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Karwoche und Ostern 2007

Liebe Weggefährtinnen und FreundInnen!

Die bange Frage ist: Braucht Gott Opfer? Ist Jesus ein Opfer Gottes? Ist er in existenzvernichtender, geradezu masochistischer Weise seinem Vater im Himmel "gehorsam bis in den Tod"? Von einem Gott erzählen, der das Opfer seines Sohnes braucht, damit die Schuld von Menschen Gott gegenüber bezahlt werden kann - von einem solchen Gott erzählen, heißt von einem Sadisten erzählen. Da sagen viele von uns: "Danke, mein Bedarf an der Begegnung mit Sadisten ist ein für allemal gedeckt. Einen himmlischen Sadisten brauche ich schon gar nicht." Ich bin überzeugt davon, dass Recht hat, wer so spricht - auch wenn diese "Satisfaktionslehre" von einem Theologen, Anselm von Canterbury, stammt.

Hilfreicher scheint mir ein Blick in die Gottesknechtslieder bei Deuterojesaja. Dort wird das Missverständnis benannt:
"Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt Jes 53,4". Es sind Menschen, die Jesus von Nazareth, den Sohn Gottes, umbringen. In den Gottesknechtsliedern wird auch betont, dass der Gottesknecht unschuldig war: "Bei Verbrechern bestimmte man sein Grab und bei Reichen seine Gruft, obgleich er niemals Unrecht tat und kein Trug in seinem Munde war" Jes 53,9). Wir haben also in Jesus mitnichten jemanden vor uns, der einem sadistischen Gott zum Opfer gefallen wäre. Vielmehr haben wir einen Menschen vor uns, der das Opfer von Menschen wurde. Ein unschuldiges Opfer. Da ein Unschuldiger ermordet wird und ChristInnen ihn als Sohn Gottes glauben, kann nur gefolgert werden: Im Gott Jesu Christi zeigt sich jener biblische "Gott der Opfer", der sich mit allen Sündenböcken solidarisiert und die menschliche Verantwortung für die Gewalt ans Licht bringt. Wenn unsere Welt verändert werden soll, dann müssen noch die dunkelsten Seiten des Menschen, seine Gewaltbereitschaft und seine Gewalttätigkeit, ans Licht kommen. Im Kreuz geschieht dies. Die größte Gewalt - der Mord an einem Unschuldigen - wird mit der größten Liebe konfrontiert; mit einem Jesus, der im Zweifel das Erleiden von Gewalt dem Tun von Gewalt vorzieht.

Die Versuchung zur Gewalttätigkeit kann aus einem Mangel an Selbsterkenntnis rühren. Ein chinesischer Philosoph, Tschuang-tse, erzählt dazu folgende Geschichte: "Es war einmal ein Mann, den verstimmte der Anblick seines eigenen Schattens so sehr, dass er beschloss, ihn hinter sich zu lassen. Er sage sich: Ich laufe ihm einfach davon. So stand er auf und lief davon. Aber jedes Mal, wenn er seinen Fuß aufsetzte, folgte sein Schatten ihm mühelos. Er sagte zu sich: Ich muss schneller laufe. Also lief er schneller und schneller, lief so lange, bis er tot zu Boden sank. Wäre er einfach in den Schatten eines Baumes getreten, so wäre er seinen eigenen Schatten losgeworden. Aber darauf kam er nicht".

Es gehört vielleicht mit zum Schwersten, den eigenen Schatten zu erkennen. Ich hoffe, dass wir im Schatten des Kreuzes unseren eigenen Schatten erkennen und aushalten können - in der Zuversicht, dass er angesichts der Liebe Gottes hell und heil werden kann, so dass wir nicht unserer eigenen Möglichkeit zur Gewalt auf den Leim gehen und keinen Menschen zu unserem Opfer machen müssen. Erinnern wir uns wechselseitig daran, dass es Einen gibt, der uns vorgemacht hat, wie ein gewaltloses Leben gehen kann und helfen wir einander dabei.

Dass wir Jesus in diesen Tagen auf seinem Weg begleiten und dass wir einander die Hoffnung stärken, dass Gott auch unsere Wege mitgeht, das wünsche ich euch und allen, die hier mitlesen - und mir auch.
Herzlich!
Eure Rika



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