Offene Briefe kfd
Rika, Gewaltüberlebende schreibt einen Offenen Brief gegen die Opferbeschuldigung der kfd-Mitgliederzeitschrift "Die Mitarbeiterin":

Ich lese den Text des Offenen Briefes von Carola Moosbach an die Autorin Karin Vorländer. Der Offene Brief von Frau Moosbach bezieht sich auf einen Beitrag in der Zeitschrift „Die Mitarbeiterin - Frauen gestalten Kirche und Gesellschaft“, Nov./Dez. 2003). Der Beitrag hat den Titel: Die beste „Rache“ ist, glücklich zu werden.

Eine der ersten Reaktionen auf die inhaltliche Wiedergabe des Artikels ist Verlust der Gelassenheit und Verwirrung. Ich gehe der Verwirrung nach und – siehe da – ich finde eine Menge berechtigter Gründe. Ich nenne sie der Reihe nach:

1. Wieder einmal weiß jemand besser als die Betroffenen, was für diese richtig ist.

2. Wieder einmal haben die Opfer Schuld. Diesmal haben sie Schuld daran, dass ihre Heilung einfach nicht voranschreiten will, weil sie den Tätern nicht vergeben. Immunschwäche und Herzkrankheiten werden aufgelistet, die die Opfer sich schuldhaft zuziehen, nur weil sie partout nicht zum gewünschten Zeitpunkt, nicht auf Befehl, am Ende vielleicht überhaupt nicht verzeihen wollen.

3. Dabei geht es doch nur darum, eine „Kränkung“ zu vergeben. Unter einer Kränkung verstehe ich, dass mir zum Beispiel jemand auf den Fuß tritt, ohne sich zu entschuldigen oder jemand meinen Gruß nicht erwidert. Gemeint sind aber vorsätzliche Körperverletzung, Vergewaltigung, Inzest, Missbrauch, Misshandlung, Verwahrlosung und Vernachlässigung. Das Strafrecht stuft diese „Kränkungen“ zu Recht als Verbrechen ein.
Der Begriff der Kränkung impliziert, dass ein Erwachsener sie doch irgendwann wegstecken, vergeben und vergessen können muss. Nicht so diese Opfer – die vergessen und vergeben nicht einmal eine Kränkung!

4. Der Begriff der Kränkung impliziert auch, dass nach der Vergebung der Kränkung ein fröhlich-unbekümmert-unbeschwertes Weiterleben möglich wäre. Da wird übersehen, dass Menschen, die dem Menschen zum Opfer fielen, ein für allemal nicht mehr so recht auf dieser Erde daheim sein können. Manche „von uns“ haben sich umgebracht – vollkommen unangemessen angesichts einer Kränkung.

5. Der Artikel von Frau Vorländer zeigt, dass die Autorin außerstande ist, zwischen einer harmlosen, banalen Widerwärtigkeit des Lebens einerseits – Trauma, kumulativem und sequentiellem Trauma andererseits zu unterscheiden. Sie hat keine Kenntnis von Traumatisierung. Sie weiß nicht, dass manche  Folgen von Traumatisierung – trotz guter und „erfolgreicher“ langjähriger Therapien – oft unwiderruflich und lebenslänglich anhalten, andere nur gemildert werden können. Sie weiß nicht, dass traumatisierten Menschen manche Lebensbereiche – anderen Menschen eine Quelle der Lebensfreude und Lebenslust – für immer verschlossen und irreparabel zerstört sein können. Sie weiß nicht, dass traumatisierte Menschen manchmal Lebensentscheidungen unter dem Diktat der Traumafolgen treffen, deren Konsequenzen das Leben begleiten bis zum Tod.

6. Die Autorin spricht davon, dass Menschen, die nicht vergeben, sich an die Wunden der Vergangenheit klammerten. Sie weiß nicht, dass es bei Verbrechensopfern umgekehrt ist: Dass die Wunden der Vergangenheit sich an die Überlebenden klammern, eingebrannt in Leib und Seele wie ein unauslöschliches Siegel.

7. Die Autorin warnt Gewaltüberlebende vor den gesundheitsschädlichen Folgen des Nichtvergebens. Damit wird der Umkehrschluss suggeriert: Wenn es einer Gewaltüberlebenden schlecht geht, dann wohl deswegen, weil sie nicht vergeben hat. Nicht mehr ein Verbrechen ist dann Ursache für Traumafolgen – sondern ein vergebungsunwilliges Opfer ist selber schuld, wenn es ihm nicht gut geht.

8. Ich kann nicht umhin, diese wahre Meisterleistung der Autorin zu bewundern: Da soll ein Opfer, das eigentlich keines ist, eine Untat, die auch keine ist, einem Täter, der sich nicht zu erkennen gibt und sowieso chronisch unschuldig ist, vergeben. Da wäre aber doch noch die Schuld. Die wenigstens ist erkennbar, auffindbar, benennbar. Sie liegt beim Opfer. Und die Strafe für diese Schuld des Opfers kennen wir auch schon: Immunschwäche und Herzerkrankung.
 
