Liebe
Weggefährtinnen und Freundinnen und alle, die ihr hier
vorbeischaut!
In diesem Jahr fällt es mir nicht leicht, einen
Weihnachtsgruß zu
schreiben. Ich habe Mühe, die Hoffnungen, die ich mit Weihnachten
verbinde, mit dem Elend zusammenzubringen, das ich wahrnehme und
erlebe.
Und dennoch gehört beides zusammen, denn das Glück der
Weihnacht besteht ja darin, dass "Gott mit uns" (Immanuel) ist, auch im
Leid. Und so gehören gerade die Menschen, die nicht mehr ein und
aus wissen, an Weihnachten dazu. Denn in genau diese Welt hinein wird
"uns ein Kind geboren". Wir nennen
es "Gott
der Opfer und Unterdrückten". Wir duzen diesen Gott, als sei er
einer von
uns. Wir erzählen ihm von Glück und Unglück; von Gewalt
und wie es sich mit den Folgen lebt; von Kampf, Sieg und Kraft; von
Demut und Versagen; von Einsamkeit, Kraftlosigkeit und erfahrener
Solidarität.
Und manchmal schweigen wir, gehen auf Distanz und hoffen, dass Gott
immer noch da ist, wenn wir den Abstand verringern können, ohne in
Angst unterzugehen.
Wir nehmen diesen Gott der Opfer auch für uns in
Anspruch. Wir erinnern Ihn/Sie an die gegebenen Versprechen und fragen:
Wann kommt das Ende der Gewalt für uns und für alle? Wann
wird Friede sein? Und was ist mit der Gerechtigkeit? Wir wollen Friede
und Gerechtigkeit nicht erst irgendwann,
sondern schon hier, jetzt, heute, für alle und auch für uns.
Zugleich wissen wir, dass das nicht so einfach ist. Wir werden Geduld
brauchen und Beharrlichkeit, einen langen Atem und wohlgenährte
Hoffnung. In den Kindheitsgeschichten der Evangelien finden wir Nahrung
für die Hoffnung. Im "Gott der Opfer" tritt uns
zunächst ein kleines Kind entgegen, das erst 3 Jahrzehnte
später wieder in den Blick gerät. Das Kind wird nicht in
Jerusalem, dem Zentrum politischer,
geldwirtschaftlicher und religiöser Macht, geboren. Schon in den
Kindheitsgeschichten der Evangelien positioniert er sich an dem Ort,
der für ihn lebenslänglich der "richtige Ort" sein wird:
In
der Gesellschaft jener, die kein Dach über dem Kopf haben und
denen die Welt ziemlich kalt entgegenkommt
In der Gesellschaft von Hirten, die damals
von allen des Viehdiebstahls beschuldigt und
gemieden wurden
In der Gesellschaft von "Sterndeutern",
Nichtjuden also, die ihren Blick von den Sternen abwenden und auf ein
Kind schauen lernen
Als gefährdetes Kind von
Flüchtlingen, die vor
dem paranoiden Zerstörungswillen eines Herodes Schutz im Ausland
suchen
Wir
werden diesen Jesus später immer neben jenen finden, die von
anderen ausgegrenzt werden. Umgekehrt wird Jesus in gehöriger und
manchmal aggressiv-abwehrender
Distanz zu jenen leben, die von allen geachtet sind und das Sagen
haben. Am Ende werden wir dieses Kind unter denen finden, die von
Menschen zu den Verbrechern gezählt werden, obwohl sie unschuldig
sind. Gott jedoch wird diesen Jesus
rehabilitieren. Schon der Name ist Programm: Jesus/Jeshua heißt:
Gott ist die Rettung.
In diesem Kind von Betlehem kommt uns Gott entgegen als unser
Verbündeter und als Anwalt all jener Menschen, die unter die
Räder gerieten und Opfer von Menschen wurden. Er kommt nicht
mit Gewalt, denn die würde den noch immer anhaltenden Kreislauf
der Gewalt nur gnadenlos verlängern. "Mehr davon" können wir
nicht brauchen. Deshalb kommt er als schutzloses
Kind. Angewiesen darauf, dass Menschen am Reich des Friedens und der
Gerechtigkeit mitarbeiten. Angewiesen auch auf uns. Es ist also nicht
egal, ob wir leben und sind, die wir sind und wie wir sind. Denn es
kommt auch
auf uns an, ob unsere Hoffnungen und die Hoffnungen der Menschen, die
mit uns leben, sich erfüllen oder nicht. Jedenfalls
sieht es so aus, als würde dieser Gott der Opfer auch mit uns
rechnen. Was in den
Augen der Menschen und auch in unseren eigenen Augen zunächst
klein scheint,
wird sich in den Augen Gottes am Ende vielleicht als "genau richtig"
erweisen. Im Vertrauen darauf, dass wir gebraucht werden und unser Gott
uns entgegen- und zu Hilfe kommt, können wir
Weihnachten feiern. Das sollten wir dann auch tun, miteinander und jede
auf die ihr eigene Art :-) - und auch dann, wenn keine von uns wirklich
versteht, was das bedeutet: Gott wird Mensch, Gott wird eine von uns.
Frohe Weihnachten uns allen also!
Herzlich!
Eure Rika