Dieser Artikel ist zur Veröffentlichung in der Dokumentation einer
Veranstaltung "com-passion -
theologische Perspektiven im Globalisierungsprozess", die am
28.-29.10.2005 in Passau stattfand, vorgesehen. Quellenangabe folgt
nach Veröffentlichung der Dokumentation.
Gewaltüberlebende
Christinnen
und
das Profil des christlichen
Hauses
Erika Kerstner
1. Fragestellung
Menschen, die als
Kind, Jugendliche oder Erwachsene das Opfer anderer Menschen wurden,
haben oft lebenslänglich an den Folgen körperlicher,
seelischer und sexueller Gewalt zu leiden. Sie leben mitten unter uns.
Ich bin eine von ihnen. In meiner durchaus erfolgreichen Therapie hatte
ich feststellen müssen, dass spirituelle Fragen nur am Rande
vorkamen. Die Versuche, neben der Therapie seelsorgliche Begleitung zu
finden, waren gescheitert. Ein Seelsorger sprach mir im ersten
Gespräch von Auferstehung – an einem Tag, an dem ich nicht wusste,
wie ihn überleben. Eine Seelsorgerin reagierte auf meine
Geschichte mit Entsetzen, Sprachlosigkeit und Kontaktabbruch. Ein
dritter Seelsorger versicherte mir, dass die Vergangenheit doch weit
zurück läge und es schlimmere Lebensgeschichten gäbe.
Meine verzweifelten Fragen nach dem Sinn meiner Lebensgeschichte und
dem Dasein Gottes bei der Bewältigung der Traumatisierung und des
Lebens mit den Traumafolgen fanden kein Gehör und keinen
Mitchristen, der ihnen standgehalten hätte. Ich blieb alleine mit
meinen Fragen.
So begann ich am Ende
meiner Therapie im Sommer 2000 in beiden Großkirchen nach
bestehenden Gruppen von Frauen zu recherchieren, die vor dem
Hintergrund ihrer Gewalterfahrungen miteinander über ihren Glauben
nachdenken wollten und ihn als Ressource im Leben mit Traumafolgen
nutzen wollten. Diese Suche führte mich später auch ins
Internet1. Ich fand keine
Gruppen. Also blieb nur ein Weg: Selbst eine
Gruppe zu gründen und zugleich nach Verbündeten in beiden
Großkirchen Ausschau zu halten. Beides schien mir wichtig zu
sein. Gewaltüberlebende benötigen ihnen Verbündete, wenn
sie die in der Gewalt zerrissenen Verbindungsfäden zur
Gemeinschaft der Menschen und dort der Glaubensgenossinnen wieder oder
erstmals knüpfen wollten. Und sie benötigen die gegenseitige
Solidarität und Unterstützung im Leben mit den Traumafolgen.
Im Frühjahr 2001
fragte ich daher den Leiter eines katholischen Bildungshauses, ob er
sich in diesem Haus eine Arbeitsgruppe gewaltüberlebender
Christinnen vorstellen könne. Er antwortete, er halte die
Einrichtung einer Selbsthilfegruppe angesichts des Profils seines
Bildungshauses für schwierig. „Wir machen theologische
Erwachsenenbildung“, schrieb er und mir klang es, als hätte er
gesagt: Hören Sie zu, wir beschäftigen uns ernsthaft
mit Theologie und mit Erwachsenen. Ich korrigierte das
Missverständnis, ich wolle keine Selbsthilfegruppe, sondern eine
Arbeitsgruppe initiieren. Die Antwort kam postwendend: „Kennen Sie
überhaupt das Programm des Bildungshauses?.....Was die Einrichtung
einer Arbeitsgruppe angeht, bin ich zurückhaltend. Das würde
nicht zu unserem Profil passen.“ Ich war verblüfft: Passen
Menschen mit Gewalterfahrungen also nicht zum Profil eines christlichen
Hauses? Waren sie nicht willkommen, WEIL sie Gewalt erlebt hatten? War
nicht auch Jesus ein Gewaltopfer?
In den nun folgenden
Jahren sollte ich viele christliche Häuser kennenlernen und
erfahren, wer zum jeweiligen Profil passte und wer nicht.
Gewaltüberlebende Christinnen passten überwältigend oft
nicht. Nur einige wenige Male fand ich Menschen, die mir sagten und
zeigten, dass ich genau richtig bin, am richtigen Ort, zur richtigen
Zeit – und dass ich und meinesgleichen exakt zum Profil des Hauses
passten2.
In der Gewalt wird
den Opfern die eigene Wahrnehmung getrübt und vernebelt. Oft
findet eine völlige Umwertung im Interesse des Täters statt –
er nennt gut, was das Opfer erleidet; er bezeichnet es als richtig und
erreicht damit eine höchst bedrohliche Verwirrung des Opfers.
Gewaltopfer lernen, ihrer eigenen Wahrnehmung nicht zu trauen. Lange
nach dem Ende der Gewalt besteht die Verwirrung des Opfers fort, eine
tiefe Verunsicherung über die eigene Wahrnehmung und die
Angemessenheit der eigenen Gefühle bleibt erhalten. Das Misstrauen
gegenüber der eigenen Wahrnehmung zwingt zur ständigen
Vergewisserung darüber, ob das Gegenüber nicht doch Recht hat
oder ob den eigenen Gefühlen und dem eigenen Nachdenken zu trauen
ist. Nachdem ich gehäuft und nahezu flächendeckend erfuhr,
dass gewaltüberlebende Christinnen in den Kirchen nicht willkommen
sind, hatte ich in einem langen, oft tief verunsicherten Prozess zu
überprüfen, ob ich Christentum auf eine furchtbar verquere
Art völlig missverstanden hatte, als ich an den Türen
christlicher Häuser anklopfte, um Einlass bat und weg- oder
weitergeschickt wurde. Ich ging also der Frage nach, was das Profil
eines christlichen Hauses ausmacht. Und was lag näher als in den
Gründungsdokumenten der Kirche nachzuschauen?
2.
Biblische Befunde
2.1. Christentum ist
Gewaltanschauung
Die Bibel der Juden
und Christen beginnt mit der Trennung von Gott und setzt sich – ganz
logisch – fort in der Rivalität und Gewalt zwischen Menschen, die
nicht einmal vor dem Mord am Bruder zurückschreckt. Wie alt auch
immer diese Geschichten sein mögen, nach Auschwitz und
angesichts der gegenwärtigen Geschichte können wir nicht mehr
darauf vertrauen, dass sie falsch oder überholt sind. Wir haben in
den Urgeschichten der Bibel eine korrekte Beschreibung auch unserer
Gegenwart vor uns. Im Blick auf Gewalt gegen Frauen ist nach der ersten
repräsentativen Untersuchung des Bundesfamilienministeriums
über „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in
Deutschland“ 20043
ermittelt worden, dass 37% aller Frauen
hierzulande ab dem 16. Lebensjahr körperliche Gewalt erlebt haben.
Gewalterfahrungen zwischen 0 und 16 Jahren sind damit ebenso wenig
benannt wie seelische oder sexuelle Gewalt. 37% - das ist eine
ungeheuerliche Zahl. Und gehen wir nur einmal davon aus, dass jede
dieser Frauen auch nur mit EINEM nicht direkt von Gewalt
betroffenen Menschen zu tun hat, der möglicherweise als Partner,
Kind, Freund oder Freundin... erleben und manchmal erleiden muss, was
Gewalt bei einem Menschen langfristig anrichtet, dann sind bereits 74%
der Bevölkerung direkt und indirekt von Gewalt betroffen. Wenn
hier von epidemischem Ausmaß gesprochen wird, dürfte es
keine Übertreibung sein. Die Diagnose der Bibel ist in den
Geschichten des Anfangs also bis heute zutreffend: Gewalt gehört
zum Leben jenseits des Paradieses dazu. Sie ist alltäglich und
findet mitten im Frieden statt.
