„Gewalt
gegen
Frauen
– das Thema ‚geht nicht’ in den Veranstaltungen der
Frauenseelsorge. Da kommt niemand.“ Das sagte mir die
Frauenseelsorgerin einer Diözese Deutschlands. Zugleich erinnerte
sie mich an die vielen Veranstaltungen zum Thema „Gewalt gegen Frauen“.
Dahinter stand die unausgesprochene Frage: ‚Ist es denn nicht genug,
was wir seit Jahren tun?!’
Das Thema „Gewalt gegen Frauen“ ist in kreativen events,
öffentlichkeitswirksamen Aktionen, auf Tagungen und Seminaren
präsent. Fachleute vernetzen und tauschen sich aus,
sensibilisieren Öffentlichkeit und MultiplikatorInnen. Kirche
konzentriert sich auf Hilfe in akuter Gewaltsituation,
Gewaltprävention und Aufklärung. In diesen Handlungsfeldern
ist „noch etwas zu tun“. Allerdings fällt eine Gruppe aus diesen
unverzichtbaren Aktivitäten heraus: Jene Menschen, die langfristig
oder lebenslänglich unter den Folgen von Gewalt zu leiden haben.
Bei ihnen ist nichts mehr zu machen, sie sind lange zuvor Opfer
geworden. Für Prävention und Aufklärung ist es zu
spät.
Auf diese Menschen möchte ich hier den Blick richten. Im Sommer
2000 begann ich, mit Frauen zu arbeiten, die langfristig durch Gewalt
traumatisiert sind. Sie klagen, dass sie bei den genannten kirchlichen
Veranstaltungen nicht gemeint seien und nicht vorkommen. Sie berichten,
dass die Stimmung eiskalt wurde oder die Atmosphäre nicht danach
gewesen wäre, als sie auf solchen Tagungen nicht nur über
Opfer sprechen wollten, sondern von ihnen. Es scheint, dass die
fortwährende Existenz von Gewaltopfern eine Provokation und eine
Widerlegung des Erfolgs kirchlicher Anstrengungen ist.
Ich möchte zunächst Zahlen vermitteln, vom Erleben der
Betroffenen in Vergangenheit und Gegenwart berichten und von dem, was
sie notwendig brauchen. Dann stelle ich die Initiative GottesSuche vor.
Nicht verschwiegen werden die Hindernisse, die diese Arbeit erschweren
und vermutlich wenig mit den beteiligten Personen und viel mit der
Dynamik zu tun haben, die dem Trauma innewohnt. Schließlich
berichtet Marieluise Gallinat-Schneider, die seit 4 Jahren eine Gruppe
Gewaltüberlebender Christinnen als Seelsorgerin in der
Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal, begleitet, von ihren Erfahrungen.
Zuletzt ist von Zukunftsperspektiven zu sprechen. 1. Zahlen Verbrechen
werden
unsichtbar,
wenn sie gehäuft auftreten. 2004 gab es die
erste repräsentative Untersuchung über "Lebenssituation,
Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“. Sie belegt, dass
40% aller Frauen zwischen 16 und 85 Jahren körperliche, seelische
und/oder sexuelle Gewalt durch andere Menschen erlebten. Nicht erfasst
sind damit die Gewalterfahrungen zwischen 0 – 16 Jahren. Seriöse
Zahlen sagen, dass jedes 7. Mädchen und jeder 10. Junge zwischen 0
und 14 Jahren sexuellen Missbrauch im engeren Sinn, d.h.
