende fatal – so meine Erfahrung aus der Seelsorgearbeit. Gerade die christliche Vergebungspflicht, wie sie in der Kirche bis heute noch viel zu oft zu hören ist (und wie ich sie eben auch deutlich aus Ihren Worten heraushöre), hat hier viel Unheil angerichtet. Für die, denen Unrecht widerfuhr, birgt der christliche Vergebungszwang erneute Schuldzuweisung. Vergeben sie nicht, werden sie zu Schuldigen erklärt und fühlen sich auch selbst schuldig, dem christlichen „Gebot“ nicht Genüge zu tun.
Mit diesen Frauen dann z.B. Rachepsalmen aus der Bibel oder auch den von Ihnen zitierten „Rachepsalm“ von C. Moosbach zu lesen, hat oftmals eine sehr heilsame und befreiende Wirkung. Rache, Wut und Zorn haben ihr Recht und ihren Raum in der Kirche und vor Gott. Und dies eben gerade nicht als zu überwindende Etappe, sondern als fortwährendes Pochen auf Gerechtigkeit (vgl. auch Lk 18,1ff). Die gängige Auffassung, die ich auch Ihrem Artikel entnehme, dass ein „gutes“ Opfer dem Zorn adieu sagt, entspricht nicht der Realität von Überlebenden und ist eben auch nicht christlich.

Es sei noch angefügt, dass die biblische Rede von Vergebung eben gerade nicht allgemein, abstrakt und losgelöst vom Kontext geschieht, sondern konkret, situationsbezogen und sehr differenziert!

° Wie sie C. Moosbach die Worte verdrehen
Seit Erscheinen des ersten Buches von C. Moosbach gehören mir ihre Texte zum persönlichen Schatz und zum wesentlichen Material für die Seelsorgearbeit. Dabei ist es gerade ihr Beharren auf der Gerechtigkeit Gottes gegen alle Vergebungsharmonie, Verharmlosung, Kleinrederei, welches ihre Texte so befreiend macht.
Dass Sie nun gerade Frau Moosbach als Kronzeugin für Ihre These von der heilsamen Kultur des Vergebens anführen, macht mich wütend und darf auch so nicht stehen bleiben. Dass Wut und Rachegedanken bei C. Moosbach wichtige „Etappen auf dem Weg zur Vergebung und zum eigenen Gesunden“ seien, verdreht die Moosbach´schen Texte in ihr Gegenteil. Durch alle bislang erschienenen Bücher hindurch erklingen immer wieder Wut, heiliger Zorn und Empörung gegen das Unrecht und gegen alles, was nach vorschneller Vergebung riecht. Darin liegen ihre Stärke und darin heben sich Moosbachs Texte so heilsam und wohltuend von so vielen Verlautbarungen ab, die sich christlich nennen!

Mit freundlichen Grüßen Daniela Hammelsbeck


Daniela Hammelsbeck
Pastorin für Frauenberatung und Mädchenarbeit
Im Kirchenkreis Köln-Mitte
Machabäerstr. 26
50668 Köln
0221-121115
hammelsbeck@web.de


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