Der übliche
Vorwurf an das Alte Testament, es sei ein gewalttätiges Buch,
verkennt den wahren Sachverhalt. Gewalttätig ist nämlich
nicht, wer die Gewalt sichtbar macht. Gewalttätig,
Gewalttäter schützend und Opfer zum Schweigen verurteilend
verhalten sich vielmehr jene, die die Gewalt unsichtbar machen oder in
der üblichen Unsichtbarkeit belassen wollen.
Das Profil des
christlichen Hauses zeichnet sich offensichtlich dadurch aus, dass es
die Wirklichkeit von Gewalt auch wahrnehmen und in den
Gründungsdokumenten aufdecken kann.
2.2. Die Bibel
verschweigt Männergewalt gegen Frauen nicht4
Die Bibel ist
zweifelsohne ein patriarchales Buch, entstanden in patriarchalen
Zeiten, wohl ganz überwiegend von Menschen geschrieben, die
Profiteure des Patriarchats hätten sein können und vielleicht
manchmal auch waren. Dennoch hat die Geschichte Tamars (2 Sam 13,1-22)
den Weg in die Bibel gefunden. Es ist die Geschichte einer jungen Frau,
die von ihrem Halbbruder Amnon vergewaltigt wird. Diese Geschichte
könnte in einem modernen Lehrbuch über sexuelle Gewalt
stehen. Wir finden alle Elemente, die bis heute sexuelle Gewalt im
Nahbereich ausmachen: Das Opfer ist hilfsbereit, arglos – und steht
ganz alleine. Seine Umgebung verbündet sich miteinander gegen das
Opfer: Jonadab und Amnon planen die Vergewaltigung gemeinsam.
König David lässt sich als Handlanger einspannen.
Mögliche Zeugen werden vor der Tat weggeschickt. Das Opfer wird
von allen Hilfsquellen abgeschnitten. Amnon benutzt gezielt die
Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft seiner Halbschwester. Sie
gehören zur erfolgreichen Durchführung der Vergewaltigung,
sind nachgerade eine ihrer Voraussetzungen. Kein Argument, kein
Entgegenkommen, kein Vorschlag Tamars schützen sie. Nach der
Vergewaltigung empfindet der Täter Hass. Sein Hass richtet sich
nicht gegen seine Tat oder sich selbst, sie richtet sich gegen das
Opfer. Der Bruder Abschalom empfiehlt seiner Schwester nach der
Vergewaltigung zu schweigen. Es sei ja wohl alles nicht so schlimm, sie
möge es sich nicht so zu Herzen nehmen. Auch der Vater, König
David, hört von der Sache. Er wird zornig – und Tamar könnte
Hoffnung auf Gehör und Gerechtigkeit schöpfen. Aber Davids
Zorn – wiewohl politisch korrekt – entpuppt sich als eine für das
Opfer folgenlose Attitude. Der väterliche Zorn ändert
für Tamar überhaupt nichts. David tut, was üblich ist:
Er spricht nicht einmal mit dem Vergewaltigungsopfer, das seine Tochter
ist. Und er tut gegenüber dem Täter, was bis heute
üblich ist: Er zieht ihn nicht zur Rechenschaft. Die von Amnon
verübte und von Tamar erlittene Gewalt wird mit einem Mantel des
Schweigens umgeben. Niemand zieht den Täter zur Verantwortung,
niemand rehabilitiert das Gewaltopfer und stellt sich an seine Seite.
Der einzige, der mit Tamar spricht, ihr Bruder Abschalom, spricht den
Satz, den noch alle Gewaltopfer kennen: Schweig still! Das Letzte, was
wir von Tamar hören, lautet: „Von da an lebte Tamar einsam im Haus
ihres Bruders Abschalom.“ Von da an ist Tamar einsam; die Gewalt hat
die Verbundenheit mit allen Menschen zerstört.
So nüchtern,
alltäglich und exakt berichtet die Bibel von Gewalterfahrung im
Nahbereich. Und genau wie heute wird geschwiegen, Schweigen empfohlen
und das Opfer alleine gelassen.
Jenseits des
biblischen Textes entwickelt Tamars Geschichte jedoch eine bis heute
wirksame Eigendynamik. Diese Eigendynamik wird vom Opfer der Gewalt
initiiert. Nach dem Rausschmiss aus dem Haus Amnons streut Tamar Asche
auf ihr Haupt, zerreißt das Ärmelkleid, legt ihre Hand auf
den Kopf und geht schreiend weg. Sie schreit. Außerhalb des
Hauses. Auf offener Straße. Unerhört! Unerhört?
Nein, denn Tamars
Schrei blieb nicht unerhört. Es muss mindestens einen Menschen
oder eine Menschengruppe gegeben haben, die den Schrei dieser Frau und
vieler anderer Frauen hörten und verstanden. Diese Menschen nahmen
Tamars Geschichte als ZeugInnen wahr und stellten sich als Sprachrohr
des stumm gemachten Opfers zur Verfügung: Sie machten die
Geschichte bibelöffentlich. Wenigstens sie beteiligten sich nicht
am Verschweigen und Vertuschen. Wenigstens sie gaben diesem Opfer eine
Stimme.
Es ist Tamars Schrei
in aller Öffentlichkeit, der bis heute Frauen ermutigt, das ihnen
angetane Unrecht, die an ihnen verübte Gewalt nicht schweigend
hinzunehmen. Die Bibel ist dabei die Verbündete der Frauen. Sie
nämlich hält sich nicht an Abschaloms Schweigegebot. Sie
macht die Geschichte Tamars öffentlich und bringt sie –
tröstlich für alle von sexueller Gewalt Betroffenen - zu
Gehör. Bis heute können Frauen sich darauf berufen. Zum
Profil des christlichen Hauses gehört es also, dass Gewaltopfer
schreien dürfen und das erlittene Unrecht öffentlich machen
dürfen.
2.3. Täter
und Täterinnen haben Gesicht und Namen – Gewalt ist
himmelschreiende Sünde
Bleiben wir noch bei
Tamars Geschichte. Der biblische Text wirft Tamar nicht ihr Alter,
nicht ihre Kleidung, nicht ihre Arglosigkeit, nicht ihr Vertrauen
gegenüber dem Bruder, nicht ihre Hilfsbereitschaft, nicht ihr
Mitgefühl, nicht ihren Gehorsam gegenüber dem Vater vor. Der
Text macht auch nicht unterschwellig oder klammheimlich
Vorschläge, was das Opfer an welcher Stelle der Vorgänge
hätte tun müssen, um das Verbrechen abzuwenden; was es
hätte sagen müssen; wann es hätte schreien müssen
und wann besser schweigen, um die Tat zu verhindern. Es wird auch nicht
der Versuch gemacht, von einer Täter-Opfer-Dynamik zu sprechen,
die der Entschuldigung des Täters und der Beschuldigung des Opfers
dienen könnte. Nach der Vergewaltigung zweifelt der biblische Text
weder an der Gewalttat des Bruders noch an der Glaubwürdigkeit des
Opfers.
