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Weihnachten 2006


Liebe Weggefährtinnen und Freundinnen und alle, die ihr hier vorbeischaut!

In diesem Jahr fällt es mir nicht leicht, einen Weihnachtsgruß zu schreiben. Ich habe Mühe, die Hoffnungen, die ich mit Weihnachten verbinde, mit dem Elend zusammenzubringen, das ich wahrnehme und erlebe. Und dennoch gehört beides zusammen, denn das Glück der Weihnacht besteht ja darin, dass "Gott mit uns" (Immanuel) ist, auch im Leid. Und so gehören gerade die Menschen, die nicht mehr ein und aus wissen, an Weihnachten dazu. Denn in genau diese Welt hinein wird "uns ein Kind geboren". Wir nennen es "Gott der Opfer und Unterdrückten". Wir duzen diesen Gott, als sei er einer von uns. Wir erzählen ihm von Glück und Unglück; von Gewalt und wie es sich mit den Folgen lebt; von Kampf, Sieg und Kraft; von Demut und Versagen; von Einsamkeit, Kraftlosigkeit und erfahrener Solidarität. Und manchmal schweigen wir, gehen auf Distanz und hoffen, dass Gott immer noch da ist, wenn wir den Abstand verringern können, ohne in Angst unterzugehen.

Wir nehmen diesen Gott der Opfer auch für uns in Anspruch. Wir erinnern Ihn/Sie an die gegebenen Versprechen und fragen: Wann kommt das Ende der Gewalt für uns und für alle? Wann wird Friede sein? Und was ist mit der Gerechtigkeit? Wir wollen Friede und Gerechtigkeit nicht erst irgendwann, sondern schon hier, jetzt, heute, für alle und auch für uns.

Zugleich wissen wir, dass das nicht so einfach ist. Wir werden Geduld brauchen und Beharrlichkeit, einen langen Atem und wohlgenährte Hoffnung. In den Kindheitsgeschichten der Evangelien finden wir Nahrung für die Hoffnung.
Im "Gott der Opfer" tritt uns zunächst ein kleines Kind entgegen, das erst 3 Jahrzehnte später wieder in den Blick gerät. Das Kind wird nicht in Jerusalem, dem Zentrum politischer, geldwirtschaftlicher und religiöser Macht, geboren. Schon in den Kindheitsgeschichten der Evangelien positioniert er sich an dem Ort, der für ihn lebenslänglich der "richtige Ort" sein wird:
Wir werden diesen Jesus später immer neben jenen finden, die von anderen ausgegrenzt werden. Umgekehrt wird Jesus in gehöriger und manchmal aggressiv-abwehrender Distanz zu jenen leben, die von allen geachtet sind und das Sagen haben. Am Ende werden wir dieses Kind unter denen finden, die von Menschen zu den Verbrechern gezählt werden, obwohl sie unschuldig sind. Gott jedoch wird diesen Jesus rehabilitieren. Schon der Name ist Programm: Jesus/Jeshua heißt: Gott ist die Rettung.

In diesem Kind von Betlehem kommt uns Gott entgegen als unser Verbündeter und als Anwalt all jener Menschen, die unter die Räder gerieten und Opfer von Menschen wurden. Er kommt nicht mit Gewalt, denn die würde den noch immer anhaltenden Kreislauf der Gewalt nur gnadenlos verlängern. "Mehr davon" können wir nicht brauchen. Deshalb kommt er als schutzloses Kind. Angewiesen darauf, dass Menschen am Reich des Friedens und der Gerechtigkeit mitarbeiten. Angewiesen auch auf uns. Es ist also nicht egal, ob wir leben und sind, die wir sind und wie wir sind. Denn es kommt auch auf uns an, ob unsere Hoffnungen und die Hoffnungen der Menschen, die mit uns leben, sich erfüllen oder nicht. Jedenfalls sieht es so aus, als würde dieser Gott der Opfer auch mit uns rechnen. Was in den Augen der Menschen und auch in unseren eigenen Augen zunächst klein scheint, wird sich in den Augen Gottes am Ende vielleicht als "genau richtig" erweisen. Im Vertrauen darauf, dass wir gebraucht werden und unser Gott uns entgegen- und zu Hilfe kommt, können wir Weihnachten feiern. Das sollten wir dann auch tun, miteinander und jede auf die ihr eigene Art :-) - und auch dann, wenn keine von uns wirklich versteht, was das bedeutet: Gott wird Mensch, Gott wird eine von uns.

Frohe Weihnachten uns allen also!
Herzlich!
Eure Rika





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