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Kommentar zum Buch Ohne Fehl und Tadel. Kirche, klerikale Täter und deren Opfer“ von Johannes Heibel und anderen


Sehr geehrter Herr Heibel!

Das Buch Ohne Fehl und Tadel. Kirche, klerikale Täter und deren Opfer erhielt ich gestern und hatte es am Abend durchgelesen. Jenseits alles Bedrückenden in diesen Texten halte ich es für ganz wichtig, dass die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Vielen Dank, dass Sie das mit dieser Veröffentlichung möglich gemacht haben!
Die Erfahrungen mit der Amtskirche, die die AutorInnen berichten, muss ich im Wesentlichen teilen. Zu den Ausnahmen sage ich am Ende noch etwas, weil ich nicht möchte, dass diese Ausnahmen untergehen- sie können nämlich mithelfen, dass es anders wird.
Ich hatte sehr gehofft, dass das Krisenjahr 2010 endlich die Wende der Kirchenleitungen hin zu den Opfern einleitet. Ich hatte dies im Interesse der Opfer und im Interesse der Glaubwürdigkeit meiner Kirche gehofft. Meine Hoffnung wurde nur punktuell, bei einigen wenigen Kirchenleuten eingelöst.
Ich musste erfahren, dass ein großer Aktionismus ausbrach: Eine Hotline wurde eingerichtet, ein Bischof als Missbrauchsbeauftragter eingesetzt, die seit 2002 bestehenden Richtlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen wurden überarbeitet, Pressemeldungen über die vielen getroffenen Maßnahmen häuften sich. In Printmedien und vor Filmkameras wurden Entschuldigungen zuhauf geäußert; Gottesdienste mit Bischöfen, die sich vor Gott für die Verbrechen entschuldigten, füllten die Fernsehkanäle.
Nicht nur ich erlebte diesen Aktionismus mit sehr gespaltenen Gefühlen: Einerseits wollte ich hoffen dürfen, dass die Kirchenleitungen wirklich die Opfer meinten; andererseits wuchs meine Beklemmung, weil ich mich oft des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass die vielen opferfreundlichen und fast schon ritualisierten Aussagen der Presse galten – nicht den Opfern. Sie zielten also letztlich erneut auf das Ansehen der Kirche in der Öffentlichkeit.
Die gottesdienstlichen Bußakte machten den zweiten Schritt vor dem ersten: Da wurde Gott um Verzeihung gebeten – im wahrsten Sinn „unter Umgehung der Opfer“ – die in Paderborn versammelte Bischofskonferenz benutzte nämlich einen Nebeneingang, um den Protestierenden auszuweichen, die vor dem Haupteingang des Doms standen.
So wichtig und unverzichtbar Prävention von sexueller Gewalt ist, hatte ich immer mehr den Eindruck, dass sie dazu dient, den längst angerichteten Schaden und damit den Blick auf die Opfer in den Hintergrund drängen zu wollen. Bereits im März 2010 formulierte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, dass ein Schlussstrich unter das Kapitel des sexuellen Missbrauchs gezogen werden könne. „Nun schauen wir mutig nach vorn", sagte er.1
Kaum jemand von den Kirchenleitungen scheint sich klar darüber zu sein, was die sexuelle Gewalt, die in kirchlichem Kontext erlitten wurde, mit dem Glauben der Opfer macht. Der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher2 ist einer der Wenigen, der verstanden hat, welch katastrophale Botschaft sexueller Missbrauch in kirchlichen Kontext hinterlässt. Er spricht von der „Niederlage Gottes im Handeln des Volkes Gottes und dessen Priestern“ und davon, dass Kinder in die „Kälte simulierter Nähe und schwer oder gar nicht verarbeitbarer Erfahrungen“ geschickt werden.   
Noch höre ich zu oft von Betroffenen, dass weiterhin gemauert, gelogen und vertuscht wird, was noch nicht an der Öffentlichkeit ist. Zugegeben wird nur das, was nicht mehr zu leugnen ist.
Ich habe den Eindruck, dass in den Kirchenleitungen Menschen das Sagen haben, die ich oft wie emotionale Analphabeten erlebe. Wie sonst kann es sein, dass nicht wenige Opfer den Eindruck haben, sie seien mit den öffentlichen Äußerungen gar nicht gemeint und es gäbe einen garstig breiten Graben zwischen ihnen und Verantwortlichen in der Amtskirche? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass zu Viele in den Kirchenleitungen sich in die Situation Betroffener nicht einfühlen wollen oder nicht einfühlen können. Nur so kann ich mir erklären, dass der Umgang mit Betroffenen oft den Eindruck hinterlässt, Kirche wolle die Betroffenen in jeder Hinsicht abspeisen. Sie scheint sich nach meiner Wahrnehmung zu oft auf Verfahrensfragen zurückzuziehen und geradezu „technokratisch“ mit „dem Problem“ fertig werden zu wollen. Ich erlebe das als allgegenwärtige Seelenlosigkeit, die Betroffene zu oft auf Distanz hält. Die Eile, mit der über die „Entschädigungszahlungen“ entschieden wurde, scheint mir der Versuch zu sein, irgendwie „davonzukommen“ – und das möglichst preiswert.
Davonkommen will man, um sich die Bekehrung zu den Menschen zu ersparen, die unter die Räuber gefallen sind. Bekehrung hätte Konsequenzen - finanzielle, strukturelle, theologische, pastorale...  Bekehrung zu den Opfern würde diese zunehmend klerikalisierte Amtskirche im Innersten – nämlich in ihrer Klerikalisierung und Selbstbezogenheit - treffen. Das weiß die Kirchenleitung sehr genau. Deswegen stellt sie sich dem Problem nicht wirklich, sondern nur formal und nur da, wo es nicht mehr zu umgehen ist.
Und zuletzt greife ich – und tue dies gerne – auf gute Erfahrungen zurück, die ich auch mit Kirchenleuten machen durfte oder von denen mir berichtet wurde. Es gibt diese Erfahrungen nämlich auch. Es sind Erfahrungen mit Menschen, die sich dadurch auszeichnen,

Wir brauchen allerorten mehr solcher mutiger Menschen.

Für mich ist ein Buch, in dem Gewaltopfer sprechen dürfen, kostbar. Ein solches Buch kann erst entstehen, wenn es mindestens einen und hoffentlich ein paar Menschen gibt, die wirklich hören wollen, was Opfer von ihrem Leben zu erzählen haben. Es ist überaus gut, dass es das Buch „Ohne Fehl und Tadel“ gibt.
Erika Kerstner
7.9.2011
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1 http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article12871804/Zum-Bussgang-durch-die-Hintertuer.html
2 R. Bucher: Machtkörper und Körpermacht. Die Lage der Kirche und Gottes Niederlage; in: Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie - 40. Jahrgang/August 2004 - Heft 3: Struktureller Verrat. Sexueller Missbrauch in der Kirche; hrsg von Regina Ammicht Quinn, Hille Haker und Maureen Junker-KIenny, S. 354 - 363



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