Werfen wir noch einen
Blick auf eine männliche Opfergeschichte der Bibel. Josef, der
Ägypter, wird von Potifars Frau einer Vergewaltigung angeklagt,
die er nicht begangen hat. Er muss mit den Folgen einer falschen
Anschuldigung leben und ins Gefängnis. Unbefangen und inmitten
patriarchaler Blickverengungen kann die Bibel das Opfersein von
Männern und das Täterinsein von Frauen genauso
thematisieren wie das Tätersein von Männern und das Opfersein
von Frauen. Bemerkenswert ist, dass weder der unschuldige Mann
noch die unschuldige Frau klammheimlich, hinter vorgehaltener Hand oder
öffentlich der Mittäterschaft verdächtigt werden. Sie
werden wahrgenommen als das, was sie sind: Opfer von Gewalt. Nicht
mehr, nicht weniger.
Umgekehrt macht die
Bibel keinen Versuch, Täterschaft (von Frauen oder Männern)
zu verschleiern, zu vertuschen, unsichtbar zu machen, zu entschuldigen.
Kain IST der Mörder seines Bruders. David IST der Mörder
Urijas; Amnon HAT seine Schwester vergewaltigt, Jiftach seine Tochter
geopfert; die Frau des Potifar HAT Josef unter falscher Anklage ins
Gefängnis gebracht und Ägypten IST eine Sklavenhaus. Da gibt
es nichts zu beschönigen.
Und was da geschieht,
nennt die Bibel beim richtigen Wort: Sünde. Gegen einen Trend, der
auf diesen so oft missbrauchten Begriff verzichten möchte, halte
ich ihn für eminent wichtig. Er erlaubt den stumm Gemachten, gegen
diejenigen und dasjenige aufzustehen, was sie stumm machte und stumm
halten möchte. Es ist ein Wort, das aufstehen hilft „im Namen
Gottes“, des stärksten und oft auch einzigen Verbündeten, den
Gewaltüberlebende haben.
Zum Profil des
christlichen Hauses gehört, dass Opfer von Gewalt nicht der
irgendwie gearteten Mittäterschaft beschuldigt werden. Täter
werden nicht als ehemalige Gewaltopfer, die gar nicht anders konnten,
entschuldigt. Die Bibel hat ein unzeitgemäßes Wort für
Unrecht und Gewalt. Sie nennt sie Sünde und bringt mit
diesem altmodischen Wort Gottes Interesse an denen, die dem
Menschen zum Opfer fielen, zum Ausdruck.
2.4. Öffentliche
Redeerlaubnis für Opfer
Oft sind Opfer von
Gewalt stumm, über Jahre und nicht selten Jahrzehnte ihres Lebens
hinweg. Sie werden von Tätern und durch diejenigen, die durch
Zuschauen und Nichtstun die Täter unterstützen, zum Schweigen
gebracht. Was sie erlitten, hat ihnen die Sprache verschlagen. Und es
gibt zu oft niemanden, der ihre Geschichte hören will; niemanden,
die und der sich vom Unglück dessen, der dem Menschen zum Opfer
fiel, affizieren lassen möchte; niemanden, der in der Nähe
bleibt, wenn die Gewalt im Erleben des Opfers brutal gegenwärtig
ist, als läge sie nicht schon lange zurück. Opfer von
Menschengewalt erleben auch Jahre und Jahrzehnte später in sog.
flash backs, dass sie in das Erleben der Gewaltsituation
hineinkatapultiert werden, als geschähe sie erneut.
Nicht selten ist es
die Sprache der Bibel, zu der gewaltüberlebende Christinnen
greifen. Über weite Strecken ist sie die Sprache der Opfer. In den
Psalmen steht auch Gewaltopfern eine Fülle von
Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung. Diese Texte zeigen drei
für Opfer überlebensnotwendige Resonanzböden: Da
ist ein Gott, der nicht schläft und nicht die Gebete
überhört. Die Beterin, die Schreierin zu Gott, hat ein
hörfähiges Gegenüber, Gott selbst. Und sie kann sich in
eine jahrtausendealte Tradition des Betens überwältigter
Menschen einreihen – sie ist zweifach nicht allein. Und wenn es dann
noch den einen oder anderen Menschen, die eine oder andere christliche
Gemeinde gibt, die den Notschrei hören, der sich in den Psalmen
zum Ausdruck bringt, dann können wir von Glück sagen – und
tun das gerne und mit großer Dankbarkeit.
Es war das
Gewaltopfer, das im Zentrum christlichen Glaubens steht, das sich in
letzter Not eines Psalmgebetes, Ps 22, bediente: Jesus am Kreuz. Das
Johannesevangelium sagt von ihm: „Auf ihn werden sie schauen“.
Hinschauen werden sie, die Christen und Christinnen, nicht wegschauen.
Und sie werden dreierlei sehen: Sie werden sehen, was menschliche
Gewalttätigkeit noch mit dem in allen Punkten Unschuldigsten
anzustellen in der Lage ist. Sie werden sehen, mit wem dieser
Gekreuzigte sich gemein macht: Mit allen Menschen unserer Welt, die dem
Menschen zum Opfer gefallen sind – wie er. Und schließlich werden
sie sehen, an wen sich wendet, wer dem Menschen unterlag: An einen
Gott, der den Schrei gequälter Menschen von Ägypten her
hört.
Die Bibel jedenfalls
ist der Ansicht, dass Opfer mitzureden haben und nicht disqualifiziert
sind durch ihr Opfersein. Bis heute gültig legt Israels Erfahrung
mit seinem Gott Zeugnis dafür ab, dass die Opfer von Gewalt das
erste Stimmrecht haben. Die Kinder Israels schrieen in ägyptischer
Sklaverei und Gott hörte ihr Geschrei. Er verstopfte seine Ohren
nicht, machte sich nicht mit den Mördern und den Sklavenhaltern
gemein; wimmelte nicht ab, beschönigte das Elend nicht;
beschwichtigte die Schreienden nicht; sagte ihnen nicht, dass er gerade
anderweitig beschäftigt sei; warf den Schreienden nicht vor, dass
sie außerplanmäßig und unerwartet Opfer geworden seien
und deswegen Hilfe für sie leider nicht eingeplant sei. Gott
relativiert ihr Leiden nicht durch Vergleiche mit dem Elend von
Menschen andernorts; er vertröstet nicht auf ein Irgendwann, das
ein Nie ist. Gott holt keine Auskünfte bei den Sklavenhaltern ein,
ob denn die hebräischen Sklaven und Sklavinnen zu Recht schreien
und ob sie glaubwürdig seien. Gott sagt klipp und klar: „Ich habe
das Elend meines Volkes, das in Ägypten ist, wohl gesehen, und ihr
Schreien über ihre Treiber habe ich gehört; ja, ich kenne
seine Leiden.“ Gott sieht das Elend von Menschen, hört ihr
Schreien und kennt ihr Leiden. Wer je im Elend geschrieen hat,
weiß um die Kostbarkeit dieses einen Satzes.
2.5. Gottes
verleiblichte Solidaritätserklärung mit Gewaltopfern
Es ist vielen
ZeitgenossInnen, auch ChristInnen, heute oft nicht mehr
nachvollziehbar, warum das menschgewordene Antlitz Gottes, Jesus,
ausgerechnet am Kreuz so elend krepieren musste. Wäre Befreiung
nicht auch anders möglich gewesen? Wozu überhaupt dieses
brutale Sterben? Hätte es ein weniger brutaler Tod nicht auch
getan?
