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„Unter
Umgehung der Opfer“. Anmerkungen zu
einem Artikel von Eamonn Conway
in
Herder-Korrespondenz September 2009, S. 465 – 469 mit dem Titel:
„Nicht nur ein
paar faule Äpfel. Die Kirche in Irland bleibt durch Kindesmissbrauch
gezeichnet"
Der Artikel ist hier veröffentlicht. |
Der
Theologe E. Conway beschäftigt
sich in dem Artikel
mit den Vorgängen, die durch die Veröffentlichung des so genannten
Ryan-Reports
in der katholischen Kirche Irlands auftauchten. Der Ryan-Report wurde
2000 von
der irischen Regierung in Auftrag gegeben und 2009 veröffentlicht. Er
dokumentiert Aussagen von Missbrauchs- und Misshandlungsopfern in
irischen
Heimen, die überwiegend von Ordensleuten geleitet wurden.
Zunächst fasse ich den Artikel kurz zusammen, damit der Brief an die
Herder-Korrespondenz verständlich ist.
Der Autor konstatiert in der Einleitung: "Es scheint, dass diese Schreckensgeschichte des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester und Ordensleute die kirchliche Landschaft in Irland für absehbare Zeit beherrschen wird." Diese einleitende Zusammenfassung wiederholt die Überschrift "Die Kirche in Irland bleibt durch Kindesmissbrauch gezeichnet." Conway spricht von einer "Kultur des sexuellen Missbrauchs". Die Lektüre des Ryan-Berichtes sei "eine entsetzliche Lektüre", die dem Leser durch die überwiegend direkten Aussagen und Zeugnisse der Opfer "beschert" werde.
Unter der Überschrift: "Haben die Orden die Tragweite der Beschuldigungen unterschätzt?" berichtet der Autor u. a. von einem Kommentar in der Tageszeitung "The Irish Times" vom 25.5.09. Dort hatte der Erzbischof Martin - bislang in der römischen Kurie beschäftigt und erst vor kurzem in Irland - die Orden aufgefordert, zu prüfen und zu beantworten, was geschehen sei, dass die Orden sich so weit von ihrem Charisma entfernt haben. Die Orden seien es ihren "aufrichtigen Ordensangehörigen" (sonst offensichtlich niemandem) schuldig, eine Antwort zu finden. Davon hinge die Glaubwürdigkeit des Ordens und das Fortbestehen des Ordenscharismas ab, schrieb der Erzbischof. Conway berichtet, dass die Orden sich betrogen fühlten und verärgert waren, weil der Erzbischof keine Anstrengungen unternommen habe, ihre Seite der Geschichte zu verstehen.
Unter der Überschrift "Die Orden fanden wenig Unterstützung und Verständnis" erzählt Conway weiter, dass die Orden bislang nicht ihren eingegangenen Zahlungsverpflichtungen nachgekommen seien (127 Millionen Euro von inzwischen geschätzten 1,5 Billionen Euro), weil viel vom Ordenseigentum rechtlich komplex in Fonds oder ähnlichem gebunden sei. Zugleich, berichtet Conway, seien die Anschuldigungen gegen Ordensangehörige als glaubwürdig akzeptiert worden, so dass viele Ordensleute entmutigt wurden, sich zu verteidigen. Conway spricht von einer "tiefgehenden Demütigung" der Orden. Die Orden wiesen darauf hin, dass viele der Angeschuldigten sich am Ende ihres Lebens und in stationärer Pflege befinden. Sie seien verstört und hätten ihren Stolz auf Jahrzehnte eines selbstlosen Dienstes verloren. Außerdem träfen die Vorwürfe ausgerechnet jene Orden, die sich vor allem um die Armen und Benachteiligten sorgten.
Unter der Überschrift "Die Moral liegt am Boden" führt Conway auf, mit welchen Konsequenzen für die Kirche der Missbrauchsskandal behaftet sei. Er sagt:
Auch zu
einer theologischen
Selbstkritik ruft E.
Conway auf. Er berichtet von konservativen Stimmen, die sogar so weit
gegangen
seien, davor zu warnen, Missbrauchs-Opfer zu benutzen, um eine liberale
Reform
der Kirche zu fördern.
Dann widmet sich der Autor der Psyche von Bischöfen, die in Irland,
Polen und
den USA jeweils die gleichen Fehler im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen
gemacht
hätten. Der Pflichtzölibat gerät in den Blick. Im Zentrum der
theologischen
Auseinandersetzung jedoch stehen Fragen im Blick auf Macht und die
Ausübung von
Autorität. Conway fordert dazu auf, selbstkritisch zu prüfen, wie
"unsere
Strukturen heute immer noch jene beschädigen und entmenschlichen
können, die in
ihnen dienen." Es sei die Machtlosigkeit, Schwäche, der Mangel an
Unterstützung
durch Kirche und ihre Ordensgemeinschaften, die die Priester
veranlassten, jene
zu verletzen, die noch schwächer als sie selbst seien.