Vergewaltigung, erlebt. Eine Untersuchung über Gewalt gegen
Männer ist in Arbeit. Dieses epidemisch zu nennende Vorkommen von
Gewalt lässt vermuten, dass jede/r von uns Betroffene im
näheren Umfeld kennt. 2. 1. Erleben der Betroffenen
in der Vergangenheit In
den zurückliegenden Monaten erschütterten immer wieder
Fälle von Kindesmisshandlung die Öffentlichkeit. Ich habe mit
Frauen zu tun, deren Gewalterfahrungen in der Kindheit liegen und die
in der Regel keine Öffentlichkeit erreichten. Sie wurden als
Kinder vernachlässigt, körperlich, seelisch und/oder sexuell
missbraucht, misshandelt, vergewaltigt. Hilfe gab es nicht, Entrinnen
ebenfalls nicht. Das Opfer bestand nicht selten nur aus Angst. Jenseits
der Angst gab es nichts mehr, keine Zeit, keine Hoffnung, keine
Zukunft. Das Zutrauen auf Rettung wurde ausgelöscht. Flucht war
unmöglich, Kampf ebenfalls. Es blieb die Flucht nach innen, das
Zersplittern, das amnestische Vergessen. Der Mensch zerbricht. Hinfort
ist ihm jeder Mensch ein Feind und die Welt bedrohlich. Die
Identität ist – mehr oder weniger tief – fragmentiert, das Opfer
von Gott und den Menschen isoliert. 2.2. Erleben der Betroffenen
in der Gegenwart Das
überaus Bedrückende ist, dass es nicht vorbei ist, wenn es
vorbei ist. Die erlebte Gewalt prägt das Leben. Die Erfahrung oft
jahrelanger Ohnmacht und Gewalt brennt sich wie eine Wunde ein, deren
Schmerz nie versiegt. Fachleute sprechen von einer posttraumatischen
Belastungsstörung (PTBS). Jedes 4. Gewaltopfer und jedes 2.
Missbrauchs- und Vergewaltigungsopfer leidet an einer PTBS. Eine
PTBS
geht
häufig mit Albträumen, Schlaflosigkeit, flash
backs, Depressionen, Essstörungen … einher. Zu den Symptomen
gehört eine schwer auszuhaltende chronische
Übererregung. Der traumatisierte Mensch lebt in der ständigen
Erwartung einer Gefahr, auch Jahre und Jahrzehnte nachdem das
traumatische Ereignis vorbei ist. Intrusionen, ungewollte Erinnerungen,
drängen sich immer wieder auf. Die Erinnerungen werden so erlebt,
als liege das Gewalterleben nicht Jahre oder Jahrzehnte zurück,
sondern geschehe in der Gegenwart. Auslöser kann im Grunde alles
sein: ein Geräusch, ein Geruch, eine Geste, eine Farbe…. Dabei
bleiben die Emotionen der ursprünglichen Gewalterfahrungen
erhalten. Ihre Intensität ist qualitativ verschieden von normalen
Gefühlen; sie liegt außerhalb des gewöhnlichen
emotionalen Erfahrungsspektrums und überfordert das
gewöhnliche Vermögen, Gefühle auszuhalten. Es gibt
keinen Ort der Welt, an dem Traumatisierte sicher vor Intrusionen sein
können. Unter diesen unaushaltbaren Gefühlen bricht das
Selbstverteidigungssystem eines Menschen immer neu zusammen. Flucht
geschieht, aber in Form einer Veränderung des
Bewusstseinszustandes. Er geht einher mit verstärkter
Bildwahrnehmung, verändertem Sinnesempfinden, verzerrter
Realitätswahrnehmung, Depersonalisation, Derealisation,
Dissoziationen bis hin zu posttraumatischer Amnesie. Der Versuch, die
quälenden Intrusionen zu vermeiden, führt zu
Einschränkungen im Leben der Betroffenen. Situationen und Menschen
werden oft gemieden. Nähe zu Menschen wird als Bedrohung erlebt.
Die Vergangenheit ist immer neu präsent. Nicht selten prägt
sie das gesamte Leben.