Carola Moosbach,
Gottes-Dichterin und Inzestüberlebende, deren Bücher keine
Neuauflage erleben werden und deren viertes Buch keinen Verlag fand,
bringt es in ihrem Karfreitagsgebet5
auf
den
Punkt:
Gottesfinsternis
(Zum
Karfreitag)
Da brach jeder Halt
weg
und schien auch kein
Sinn mehr
da schloss sich die
Angst
wie ein Schmerz um
die Seele
da war auch kein
Trost mehr
die anderen lachten
und Du ganz alleine
im Dunkeln
Da hab ich Dich
schreien gehört
Bruder
da hab ich Dich
weinen gehört
Schwester
da hab ich Dir
glauben gelernt
Gott Schwester Bruder
dass Du auch mein
Weinen und Schreien hörst
Jesus hat mit Leib
und Leben unterschrieben, dass das Gott-Sein seines Gottes darin
besteht, sich für Freiheit und gegen alle Formen von Unfreiheit
und Gewalterfahrung einzusetzen - koste es, was es wolle. Wenn ein
Mensch leidet – und wir können wissen, dass das Leid von Menschen
viehisch sein kann -, dann hilft es, Einen neben sich zu haben, der
selbst das Opfer menschlicher Willkür wurde. Es tröstet.
Carola Moosbach kommentiert diesen Vorgang: „Danach tut es immer noch
weh, aber anders.“6
Das ist die Frucht der Solidarität Gottes
mit Menschen: Es tut immer noch weh, aber anders. Der Unterschied liegt
darin, dass der Mensch nicht mehr alleine ist. Es ist ein himmelweiter
Unterschied, ob ein Mensch in der Not einsam ist oder jemanden neben
sich hat. Viehisch ist das stumme Leiden; menschlich ist das Leid, das
sich zum Ausdruck bringen darf. Das braucht ein Gegenüber,
jemanden, der hört – und weiß oder wissen will, wovon die
Rede ist. Gott ist einer, der und die hört. Jesus ist einer, der
weiß, wovon die Rede ist.
Gott alleine, im
luftleeren Raum jedoch hat kaum eine Chance, als hilfreiches
Gegenüber wahrgenommen zu werden, wenn es keine Menschen gibt, die
seine befreiende und helfende Botschaft der Solidarität
übermitteln.
3. Solidarität
mit Gewaltüberlebenden: Bestandsaufnahme
Im Folgenden
möchte ich Ihnen einige Erfahrungen der letzten 5 Jahre berichten,
die ich bei dem Versuch machte, die Unterstützung der Kirchen beim
Aufbau einer Gruppe Betroffener vor Ort und einer virtuellen Gruppe im
Internet zu erhalten.
Das Trauma besteht zu
einem Teil in der Erfahrung einer Gewalt, der das Opfer keinen
Widerstand entgegensetzen und dem sich das Opfer auch nicht durch
Flucht entziehen konnte. Das Trauma besteht zu einem zweiten Teil ganz
wesentlich im Schweigen-Müssen über die Gewalt. Es ist
bekannt, dass ein Gewaltopfer sieben Menschen ansprechen muss, bevor
ein Mensch es anhört und ihm glaubt. Ich habe in fünf Jahren
der Kontaktversuche mit kirchlichen Ämtern dreißig Menschen
ansprechen müssen, bis ein Mensch zugehört hat und in der
Lage war, das Muster an Schweigen, Abwimmeln, Weiterreichen zu
durchbrechen. Drei Handvoll Menschen habe ich auf diese Art gefunden.
Sie können sich ausrechnen, wie viele ich ansprechen musste.
Mit der Abwehr
Gewaltüberlebender versuchen Menschen, ihr eigenes
Sicherheitsgefühl zu bewahren. Die Erkenntnis, dass Gewalt jeden
Menschen treffen kann, bedroht das notwendige Vertrauen in das Leben.
Die Bedrohung muss abgewehrt werden. Dies kann gelingen, wenn die
Schuld an der Gewalt in einer Eigenschaft oder einem Verhalten des
Opfers gefunden werden kann. Wird die Schuld an der Gewalt im Opfer
festgemacht, dann kann es gelingen, dass Menschen sich anders als das
Opfer verhalten und folglich nicht durch Gewalt bedroht werden. So ist
die Illusion aufrechtzuerhalten, dass nur die Opfer gefährdet
waren, nicht jedoch man selbst in Gefahr ist, Gewaltopfer zu werden.
Dieses Ziel ist zu erreichen, wenn das Opfer abgewertet, der
Beteiligung an der Gewalt beschuldigt und ausgegrenzt wird. Der Versuch
Nichtbetroffener, das eigene Sicherheitsbedürfnis zu bewahren,
geht auf Kosten des Gewaltopfers. Das Opfer verbleibt in der leidvollen
Isolation, die konstitutiver Bestandteil des Traumas ist.
Eine solidarische
Kirche muss sich darüber klar werden, dass nicht der Bote, der von
Gewalt berichtet, Schuld hat an der berichteten Gewalt. Der Vorwurf,
der dem AT als einem gewalttätigen Buch gemacht wird, wird
implizit auch gegenüber Gewaltopfern gemacht. Gewaltopfer, die
sich zu erkennen geben, machen bereits durch ihre fortdauernde Existenz
die Gewalt sichtbar. Sie brechen das Tabu des Schweigens über
Gewalt. Auf einen Tabubruch reagieren die meisten Menschen mit
aggressiver Abwehr oder mit schweigender Abwendung. Aggressive Abwehr
ist der Kirche verwehrt. Sie hat in den letzten zwei Jahrzehnten das
Thema „Gewalt gegen Frauen“ als ein Thema der Kirche identifiziert.
Ohne Gesichtsverlust darf und kann sie hinter diesen Erkenntnisstand
nicht mehr zurückfallen. Mit aggressiver Abwehr ist also nicht zu
rechnen. Ich habe sie auch nur selten erlebt.
Der Wunsch, den Boten
der Gewalt, das Opfer, abzuwehren, besteht jedoch nach wie vor. Nur
muss dieser Wunsch heute mit anderen Mitteln verwirklicht werden. Diese
Mittel gibt es tatsächlich und sie werden auch angewandt.
Darüber ist zu sprechen, um vor dieser Folie skizzieren zu
können, welche Schritte zu gehen sind, so dass auch
Gewaltüberlebende im christlichen Haus Asyl finden.
3.1. Dem Schweigen
kein Ende
Dass das verbal
eingeklagte und inzwischen in durchaus vorhandenen Texten,
Broschüren, Hochglanzpapieren, Websites geforderte „Ende des
Schweigens“ von den Kirchen selbst als seine Fortsetzung praktiziert
würde, habe ich nie für möglich gehalten. In 5 Jahren
sprach ich gezielt ca 557 Menschen im haupt- oder ehrenamtlichen
Kirchendienst an. Mit 192 von ihnen nahm ich direkten Kontakt auf, die
anderen erreichte ich über Mailinglisten kirchlicher
MitarbeiterInnen. Insgesamt reagierten von den 557 Angesprochenen 80%
mit Schweigen. Unter den direkt und einzeln Angesprochenen waren dies
immer noch knapp 47%, die überhaupt nicht reagierten. Dem
Schweigen sieht man seine Gründe nicht an. Seine Folgen jedoch
liegen auf der Hand: Gewaltopfer sind weiterhin zum Schweigen innerhalb
der Kirchen verurteilt. Damit geschieht traumatische Wiederholung und
Erneuerung dessen, was Gewaltüberlebende schon immer erfahren und
was konstitutiver Bestandteil des Traumas ist.
