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Liebe Weggefährtinnen!

Es liegt uns nahe - und dies ganz zu Recht! - zu fragen, wo denn unser Gott war, als wir unter die Räuber gefallen sind. Es liegt uns nahe, zu beklagen, wie viele Menschen an uns und anderen Opfern von Gewalt im Nahbereich vorübergehen. Für uns hat sich seit dem Erzählen des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) noch nichts Entscheidendes verändert. Noch immer ist es so, dass Menschen an den Traumata deren, die unter die Räuber gefallen sind, unberührt und ohne Mitleid vorübergehen. Wie der Priester der Gleichniserzählung, der nicht einmal seine Diensttauglichkeit durch kultische Unreinheit gefährdete, so gefährden auch die an uns Vorübergehenden oft nicht einmal ihre Arbeit oder ihr Privatleben: Sie schauen hin - und gehen dennoch vorüber. So war es und so ist es weitgehend bis heute geblieben. Wir müssen das so lange und so laut beklagen, bis es sich spürbar verändert. Das ist keine Frage.

Darüber hinaus jedoch können wir in einer Situation weiterhin andauernden Schweigens über Gewalt im Nahbereich einen Perspektivenwechsel vornehmen. Wir können uns nämlich fragen, wo WIR denn stehen. Bonhoeffer hat in einem seiner Gefängnistexte den ChristInnen ihren Ort gezeigt. Und da er selbst es sich etwas kosten ließ, sich an diesem Ort aufzuhalten, dürfte er auch für uns ein glaubwürdiger Zeuge sein. Er schrieb:

"Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden.

(Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, München 1970, S. 382)

Da gehören sie hin, die Christinnen und Christen - zu Gott in Seinem/Ihrem Leiden. Gott leidet, wenn Menschen leiden gemacht werden. Wer bei Gott stehen will, kann dies nicht anders als dass er und sie den Menschen beisteht, die leiden gemacht werden. Jesus sagt es eindeutig: "Was ihr für eines meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr für mich getan." Keine von uns ist disqualifiziert für das Einander-Beistand-Geben dadurch, dass sie selbst das Leiden an Traumafolgen viel zu gut kennt und dass sie weiß und immer neu erfährt, was Solidaritätsverweigerung anrichtet. Mir scheint, dass wir eine gute Wahl treffen, wenn wir uns bei Gott in Seinem Leiden und damit auch beieinander verorten. Der Trost, den wir einander gewähren können, ist noch nicht aufgebraucht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass gewährter Trost satt macht in hungriger Zeit.

Dass wir einander und anderen Menschen Trost schenken können, wünsche ich uns allen!

Herzlich!
Eure Rika
1.3.2006







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