Von der „heilsamen“ Kultur des
Vergebens – oder: Vom Missbrauch meiner Texte
Sehr
geehrte Frau Vorländer, sehr geehrte Frau Dr. Becker für die
Redaktion,
in
der
neuen Ausgabe der Zeitschrift Die Mitarbeiterin – Frauen gestalten
Kirche und Gesellschaft, Nov./Dez. 2003 wird der Beitrag „Die beste
„Rache“ ist, glücklich zu werden“ von Karin Vorländer
veröffentlicht.
In
diesem
Artikel wird unter anderem dargelegt, amerikanische Psychologen
plädierten für eine „heilsame Kultur des Vergebens“.
Sinngemäß wird im folgenden ausgeführt, das Verzeihen
sei nach neuesten Erkenntnissen „Beginn und Ende eines
Heilungsprozesses“; anhaltende Wut hingegen würde bei den Opfern
unter
Umständen sogar zu „Herzkrankheiten und einer Schwächung des
Immunsystems“ führen (S. 17). Von einer durch einen
ärztlichen Kunstfehler bleibend und vorsätzlich schwer
geschädigten Patientin wird berichtet: „Jahrelang machten
Zorn und Groll ihr Leben bitter. Die Wende kam erst, als sie nach
einem Gespräch mit einem Seelsorger aus ihrer passiven Opferrolle
ausstieg und begann, aktiv um Vergebung zu bitten.“ Fazit: „Eine
Kränkung wird nicht geheilt, solange sie nicht vergeben ist“ (S.
18).
Es
ist
natürlich Ihre Sache, sehr geehrte Frau Vorländer und
Bestandteil Ihrer journalistischen Freiheit, wenn Sie in Ihrem Artikel
Verbrechen wie schwere Körperverletzung oder das Vergewaltigen von
Kindern in obszöner Verharmlosung unter dem Begriff
der „Kränkung“ zusammenfassen möchten. Selbst Ihre am
Beispiel der verkrüppelten Patientin vertretene
Auffassung, nicht etwa der Täter, sondern das Opfer
habe „aktiv“ um Vergebung zu bitten, ist eine zwar zynische, aber
letztlich zu tolerierende Meinungsäußerung.
Eine
andere Sache ist es, wenn Sie meine Texte in einen solchen
Zusammenhang stellen und damit den Eindruck erwecken, auch ich sei –
leicht modifiziert zwar, aber letztlich eben doch - eine „Kronzeugin“
der von Ihnen vertretenen Auffassungen. Schon das kommentarlos in den
Artikel platzierte Gedicht Zwischenmut vermittelt
unterschwellig diesen Eindruck. Darüber hinaus schreiben sie:
„Dass Vergeben nicht heißt, einfach Nachsicht mit
den Tätern zu üben … erlebte auch die Inzestüberlebende
Carola Moosbach…“. Meinen Rachepsalm teilweise zitierend
führen Sie im Anschluss daran aus: „Sich die eigene Wut
einzugestehen und das Unrecht beim Namen zu nennen, sind wichtige
Etappen auf dem Weg zur Vergebung…“ (S. 18).
Wo
bitte
findet sich in diesem oder in irgendeinem anderen meiner Gebete die
Äußerung, Wut und Zorn seien zu überwindende „Etappen“
auf
dem Weg der Vergebung? Ganz im Gegenteil stelle ich in meinen
Texten immer wieder in aller Deutlichkeit klar, dass gerade nicht die
Vergebung, sondern das durchgehaltene Beharren auf
der Gerechtigkeit Gottes mein zentrales Anliegen ist (Ein Beispiel
für viele: „Erzählt mir nichts von Vergebung/erzählt
mir von Gottes Gerechtigkeit“ aus meinem Gedicht Abrechnung
in Himmelsspuren). Auch Ihre Behauptung, ich überließe es
letztlich Gott, „wie er mit dem Täter umgeht“ (S. 18), trifft
nicht zu. Nicht zuletzt der von Ihnen zitierte Psalm fordert Gott
ausdrücklich zur Bestrafung der Täter auf („Lass
ihn zittern vor Angst diesen Kinderseelenmörder…). Und wenn
ich in einem Interview mit Ihnen vom Glücklich-Werden als der
besten Rache sprach, so bedeutet dieser Satz nichts anderes als die
Notwendigkeit, dem Vernichtungswillen der Vergewaltiger den eigenen
Lebenswillen mutig und kraftvoll entgegenzusetzen. Mit
Vergebung oder dem „Aufhören, sich an die Wunden der Vergangenheit
zu klammern“ (S.18) hat all dies nicht das Geringste zu tun.
Was
wir
Opfer und Überlebende brauchen ist kein als Fürsorglichkeit
getarnter moralischer Druck und erst recht nicht die unverschämte
Unterstellung, das Festhalten an der „Opferrolle“ sei
unser eigentliches Problem. Was wir mehr als alles andere brauchen sind
offene Herzen und Ohren, klare Parteinahme und
mitfühlende Solidarität. Die Täter sind es, die
mit aller Deutlichkeit zum Bekennen ihrer Schuld, zur Übernahme
von Verantwortung und zu tätiger Reue aufgefordert werden
müssen. Dies und nicht ein zynisches „Schwamm drüber“
entspricht im Übrigen auch
biblischer Erkenntnis und christlicher Ethik.
Carola
Moosbach
Eine
Kopie
dieses Briefes geht an:
Schlangenbrut
–
Zeitschrift
für feministisch und religiös interessierte
Frauen
Gewaltüberlebende
Christinnen
auf
dem Weg zur Traumaheilung
Mailingliste
Frauenkirche