Bedrückend an
diesem Schweigen ist ein Strukturmoment, das das nicht stattfindende
Gespräch charakterisiert: Die Botschaft der Hochglanzpapiere
enthält die Aufforderung an Gewaltopfer, in Kirche einen
Gesprächspartner mit offenen Ohren zu suchen und das Versprechen,
dort Menschen mit offenen Ohren und Herzen zu finden. Nimmt die
Gewaltüberlebende Botschaft und Versprechen ernst, beim Wort und
in Anspruch, dann muss sie erleben, dass die Botschaft nicht gilt.
Mitnichten bedeuten die geschriebenen Worte das, was sie proklamieren.
Damit befindet sich die Gewaltüberlebende erneut in einer
Situation, die das Trauma ausmacht; in einer double-bind-Situation. Die
Worte bedeuten nicht, was sie sagen. Das erschütterte Vertrauen in
die Verlässlichkeit der Sprache und der SprecherInnen wird erneut
erschüttert.
3.2. Verbale
Interessensbekundungen
Lehrreich ist es,
sich die Reaktionen derer anzuschauen, die immerhin nicht schwiegen,
sondern reagierten, deren Reaktionen jedoch meist über kurz,
seltener über lang im Sande und im Nebel des Nirgendwo verliefen.
Manche meiner
GesprächspartnerInnen schrieben in ersten Reaktionen auf meine
Bitten um Vernetzung oder Unterstützung von „Zustimmung,
großem Interesse, einem wichtigen Anliegen, einem häufig
übersehenen Thema, ihrem inzwischen geweckten Interesse; Interesse
an weiteren Informationen....“; sie baten darum, „in Kontakt zu
bleiben“ und wünschten Berichte über die weiteren
Erfahrungen. Im Vertrauen darauf, dass diese Formulierungen meinten,
was sie sagten, knüpfte ich bei späteren Kontaktversuchen an
ihnen an. Da stellte sich dann heraus, dass das große Interesse
am Thema entweder bereits erlahmt war oder sich auf seine Bekundung
beschränkte – es hatte keine weiteren Folgen.
Andere Schreiben
trafen auf kirchliche MitarbeiterInnen, die auf dem Sprung zu einer
Tagung, in den Urlaub, in die Feiertage waren und sich im Anschluss
daran wieder melden wollten, um auf mein Anliegen einzugehen. Ich
musste den Eindruck gewinnen, dass eine erkleckliche Anzahl kirchlicher
MitarbeiterInnen bislang nicht von der Tagung und aus dem Urlaub
zurückgekehrt sind und dass kirchliche Feiertage eine Dauer von
Jahren haben. Jedenfalls erhielt ich in diesen Fällen keine
Antworten mehr.
Gelegentlich kam ich
mit absurden Szenarien in Kontakt: Die eine kirchliche Mitarbeiterin
konnte eine Gruppe gewaltüberlebender Christinnen leider nicht mit
einem Link unterstützen, solange auf der Internetseite ein Mann
als Unterstützer benannt war. Die kirchliche Mitarbeiterin einer
anderen Diözese konnte ebenfalls keine Unterstützung leisten,
weil der Gruppe die Unterstützung ausgerechnet eines
Kirchenmannes, diesmal jedoch die eines anderen, fehlte.
Häufiger wurde
mir sehr schnell geantwortet mit der Mitteilung, dass die Angesprochene
nicht zuständig sei, jedoch dafür sorgen werde, dass mein
Schreiben an die zuständige Stelle des Amtes weitergeleitet werde.
Offensichtlich gelang es auch in Monaten und Jahren nicht, jemanden zu
finden, der zuständig sein könnte - bislang blieben
jedenfalls Antworten aus. Im Laufe der Zeit lernte ich, dass das
versprochene Weiterleiten meiner Anfrage garantierte, dass mein
Schreiben nie beantwortet werden würde. Es gelang mir, sehr viele
kirchliche Stellen auszumachen, die nicht zuständig für
gewaltüberlebende Christinnen waren. Darunter waren
Frauenseelsorge, kirchl. Frauenarbeit; Frauen, die in der Dekade gegen
Gewalt mitarbeiteten; kirchliche Ämter, deren Internetseiten und
Broschüren sich engagiert zeigten für die reale Lebenswelt
von Frauen und auch von Frauen mit Gewalterfahrungen. Ich musste
lernen, dass die Texte, die mir Hoffnung auf Gehör machten, nur
Texte waren – sie hatten keinen Anhaltspunkt in einer mir erfahrbaren
Realität.
3.3.
Opferbeschuldigung
Gelegentlich wurde
unter dem Deckmantel der Fürsorge für die Opfer von Gewalt
Opferbeschuldigung – und damit Täterschutz - betrieben. Der
Artikel einer kirchlichen Frauenzeitschrift7 rezipierte
Forschungen der amerikanischen Templeton-Foundation, einer
fundamentalistisch orientierten, mit üppigen Finanzen
ausgestatteten Institution, deren Gründer und
Geschäftsführer den Irakkrieg ebenso rechtfertigen konnten
wie sie in wirtschaftlichem Erfolg einen Beleg für die Zustimmung
Gottes zu ihrem Lebensstil finden.
Der Artikel forderte
vom Opfer Vergebung und bedrohte das Opfer mit der Ankündigung
psychosomatischer Erkrankungen im Falle der Nicht-Vergebung. Die
Täter wurden nicht benannt. Die Taten – Verbrechen – wurden als
„Kränkungen“ verharmlost und unsichtbar gemacht. Den Tätern
galt keine Aufforderung zur Umkehr und Wiedergutmachung – den Opfern
hingegen wurde gesagt, dass sie solange an den Folgen der Gewalt zu
leiden haben werden, wie sie unfähig zur Vergebung seien.
Besonders pikant war, dass ein Gebet von Carola Moosbach, deren Gebete
allerorten zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ verwendet werden,
gegensätzlich zum Anliegen der Autorin interpretiert wurde. Frau
Moosbachs Beharren auf der Anklage wurde gegen jeden Textbefund
umgedeutet in die Aufforderung zur Vergebung. Die Richtigstellung der
Autorin wurde nicht gehört, ihre Gegendarstellung nicht
veröffentlicht. Mein Protestbrief gegen diese Form der
Opferbeschuldigung wurde nie veröffentlicht – und er wurde nie
beantwortet. Katholische Frauen der kirchlichen Frauenarbeit wissen nun
aber landauf landab, was von Opfern zu halten ist. Bestehende
Vorverurteilungen der Opfer wurden noch einmal festgeklopft. Der
großangelegten medialen Opferbeschuldigung konnten die
Betroffenen kein veröffentlichtes Wort entgegensetzen. Ein Jahr
nach diesem gescheiterten Kommunikationsversuch fragte ich die
Redakteurin der Zeitschrift, die für die Veröffentlichung des
Artikels und die Nichtveröffentlichung der Proteste verantwortlich
zeichnete, ob wir miteinander nach den Gründen des Scheiterns der
Gesprächsversuche schauen könnten. Auch dieser Brief wurde
nie beantwortet.
