Hoffnungsseite

20.3.2005
Liebe Frauen!

Als Begleitung in diesen Kar- und Ostertagen stelle ich euch einen Text von einem Mitglied der Mailingliste ein. Es ging im Listengespräch um die Frage, wer Jesus für uns ist.

Gottes Wehrlosigkeit ist unsere Rettung

- deutlicher kann nicht gesagt werden, woran Christen glauben - und worin gerade für Christinnen mit Gewalterfahrungen das Heil liegt. Dass wir miteinander diesem Heil nachspüren und nachgehen in diesen Kar- und Ostertagen - das wünsche ich uns allen - und danke N.N.!

Schalom!
Eure Rika



Liebe N.N.!

Du fragst danach, wer für mich Jesus ist. Er ist neben mir, auf Augenhöhe. Ich versuche zu erklären, was ich meine:

Mir ist die Vorstellung sehr fremd, dass Leid für etwas gut sein soll. Ich glaube auch nicht, dass Jesus freiwillig und gern ans Kreuz gegangen ist. Immerhin ist er gekreuzigt worden und hat sich nicht selbst ans Kreuz gehängt, weil er so wild drauf gewesen wäre, die Menschen zu erlösen. Ich sehe, dass er mit seiner Botschaft unter die Räder menschlicher Machtspiele gekommen ist und deshalb sterben musste. Was wäre das für ein Gott, der will, dass sein Sohn so grausam stirbt? Das kann nicht der Wille Gottes gewesen sein. Der Tod Jesu gehört mit aller radikalen Konsequenz zu seinem Leben, zu seinem Eintreten fürs Reich Gottes. Auf diese Weise erlebe ich Jesus am Kreuz neben mir. Das heißt also: Wenn ich leide, dann hilft mir die Nähe von Jesus, der selbst zum Opfer menschlicher Willkür wurde und durch die Nacht des Todes gegangen ist. Wenn ich das schreibe, dann finde ich das fast peinlich fromm. Aber diese Erfahrung habe ich in einem sehr intensiven, fast mystischen Moment gemacht:

Vor Jahren erlebte ich an einem Karfreitagabend in einer alten Kirche eine volkstümliche Prozession, in der Gläubige ein großes Holzkreuz mit einer lebensgroßen Jesusfigur zu einem Ort trugen, an dem sie den geschändeten Körper Jesu salbten. Ich beobachtete, wie die Menschen sich mit einer derart liebevollen Intensität um den gestorbenen Jesus kümmerten, dass ich aufs Tiefste berührt war. Mich durchflutete eine so tiefe Dankbarkeit und Wertschätzung für die Behutsamkeit und Liebe, mit der die Menschen Jesus salbten und küssten, dass das auf mich überging.

In diesem Salbungsgeschehen erlebte ich die unglaubliche Wehrlosigkeit Gottes, der sich Menschen ausliefert - und genau in dieser Wehrlosigkeit liegt ein großes Geheimnis. Jesus neben mir sagt: Ich stehle mich nicht davon und mache die Augen nicht zu, wenn Menschen gefoltert, gequält, missbraucht und vergewaltigt werden. Jesus selbst übergab sich menschlichen Händen und es liegt bis heute an uns, diese Wehrlosigkeit Gottes als das zu begreifen, was sie sein will: Ein konsequent ehrliches Eintreten für das Reich Gottes – einen Ort, an dem Menschen gewaltfrei und gerecht miteinander leben können. Ein solches Leben ist gefährlich und passt nicht immer zu den Wellnesskategorien unserer Zeit.

Seit dieser Salbungszeremonie weiß ich, dass meine schlimmen biographischen Erfahrungen bei weitem nicht die schlimmsten auf Erden sind und sehe es als Aufgabe, die Kreuze dieser Welt aufzuspüren und anzuprangern und den Opfern mit Achtung, Respekt und Solidarität zu begegnen. In ihnen begegne ich Jesus.

Kannst du jetzt besser nachvollziehen, was ich mit Jesus neben mir meine?

Herzlich, N.N.






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