3. Was Gewaltüberlebende brauchen Die
andauernden Gewaltfolgen müssen Gewaltopfer mühsam,
quälend, oft in jahrelangen Therapien bearbeiten und zu
verändern suchen. Die Theologin Dr. Barbara Haslbeck hat in ihrer
Dissertation (Sexueller Missbrauch und Religiosität. Wenn Frauen
das Schweigen brechen: eine empirische Studie, Münster 2007) im
Gespräch mit Betroffenen vor allem zwei weitere Herausforderungen
beobachtet, die sich Gewaltüberlebenden stellen: Die Suche nach
Sinn und die Suche nach solidarischen Menschen. a. Die Suche nach Sinn
Gewalt hat keinen Sinn. Leid, das aus Gewalt resultiert, hat ebenfalls
keinen Sinn. Wer anderes behauptet, nimmt die Erfahrungen der Frauen
nicht ernst. Dennoch kämpfen viele Gewaltüberlebende auch
Jahre und Jahrzehnte nach der Gewalterfahrung mit der Sinnfrage, die
eine genuine Glaubensfrage ist. Das lebensnotwendige Vertrauen in einen
guten Verlauf der Welt wurde zerstört. Die Erfahrung dieser
Zerstörung jedoch ruft nach Lösung und Verständnis. Leid
ohne Sinn ist tierisch-stumm und inakzeptabel. Christlicher Glaube
erlaubt, das eigene Leid in einen größeren Zusammenhang zu
stellen. Damit ist dem Menschen möglich, das Eingemauertsein in
die eigene Leiderfahrung zu überwinden. Erfahrbar wird
Solidarität im Leiden und eine Sprache gegen das Verstummen. Klage
vor Gott und auch die Klage gegen Gott werden möglich. In der
Klage vor einem Adressaten wird die eigene Existenz auf ein
hörbereites Gegenüber hin überschritten; die
quälende Einsamkeit der Überlebenden wird reduziert. b. Die Suche nach
solidarischen Menschen Die
Verbundenheit mit Menschen und mit Gott wurde in der Gewalt
zerstört. Sie kann nicht in der Isolation wiederhergestellt
werden. Es braucht die Gemeinschaft von Menschen, die sich parteiisch
und solidarisch an die Seite des Opfers stellen – eine genuin
christliche Haltung. Es braucht Menschen, die sich berühren lassen
vom Leid anderer Menschen; die nicht wegschauen und vorübergehen;
die nicht in Opferbeschuldigung flüchten und nicht durch ihr
Schweigen Tätern in die Hände arbeiten. Es braucht Menschen,
die mit Mitleidensfähigkeit, Geduld, Engagement und mit ihrer
Glaubwürdigkeit für Gewaltüberlebende durchsichtig auf
die Güte Gottes hin sind. 4.
Die Initiative GottesSuche (http://www.gottes-suche.de) verdankt
ihren
Namen der Hoffnung, dass Gewaltüberlebende Gott suchen und Gott
diese Menschen sucht und dass sie einander nicht verfehlen. Die
Initiative entstand, als nach eineinhalbjährigen Recherchen keine
Gruppe im kirchlichen Raum auffindbar war, die die andauernden
Traumafolgen mit Hilfe der Ressourcen des christlichen Glaubens
bestehen wollte. Im Frühjahr 2002 ging ich daher auf der
Suche nach Betroffenen ins Internet. Unterstützt wurde - und wird
- diese Suchbewegung effektiv und hilfreich zunächst durch Pfr.
Dr. Jörg Sieger (http://www.joerg-sieger.de),
dann
auch
durch die Gemeindereferentin Marieluise Gallinat-Schneider (http://www.joerg-sieger.de/gallinat)
aus
der
Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal. Pfr. Dr. Sieger
steht als Seelsorger im Internet und vor Ort für Betroffene
zur Verfügung ebenso wie Frau Gallinat-Schneider, die zudem eine
2003 in Bruchsal initiierte Gruppe Gewaltüberlebender Christinnen
seelsorglich begleitet. Zunächst
waren
Erfahrungen
mit dem Medium Internet und mit Betroffenen (bisher
mit ca 290 Frauen) zu sammeln. Eine Mailingliste erwies sich als
brauchbar, um Betroffene miteinander in einen geschützten Kontakt
zu bringen. Ursprünglich war an eine „Arbeitsgruppe im Internet“
gedacht. Es zeigte sich jedoch, dass das Bedürfnis Betroffener
nach „Seelsorge auf Gegenseitigkeit“ mindestens ebenso groß ist.
In der Mailingliste entwickelte sich im Laufe der Jahre eine
tragfähige Gemeinschaft, die miteinander und voneinander lernt und
auch Konflikte verbindlich miteinander durchsteht. Die gewährte
Anonymität ist hilfreich – der Verbindlichkeit tut sie
überraschenderweise keinerlei Abbruch. Wichtig ist, dass die
Menschen, die sich als GesprächspartnerInnen anbieten, im Kontakt
authentisch, zuverlässig und schnell sind. Unumgänglich ist,
dass sie langfristig zur Verfügung stehen. In
Zusammenarbeit mit einigen wachen und engagierten ChristInnen war es
Betroffenen möglich, Gottesdienste, Vorträge und andere
öffentliche Aktionen zu machen. Sie dienten der Bekanntmachung des
Angebotes für Betroffene und der Kenntlichmachung der
BegleiterInnen und sind der Versuch, Vertrauen zwischen Kirchen und
Betroffenen aufzubauen.
