Archiv


Weihnachten 2007


"Das Volk, das im Finstern wandert, sieht ein großes Licht;
über denen, die das Todesschattenland bewohnen, geht ein Licht auf." (Jes 9,1)


Liebe Weggefährtinnen, liebe Freundinnen und Freunde!

Wie gerne würde ich in den Jubel des Jesaja einstimmen, den die ChristInnen in diesen Weihnachtstagen in der Geburt eines Kindes begründet finden.

Aber ich kann nicht davon absehen, dass es wenig Grund zum Jubel gibt. Kriege werden weiterhin durchgeführt und die nächsten schon vorbereitet. Kinder werden nach wie vor ge- und verkauft, misshandelt, missbraucht und umgebracht. Gewalt gegen Frauen ist an der Tagesordnung. Die Armut der Einen, die nicht wissen, wo das Nötige hernehmen, finanziert noch immer und zunehmend den obszönen Reichtum der Anderen. Und nur, weil viele Menschen ausreichend leidresistent geworden sind und sich von der Wirklichkeit durch ihre mediale Repräsentanz und opiate Entschärfung abschotten, nur deshalb scheint ihnen alles nicht ganz so schlimm zu sein. Aber - und da hat Carola Moosbach Recht -:
"Die es nicht aushalten
wollen
darüber zu lesen
zu nah meine Störworte Schreisätze
bröckelnde Totschweigemauern
sind kein Verlust"1

Anders sieht das für diejenigen aus, denen es nicht gelingen will, übermäßigem Leid aus dem Weg zu gehen. Was das Aufrechterhalten-Müssen einer störungsfreien Ordnung anrichtet, erzählte mir eine junge Frau, die in ihrer Kirchengemeinde nicht in das übliche und einvernehmliche angeordnete Glück und Halleluja einstimmen kann. "Weißt du", sagte sie, "da gehör' ich einfach nicht dazu. Ich kann da nicht mitsingen." Sie erzählte, warum das so ist und ich sah ihr an, wie gerne sie dazugehört hätte. Aber Zugehörigkeit wäre ihr nur um den Preis des Vergessens ihres eigenen Leides möglich gewesen. Sie jedoch wollte sich nicht selbst verraten. Lange genug hatte sie es tun müssen, um zu überleben.

Sobald das Leid uns selbst betrifft, können wir nicht mehr von uns und unserem Leben absehen, nur um fugendicht in den allgemeinen Weihnachtsjubel einstimmen zu können. Ich WILL auch gar nicht von dem Leid absehen, das wir uns gegenseitig im Laufe des Jahres erzählt haben. Ich will nicht vergessen, von wie viel Schmerz und Angst, Panik, Verlassenheit und Fassungslosigkeit wir einander gesprochen haben. Aber noch immer ist es so, dass die Botin für die Botschaft verantwortlich gemacht wird. Die Existenz des Gewaltopfers provoziert. In der Regel wird die Botin mit Schweigen umgangen. Davon können viele von uns erzählen. Was nötig wäre, formuliert Katrin T.2 so:

"Die Welt hat Angst, dass die Wahrheit ihr Herz bricht.
Dass das Herz ihrer Kinder bereits gebrochen ist, weiß sie nicht.
........
Ich bete jeden Tag um der Welt's Gehör für alle Kinder,
die wie ich mit ihrer Welt so allein sind."


In Jesaja finden wir einen Bundesgenossen. Er leugnet jedenfalls nicht, dass das Volk im Finstern lebt. Er verschweigt auch nicht, dass es im Todesschattenland wohnt. Für ihn ist die Finsternis Gegenwart und das Todesschattenland gehört nicht der Vergangenheit an. Das Unglück darf - und muss! - benannt werden. Erst dann kann das Licht aus der Zukunft denen entgegenkommen, die in der Finsternis wandern und im Todesschattenland leben. Vielleicht sind ja sie diejenigen, die im Kontrast zu ihrem Leben das Licht besonders gut wahrnehmen können; die bereits die ersten Strahlen sehen und unverwandt hinschauen, um wirklich und rechtzeitig mitzukriegen, ob das Licht wieder verlöschen wird oder sich als Trugbild zeigen wird - oder ob es stark und hell werden wird.

Jesaja ist Realist. Er weiß um Finsternis und Todesschattenleben. Auch wir müssen unser Leben nicht verleugnen. Vor dem Hintergrund leidvollen Lebens dürfen wir trotzdem Ausschau halten nach dem Licht in Finsternis und Todesschattenland. Und immer wenn ein Lichtstrahl unser Leben hell und hoffnungsvoll macht, dürfen wir uns freuen und dankbar sein. Wir dürfen darauf vertrauen, dass in Jesus von Nazareth Gott gerade zu denen kommt, die ihn so nötig brauchen. Und da sind wir nicht weniger realistisch als Jesaja: Wir gehören mit Sicherheit zu ihnen. Solange wir an der Hoffnung auf das Licht festhalten können, das uns in Jesus Christus aufgegangen ist, solange leisten wir Widerstand gegen das Todesschattenland und solange wird die Finsternis nicht das letzte Wort behalten.

Frohe Weihnachten euch allen!
Eure Rika


1 aus dem Gedicht "Zwischenruf" in: Carola Moosbach: Lobet die Eine. Schweige- und Schreigebete. Mainz 2000, S. 50
2 in: Manuela Jung, Susanne Kristen, Petra Berndt (Hrsg) Überlebenskunst. Folgen und Erfolge, Freiburg 2007, S. 44

Zur Startseite
Kontakt
Diese Seite gehört zu http://www.gottes-suche.de Seitenanfang