Zuletzt benennt Conway die Gefahr, dass Kirche durch öffentlichen Druck versucht sein könne, sich gegenüber Tätern genau wie säkulare Institutionen zu verhalten. "Zugleich gibt es jedoch auch im Handeln Christi etwas, dem wir als Christen nachzueifern gefordert sind: nämlich den Teufelskreis zu durchbrechen von Verbrechen und Strafe, von Opfer und Täter." Die Herzmitte der christlichen Botschaft sei immerhin die Liebe, die zwar mit der schlechten Tat konfrontiere, sich zugleich aber vergebend und heilend zeige.
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Betr.: „Unter Umgehung der Opfer“. Anmerkungen zu
einem Artikel von Eamonn Conway, in Herder-Korrespondenz September
2009, S. 465
– 469 mit dem Titel: „Nicht nur ein paar faule Äpfel. Die Kirche in
Irland
bleibt durch Kindesmissbrauch gezeichnet" Sehr
geehrter Herr Dr. ...! Der
Artikel
„Nicht
nur
ein
paar faule
Äpfel. Die Kirche in Irland bleibt durch Kindesmissbrauch gezeichnet“
von
Eamonn Conway in der HK 09/2009, S. 465 – 469, äußert sich zum
Missbrauchsskandal
in Irland. Wir danken für die Aufnahme dieser Thematik in eine wichtige
theologische Zeitschrift. Nach der Lektüre drängen sich jedoch einige
kritische
Anmerkungen auf. Es
fällt
auf,
dass
die
Opfer
hinter dem Text verschwinden. In der Einleitung
werden sie
noch benannt – und zwar als diejenigen, die verantwortlich dafür sind,
dass der
fünfbändige Ryan-Bericht dem Leser eine "entsetzliche Lektüre"
"beschert", denn in dem Bericht werden überwiegend direkte Aussagen
und Zeugnisse von Opfern zitiert. Der Autor blickt ganz konsequent auf
das, was
die Opfer beim Leser anrichten: Entsetzen. Auf das, was die Täter bei
den
Opfern angerichtet haben, schaut der Autor nicht. Folgerichtig kommt er
der
Aufgabe nach, seinem Untertitel "Die Kirche in Irland bleibt durch
Kindesmissbrauch gezeichnet" gerecht zu werden. Mit dem Begriff
"gezeichnet sein" wird üblicherweise ein Erleben benannt, das einem
Menschen unwiderruflich wie ein Stigma aufgedrückt wurde. Dieser
Begriff ist zu
Recht reserviert für Menschen, die lebenslänglich "gezeichnet" sind
durch Menschengewalt, durch ein Leben der Entbehrung, durch eine
schwere
Krankheit, durch einen Krieg etwa. Conway beschreibt damit jedoch die
Kirche in
Irland. S i e wurde in seinen Augen "gezeichnet". Diese
Sprachverwendung überträgt einen Begriff, der zu Recht für Opfer von
Menschengewalt benutzt wird, auf die Institution Kirche, die die Täter
beherbergte und unterstützte. Der Leser wird mit dieser
Begriffsübertragung
darauf eingestimmt, in der Kirche Irlands das wahre Opfer zu erkennen.
Auch der
Ausdruck ’etwas bescheren' hat einen
abwertenden Unterton, da er mit einer 'entsetzlichen’ Lektüre
kombiniert ist.
Das ist also eine entsetzliche Bescherung, die die Opfer da angerichtet
haben,
indem sie ihre Aussagen ins Protokoll des Ryan-Berichtes gaben. Der
Leser,
der
das
wahre
Opfer
bereits ahnt, ist vom Fortgang des Artikels nicht
mehr
überrascht. Der Autor berichtet vom Schicksal der Orden; von dem
Unrecht, das
Ordensangehörigen geschah und gegen das sie sich nicht wehren konnten;
von den
Schwierigkeiten der Orden, in Fonds festliegende Gelder locker zu
machen für
Entschädigungszahlungen; von der Pflegebedürftigkeit der alten
Ordensangehörigen;
von ihrem verlorenen Stolz, von ihrer jahrzehntelangen Arbeit im
Dienste der
Armen und Benachteiligten... Im Laufe des Artikels folgt der Leser dem
Autor.
