Erika Kerstner Löwenstr. 17 76297 Stutensee http://www.gottes-suche.de rika_k@web.de
18.2.2010
Sehr geehrte Damen und Herren von „Wir sind Kirche Austria“! Ich arbeite
seit nunmehr fast genau 10 Jahren mit Frauen, die in der Kindheit Opfer von Menschengewalt wurden.
Darunter sind natürlich
auch Frauen, die von Priestern
missbraucht wurden. Im Internet sind wir unter http://www.gottes-suche.de zu erreichen. Heute begegnete mir der Vortrag von Herrn
Dr. Conway, der auf Ihrer
Internetseite unterhttp://www.wir-sind-kirche.at/content/index.php?option=com_content&task=view
&id=550&Itemid=14
veröffentlicht ist.
Wenigstens einen Versuch möchte ich machen, Ihnen eine
Rückmeldung zu geben, wie
der o. a. Vortrag von Herrn Dr. Conway bei mir angekommen ist.
Bereits im September 2009 habe
ich – zusammen mit der kath. Theologin Dr.
Barbara Haslbeck, die ihre
Dissertation zum Thema „Sexueller Missbrauch und Religiosität“ geschrieben hat –
Herrn Dr. Conway eine
Rückmeldung zu seinem
Artikel über sexuellen Missbrauch in der Kirche
(Herderkorrespondenz1 )
zukommen lassen, der ähnlich argumentiert wie der von Ihnen
dokumentierte Vortrag. Die
Rückmeldung hatten wir überschrieben mit dem
Titel: „Unter Umgehung der
Opfer“. Eine Antwort von Herrn Conway haben wir leider
nicht erhalten.
Nun muss ich feststellen, dass
unser
Einspruch einfach
überhört wurde. Daher
möchte ich ihn erneuern. Denn ich nehme in dem bei Ihnen
veröffentlichten Vortrag
die gleiche Struktur wahr, die mir in der Argumentation von
Herrn Dr. Conway bereits im
Beitrag zur HK auffiel. Herr
Conway
schreibt
nun:
„Dabei
sind
die Konsequenzen für die von
uns verletzten Individuen
genau so schrecklich wie für die
Priesterschaft und das Leben
der Kirche.“ An keiner Stelle belegt Herr Conway diese
Aussage. Sie ist ja auch nicht
zu belegen. Denn Priester, die Kinder oder
Jugendliche missbrauchen, sind
keineswegs traumatisiert durch ihr Tun. Traumatisiert sind die Opfer von Missbrauch. Ein Trauma
ist dadurch gekennzeichnet,
dass ein Mensch nicht fliehen
kann und sich nicht wehren kann. Das trifft
für alle Opfer von
sexuellem Missbrauch zu; es trifft verschärft
für die Missbrauchsopfer
von Priestern zu. Der Täter hingegen ist nicht
nur nicht traumaisiert, er hat
sogar die Wahl, ob er Täter werden will oder
nicht. Das trifft auch dann
noch zu, wenn er selbst in seiner Kindheit Missbrauchsopfer war. Auch die Kirche ist
nicht traumatisiert. Sie nimmt
Schaden, sie wird unglaubwürdig: ja – aber sie wird weder dadurch traumatisiert, dass ihre Amtsträger
Kinder und Jugendliche
missbrauchen, noch dadurch,
dass sie die Täter schützte.
Ich vermisse im Vortrag von Herrn Dr.
Conway, dass er die
Traumatisierung von Opfern und
die nicht selten lebenslänglich andauernden
Traumafolgen zur Kenntnis
nimmt. Der Autor
richtet vielmehr seinen Fokus auf die Täter. Selbst da,
wo er davon erzählt, dass
sie den Opfern zuhören, benennt er - die
Gefühle der Täter:
Scham, Erniedrigung, Schuld, Schaden, Wut.
Von den Gefühlen der
Opfer lese ich nichts. Ich lese davon, dass Täter aus der
Gemeinschaft der Mitchristen
ausgeschlossen werden. Dass Opfer aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen sind, erfahren wir nicht.
Vom Nichtgehörtwerden und
Ausgeschlossen-Werden der Opfer könnte ich viel erzählen.
Natürlich kann Herr
Conway auch
formulieren: „Opfer müssen
vergeben können, damit
sie Heilung finden.“ Mir ist kein einziger Täter – weder ein kirchlicher noch ein anderer – bekannt,
der verstanden hätte, was
er angerichtet hat bei seinem
Opfer/seinen Opfern und der um Vergebung
gebeten hätte. Dennoch
konfrontiert Herr Dr. Conway Opfer mit der
Forderung nach Vergebung.
(Wer um Himmels willen – kann chronisch unschuldigen
Tätern vergeben?!)
Zugleich wird Opfern suggeriert, dass sie nur geheilt
werden, wenn sie vergeben. Die
Last der Vergebung wird den Opfern
aufgebürdet. Gefragt
werden sie nicht, ob sie vergeben wollen und ob sie das
können.
Diese Forderung
ist nur jemandem möglich, der nicht weiß und
nicht wissen will, welche
Folgen Menschengewalt haben kann. Ich kann leider nicht erkennen, dass Herr
Dr. Conway tut, was er
fordert: Opfern
zuzuhören. Ich kann auch nicht erkennen, dass es keine
kirchliche Führungsperson
geben soll, für die die Genesung früherer
Opfer nicht eine prominente
Rolle spielt. Dies nehme ich – erstmals in meiner Kirche
nach 10 Jahren intensiver
Gewaltarbeit – im Vorgehen und der Haltung der
Jesuiten, allen voran den
Herren Mertes und Dartmann, in Deutschland angesichts
der jüngst
öffentlich gewordenen Missbrauchsfälle in
Jesuitenschulen und andernorts
wahr.
Diese Rückmeldung
muss ich Ihnen als „Wir sind Kirche“ einfach
zukommen lassen, damit Sie
wenigstens e i n e Stimme hören, die
die Dinge anders sieht als
Herr Dr. Conway.
Mit freundlichen Grüßen! Erika Kerstner