Offene Briefe kfd

Carola Moosbach schreibt einen Offenen Brief auf die Opferbeschuldigung der kfd-Mitgliederzeitschrift "Die Mitarbeiterin":
(Quelle: http://www.carola-moosbach.de/home.htm)


Von der „heilsamen“ Kultur des Vergebens – oder: Vom Missbrauch meiner Texte

Sehr geehrte Frau Vorländer, sehr geehrte Frau Dr. Becker für die Redaktion,

in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Die Mitarbeiterin – Frauen gestalten Kirche und Gesellschaft, Nov./Dez. 2003 wird der Beitrag „Die beste „Rache“ ist, glücklich zu  werden“ von Karin Vorländer veröffentlicht.

In diesem Artikel wird unter anderem dargelegt, amerikanische Psychologen plädierten für eine „heilsame Kultur des Vergebens“. Sinngemäß wird im folgenden ausgeführt, das Verzeihen sei nach neuesten Erkenntnissen „Beginn und Ende eines Heilungsprozesses“; anhaltende Wut hingegen würde bei den Opfern unter Umständen sogar zu „Herzkrankheiten und einer Schwächung des Immunsystems“ führen (S. 17). Von einer durch einen ärztlichen Kunstfehler bleibend und vorsätzlich schwer geschädigten Patientin wird berichtet: „Jahrelang machten Zorn und Groll ihr Leben bitter. Die Wende kam erst, als sie nach einem Gespräch mit einem Seelsorger aus ihrer passiven Opferrolle ausstieg und begann, aktiv um Vergebung zu bitten.“ Fazit: „Eine Kränkung wird nicht geheilt, solange sie nicht vergeben ist“ (S. 18).

Es ist natürlich Ihre Sache, sehr geehrte Frau Vorländer und Bestandteil Ihrer journalistischen Freiheit, wenn Sie in Ihrem Artikel Verbrechen wie schwere Körperverletzung oder das Vergewaltigen von Kindern in obszöner Verharmlosung unter dem Begriff der  „Kränkung“ zusammenfassen möchten. Selbst Ihre am Beispiel der verkrüppelten Patientin vertretene Auffassung, nicht etwa der Täter, sondern das Opfer habe  „aktiv“ um Vergebung zu bitten, ist eine zwar zynische, aber letztlich zu tolerierende Meinungsäußerung.

Eine andere Sache ist es, wenn Sie meine Texte in einen solchen Zusammenhang stellen und damit den Eindruck erwecken, auch ich sei – leicht modifiziert zwar, aber letztlich eben doch - eine „Kronzeugin“ der von Ihnen vertretenen Auffassungen. Schon das kommentarlos in den Artikel platzierte Gedicht Zwischenmut vermittelt unterschwellig diesen Eindruck. Darüber hinaus schreiben sie: „Dass Vergeben nicht heißt, einfach Nachsicht mit den Tätern zu üben … erlebte auch die Inzestüberlebende Carola Moosbach…“. Meinen Rachepsalm teilweise zitierend führen Sie im Anschluss daran aus: „Sich die eigene Wut einzugestehen und das Unrecht beim Namen zu nennen, sind wichtige Etappen auf dem Weg zur Vergebung…“ (S. 18).
Wo bitte findet sich in diesem oder in irgendeinem anderen meiner Gebete die Äußerung, Wut und Zorn seien zu überwindende „Etappen“ auf dem Weg der Vergebung? Ganz im Gegenteil stelle ich in meinen Texten immer wieder in aller Deutlichkeit klar, dass gerade nicht die Vergebung, sondern das durchgehaltene Beharren auf der Gerechtigkeit Gottes mein zentrales Anliegen ist (Ein Beispiel für viele: „Erzählt mir nichts von Vergebung/erzählt mir von Gottes Gerechtigkeit“ aus meinem Gedicht Abrechnung in Himmelsspuren). Auch Ihre Behauptung, ich überließe es letztlich Gott, „wie er mit dem Täter umgeht“ (S. 18), trifft nicht zu. Nicht zuletzt der von Ihnen zitierte Psalm fordert Gott ausdrücklich zur Bestrafung der Täter auf („Lass ihn zittern vor Angst diesen Kinderseelenmörder…). Und wenn ich in einem Interview mit Ihnen vom Glücklich-Werden als der besten Rache sprach, so bedeutet dieser Satz nichts anderes als die Notwendigkeit, dem Vernichtungswillen der Vergewaltiger den eigenen Lebenswillen mutig und kraftvoll entgegenzusetzen. Mit Vergebung oder dem „Aufhören, sich an die Wunden der Vergangenheit zu klammern“ (S.18) hat all dies nicht das Geringste zu tun.

Was wir Opfer und Überlebende brauchen ist kein als Fürsorglichkeit getarnter moralischer Druck und erst recht nicht die unverschämte Unterstellung, das Festhalten an der „Opferrolle“ sei unser eigentliches Problem. Was wir mehr als alles andere brauchen sind offene Herzen und Ohren, klare Parteinahme und mitfühlende Solidarität. Die Täter sind es, die mit aller Deutlichkeit zum Bekennen ihrer Schuld, zur Übernahme von Verantwortung und zu tätiger Reue aufgefordert werden müssen. Dies und nicht ein zynisches „Schwamm drüber“ entspricht im Übrigen auch biblischer Erkenntnis und christlicher Ethik.

Carola Moosbach

Eine Kopie dieses Briefes geht an:

Schlangenbrut – Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen
Gewaltüberlebende Christinnen auf dem Weg zur Traumaheilung
Mailingliste Frauenkirche



Zur Startseite
Mailen Sie Diese Seite gehört zu http://www.gottes-suche.de nach oben