zurück zum Archiv

Liebe Weggefährtinnen!

"Mach dir nur ja keine Hoffnungen! Du wirst schon sehen...!" Einen solch drohenden Satz, eine solche Botschaft kennen viele von uns. Hoffnung war bedrohlich. Eine Hoffnung zu haben schien identisch mit ihrem Scheitern. Oft über viele Jahre und nicht selten in der prägenden Kindheit lernten wir, dass es sich besser bzw. überhaupt nur leben lässt, wenn wir keine Hoffnungen haben. Durch sie würde alles nur noch unerträglicher werden. Eines war sicher: Eine nicht-gehegte Hoffnung konnte schon nicht scheitern. Wenigstens diesen Schmerz konnten wir uns ersparen. Und wir waren gut beraten damit. Viele von uns ersparten sich die Hoffnungen und damit den Schmerz vergeblicher Hoffnungen. Hilfe war ohnehin nicht in Sicht. In solcher Situation ist Hoffnung nicht nur ein Luxus - sie ist ein Ballast. Hoffnungslosigkeit half beim Überleben und erlaubte die Konzentration aller Kraft auf das Überleben. Bis heute ist es immer wieder so, dass wir alle Kraft für das Überleben brauchen und keine Kraft für Hoffnungen haben. Dann ist es klug, wenn wir uns auf das Überleben konzentrieren.

Nur: Überleben alleine ist auf Dauer zu wenig. Entschieden zu wenig. Vom Überleben alleine lässt sich noch nicht leben. Da braucht es mehr. Da braucht es eine Hoffnung und eine Sehnsucht. Und wenn WIR diese Hoffnung und Sehnsucht nicht aufbringen, müssen wir Ausschau halten nach jemandem, der oder die stellvertretend für uns Hoffnung hat. Welch ein Glück, wenn wir einen Menschen finden, dessen Hoffnung da anfängt, wo unsere verschüttet ist und manchmal wie erstickt erscheint! Jemanden, der oder die uns unverdrossen von den Hoffnungen erzählt, zu denen wir berechtigt sind! Wir müssen nur zuhören. Und sei es von Ferne.

Ijob ist so ein Mensch, dem es lohnt, zuzuhören. Mitten in seiner Asche sitzend, im Angesicht von vermeintlichen Freunden, die meinten, einen sadistischen Gott rechtfertigen zu müssen, sagt er zu seinem Gott: "Ach, dass du mich noch im Totenreich bergest, mich verstecktest, ... und dann meiner gedächtest!.... Dann wirst du rufen und ich werde dir antworten, nach dem Werk deiner Hände sehntest du dich!" (Ijob 14,13.15). Ijob leistet Widerstand - vermeintlichen Freunden, einem tyrannischen Gott, der eigenen Ungetröstetheit. Er findet sich nicht ab mit den Ereignissen, wie sie sind oder zu sein scheinen. Er hofft, dass Gott ihn birgt, ihn nicht vergisst - und ihn rufen würde. Und Ijob weiß auch, was er dann tun würde: Antworten. Was denn sonst! Wenn Gottes Sehnsucht nach den Menschen nicht ins Leere laufen soll, braucht sie eine Antwort. Unsere. Da wir es mit einem Gott zu tun haben, der geknickte Rohre nicht zerbricht und glimmende Dochte nicht auslöscht, darf unsere Antwort auch leise und ängstlich sein. Zu manchen Zeiten darf sie auch darin bestehen, dass wir die Antwort für später ankündigen. So lange wir die Stimme von Gottes Sehnsucht nach uns noch hören können, solange wir in Rufweite bleiben, ist noch nichts verloren.

In diesen Tagen der Karwoche und der Osterzeit feiern wir Gottes Sehnsucht nach den Menschen. Leben, Sterben und Auferweckung Jesu zeugen davon, dass Gott das Leben will und Gewalt und Tod nicht das letzte Wort lassen wird. Das ist ein Grund zur Freude: Schon einmal hat Gott einen Weg zu den Menschen gefunden. Die Geschichte vieler Menschen mit diesem Gott zeigt, dass es Ihm/Ihr immer neu gelingt, Seiner/Ihrer Sehnsucht einen Weg zu bahnen. Es könnte sein, dass zu manchen Zeiten Gottes Sehnsucht nach uns genügt und dass sie am Ende größer und stärker ist als unsere Hoffnungslosigkeit. Das werden wir abwarten müssen, darauf werden wir warten dürfen, davon dürfen wir uns überraschen lassen.

Dass wir uns Hoffnungen machen lassen können und dann schon sehen werden, das wünsche ich euch und mir!
Eure Rika am Gründonnerstag 2006





Zur Startseite
Mailen Sie
Diese Seite gehört zu http://www.gottes-suche.de nach oben