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Mai 2006
An die Bistumszeitung des Erzbistums Freiburg


Sehr geehrter Herr Nientiedt!

Sie schreiben in der Online-Ausgabe des Konradsblattes "Wo warst du, Gott? : ... Deutschland wurde im Dritten Reich nicht nur von einer „Schar von Verbrechern“ verführt. Und die verständliche Frage an Gott „Warum hast du geschwiegen?“ wäre noch überzeugender gewesen, wenn der Papst auch das vielfältige Schweigen der Christen und der Kirchen angesprochen hätte. Ähnlich verhält es sich mit seinem Hinweis darauf, dass mit der Vernichtung des Judentums letztlich auch der christliche Glaube hätte getroffen werden sollen. Hier hätte man gern einen Hinweis auf den christlichen Anteil am Antisemitismus gehört."

Ich danke Ihnen ausdrücklich für diesen Beitrag. Denn Sie widerstehen damit einer Sichtweise, die ich in meiner Arbeit mit gewaltüberlebenden Christinnen ebenfalls ständig beobachte: Die Täter von Gewalt werden irgendwie verschwinden gemacht ("eine Schar von Verbrechern", d.h. von Leuten, die irgendwie von außen kommen, jedenfalls nicht in den eigenen Reihen zu finden sind oder gar - horribile dictu! - als eigene Möglichkeit zur
Gewalttätigkeit erkannt werden könnten). Es ist dies eine Form, Opfer von Gewalt ein zweites Mal im Stich zu lassen. M.E. darf Christentum sich dazu nicht hergeben.
Nochmal also: herzlichen Dank!

Freundliche Grüße!
Erika Kerstner
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