Liebe N.N.!
Du fragst
danach, wer für mich Jesus ist. Er ist neben mir, auf
Augenhöhe. Ich versuche zu erklären, was ich meine:
Mir ist
die Vorstellung sehr fremd, dass Leid für etwas gut sein soll. Ich
glaube auch nicht, dass Jesus freiwillig und gern ans Kreuz gegangen
ist. Immerhin ist er gekreuzigt worden und hat sich nicht selbst ans
Kreuz gehängt, weil er so wild drauf gewesen wäre, die
Menschen zu erlösen. Ich sehe, dass er
mit seiner Botschaft unter die Räder menschlicher Machtspiele
gekommen
ist und deshalb sterben musste. Was wäre das für ein Gott,
der
will, dass sein Sohn so grausam stirbt? Das kann nicht der Wille Gottes
gewesen sein. Der Tod Jesu gehört mit aller radikalen Konsequenz
zu seinem
Leben, zu seinem Eintreten fürs Reich Gottes. Auf diese Weise
erlebe
ich Jesus am Kreuz neben mir. Das heißt also: Wenn ich leide,
dann
hilft mir die Nähe von Jesus, der selbst zum Opfer menschlicher
Willkür
wurde und durch die Nacht des Todes gegangen ist. Wenn ich das
schreibe,
dann finde ich das fast peinlich fromm. Aber diese Erfahrung habe ich
in
einem sehr intensiven, fast mystischen Moment gemacht:
Vor
Jahren erlebte ich an einem Karfreitagabend in einer alten Kirche eine
volkstümliche Prozession, in der Gläubige ein großes
Holzkreuz mit einer lebensgroßen Jesusfigur zu einem Ort trugen,
an dem sie den geschändeten Körper Jesu salbten. Ich
beobachtete, wie die Menschen sich mit einer derart liebevollen
Intensität um den gestorbenen Jesus kümmerten, dass ich aufs
Tiefste berührt war. Mich durchflutete eine so tiefe Dankbarkeit
und Wertschätzung für die Behutsamkeit und Liebe, mit der die
Menschen Jesus salbten
und küssten, dass das auf mich überging.
In diesem
Salbungsgeschehen erlebte ich die unglaubliche Wehrlosigkeit Gottes,
der sich Menschen ausliefert - und genau in dieser Wehrlosigkeit liegt
ein großes Geheimnis. Jesus neben mir sagt: Ich stehle mich nicht
davon und mache die Augen nicht zu, wenn Menschen gefoltert,
gequält, missbraucht und vergewaltigt werden. Jesus selbst
übergab sich menschlichen Händen und es liegt bis
heute an uns, diese Wehrlosigkeit Gottes als das zu begreifen, was sie
sein
will: Ein konsequent ehrliches Eintreten für das Reich Gottes –
einen
Ort, an dem Menschen gewaltfrei und gerecht miteinander leben
können.
Ein solches Leben ist gefährlich und passt nicht immer zu den
Wellnesskategorien unserer Zeit.
Seit
dieser Salbungszeremonie weiß ich, dass meine schlimmen
biographischen Erfahrungen bei weitem nicht die schlimmsten auf Erden
sind und sehe es als Aufgabe, die Kreuze
dieser Welt aufzuspüren und anzuprangern und den Opfern mit
Achtung,
Respekt und Solidarität zu begegnen. In ihnen begegne ich Jesus.
Kannst du
jetzt
besser nachvollziehen, was ich mit Jesus neben mir meine?
Herzlich,
N.N.