Im RUNDBRIEF DER INITIATIVE
KIRCHE VON UNTEN (IKvu) schrieb ich im August 2003 den folgenden
Beitrag.
Leider gilt dieser Beitrag im Blick auf die weitgehend verweigerte
Solidarität bis heute, Februar 2007. Ich sammle die Ausnahmen :-(
Christinnen mit Gewalterfahrungen
auf dem Weg der Traumaheilung
Von Gott und den
Menschen verlassen zu sein war die oft jahrzehntelange Erfahrung
katholischer und evangelischer Frauen (35 – 60 Jahre), die sich im
Frühjahr 2000 in Frankfurt/Main trafen. Wir waren der Annonce
einer Theologin gefolgt. Uns verband, dass wir das Leben in
körperlich, seelisch und/oder sexuell gewalttätiger Familie
gelernt oder auch auf der Suche nach Hilfe
in Therapie und Seelsorge sexuelle Gewalt erlebt hatten. Wir hatten in
der Gewalterfahrung das Vertrauen in uns, in Menschen und
Gemeinschaften
und in Gott verloren oder nie erworben – eine grundlegende, aber
längst nicht die einzige Folge von Traumatisierung durch
menschliche Gewalt.
Im Erwachsenenleben
„funktionierten“ wir. Wir arbeiteten haupt- oder ehrenamtlich in
unseren Kirchen. Das permanente Gefühl der Nichtzugehörigkeit
zur menschlichen Gemeinschaft und des Andersseins blieb. Wenige
von uns konnten
in ihren Therapien den Wunsch nach Heilung der in den Gewalterfahrungen
verletzten Spiritualität formulieren. Die Suche nach begleitender
Seelsorge in der akuten Phase der Traumabewältigung war in der
Regel
vergeblich gewesen. Da forderten SeelsorgerInnen Vergebung von uns –
nicht
wissend, dass Vergebenkönnen ein Geschenk ist - und zu einem
Zeitpunkt,
an dem wir noch nicht einmal den Schaden ermessen hatten. Sie sprachen
uns
von „Auferstehungserfahrungen“ an einem Tag, an dem wir nur froh waren,
ihn bis dahin überhaupt überlebt zu haben. Nicht immer konnte
der gesprächszerstörende Verdacht, dass das Opfer selber
Schuld
habe, verbalisiert und geklärt werden. In der Regel ergriffen die
sorgfältig ausgesuchten SeelsorgerInnen nach einem ersten
Gespräch
die Flucht vor uns. Christliche Spiritualität kann sich dauerhaft
nicht in der Einsamkeit vollziehen. Es fehlte jedoch eine uns
integrierende
christliche Gemeinschaft, die unsere traumaspezifische Verlassenheit
hätte
auflösen/reduzieren können und uns zugleich den Wert unseres
Beitrages für die Gemeinschaft hätte vermitteln können.
In Frankfurt
erlebten wir bei unseren dreimal jährlich stattfindenden
Treffen erstmals, dass wir sprechen durften, gehört und
verstanden wurden. Es war
möglich, im gegenseitigen Zuhören die quälende Isolation
zu durchbrechen. Wir konnten unsere traumaspezifische Schwierigkeit,
einem Gott zu vertrauen, formulieren und die Solidarität der
Gruppe
erleben, die – stellvertretend für uns - die Hoffnung auf einen
guten Gott aufrechthielt. Unsere spirituellen Erfahrungen und
Unfähigkeiten
fanden mit den Zuhörerinnen zugleich eine Sprache und damit den
Zugang
zu einer Veränderung. Wir konnten beginnen, unsere Lebenswege vor
einen – vielleicht – vielleicht auch mit uns - verbündeten Gott zu
bringen.
Wieviel Heimat
braucht der Mensch?
Dieses Erleben war
so entlastend und befreiend, dass wir nach der konflikthaften
Konsolidierung der Gruppe anderen betroffenen Frauen Anteil geben
wollten. Unbefangen nahmen wir an, dass eine Kirche, die im Foltertod
des Gottessohnes das
Heil der Welt feiert, auch ein Ort für Überlebende anderer
Gewaltformen sei.
Damit begann ein
Weg, der ohne den Rückhalt der Gruppe nicht möglich gewesen
wäre. Zuerst erfuhren wir, dass die katholische Kirche noch kaum
wusste, dass sie auch für Gewaltüberlebende ein Ort des
Heils/der Heilung
ist. Wir fanden zwei unverbindliche Briefe zum Thema und seltene
Tagungen
vor – ein Angebot für Betroffene fanden wir nicht.
So versuchten
wir, unsere Gruppe und ihr Anliegen unter Nutzung der vorhandenen
kirchlichen Infrastruktur bekannt zu machen. Die überregionale
kirchliche Presse reagierte mit Schweigen. Der Leiter eines kirchlichen
Bildungshauses teilte uns mit, das Thema „Glaube vor dem Hintergrund
von Gewalterfahrungen“ passe nicht zum Profil seines christlichen
Hauses. Wenn wir – selten – auf Wohlwollen und Interesse stießen,
war es mir Hilflosigkeit verbunden: die Angesprochenen fühlten
sich nicht zuständig und reichten uns jeweils im Kreis weiter.