3.4. Alibifunktion
der Texte
Bei den wenigen
Situationen, in denen ich Gelegenheit erhielt, mit kirchlichen
Ansprechpartnerinnen zu sprechen, klärte sich meine Erfahrung noch
einmal. Auch wenn diese Gespräche weitgehend ergebnislos
verliefen, zeigten sie mir doch die Hintergründe des Schweigens
und Abgewimmeltwerdens. Sie waren mir sehr hilfreich, weil sie das kaum
zu ertragende, da immer mit Retraumatisierungsgefahr verbundene
Schweigen beendeten. Zudem konnte ich in diesen Gesprächen meine
Vermutungen über die Gründe des Schweigens und der Abwehr
bestätigt finden.
In einem dieser
Gespräche mit einer kirchlichen Frauenseelsorgerin wurde mir sehr
eindrücklich klargemacht, dass die vielen kirchlichen
Solidaritätsschreiben mit Gewaltopfern eine Alibifunktion haben.
Zunächst fragte diese Frau völlig verständnislos, warum
Gewaltüberlebende ausgerechnet bei Kirche anklopfen, es gäbe
doch so viele gute Opferhilfeorganisationen. Sie wies mich darauf hin,
dass Kirche „noch nicht so weit“ sei, um Gewaltüberlebenden ein
offenes Ohr anzubieten. Im Laufe des Gespräches legte meine
Gesprächspartnerin mehrere Aktenordner auf den Tisch und deutete
auf den Schrank, der voller Aktenordner mit Texten gegen Gewalt ist.
Sie sagte – in der Stimme Protest und Hilflosigkeit zugleich: „Kirche
tut doch schon so viel gegen Gewalt! Schauen Sie!“ Dieser Hinweis auf
die Existenz ungezählter Anit-Gewalt-Papiere erfüllte im
Gespräch eine dreifache Funktion: Er diente als Nachweis
unermüdlichen kirchlichen Tuns im Interesse von Gewaltopfern. Er
sollte zugleich mein Anliegen – die Bitte um direkten Kontakt mit
Betroffenen – unsichtbar machen. Und schließlich gelang es, mit
diesem Hinweis in mir das Gefühl der Undankbarkeit gegenüber
Kirche zu nähren. – Ich werde den Verdacht nicht los, dass diese
kirchlichen Texte, die mir ob ihres Entgegenkommens nicht selten die
Tränen in die Augen trieben, dazu dienen, dass kirchliche
Mitarbeiterinnen sich hinter ihnen verstecken können und sich mit
ihnen zugleich die real vor ihnen stehenden Gewaltüberlebenden vom
Leibe halten können.
Dass Letzteres
tatsächlich beabsichtigt ist, wurde mir in einem anderen Ereignis
unmissverständlich vor Augen geführt. Es hatte einen
ökumenischen „Impulstag gegen Gewalt“ gegeben. Er sollte dazu
dienen, Betroffene miteinander in Verbindung zu bringen und eine
langfristige Gruppe Betroffener zu gründen. Neun Frauen hatten ihr
Interesse daran durch Hinterlassung ihrer Adresse bekundet. Die
kirchliche Frauenseelsorgerin, der die Adressen anvertraut worden
waren, lud – entgegen der Absprache – die Interessierten nicht ein und
reagierte auch nicht auf meine Nachfrage. Offensichtlich war die
Bedrohung, die von einer langfristigen Gruppe Betroffener auszugehen
schien, so groß, dass die Seelsorgerin die begonnene Vernetzung
Betroffener ohne Rücksicht auf Gesichtsverlust boykottieren
musste.
Es ist die
Häufung des Schweigens gegenüber und die Abwehr von
Gewaltüberlebenden innerhalb der Kirchen, die ich als nahezu
flächendeckend zu beschreiben habe. Sie macht die Situation
Gewaltüberlebender in den Kirchen so entsetzlich trostlos.
4. Perspektiven und
Not-Wendigkeiten
4.1. Gewalt im
Nahbereich
Es fällt den
Kirchen leicht, sich für Gewaltopfer in der Ferne einzusetzen. Sie
engagieren sich für die Opfer von Menschenhandel in Osteuropa, in
Afrika für Opfer von Genitalverstümmelung, in Afghanistan
für Kriegsopfer. Kirchen fällt es auch noch leicht zu
erkennen, dass Menschen, die im Moment hier bei uns Opfer von Gewalt
werden, des Schutzes und der Solidarität bedürfen. Sie
richten Frauenhäuser und Zufluchtstätten für akut
Bedrohte ein und bauen die Notfallseelsorge aus. Dieses kirchliche Tun
ist notwendig und soll an keiner Stelle in Frage gestellt werden.
Unterstützung im
akuten Notfall jedoch ist nur ein Teil der notwendigen
Solidarität. Kirchen haben oft noch keinen Blick für die lang
und oft lebenslänglich anhaltenden Folgen von Gewalt. Sie wissen
noch nicht oder wollen es nicht wissen, dass auch Menschen im
Nahbereich, die dem Menschen zum Opfer fielen, weit über die
„Erstversorgung“ hinaus spürbare Solidarität brauchen, um die
in der Gewalt zerrissenen Verbindungsfäden zur Gemeinschaft der
Menschen wieder knüpfen zu helfen. Die Existenz des Opfers, das
unter fortdauernden Gewaltfolgen leidet, scheint kaum aushaltbar zu
sein. Das Opfer provoziert. Die Gewalt IST nicht mehr
rückgängig zu machen. Sie ist unwiderruflich geschehen und
sie hat Folgen, die bestenfalls gelindert werden können –
rückgängig gemacht werden können sie nicht mehr. Die
Existenz des Opfers verurteilt die HelferInnen zur -
vermeintlichen - Ohnmacht. Kirche muss lernen, diese Ohnmacht
auszuhalten. Sie gewönne damit Anteil an der Ohnmacht des Opfers
und würde in dieser Anteil-Nahme zugleich die oft entsetzliche
Einsamkeit traumatisierter Menschen reduzieren. Routiniert, nur
politisch korrekt, aber innerlich unberührt ist eine solche
Anteilnahme nicht zu leisten. Man kann nämlich tatsächlich
niemandem die Tränen abwischen, ohne sich die Hände nass zu
machen, wie ein afrikanisches Sprichwort es ausdrückt. Aus solcher
Anteilnahme kommt niemand ungeschoren raus. Sie konfrontiert mit
schmerzlichen Erkenntnissen: Das Leben ist zerbrechlich; Gewaltopfer
leben in unmittelbarer Nähe als Kollegin, Nachbarin, Schwester,
Freundin; es gibt keinen Zusammenhang zwischen bösem Tun und
Erleiden von Gewalt; Gewalt kann jede und jeden treffen.
Die fortdauernde
Existenz des Opfers konfrontiert Kirche auch damit, dass alle wichtigen
und mit großem Aufwand betriebenen Aufklärungs- und
Präventionsprojekte der Kirchen nicht verhindern konnten und nicht
verhindern werden, dass es Menschen gibt und weiterhin geben wird, die
Gewalt und ihre Folgen erleiden. Kirchen dürfen sich der
Erkenntnis nicht verweigern, dass alle Anstrengungen zur
Gewaltvermeidung – so nötig sie sind! -, in gewisser Weise
vergeblich sind. Derzeit ist es noch überwältigend oft so,
dass dem Opfer der Gewalt die Vergeblichkeit aller Präventions-
und Aufklärungsarbeit angelastet wird. In der kirchlichen Optik
ist es das Opfer, das sich nicht korrekt verhielt, denn es ließ
sich zum Opfer machen und konterkarierte damit alle kirchlichen
Anstrengungen.