5. Hindernisse Auch
die
Hindernisse
sind zu benennen. Sie sind vielfältig. Ein
Beispiel in Zahlen: Von 250 Bitten um Unterstützung durch Kirchen
wurden 50% überhaupt nicht beantwortet; in 25% wurde mein Anliegen
ergebnislos weitergereicht. In immerhin 25% der Anfragen gab es eine
freundliche Rückmeldung, ein Link wurde gesetzt oder es kam zu
einer konstruktiven und hilfreichen Zusammenarbeit mit Kirchenfrauen
und – männern. Dass
auch
im
kirchlichen Raum die Abwehr von Gewaltopfern durch
Opferbeschuldigung eher üblich ist, war leidvoll zu konstatieren.
Vergebungsforderungen wurden an Opfer gerichtet, ohne dass Täter
zur Umkehr oder Wiedergutmachung aufgefordert werden. Opfern wurde
gesagt, ihr Mangel an Vergebungsbereitschaft führe zu
psychosomatischen Erkrankungen. Damit wurde die Gewalt als Ursache von
Krankheiten verschleiert. Täter wurden als frühere Opfer
dargestellt und damit Opfern unterstellt, sie seien künftige
Täterinnen. Die geschlechtsspezifische Verteilung von Tätern
und Opfern wurde verschwinden gemacht mit dem Hinweis, auch Männer
seien Opfer und Frauen Täter. Weiterhin wurde über Opfer
gesprochen, nicht mit ihnen. Dass es möglich ist, mit Gewaltopfern
zu sprechen, können Sie dem Erfahrungsbericht von Marieluise
Gallinat-Schneider entnehmen. 6. Erfahrungen einer
Seelsorgerin „Ich war vor einigen Jahren auf einer Taufe eingeladen. Meine
jüngere Tochter war damals sieben Jahre alt. Wir blieben über
Nacht bei der Familie und ich wachte morgens auf und sah, dass meine
Tochter schon aufgestanden war. Sie war beim Baby, hielt es im Arm, es
begann zu weinen, sie nahm den Schnuller, gab ihn dem Baby und sagte:
„Du musst doch nicht weinen Kleines, hab keine Angst, alles ist gut“.
Achten Sie mal genau auf den Wortlaut. Meine Tochter mit ihren sieben
Jahren sagte nicht, es wird alles gut, nein sie sagte, es ist alles
gut. Auch ich habe das zu meinen Kindern gesagt, als sie klein waren.
Bei einem Soziologen las ich später, wir nehmen, ohne groß
nachzudenken, aber sicher mit großer Gewissheit die Rolle von
Weltbeschützern, von Welterbauern an. Es erinnert zutiefst an den
Anfang des Schöpfungsberichtes. Zunächst herrscht im Kind,
wenn es aus schlechten Träumen aufwacht, auch Chaos und Finsternis
- wie es auf der Erde war. Dann kommt die Mutter, und sorgt für
Licht, Liebe, Zuwendung und bringt Ordnung ins Chaos und alles ist gut.
Es gibt diesen winzigen Moment im Schlafzimmer des Kindes, in dem wir
Eltern als Schöpfer der Ordnung handeln. Wir machen die Welt gut,
wir können die Zusage geben, dass die Welt, das Sein, dass alles
in Ordnung ist.
Stellen Sie sich nun vor, dass es zig Menschen gibt, die genau die
gegenteilige Erfahrung machen mussten. Die Eltern waren nicht
diejenigen, die Ordnung ins Chaos brachten oder Licht in die
Finsternis, sondern diejenigen, die den Kindern Gewalt antaten. Statt
des beschriebenen Friedens im Schlafzimmer herrschten dort Missbrauch
und Gewalt. Wie soll ein Mensch, der solche Erfahrungen machte, der
erfuhr, dass gerade die Eltern ihm Angst einjagten, ihm Böses
antaten, dieses Urvertrauen herstellen, dass jemals etwas gut sein
kann? Viele Frauen, denen dies angetan wurde, sind auf der Suche nach
einem Gott, dem sie dennoch vertrauen dürfen, bei dem sie ihre
Wut, ihre Trauer, ihre Verzweiflung und ihre Klage anbringen
dürfen und der für sie da ist, wenn sonst niemand da ist.