Er nimmt die Orden und die Ordensangehörigen als hilflose Opfer wahr,
denen
Unrecht geschieht. Er erkennt, dass die Orden zu Unrecht von einem
Bischof
öffentlich gemaßregelt werden. Er kann nachfühlen, dass die Orden sich
betrogen
fühlten, weil nicht einmal der Bischof ihre wahren Schwierigkeiten mit
der
Lockermachung von Geld würdigte. Der
Leser
wird
hinein
genommen
in
die Klage der Orden und des Autors darüber,
dass die
Bischöfe ihrer Verantwortung als Vorgesetzte der Orden nicht nachkamen,
obwohl
sie durchaus über den Kindesmissbrauch informiert waren. In dem Bericht
über
die Auseinandersetzungen zwischen den Bischöfen und den Orden tauchen
als Opfer
die Orden auf, die sich in der Verantwortung für sexuellen Missbrauch
von den
Bischöfen im Stich gelassen fühlen. Nun
ist
es
ja
zunächst
ganz
legitim, auch darauf
zu schauen, was die aufgedeckten Missbrauchsfälle in irischen
katholischen
Heimen für die Kirche in Irland für Folgen hatten und haben. Es wird
der
Schaden im Blick auf die Kirche benannt. Diözesanpriester sind ebenso
"geschädigt" wie die Orden und die Bischöfe. In Mitleidenschaft
gezogen wurde das Verhältnis von Staat und Kirche, das Bildungswesen
gerät in
Gefahr. All das sind Schäden, die der Kirche entstanden sind. Ganz
konsequent
schaut
der
Autor
im letzten Teil seines Artikels darauf,
welche
Folgerungen für die Kirche sich ergeben. "Zugleich gibt es jedoch auch
im
Handeln Christi etwas, dem wir als Christen nachzueifern gefordert
sind:
nämlich den Teufelskreis zu durchbrechen von Verbrechen und Strafe, von
Opfer
und Täter. Die Herzmitte der christlichen Botschaft ist die Liebe...,
die sich
zugleich vergebend und heilend zeigt." Dem
Leser
stellen
sich
Fragen:
Wer
wurde geschädigt? Wer hat den Schaden
verursacht? Wem
muss vergeben werden und was muss vergeben werden? Und schließlich: wer
vergibt? Der
Autor
beantwortet
die
Fragen
des
Lesers. Die Geschädigte ist die Kirche. Also
fällt ihr
auch die Aufgabe der Vergebung zu. Vergeben werden muss den
Ordensangehörigen,
die sich als "machtlos, schwach, nicht ausreichend genährt, unbestätigt
und nicht unterstützt durch die Kirche und ihre Gemeinschaften" fühlen.
Sie sind zu bemitleiden. Das Mitleid mit ihnen macht es der Kirche dann
leicht,
ihnen zu vergeben. Vergebung ist ja die Herzmitte der christlichen
Botschaft. Völlig
aus
dem
Blick
geraten
sind
auch hier wieder diejenigen, die zuerst und
unmittelbar
geschädigt wurden: Die Opfer von Kindesmissbrauch und
Kindesmisshandlung. Vergebung
der Kirche scheint möglich zu sein unter Umgehung der eigentlichen
Opfer.
Vergeben wird der Schaden, der der Kirche entstand. Der Schaden, der
Opfern
entstand, wird nicht einmal erwähnt. Verblüffend
ist,
dass
Conway
Phänomene
benennt, die von Missbrauchsopfern immer
wieder
erzählt werden und zum typischen Erscheinungsbild von sexuellem
Missbrauch
gehören:
Exakt
diese
Phänomene
beschreibt
Conway.
Er
beschreibt sie aber nicht etwa im Blick
auf die
Kinder und Jugendlichen, die in irischen katholischen Heimen
misshandelt und
missbraucht wurden. Er beschreibt diese Phänomene im Blick auf die
Orden und
die katholische Kirche in Irland: Der Bischof Martin hört den Orden
nicht zu.
Die angeschuldigten Priester und Ordensleute erscheinen nicht
glaubwürdig. Sie
trauen sich nicht mehr, sich zu wehren. Sie fanden und finden in ihrer
Kirche
und in ihrem Orden keine Unterstützung. Sie fühlen sich schwach und
machtlos;
sie werden gedemütigt und ihre jahrzehntelange Arbeit im Dienste der
Schwachen
wird nicht anerkannt. Kurz: Die Kirche in Irland ist gezeichnet. Am
Ende
der
Lektüre
ist
dem
Leser klar, wer die wirklichen Opfer sind: Es sind die
Institution Kirche und in ihr vor allem die Orden. Die
vom
Autor
als
anstehend
benannte
"theologische Selbstkritik" verbleibt im
Binnenraum der (Amts-)Kirche. Opfer sind nicht im Blick - als seien
nicht auch
sie Kirche und als seien nicht sie die unwiderruflich durch Missbrauch
und
Misshandlung "Gezeichneten". Es gelingt dem Autor, von Vergebung zu
sprechen, ohne die wirklichen Opfer zu benennen. Sie kommen in dem
anstehenden
Vergebungs- und Heilungsprozess nicht vor. Im Mittelpunkt des
Interesses steht
der Schaden, der der Kirche zugefügt wurde. Und diesen Schaden kann die
Kirche
vergeben. Wer sich um den Schaden der Opfer kümmert und wer an der
Seite der
Opfer steht, ist dem Artikel nicht zu entnehmen. Eine
Theologie,
die
nicht
von
den Opfern, sondern von der Amtskirche her
denkt,
verfehlt die Menschen, die unter die Räuber gefallen sind. Es ist eine
Theologie im Dienste der Kirche, aus deren Reihen die Täter kamen und
die in
ihr Schutz fanden - es ist keine Theologie im Dienste der Opfer. 15.9.2009 Erika Kerstner |
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