4.2. Die Befragung
des Opfers: Was willst du, dass ich dir tun soll?
Die Notwendigkeit
kompetenten und professionellen Handelns von kirchlichen
MitarbeiterInnen in all ihren Handlungsfeldern steht außer Frage.
Diese Kompetenz kann jedoch nicht erreicht werden, solange
Gewaltüberlebende Objekte kirchlichen Handelns sind und nicht als
Subjekte am Gespräch über die benötigte Hilfe beteiligt
werden. Bislang wird der Kontakt mit Opfern gemieden. Bei kirchlichen
MitarbeiterInnen können sich so Phantasien darüber
einstellen, was Gewaltopfer benötigen.
Dann geschieht, was
derzeit noch geschieht: Auf Tagungen wird über Gewaltopfer
gesprochen. Wollen Anwesende, Betroffene, „von den Opfern“ – nicht
notwendigerweise von sich selbst - sprechen, kühlt die
Atmosphäre spürbar ab, wie mir verschiedene
Gewaltüberlebende, auch solche, die selbst im kirchlichen Dienst
stehen, berichteten. Die wehenden Fahnen, die bedruckten T-shirts, die
Hochglanzpapiere – sie mögen Aufmerksamkeit erregen und die
Öffentlichkeit erreichen – Gewaltüberlebende erreichen sie
nicht. Nicht wenige unter ihnen können diese
Solidaritätsveranstaltungen nur als eine Variante der Abwehr
Betroffener erleben und sich, manchmal mit Bitterkeit, abwenden.
Noch immer geschieht,
was mir die Frauenseelsorgerin einer Diözese auf meine Bitte hin,
Überlebende von Gewalt im Nahbereich auf einem Frauentag zur
Dekade im Blick zu haben, antwortete: An diesem Tag gehe es nicht um
Überlebende von Gewalt im Nahbereich. Es komme „stärker
darauf an, die Dekade insgesamt ins Bewusstsein der Frauen zu rufen und
durch konkrete Beispiele die Frauen zu ermutigen, das Thema auch in
ihren Gruppen zu diskutieren.“
Wenn Kirche nicht mit
den Betroffenen spricht; deren Erfahrungen und Perspektiven nicht in
ein gemeinsames Gespräch über Notwendiges einbindet;
Gewaltüberlebende als passive, hilflose, schwache, womöglich
unzurechnungsfähige Opfer darstellt, dann degradiert sie
Gewaltopfer zu Objekten kirchlichen Handelns. Sie enthält diesen
Menschen ein weiteres Mal ihr Subjekt-Sein und ihre Menschenwürde
vor.
Wird Kirche darauf
hingewiesen, dass ihr gutgemeintes Tun die Gemeinten verfehlt, dann
sind die kirchlichen MitarbeiterInnen betroffen und irritiert. Sie
fühlen sich missachtet und erleben, dass ihre Arbeit verkannt
wird. Sie können die Ursache dafür, dass ihr Engagement nicht
bei den Betroffenen ankommt, nur in den Gewaltüberlebenden
festmachen. Es sind die Gewaltüberlebenden, die der Kirche ihre
Anerkennung als solidarische Kirche verweigern. Diese Verweigerung kann
nur darauf zurückgeführt werden, dass Opfer bösartig und
ignorant sind. Es sind die Opfer, die partout ihre Bedürfnisse
nach solidarischem Handeln nicht an die kirchlich gezeigten
Solidaritätsaktionen anpassen wollen. Opfer beharren darauf, dass
ihre Bedürfnisse andere sind und dass sie von öffentlichen
kirchlichen Aktionen nicht erreicht werden. Sie müssen darauf
beharren, wenn ihnen daran gelegen ist, dass Kirche und Gewaltopfer
einander nicht verfehlen. Die bislang vorherrschende
Gesprächsverweigerung der Kirchen muss überwunden werden,
damit Kirche sein kann, was sie zu sein wünscht: Solidarische
Kirche. Es ist dringend nötig, Opfer zu fragen, was sie von Kirche
benötigen, wenn sie kirchliche Solidarität erfahren wollen.
Professionelles kirchliches Handeln muss mit der Perspektive der
Betroffenen verbunden werden; denn sie sind es, die qualifiziert
Auskunft über das geben können, was sie benötigen.
Kirchliches Handeln läuft Gefahr, das Ziel zu verfehlen, wenn es
nicht gemeinsam mit Betroffenen gesucht und gefunden wird. Kirche muss
beginnen, MIT den unter die Räuber Gefallenen zu sprechen und
nicht mehr ÜBER sie. Ohne dieses Gespräch leidet die
Glaubwürdigkeit der Kirche Schaden und damit wird das
Weitererzählen des Evangeliums beschädigt und gefährdet.
4.3. Das Opfer als
öffentlicher Zeuge
In der „Dekade gegen
Gewalt“ wurde von katholischen und evangelischen
Männergruppierungen die Heppenheimer Erklärung8
verabschiedet. Diese Erklärung formuliert im Blick auf Gewalt im
Nahbereich: „Die Grenzen zwischen Tätern und Täterinnen und
Opfern sind oft nicht klar zu erkennen.“ Und: „Die Erfahrung von
Ohnmacht trifft sowohl Männer als auch Frauen und ist oft
Ausgangspunkt von Gewalt.“ Eine solche Formulierung riskiert,
völlig missverstanden zu werden und steht in der Gefahr, die Opfer
von Gewalt unter Verdacht zu stellen. Gewaltopfer werden sie als den
Versuch lesen, TäterInnen als frühere Opfer für
potentiell unschuldig und Opfer als spätere GewalttäterInnen
für potentiell schuldig zu erklären. Eine solche Formulierung
ist geeignet, gegen die ausdrücklich bekundete Absicht der
AutorInnen Gewaltopfern zu signalisieren, dass sie gut daran tun, im
kirchlichen Raum über ihre Gewalterfahrung weiterhin zu schweigen.
Als ich gegen die
Aussagen der Heppenheimer Erklärung protestierte, kam es zu einem
Briefwechsel mit einigen der Gruppierungen, die für diese
Sätze verantwortlich zeichneten. In diesem Briefwechsel wurde
deutlich, dass die UnterzeichnerInnen erschrocken waren, dass ihre
gut-gemeinte und vermeintlich sachliche Erklärung die Opfer zum
Schweigen im kirchlichen Raum veranlasst, um erneutes Beschuldigtwerden
zu vermeiden, das Opfer ja durch Täter und Zuschauer schon
längst kennen. Es wurde in diesem Briefwechsel aber auch deutlich,
dass die Gewaltdekade alle am öffentlichen Diskurs über
Gewalt beteiligt, nur die Gruppe der Opfer nicht. Die Begründung
dafür lautet, dass es „gerade in dieser Auseinandersetzung“
nötig sei, „die häufig unscharfe Grenze zwischen
sachgerechter Aufarbeitung und persönlicher Betroffenheit
empfindsam wahrzunehmen.“ Ich gehe davon aus, dass die „Frontlinien“
der an Gewalt Beteiligten nicht entlang der Linie Männer gegen
Frauen verlaufen – auch wenn dies angesichts der Zahlen eine
naheliegende Beschreibung zu sein scheint. Vielmehr glaube ich, dass
die an der Gewalt Beteiligten sich mit drei Rollen beschreiben lassen:
Entweder sie sind Täter oder Täterin; oder sie finden sich in
der Rolle der ZuschauerInnen oder sie haben die Rolle des Opfers. An
die Seite des Opfers können jene ZuschauerInnen und Umstehenden
gelangen, die sich mit dem Opfer verbünden. Das Urteil
darüber, wer als verbündet erfahren wird, steht nur dem Opfer
zu, denn es ist das Opfer, das die Solidarität erfährt – oder
auch nicht erfährt. Solange das Opfer keine Solidarität
erfährt, muss davon ausgegangen werden, dass die beabsichtigte
Solidarität die Gemeinten verfehlt.
