Presse
Am Mittwoch, 29. Juli, ging unten stehender Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Herrn Dr. R. Zollitsch. Der Brief wurde in der Mailingliste GottesSuche entworfen und diskutiert und schließlich in seine vorliegende Form gebracht. Am 25.7.2009 wurde er von 68 Menschen der Pfarrei St. Peter in Bruchsal unterzeichnet. Den Unterschriften vorausgegangen waren langjährige solidarische Wege, die die Gemeindeleitung und Mitglieder der Pfarrei, z.T. des Dekanates Bruchsal, seit 2000 mit Gewaltüberlebenden gegangen waren. Die Menschen dort haben sich immer wieder auf "Gewalt im Nahbereich", Trauma, Opfer.... ansprechen lassen, ökumenische Gottesdienste zum Thema "Solidarität mit Gewaltüberlebenden" gefeiert, Betroffenen einen Raum und eine Seelsorgerin und einen Seelsorger zur Verfügung gestellt und in vielfältigen Kontakten Betroffene begleitet. Zuletzt war es möglich, im Rahmen eines lange vorbereiteten siebenwöchigen Amos-Prozesses mit den ChristInnen der Gemeinde in vielen Veranstaltungen und Gottesdiensten Menschenrechtsverletzungen inclusive Trauma und Traumafolgen durch menschl. Gewalt im Nahbereich zu thematisieren - ausgehend von dem Propheten Amos.
Es war - und das ist sicher außergewöhnlich - möglich, diesen Protestbrief zum Abschluss des Amos-Prozesses in die Gemeinde einzubringen, weil die langjährige Bereitschaft der Gemeinde, das Anliegen und die Betroffenen zu hören, eine tragfähige Vertrauensbasis geschaffen hatte. Dieser Kontext des Vertrauens, der für Betroffene sehr wichtig ist, ist auch in den Unterschriften des Protestbriefes bewahrt. Deswegen wurde der Brief, wiewohl ein Öffentlicher Brief, nicht weiter in der Öffentlichkeit gestreut.
Mitte bis Ende September 2009 werde ich über die Reaktion des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz auf dieses Schreiben berichten - hier auf der HP GottesSuche und in der Gemeinde St. Peter in Bruchsal.
Erika Kerstner
1.8.2009

Die Antwort ist hier zusammengefasst nachzulesen. 5.9.2009

Erika Kerstner
Löwenstr. 17
76249 Stutensee
Mailadresse


25.7.2009

OFFENER BRIEF
An den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz
Herrn Erzbischof Dr. R. Zollitsch
zu Hd. des
Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz
Herrn Pater Dr. Hans Langendörfer SJ
Kaiserstraße 161
53113 Bonn

 
Sehr geehrter Herr Erzbischof Dr. Zollitsch!

Ich möchte Ihnen meine Bestürzung zum Ausdruck bringen über das Schreiben von Papst Benedikt XVI. zum Beginn des Priesterjahres anlässlich des 150. Jahrestages des "Dies Natalis" von Johannes Maria Vianney. 
Dort heißt es u.a. im Text:

"Leider gibt es auch Situationen, die nie genug beklagt werden können, in denen es die Kirche selber ist, die leidet, und zwar wegen der Untreue einiger ihrer Diener. Die Welt findet dann darin Grund zu Anstoß und Ablehnung. Was in solchen Fällen der Kirche am hilfreichsten sein kann, ist weniger die eigensinnige Aufdeckung der Schwächen ihrer Diener, als vielmehr das erneute und frohe Bewußtsein der Größe des Geschenkes Gottes, das in leuchtender Weise Gestalt angenommen hat in großherzigen Hirten, in von brennender Liebe zu Gott und den Menschen erfüllten Ordensleuten, in erleuchteten und geduldigen geistlichen Führern."

Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass mit der nicht näher erklärten „Untreue“ einiger Diener der Kirche vor allem der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester gemeint ist. Der Heilige Vater stellt fest, dass die Welt darin „Grund zu Anstoß und Ablehnung“ findet. Ich möchte gerne davon ausgehen dürfen, dass auch der Heilige Vater und die katholische Kirche den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester anstößig finden und ablehnen.

Der Heilige Vater nennt die Aufdeckung von Verbrechen durch die Opfer „eigensinnig“. Der Begriff „eigensinnig“ ist konnotiert mit starrsinnig, unnachgiebig, störrisch, trotzig. Wenn Menschen so charakterisiert werden, dann geschieht dies mit dem Ziel, sie abzuwerten.

Außerdem konstatiert der Heilige Vater, dass es für die Kirche nicht „am hilfreichsten“ ist, wenn Missbrauchsopfer die an ihnen verübten Verbrechen aufdecken. Der Heilige Vater suggeriert damit, dass Missbrauchsopfer von Priestern  Verbrechen nicht aufdecken sollten, wenn sie der Kirche „am hilfreichsten“ sein wollen. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wer der Kirche wirklich hilfreich sein will, darf die „Untreue“ (gemeint sind Menschenrechtsverletzungen!) der Diener der Kirche nicht aufdecken. Zugleich bedeutet dies, dass kirchliche Missbrauchsopfer in Christen keine mit ihnen solidarischen Verbündeten zu erwarten haben.

Und ein Letztes: Der Heilige Vater spricht vom – zweifellos vorhandenen – Leid, das Priester mit ihrer „Untreue“ der Kirche zugefügt haben. Völlig vergessen wird das nicht selten lebenslängliche Leid, das pädokriminelle Priester mit ihren Verbrechen den Missbrauchsopfern zugefügt haben. Als das „wahre Opfer“ erscheint die Kirche - das Leid der Missbrauchsopfer hingegen wird hinter dem Leid der Kirche zum Verschwinden gebracht.

Dieses Schreiben des Papstes ist ungeeignet, die verlorene Glaubwürdigkeit der Kirche wieder herzustellen. Ich kann Ihnen mein Entsetzen über das Papstschreiben nicht verhehlen. Es wäre gut, wenn Sie diese Rückmeldung auf das päpstliche Schreiben in geeigneter Weise auch dem Heiligen Vater zugänglich machen.

Mit der Bitte um Rückmeldung verbleibe ich mit freundlichem Gruß!

(Unterschrift)

und namentlich nicht genannte Mitglieder der Mailingliste GottesSuche sowie 68 weitere UnterzeichnerInnen


Gewaltüberlebende Christinnen &
GottesSuche
Glaube nach Gewalterfahrungen
Arbeits- und Selbsthilfegruppe

Anlage: 6 Unterschriftenlisten


Die Antwort ist hier zusammengefasst nachzulesen. 5.9.2009




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