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Pfingsten 2006
Liebe Weggefährtinnen!

"Broken bodies - broken dreams" - d.i. der Titel eines vom UN-Office for the Coordination of Humanitarien Affairs im Mai 2006 herausgegebenen Informationsbroschüre über Gewalt gegen Frauen. Die UNO schätzt, dass eine von drei Frauen in ihrem Leben geschlagen oder vergewaltigt wird. Rund 25% der Mädchen und acht Prozent der Jungen sind weltweit Opfer von Kindesmissbrauch. Für Deutschland liegt seit dem November 2005 die erste Studie zu Gewalt gegen Frauen vor. Rund 40% aller Frauen ab 16 Jahre machen danach Erfahrungen mit körperlicher, seelischer, sexueller Gewalt.
Wem der Körper durch Menschengewalt zerbrochen wurde, dem zerschellen auch die Träume. Das ist tatsächlich so. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass es auf Dauer nicht bei den zersplitterten Träumen bleiben muss. Das Träumen kann (wieder) gelernt werden. Dazu braucht es die Solidarität Betroffener miteinander und die Solidarität Nichtbetroffener mit Gewaltüberlebenden.


Pfingsten ist genau das richtige Fest, um die Hoffnung auf die Wiederherstellung der Träume zu feiern. Pfingsten ist der Tag, an dem wir uns miteinander unserer Träume vergewissern. Träumen können wir nur, wenn wir uns keine Illusionen machen. Es setzt voraus, dass wir ziemlich genau sagen können, was uns fehlt - und wovon wir folglich träumen dürfen - und müssen. Bevor wir träumen können, müssen wir die Augen öffnen für das, was ist. Wir dürfen uns von niemandem Sand in die Augen streuen lassen, der da sagt, dass das, was wir an Gewalt erlebt haben und erleben, gar keine Gewalt war und ist. Mit Geduld, Stärke und gegenseitiger Ermutigung helfen wir einander zu lernen, der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Nur so können wir der ubiquitären Umdeutung der Gewalt und dem ebenso ubiquitären Schweigen darüber den notwendigen Widerstand entgegensetzen. Miteinander können wir uns darüber beraten, was richtig und wichtig, falsch und unbedeutend ist; was gut und nützlich ist auf dem Weg zu einem Leben ohne Gewalt oder - wenn es dafür schon zu spät ist - zu einem Leben mit Gewaltfolgen, die durch Solidarität gemindert werden können.

Fulbert Steffensky schrieb: "Erinnerung an die Träume und Erinnerung an die Opfer - das schuldet die Kirche sich selber und einer traumlosen Gesellschaft." ("Das Haus, das die Träume verwaltet"). So können wir Pfingsten feiern als ein Fest der Erinnerung an die Gaben des Gottesgeistes - Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit (d.i. das, was gut und nützlich ist, was also "frommt"), Gottesehrfurcht. Wir dürfen es feiern - als Vergewisserung, dass wir die Träume von einem Leben ohne Gewalt brauchen und dass der biblische Gott unseren Träumen die Orientierung zu einem Leben in Frieden für alle gibt. Wenn wir zusammen an dieser Orientierungshilfe festhalten, bin ich zuversichtlich, dass wir nicht in unrealistische Illusionen verfallen und keinen Aspekt unserer Erfahrungen übersehen müssen, aus lauter Sorge, uns könnten die Träume unterwegs zerplatzen. Im Gegenteil glaube ich, dass unsere Träume von einem guten Leben ihre Kraft dadurch erhalten, dass wir benennen, was der Verwirklichung der Träume im Weg steht.

Euch allen frohe Pfingsten - und den Mutlosen Mut!

Herzlich!
Eure Rika






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