Bislang sind also
Opfer von Gewalt und die ihnen Verbündeten nicht am Diskurs
über Gewalt beteiligt. Sie werden – um es zugespitzt zu
formulieren – für unfähig gehalten, sich „sachgerecht“ an
diesem Diskurs zu beteiligen. Für den Diskurs über Gewalt
geeignet hingegen scheinen ZuschauerInnen und TäterInnen.
Wenn die Dekade gegen
Gewalt den Eindruck vermeiden will, dass zwar TäterInnen und
ZuschauerInnen qualifiziert beim Thema Gewalt Mitspracherecht haben,
nicht jedoch die Opfer, dann bleibt nur ein Weg: Gewaltopfer
dürfen vom Gespräch über Gewalt nicht ausgeschlossen
bleiben. Der derzeitige Ausschluss der Opfer vom Gespräch muss als
das erkannt werden, was er ist: zutiefst unbiblisch.
5. Gottes
Solidarität mit Gewaltopfern wird glaubwürdig in
solidarischen Menschen und solidarischer Kirche
Über weite
Strecken sind Menschen, die lange nach dem Ende der Gewalt an den
Folgen leiden, darauf angewiesen, dass das in der Gewalt
zerbrochene Vertrauen in sich selbst, in Menschen und in Gott wieder
heilen kann. Keine von uns kann dies für sich alleine tun. Dazu
brauchen wir einander und wir brauchen Verbündete. Christinnen
finden in Gott einen starken Verbündeten. Die Bibel sammelt viele
Erfahrungen von Menschen mit einem Gott, der sich ihnen als befreiend
gezeigt hat. Diese Texte sind für Gewaltüberlebende voller
Hoffnung. Sie vermitteln Kraft im Leben mit Traumafolgen.
Diese Texte alleine
jedoch sind überfordert, wenn nur ihnen die Aufgabe zukommt, die
oft abgrundtiefe Einsamkeit Gewaltüberlebender zu reduzieren. Sie
sind unentbehrlich, aber nicht ausreichend. Traumaüberlebende
brauchen Menschen, die mit ihrem Leben die Wahrheit und
Glaubwürdigkeit der Texte bezeugen und sich bei Bedarf dieses
Zeugnis auch was kosten lassen. Sie brauchen eine Kirche, die auch
ihnen gegenüber Zeugnis für Gottes Heilswillen ablegt und
gemeinsam mit ihnen in der Welt Zeugnis davon gibt, dass Gottes
Heilswillen allen Menschen gilt. Wenn ChristInnen von einem Gott
Zeugnis geben möchten, der an der Seite von Gewaltopfern steht,
wird es ihnen – ein Stück weit zumindest – genau wie jenen
ergehen: Man wird sie anfeinden. Sie werden sich Opferbeschuldigung
anhören müssen. Im kirchlichen Raum müssen sie damit
rechnen, dass man sie mit der Pflicht der Opfer zur Vergebung
konfrontiert, die Pflicht der Täter zur Umkehr und zu tätiger
Reue jedoch unterschlägt. Man wird sie verantwortlich machen
für ihre Botschaft von Gewalt mitten unter uns, auch in der
Kirche. Sie werden damit rechnen müssen, dass man sie als
„NestbeschmutzerIn“ isoliert, ihnen aus dem Weg geht und hinter ihrem
Rücken agiert. Sie werden erleben müssen, wie aus
vermeintlicher Sorge patriarchale Strukturen mehr geschützt werden
als die Menschen, die Opfer auch dieser Strukturen wurden.
Solidarität hat ihren Preis; folgenlos, kostenlos und billig wird
sie nicht zu erbringen sein. Der zu zahlende Solidaritätspreis ist
derzeit noch hoch.
Hoch jedoch ist auch
der Gewinn: Gewaltopfer werden denen, die sich ihnen verbünden,
ihr Vertrauen schenken. Verbündete werden Anteil an den
Kämpfen, Niederlagen, aber auch an den Siegen
Gewaltüberlebender erhalten. Sie werden aus nächster
Nähe miterleben dürfen, welche Hoffnung und Kraft bis heute
davon ausgeht, dass vor 2000 Jahren ein Gott, unser Gott, sich mit den
Allerletzten dieser Welt gemein machte. Und hin und wieder werden
Verbündete in das Angesicht eines Menschen schauen dürfen,
dem sich nach langem und schrecklichem Leid eine Hoffnung auftut. Und
sie werden spüren dürfen, dass nicht sie der Grund dieser
Hoffnung sind, dass ohne sie jedoch die Hoffnung tot wäre für
diesen Menschen. Es besteht Grund zur Hoffnung für alle, solange
es Menschen gibt, die sich mit denen gemein machen, die gemeinhin von
allen gemieden werden als seien sie ansteckend. Miteinander wird zu
erfahren sein, dass der je unterschiedliche Beitrag zum Wachsen des
Reiches Gottes unverzichtbar ist. Mir scheint, dass dieser Lohn den
Einsatz rechtfertigt.
Zugleich ist dies der
Beitrag, den Gewaltüberlebende Kirche und Welt anbieten
können: Sie können mit ihrem Leben Zeugnis dafür
ablegen, dass der heruntergekommene Gott von ihnen auch und gerade im
extremen Ausgeliefertsein des Lebens noch als hilfreich erfahren wird.
Gewaltüberlebende sind also nicht nur Menschen, die kirchliche
Unterstützung in Anspruch nehmen möchten – ihr Leben hat
vielmehr Anteil am Zeugnis von ChristInnen für den Heilswillen
Gottes. Nur wenn Kirche Gewaltüberlebende integriert, kann sie
ihrem Auftrag nachkommen, „Zeichen und Werkzeug für die innigste
Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen
Menschheit“9 zu
sein. Ohne gewaltüberlebende Christinnen
fehlt dem christlichen Haus das Profil.
Anmerkungen
1 http://www.gottes-suche.de
2 Diesen Menschen ein
herzlicher Dank!
3 Bundesministerium
für
Familie,
Senioren,
Frauen und Jugend (Hrsg.): Lebenssituation,
Sicherheit und
Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative
Untersuchung zu
Gewalt gegen Frauen in Deutschland, 2004; s. auch http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Studie-Gewalt-gegen-Frauen,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf
4 Sie kann aber auch Gewalt von
Frauen gegen Männer thematisieren, wie an der Josefsgeschichte zu
zeigen ist
5 Carola Moosbach: Lobet die Eine,
Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2000, S. 19
6 a.a.O., S. 62
7 in Heft 6/2003 der
kfd-Mitgliederzeitschrift: Die Mitarbeiterin unter der Überschrift
"Die beste 'Rache' ist, glücklich zu werden
8 veröffentlicht u.a.
unter http://www.treffpunkt-ethik.de/dokumente/default.aus?fid=1750
9 Lumen Gentium 9