Zum Teil wird eine lebenslange Suche daraus, in Gott und Jesus einen
Verbündeten zu finden, der sich dem leidenden Menschen zuwendet,
auch wenn sich alle anderen abwenden. Zumal unsere liturgische Sprache
alles andere als hilfreich ist, wenn wir von Gott als Vater und
Herrscher reden. Daher achte ich in der Gruppe auch immer auf Texte,
deren Sprache behutsam mit dem Erleben der Frauen umgeht, verwende
meist Texte von Frauen, die Bibel in gerechter Sprache etc. Und ich
stelle fest, wenn ich darauf Rücksicht nehme, sind gute
Gespräche, auch Glaubensgespräche möglich. In unseren
Treffen wird geredet, zugehört, geschwiegen, geweint und gelacht -
alles gehört dazu.
Natürlich erschrecke ich oft vor den leidvollen Erfahrungen der
Frauen und ihr Erzählen schnürt mir die Kehle zu. Ich stelle
fest, wenn ich ganz ehrlich sage: „Ich weiß nicht, warum du
solche schlimmen Erfahrungen machen musstest und ich kann sie dir nicht
nehmen, ich kann dir nur zuhören und da sein“, ist das meist schon
genug. Von mir wird nicht erwartet, dass ich etwas anderes tue, als
ihren Berichten zu glauben, Erfahrungen des Abgewiesenwerdens, des
Nichtglaubens gehören zu den häufigsten dieser Frauen.
Zusätzlich werden die Opfer zum Täter gemacht, weil
instinktiv die Gedanken in die Richtung gehen, wenn die sich anders
angezogen hätte, hätte ihr das keiner angetan – oder, sie
hätte sich halt wehren müssen. Es ist schon ausreichend, dass
in unserer Gruppe die Frauen Respekt, Achtung und Empathie erfahren
und, dass sie das Schweigen endlich brechen können. Daher ist es
auch nicht so schwer, die Opfer zu begleiten. Denn für mich als
Christin gehören Annnahme meiner Mitmenschen, Zuwendung zum
Leidenden und Mitgefühl zu den Grundwerten, die unser
Zusammenleben bestimmen und wenn von mir nichts anderes erwartet wird,
als dass ich das gebe, dann verstehe ich nicht, warum viele Menschen
Angst vor dem Umgang mit Gewaltopfern haben.“
7. Perspektiven für die
Zukunft Christentum
IST
Gewaltanschauung.
Ureigene Aufgabe von Christen ist, Menschen, die
dem Menschen zum Opfer fielen, Hilfe und Solidarität erfahrbar zu
machen. Noch liegt zwischen Gewalttraumatisierten und Kirchen ein
schier unüberbrückbarer Graben. Hier wird Kirche zusammen mit
Betroffenen Unterstützungsangebote entwickeln müssen, damit
Gewaltopfer vertrauen lernen, dass Kirche ihnen Heimat ist im Leben mit
Traumafolgen.
Kirche
engagiert sich in Notfallhilfe für Gewaltopfer, Aufklärung
und Prävention. Es gibt die Begleitung gescheiterter Menschen. So
wurde die Gefangenenseelsorge institutionalisiert. Nötig ist
jedoch, nicht nur Straftäter, sondern auch Gewaltopfer langfristig
zu begleiten. Es braucht SeelsorgerInnen, die die Langzeitfolgen von
Gewalt kennen, um die spezifischen Lebens- und Glaubensschwierigkeiten
Gewaltüberlebender wissen und bereit sind, Menschen in die
Hölle der Gewaltfolgen und Einsamkeit zu begleiten.
Neben
seelsorglicher Einzelbegleitung von Gewaltopfern ist die eindeutige,
politische und parteiische Solidarisierung der Kirche mit Gewaltopfern
nötig, die sich nicht in unverbindlich-ritualisiertem Sprechen
über sie erschöpft. ChristInnen müssen Tätern
signalisieren, dass diese nicht mit kirchlicher Kumpanei und
Kollaboration rechnen dürfen. Zuschauern muss klar werden, dass
sie mit ihrem Zuschauen den Tätern in die Hände spielen.
Immer
wieder erhalte ich auch Anfragen von männlichen Gewaltopfern auf
der Suche nach Hilfe. Vor Ort braucht es Frauen- und Männergruppen
Gewaltüberlebender. Dass die Sorge um die Opfer eine gemeinsame
Aufgabe von Frauen und Männern ist, versteht sich von selbst.
Erika Kerstner + Marieluise Gallinat-Schneider
23.4.2007