zurueck

Was brauchen Gewaltopfer1 von ihrer Kirche?

In einer Mailingliste treffen sich seit Jahren Gewaltüberlebende. Sie nutzen die Ressourcen des christlichen Glaubens für das Leben mit Traumafolgen und helfen sich gegenseitig. Die Frauen haben Gewalt in unterschiedlichen Formen (sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vergewaltigung…) in ihrer Kindheit erlebt. Sie erlebten die Gewalt in ihren Familien, im Nahbereich, aber auch im kirchlichen Raum. Zwei Themen sind für Gewaltüberlebende von existentieller Bedeutung: Sie suchen nach Sinn und sie brauchen die Solidarität anderer Menschen2. Wir haben uns in diesen Jahren immer wieder gefreut, wenn wir die Unterstützung von Menschen in den beiden Großkirchen erfahren durften. Zugleich waren wir oft erschrocken darüber, wie selten es möglich war, ChristInnen zu finden, die ein offenes Ohr für Gewaltopfer haben.

Seit Beginn des Jahres 2010 beobachten wir mit Interesse und Hoffnung, dass  - ausgehend vom Canisius-Kolleg der Jesuiten in Berlin – ein neuer Umgangsstil mit Gewaltopfern praktiziert wird. Es scheint möglich zu werden, dass Gewaltopfern zugehört wird. Das hat uns ermutigt, in der Mailingliste zu notieren, was wir von den Kirchen brauchen. Einige Eckpunkte  möchte ich benennen.

1. Wahrnehmen, dass Gewalt gegen Schwächere endemisch ist

Bislang nimmt die Kirche sehr aufmerksam wahr, dass überall auf der Welt Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft an der Tagesordnung ist. Es fällt ihr jedoch schwer zu erkennen, dass Gewalt auch in Deutschland, mitten im Frieden und mitten in den Gemeinden - und sogar in den Kirchen - geschieht. Gewalt gegen Frauen, Jungen und Mädchen ist auch in Deutschland endemisch.3 Jeder von uns kennt Gewaltopfer, ohne sich in der Regel darüber klar zu sein, denn Gewaltopfer tragen kein Etikett auf der Stirn, das sie kenntlich machen könnte. Sie erzählen auch nicht von Gewalt, weil sie wissen, dass es die Opfer sind, denen ein Imageschaden droht, wenn sie sich zu erkennen geben.
Kirchenleute sollten bedenken, dass sie es häufig in ihrem seelsorglichen Handeln mit Gewaltopfern zu tun haben, die sich nicht
als solche zu erkennen geben, deren oft gesamtes Leben aber stark durch die erlittene Menschengewalt geprägt ist.  

2. Sich über Trauma und Traumafolgen informieren

Wir sind immer wieder überrascht, wie wenig Menschen wissen, was Gewalterfahrungen anrichten können. Weitgehend
unbekannt ist, dass 60% aller Menschen, die Gewalt durch Menschen erlebten, unter langfristigen bis lebenslänglichen Traumafolgen zu leiden haben. Bei Vergewaltigungen und Missbrauch in der Kindheit ist die Zahl derer, die unter
einer  posttraumatischen Belastungsstörung leiden, noch höher. Die Öffentlichkeit wundert sich immer wieder, warum Menschen erst nach 20, 30 und mehr Jahren in der Lage sind, über die in der Kindheit/Jugend erlittene Gewalt zu sprechen. Sie weiß nicht, dass traumatische Erfahrungen nicht selten einer Amnesie unterliegen. Amnesien sind neben vielen, vielen anderen Folgen eine
typische Gewaltfolge. Zu den am meisten bedrückenden Folgen von Menschengewalt gehört der Verlust des Vertrauens – in sich selbst, in die Welt, in Gott. Die amerikanische Psychiaterin Judith Hermann fasst zusammen: "Traumatische Ereignisse erschüttern zwischenmenschliche Beziehungen in den Grundfesten. Sie zersetzen die Bindungen an Familie, Freunde, Partner und Nachbarn, sie zerstören das Selbstbild, das im Verhältnis zu anderen entsteht und aufrechterhalten wird. Sie untergraben das Wertesystem, das der menschlichen Erfahrung Sinn verleiht. Sie unterminieren das Vertrauen des Opfers in eine natürliche oder göttliche Ordnung und stoßen es in eine existentielle Krise..... Im Augenblick der Angst wenden sich die Opfer spontan an die Quelle, die ihnen zuerst Trost und Schutz bot. Verwundete Soldaten und vergewaltigte Frauen schreien nach ihren Müttern oder nach Gott. Bleibt dieser Schrei unbeantwortet, ist das Urvertrauen zerstört. Traumatisierte fühlen sich extrem verlassen, allein und ausgestoßen aus dem lebenserhaltenden Rahmen von menschlicher und göttlicher Fürsorge und Schutz."4 Aber es sind nicht nur Gewalt und Gewaltfolgen zu bewältigen, es kommt noch hinzu, dass Opfer nicht selten zum Schweigen gebracht wurden.