Die Autorin ahnt nicht einmal, dass sie mit ihrem Artikel wiederholt, was Opfer schon immer kennen:
-  Die Schuld liegt beim Opfer
-  Die Verbrechen werden verharmlost
-  Die Täter werden unsichtbar gemacht
-  Den Tätern gilt keine Forderung
-  Forderungen werden an die Opfer gestellt
-  Bei Nichterfüllung der Forderung wird mit Krankheit gedroht
-  Den Opfern wird nicht zugehört
-  Äußerungen von Opfern werden umgedeutet

Einen unbestreitbaren Vorteil hat diese Argumentation: Sie belässt die  Mitmenschen und MitchristInnen in der Rolle der ZuschauerInnen. Da kann dann in Ruhe abgewartet und zugeschaut werden, ob die Opfer die Aufgabe der Vergebung hinkriegen oder wieder mal versagen.
Niemand muss sich Gedanken darüber machen, ob Menschen - die christliche Gemeinde gar - aus der Rolle unbeteiligter Zuschauer herausfinden müssen und was sie denn tun könnten, um Gewaltüberlebenden die Suche nach dem kleinen Stück Heimat auf dieser Erde ein wenig leichter zu machen.
30.9.2003
Rika


Als am 22.12.2003 weder eine Antwort der Redakteurin noch der Autorin auf den Offenen Brief eingetroffen war und es in der kfd-Zeitschrift "Die Mitarbeiterin" im Heft 1/2004 keinen Hinweis darauf gab, habe ich folgendes Schreiben an Redakteurin und Autorin gerichtet.

"Am 30.9.2003 schrieb ich Ihnen und Frau Vorländer einen Offenen Brief, in dem ich Stellung nahm zu einem in "Die Mitarbeiterin" (Heft 6/2003) erschienen Artikel von Frau Vorländer. Eine Antwort habe ich von Ihnen beiden nicht erhalten. Nun erschien die nächste Nummer der kfd-Zeitschrift - ohne einen Hinweis auf die Offenen Briefe oder auf bestehenden Diskussionsbedarf. Ich muss also wohl davon ausgehen, dass Sie weder antworten noch eine öffentliche Diskussion führen wollen.

Ich möchte Ihnen jedoch mitteilen, wie Ihre Nicht-Reaktion bei mir ankommt.
Zunächst las ich vor längerer Zeit bereits Papiere der kfd über den Umgang mit dem Thema "Gewalt gegen Frauen". Es waren Texte, die mir Hoffnung auf ein Ende des üblichen Schweigens machten. Diesen Texten entnahm ich, dass die kfd verstanden hat, dass Geheimhaltung und Schweigen übliche Täterstrategien sind und den Opfern nur geholfen werden kann, wenn diese Täterstrategien durch Reden und Hören durchbrochen werden.

Nun muss ich erleben, dass diese Texte den Praxistest nicht bestehen. Damit wird für mich die Glaubwürdigkeit der kfd und der Kirche massiv untergraben. Es ist ein im Blick auf Gewaltüberlebende entsetzliches Versagen.
Ich erlebe hier, was ich schon immer kenne: Es ist vollkommen gleichgültig, was ich sage und wie ich es sage - die überwältigend häufigste Reaktion ist Schweigen, auch und gerade im katholischen Raum. Dieses Schweigen ist eine Wiederholung des Schweigenmüssens der Opfer.
Es geschieht noch etwas, nicht minder Bedrückendes. Gewaltüberlebende hören zwei einander ausschließende Botschaften. Die verbale Botschaft der Leitlinien heißt: "Redet! Ihr seid willkommen, ihr werdet gehört." Die Botschaft der Taten hingegen heißt: "Wir wollen nicht hören, was ihr zu sagen habt." Auch dies ist eine Wiederholung dessen, was gewaltüberlebende Frauen in ihren Herkunftsfamilien immer und immer wieder erlebten: dass ihnen ein X für ein U vorgemacht wird.
Diese wenigen Reaktionen auf Ihr Schweigen sollten Sie kennen - im Interesse der Gewaltüberlebenden, die oft sehr verzweifelt auf der Suche nach Hilfe und Gehör sind. Ich habe Mühe zur Kenntnis zu nehmen, dass Ihr Schweigen Ihr letztes Wort ist."


Im Oktober 2004 - ein Jahr nach der nicht stattgefundenen Diskussion - fragte ich an, ob die Redakteurin mit mir zusammen noch einmal nachschauen könne, woran die Kommunikation denn gescheitert ist. Eine Antwort erhielt ich auch diesmal nicht.







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