"Das Volk, das im Finstern wandert,
sieht ein großes Licht;
über denen, die das
Todesschattenland bewohnen, geht ein Licht auf." (Jes 9,1)
Liebe Weggefährtinnen, liebe
Freundinnen und Freunde!
Wie gerne würde ich in den Jubel des
Jesaja einstimmen, den die ChristInnen in diesen Weihnachtstagen in der
Geburt eines Kindes begründet finden.
Aber ich kann nicht davon absehen, dass es
wenig Grund zum Jubel gibt. Kriege werden weiterhin durchgeführt
und die nächsten schon vorbereitet. Kinder werden nach wie vor
ge- und verkauft, misshandelt, missbraucht und umgebracht. Gewalt gegen
Frauen ist an der
Tagesordnung. Die Armut der Einen, die nicht wissen, wo das Nötige
hernehmen, finanziert noch immer und zunehmend den obszönen
Reichtum der
Anderen. Und nur, weil viele Menschen ausreichend leidresistent
geworden sind
und sich von der Wirklichkeit durch ihre mediale Repräsentanz und
opiate Entschärfung abschotten, nur deshalb scheint ihnen alles
nicht
ganz so schlimm zu sein. Aber - und da hat Carola Moosbach Recht -:
"Die es nicht aushalten wollen darüber
zu
lesen zu
nah meine Störworte Schreisätze bröckelnde
Totschweigemauern sind
kein
Verlust"1
Anders sieht das für diejenigen aus, denen es nicht gelingen will,
übermäßigem Leid aus dem Weg zu gehen. Was das
Aufrechterhalten-Müssen einer störungsfreien
Ordnung anrichtet, erzählte mir eine junge Frau, die in ihrer
Kirchengemeinde nicht in das übliche und einvernehmliche
angeordnete Glück und Halleluja einstimmen kann. "Weißt du",
sagte
sie, "da gehör' ich
einfach nicht dazu. Ich kann da nicht mitsingen." Sie erzählte,
warum das so ist und ich sah ihr an,
wie gerne sie dazugehört hätte. Aber Zugehörigkeit
wäre ihr nur um den Preis des Vergessens ihres eigenen Leides
möglich gewesen. Sie jedoch wollte sich nicht selbst verraten.
Lange genug hatte sie es tun müssen, um zu überleben.
Sobald das Leid uns selbst betrifft,
können wir nicht mehr von uns und unserem
Leben absehen, nur um fugendicht in den allgemeinen
Weihnachtsjubel einstimmen zu können. Ich WILL auch gar nicht von
dem
Leid absehen, das wir uns gegenseitig im Laufe des Jahres erzählt
haben. Ich will nicht vergessen, von wie viel Schmerz und Angst, Panik,
Verlassenheit und Fassungslosigkeit wir einander gesprochen haben.
Aber noch immer ist es so, dass die Botin für die Botschaft
verantwortlich gemacht wird. Die Existenz des Gewaltopfers provoziert.
In der Regel wird die Botin mit Schweigen umgangen. Davon können
viele von uns erzählen. Was nötig wäre, formuliert
Katrin T.2so:
"Die Welt hat Angst,
dass die Wahrheit ihr Herz bricht. Dass
das Herz ihrer Kinder bereits gebrochen ist, weiß sie nicht. ........ Ich
bete jeden Tag um der Welt's Gehör für alle Kinder, die
wie ich mit ihrer Welt so allein sind."
In Jesaja finden wir einen Bundesgenossen. Er leugnet
jedenfalls nicht, dass das Volk im Finstern lebt. Er verschweigt auch
nicht, dass es im Todesschattenland wohnt. Für ihn ist die
Finsternis Gegenwart und das Todesschattenland gehört nicht der
Vergangenheit an. Das Unglück darf - und muss! - benannt werden.
Erst dann kann das Licht aus der Zukunft denen entgegenkommen, die in
der Finsternis wandern und im Todesschattenland leben. Vielleicht sind
ja sie diejenigen, die im Kontrast zu ihrem Leben das
Licht besonders gut wahrnehmen können; die bereits die ersten
Strahlen sehen und unverwandt
hinschauen, um wirklich und rechtzeitig mitzukriegen, ob das Licht
wieder verlöschen wird oder sich als Trugbild zeigen wird - oder
ob es stark und hell werden wird.
Jesaja ist Realist. Er weiß um Finsternis und Todesschattenleben.
Auch wir müssen unser Leben nicht verleugnen. Vor dem Hintergrund
leidvollen Lebens dürfen wir trotzdem Ausschau halten nach dem
Licht in Finsternis und Todesschattenland. Und immer wenn ein
Lichtstrahl unser Leben hell und hoffnungsvoll macht, dürfen wir
uns freuen und dankbar sein. Wir dürfen darauf vertrauen, dass in
Jesus von Nazareth Gott
gerade zu denen kommt, die ihn so nötig
brauchen.
Und da sind wir nicht weniger realistisch als Jesaja: Wir gehören
mit Sicherheit zu ihnen. Solange wir an der Hoffnung auf das Licht
festhalten können, das uns in Jesus Christus aufgegangen ist,
solange leisten wir Widerstand gegen das Todesschattenland und solange
wird die Finsternis nicht das letzte Wort behalten.
Frohe Weihnachten euch allen!
Eure Rika
1 aus dem Gedicht "Zwischenruf"
in: Carola Moosbach: Lobet die Eine. Schweige- und Schreigebete. Mainz
2000, S. 50 2
in:
Manuela Jung, Susanne Kristen,
Petra Berndt (Hrsg)
Überlebenskunst. Folgen und Erfolge, Freiburg 2007, S. 44