Es ist unabdingbar, dass Kirchenleute sich über Gewalt und Gewaltfolgen informieren, damit es ihnen möglich wird, sich mit den Opfern zu solidarisieren.

3. Den Beschimpfungen der Opfer durch "Opfermythen" widerstehen

Opfer werden u.a. durch Mythen über Gewalt zum Schweigen gebracht. Es gibt eine Fülle dieser Mythen. Sie haben Sinn; denn sie helfen Menschen, das Gefühl aufrecht zu erhalten, dass sie selbst nicht Gefahr laufen, Opfer von Gewalt zu werden. Was für
Nichtbetroffene Sicherheit ist, ist für die Opfer eine zusätzliche Last. Ihnen wird nämlich vorgeworfen, sie hätten etwas falsch gemacht. Wenn die Ursache der Gewalt nämlich im Opfer liegt, kann jeder sich anders als das Opfer verhalten und ist somit nicht in Gefahr. Die Opfermythen signalisieren dem Opfer, es sei nicht integer, selber schuld, moralisch minderwertig. Wer ein solches
An-Sehen hat, tut gut daran zu schweigen. Mir sind als Opfer-Beschuldigungen, die oft zugleich Täter-Entschuldigungen sind, in den letzten Jahren häufig folgende Aussagen begegnet:

„Opfer erkranken psychosomatisch, weil sie nicht vergeben wollen.“ Unterschlagen wird, dass psychosomatische Erkrankungen eine Folge der Gewalt sind. Die Schuld wird also beim Opfer gesucht – nicht beim Täter.

„Täter sind bemitleidenswert, denn sie waren früher doch auch Opfer.“ – Übersehen wird,  dass es viele Gewaltopfer gibt, die keine Täter werden – sonst wären nicht ca 96% der verurteilten Gewalttäter Männer. Übersehen wird auch, dass jeder Mensch eine Wahl hat, ob er/sie Täter werden will.

„Opfer sind irgendwie zugleich Täterinnen.“ Oder: „Wir sind doch alle Sünder.“ Das ist ein Standardargument jener, die die Differenzen zwischen Tätern und Opfern gerne nivellieren.

In seiner subtilen Art der Diskriminierung ist das Argument unübertroffen, dass Opfer aufgrund ihrer Gewalterfahrung irgendwie unzurechnungsfähig sind und in keinem Fall – zur Schonung der Opfer! – am Gespräch über Gewalt beteiligt werden können.

Kirchenleute müssen lernen, den Sinn der Opfermythen zu verstehen und ihnen die Realität entgegensetzen.

4. Den Opfern zuhören und für sie optieren

Die Missbrauchsbeauftragte der Jesuiten, die Anwältin Raue, äußerte sich im Februar 2010 überrascht darüber, dass in den Akten zwar die Täter auftauchen, die Opfer jedoch mit keinem Wort erwähnt werden. Das ist üblich - und in jeder Diskussion und in vielen Briefwechseln zu beobachten, dass innerhalb kürzester Zeit der Fokus vom Opfer weg auf den Täter hin gerichtet wird.