Eine regionale Frauenreferentin konnte für ein Projekt zur
Vernetzung Betroffener gewonnen werden – die Vorgespräche jedoch
zogen
sich über 14 Monate hin, bevor die einjährige Planungsphase
überhaupt
beginnen konnte.
Als im März
2002 unübersehbar war, dass wir mit konkreter Unterstützung
durch die Kirche nur ausnahmsweise rechnen können, gingen wir ins
Internet. Hier erhielten wir dann zum ersten Mal effektive
Unterstützung. Pfr. Dr. Joerg Sieger, Bruchsal, gewährte uns
wohlwollend Gastrecht auf
seiner umfangreichen Homepage und leistete technische Hilfe. Die
Homepage mit einem Mail-Kontakt-Angebot wird von betroffenen Frauen
genutzt und
hat bereits im Anfangsstadium ihre Berechtigung und Not-Wendigkeit
gezeigt.
Als ich das
Internetangebot auch durch das Setzen von Links bei 39
internetpräsenten katholischen Institutionen/Gruppierungen aus dem
Bereich „Frauenarbeit, Seelsorge,
Spiritualität“ bekannt machen wollte, kamen sieben Angesprochene
der Bitte nach; einem fehlte leider eine für uns passende
Linkkategorie,
drei Viertel der Angefragten schwiegen. Das heftige und laute Schweigen
lässt kein Muster erkennen. Es umfasste wider Erwarten auch
Institutionen/
Gruppierungen, die das Thema „Gewalt gegen Frauen“ als Thema der Kirche
identifizierten, Arbeitshilfen und Texte zum Thema
veröffentlichten,
mit Frauen in Gewaltsituationen arbeiten; sich andernorts für die
Wahrnehmung von Randgruppen stark machen. Diözesen, die im Rahmen
der „Dekade zur Überwindung der Gewalt“ den Mangel an Wahrnehmung
betroffener Frauen bedauernd festgestellt hatten schwiegen ebenso wie
kirchliche
Presse, die „Überwindung der Gewalt gegen Frauen“ im
nichteuropäischen
Ausland engagiert thematisiert hatte.
Dem Schweigen
sind seine Gründe nicht zu entnehmen. Wir sind auf Vermutungen
angewiesen. Es scheint, dass das Betroffene umgebende Tabu umso
wirksamer wird, je mehr direkter Kontakt mit ihnen droht. Die Isolation
Betroffener – schon in der Gewalt erfahren und wesentlicher Bestandteil
des Leidens - setzt sich
im Schweigen der Kirche fort. Es wiederholt sich, was wir als Kinder
erlebten
und was auch die wissenschaftliche Erforschung von Traumatisierung und
deren
Folgen prägt: Über Gewalt darf nicht gesprochen werden, Opfer
werden
„vergessen“ und unsichtbar gemacht, Forschungsergebnisse „verschwinden“
wieder
aus dem Bewusstsein der ForscherInnen. Schweigen jedoch ist eine
Strategie, die den TäterInnen in die Hände arbeitet.
Nun konfrontiert die
Wahrnehmung von Gewalt Betroffene und Zuhörer mit der
Erschütterung der lebensnotwendigen Überzeugung, dass Leben,
Menschen und Gott „im Grunde“ sicher und zuverlässig sind.
Betroffene und Zuhörer müssen die Erkenntnis der
Verwundbarkeit von Menschen und der menschlichen Fähigkeit zum
Bösen aushalten. Das ist schwer. Schweigen und Vergessen sind
verständliche Reaktionen, mit Unerträglichem umzugehen.
Überlebenden
von Gewalt stehen diese Strategien (außer in psychogener Amnesie)
nicht zur Verfügung. Sie sind dringend darauf angewiesen, dass das
Verschwiegenwerden und das Schweigenmüssen aufgehoben werden. Sie
brauchen zu ihrer Heilung und Integration in menschliche Gemeinschaft
Sprecherlaubnis angesichts wohlwollender Zeugen.
So haben wir die –
manchmal gänzlich unerwartete – Solidarität einzelner
Christen und Christinnen als unschätzbare Hilfe und heilsamen
Schritt aus der Einsamkeit und dem Gefühl der
Nichtzugehörigkeit zur Gemeinschaft von Menschen erlebt.
Diese Solidarität hat zugleich unsere Hoffnung auf Gott als eine/n
auch mit uns Verbündete/n gestärkt. Sie hat uns die Kraft
gegeben, gegen eigene und der Kirche Widerstände und Ängste
mitzuhelfen, dass Betroffene Ort, Sprache, vielleicht Heimat da finden
können, wo vom Evangelium Jesu Christi die Rede ist. Jean
Amérys Wort „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch
werden in der Welt“ darf nicht das letzte bleiben.