Advent 2005
Liebe Weggefährtinnen!
"Ihr wisst, dass die,
die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die
Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch
aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will,
der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll
der Sklave aller sein." (Mk 10, 42-44)
Wir wissen, wovon wir reden, wenn wir sagen, dass Mächtige ihre
Macht über die Menschen missbrauchen. Wir wissen auch, welche
Folgen das für jede von uns hatte und bis heute hat. Wir sehen, an
wie vielen höchst privaten und ebenso öffentlichen Orten
unserer Welt Menschen einander zerstören. Sie bedienen sich
körperlicher, seelischer, sexueller Gewalt ebenso wie
wirtschaftlicher und struktureller Macht. Nicht wenige von uns sind
mehrfach Ausgeschlossene: ausgeschlossen von einer gesicherten
Arbeitsstelle, ausgeschlossen von einem gesicherten Lebensunterhalt;
ausgeschlossen vom Rückhalt, den eine Herkunftsfamilie geben
sollte. Gemeinsam ist uns auch noch immer der weitgehende Ausschluss
aus dem Diskurs derer, die das Sagen haben, über Gewalt. Als Opfer
von Gewalt scheinen wir ihnen unfähig zu sachgerechter
Auseinandersetzung mit Gewalt. Und so reden sie weiterhin über uns
und nicht mit uns. Dass es trotz Aufklärung und Prävention
noch immer Opfer geben soll, ist eine einzige Provokation. Sie ist
nicht zu dulden. Wir sind zu übersehen, denn wir stören und
verstören. Wir erleiden nach der Gewalt und ihren anhaltenden
Folgen auch noch die Ohnmacht des Nichtgehörtwerdens. Nicht immer
ist das einfach. Nicht immer gelingt es, ohne Bitterkeit aus dieser
Ohnmacht rauszufinden.
Die Alternative - Teilhabe an der Macht der Mächtigen - jedoch ist
nicht wirklich attraktiv. Wer von uns will schon anderen tun, worunter
sie selbst gelitten hat und leidet?
Wenn die eigene Ohnmacht zu erdrücken scheint, hilft mir ein Blick
auf den heruntergekommenen Gott. Auf ihn, der längst bei uns ist,
warten wir erneut in diesen Tagen. Wenn wir nach ihm Ausschau
halten in den Palästen und Zentren jeglicher Macht, werden wir ihn
verfehlen. Wir müssen schon anderweitig suchen, nämlich dort,
wo er sich auch finden lässt: Bei denen, die vielfältig
Ausgeschlossene sind. In den Häusern der Macht und des Geldes
werden wir nicht satt werden. Unsere Chance liegt in Betlehem, das
nicht umsonst "Haus des Brotes" heißt.
Dass wir miteinander diese Chance wahrnehmen, wünscht sich und uns
allen - verbunden mit dem herzlichen Dank für ein langes Jahr
gegenseitiger Solidarität!
Eure Rika