Bislang war es so, dass Täter mit dem Mitgefühl der Kirche und ihrem Schutz rechnen konnten. Kirchenleute wiesen auf das schwere Schicksal des Täters hin und seine Suizidgefährdung im Falle einer Anzeige. Sie sprachen vom „sozialen Tod“ des Täters, machten sich Gedanken darüber, dass der Täter als Kind sexuell missbraucht wurde – das Mitgefühl gehörte den Tätern. Opfer kamen als Menschen in den Blick, die dem Ansehen der Institution Kirche schaden.

Notwendig ist, die Perspektive der Bibel einzunehmen – und das ist die Perspektive der Opfer. Diese Perspektive ist nicht eine von vielen möglichen Sichtweisen – sie ist die einzige, die sich auf Gott und auf Jesus berufen kann. Nur eine Kirche, die sich mit den Ausgestoßenen und den unschuldig Leidenden solidarisiert, kann für sich in Anspruch nehmen, Kirche Jesu Christi zu sein. Wer den christlichen Gott als einen „Gott der Opfer“ verkünden will, muss lernen, dass nicht länger über  Opfer gesprochen werden darf, sondern mit ihnen. Nur so ist vermeidbar, dass Opfer erneut zu Objekten degradiert werden – diesmal zu Objekten christlichen Handelns.

5. Mit Vergebungsforderungen an Opfer vorsichtig umgehen

Es ist im kirchlichen Raum üblich, von Gewaltopfern zu erwarten, sie müssten denen, die an ihnen Verbrechen begangen haben, vergeben. Diese Forderung wird oft erhoben, bevor die Gewaltopfer ihr Leid ermessen oder gar erzählen konnten. Immer wieder wird Opfern gesagt, auch Jesus habe am Kreuz seinen Henkern verziehen. Mitnichten hat er das getan. Er hat seinen Vater im Himmel gebeten, seinen Mördern zu verzeihen.5 Das ist ein Unterschied. Es gibt Verletzungen von Menschen, die manchmal erst vor Gott vergeben werden können. Johann Baptist Metz beschreibt den Sachverhalt zutreffend: „Die die biblischen Traditionen beunruhigende Frage nach der Gerechtigkeit für die unschuldig Leidenden wurde nämlich allzu schnell verwandelt und  umgesprochen in die Frage nach der Erlösung der Schuldigen."6 

Ich würde mir von Kirchenleuten wünschen, dass sie ihre Psalmen lesen lernen als Gebete von Menschen, die in ihrer Not nur noch schreien können. Dort werden die Opfer nicht zum Schweigen gebracht. Heilsam wäre, wenn Kirchenleute im Umgang mit
Gewaltopfern den Respekt ehrlichen Herzens aufbringen könnten, den die Psalmen den Opfern von Menschen entgegenbringen.

6. Den Opfern Heimat und Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der ChristInnen anbieten

Gewaltopfer werden noch immer als „die anderen“ angesehen, die nicht zugehörig sind. Zu den am schwersten aushaltbaren Gewaltfolgen gehören der Verlust an Vertrauen und der Verlust an „Heimat auf Erden“. Wenn ChristInnen helfen, das in der Gewalt zerstörte Vertrauen wieder aufbauen zu helfen und Gewaltopfern in der Kirche eine Heimat anzubieten, dann ist das heilsam für die Gewaltüberlebenden – und bereichernd für die Kirche.

10.3.2010
Erika Kerstner

 

---------------------

1 Ich verwende den Begriff Opfer, weil er in dem hier in Frage stehenden Kontext angemessen ist. Er beschreibt NICHT das
gesamte Leben von Menschen, die dem Menschen zum Opfer fielen.

2 Haslbeck, Barbara: Sexueller Missbrauch und Religiosität, LIT-Verlag, Berlin 2007 , passim

3 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland, 2004

4 Judith Hermann: Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, München 1998, S. 77

5 Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Lk 23,34

6 Johann Baptist Metz:„Memoria Passionis“, Freiburg 2006, passim


Zur Startseite
Mailto:rika_k@web.de Diese Seite gehört zu http://www.gottes-suche.de Zum Seitenanfang