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Liebe Weggefährtinnen!

In der Fastenzeit, am 1. Fastensonntag, lesen die KatholikInnen unter uns das sogenannte "kleine historische Credo Israels" (Dt 26,5-9), das auch das Glaubensbekenntnis der ChristInnen ist:

5Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk.
6Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf.
7Wir schrien zu Jahwe, dem Gott unserer Väter, und Jahwe hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis.
8Jahwe führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten,
9er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, in dem Milch und Honig fließen.
(Dt 26, 5-9)


Das vorliegende historische Glaubensbekenntnis - eingebettet in eine Erntedank-Liturgie - bringt mitnichten Lehrsätze, die geglaubt werden müssten. Vielmehr erzählt es von Erfahrungen, die Menschen gemacht haben. Zunächst sieht es so aus, als sei dies die Erfahrung von einem anderen Menschen, von Abraham. Er wird als heimatloser Aramäer vorgestellt, der nach Ägypten zog und dort als Fremder lebte. Abraham und die, die mit ihm waren, scheinen fern von uns und unseren Erfahrungen. Vergangenheit eben. Dann jedoch wechselt der Text unvermittelt die Erzählperspektive. Er nimmt in der Ich-Form die Leserin und Hörerin des Textes mit hinein in die Erfahrungen des Lebens in der Fremde, der Marginalisierung, der Ausbeutung und Rechtlosigkeit: "Die Ägypter behandelten UNS schlecht, machten UNS rechtlos und legten UNS harte Fronarbeit auf."

Nein, ich habe nie in Ägypten gelebt. Ich bin nicht Abraham, ich lebte nie im Haus der Sklaverei. Aber ich kenne solche Häuser auch in unserem Land und dreitausend Jahre später. Ich kenne sie aus der Innenperspektive.

Schlimm genug, wenn der Unterdrücker der Feind ist; wenn er identifizierbar ist als "Ägypter", wie er es für die Hebräer und Hebräerinnen war. Anders schlimm ist es, wenn der Mensch mit dem Gewalttäter unter einem Dach im gleichen Haus leben muss. Der Gewalttäter sorgt dafür, dass die, die er unterdrückt, völlig isoliert werden von allen Menschen und nicht selten auch von Gott. Solche Menschen können nicht mehr von einem "wir" sprechen, denn sie fühlen sich abgeschnitten von jeglicher Mit-Menschlichkeit und völlig auf sich allein gestellt.

Die Hebräer und Hebräerinnen in Ägypten hatten einander. Sie konnten einander erzählen, ihre Urteile im Gespräch überprüfen und bestätigen,  einander trösten, Hoffnungen machen und Verzweiflung teilen. Sie konnten zusammen zu ihrem Gott schreien und das Unrecht benennen.
Viele von uns hatten niemanden. Nicht wenige von uns hätten in der Situation der Gewalt nicht einmal sagen können, dass  Unrecht und Verbrechen ist, was ihnen geschieht. Wir wussten nicht, wie Recht, Gerechtigkeit, Freude und Hoffnung sich anfühlten. Wir hatten kein Wort für das, was wir erlebten. Wir hatten niemanden, der hätte bestätigen können, was wir erlebten - und was das ist, das wir erlebten.

Erst Jahre und Jahrzehnte später lernen wir, im Gegenüber mit vertrauenswürdigen Menschen, unsere Geschichte wieder und wieder und wieder nachzuvollziehen und Wörter zu finden, die sie zutreffend erzählen.  Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das in diesem Credo vorausgesetzte "Wir" solidarischer Menschen erst einmal zu suchen und zu finden. Dann werden wir auch noch lernen zu tun, was die Hebräerinnen in Ägypten taten: Zu Jahwe, dem Gott Israels und dem Gott Jesu zu schreien. Denn die Not bleibt bei Ihm/Ihr nicht ungesehen und das Geschrei nicht ungehört. Der Gott Israels hört auf die Stimme des Geschreis seines Volkes und er sieht Rechtlosigkeit und Bedrängnis von Menschen. Er hat offene Ohren und offene Augen - und er tut etwas. Und etwas, was wir nur zu gut kennen, das tut er NICHT: Er beschwichtigt die Hebräerinnen und Hebräer nicht; er redet das erlittene Unrecht nicht klein; er ergreift nicht die Partei der Unterdrücker, er beschuldigt die Unterdrückten nicht, dass sie es ja so gewollt hätten und irgendwie selber Schuld hätten. Dieser Gott glaubt den Unterdrückten.

In diesem Glaubensbekenntnis hält Israel die Erinnerung wach an den Gott, der schon einmal "gesehen und gehört" hat - und gerettet hat. Das lässt hoffen, dass es wieder einmal so sein wird. Um Gott zum Handeln zu bewegen, muss der Mensch nur Eines tun: Schreien, bis er gehört wird. Dann tun wir das doch weiterhin gemeinsam und erinnern wir Gott an Seine/Ihre Versprechen. Die Worte des Psalm 91 können uns helfen.

 Wer im Schutz des Höchsten wohnt,
ruht im Schatten des Allmächtigen,

der sagt zu Jahwe:
    "Meine Zuflucht und meine Burg,
    mein Gott, dem ich vertraue!"
 
Denn seinen Engeln hat er befohlen,
dich zu behüten auf all deinen Wegen.
 
    Sie tragen dich auf den Händen,
    dass nicht dein Fuß an einen Stein stößt.
 
Du wirst über Löwen und Ottern gehn,
niedertreten junge Löwen und Drachen.
 
    »Sie hängt an mir, so will ich sie retten.
    ich schütze sie, denn sie kennt meinen Namen.
 
Ruft sie mich, geb ich ihr Antwort,
ich bin bei ihr in der Bedrängnis,
ich reiß sie heraus und bring sie zu Ehren.
 
    Ich sättige sie mit langem Leben
    und lasse sie schauen mein Heil."

Die Fastenzeit mag uns so zu einer Zeit werden, in der wir uns gegenseitig an unsere Hoffnungen und Gott an seine Versprechen erinnern.

Herzlich!

Eure Rika



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