11.10.2004
vibre
Die
Steinpalme
Es war
Spätnachmittag, und es war ein Wind aufgekommen, der leise
über die Haare streicht und
auf dem Gesicht eine Ahnung von Kühle hinterlässt. Es war die
Zeit,
die zum Erzählen verführt, ja, die Lust auf Märchen
wurde
so zwingend, dass alle den weisen Raman baten, doch eine seiner
wundervollen
Geschichten zu erzählen.
Der
kluge, alte Mann lächelte. Er überlegte einen Augenblick und
rief dann: 'Wir treffen
uns an der Steinpalme, wenn die Feuer angezündet werden!'
'Steinpalme?
Was
bedeutet
das?' riefen sie hinter dem Alten her. 'Sucht sie!' Er
sagte dies schon im Fortgehen. 'Sucht sie! Der Baum ist nicht zu
verfehlen.'
Noch ehe
die Nacht plötzlich herabfiel, hatten sie den Baum gefunden. Neben
den vielen Palmen am Strand, die in ihrer schlanken Schönheit wie
winkende Frauen zu sein schienen,
stand diese eine etwas abseits, doch so, dass ihre starken,
dunkelgrünen
Blattfächer die neben ihr stehenden Bäume leicht
berührten.
Es war eine eigenartig geformte Palme! Sie wirkte gedrungen, mit einem
mächtigem
Stamm und starken Fächern, die in ihren Bewegungen sichtbare
Mäßigung
zeigten und nichts von der Heiterkeit hatten, die alle anderen Palmen
so
weiblich machte. Das Merkwürdigste aber war die Krone der Palme!
Der
Baum neigte sich mit seinen Blattfächern zur Mitte hin.
'Seht nur
genau hin', sagte der alte Erzähler, der sich in ihre Mitte
gesetzt hatte, 'achtet
auf das nächste Wehen des Windes.' Und sie konnten es sehen! Als
der
Wind die Fächer der Bäume etwas auseinander wehte, da sahen
sie
es: Im Herzen der Palme, dort, wo sonst die neuen, hellgrünen
Triebe
aus der Mitte des Stammes nach oben drängten, lag ein
mächtiger,
rötlicher Stein, ein Stein, wie unzählige am Strand
herumlagen.
Raman
ließ keine
Zeit zum Fragen. Mit einer weiten Armbewegung zeigte er, dass sich alle
im
Kreis setzen sollen. Ein Feuer wurde in der Mitte angezündet, und
die
Nacht kam schnell und fiel über alles wie ein schwarzes Tuch. Der
Schein
des Feuers erreichte den Stamm der großen Palme und malte auf den
Schuppen
bizarre Zeichen. Wenn eine Flamme hell aufflackerte, konnte man die
Krone
des mächtigen Baumes ahnen.
'Ihr
wollt wissen, wie der große Stein dort oben hinaufgekommen ist!'
begann Raman seine Erzählung. 'Nun, dies geschah vor vielen,
vielen Jahren, als die mächtige Palme
noch ein winziger Bäumling war. Hier waren damals noch keine
Häuser,
und es gab auch noch keinen Brunnen. Nur einige Palmen standen am
Strand.
Ihnen und dem kleinen Palmenbaum genügte das, was sie aus dem
Sandboden
an Nahrung und vom Himmel an Feuchtigkeit bekamen.
Die
kleine Palme liebte das Meer und die Musik des Wassers. Sie liebte den
leisen Wind an den Spätnachmittagen und die plötzlich
hereinbrechende, oft kalte Nacht mit ihrer schattenlosen Dunkelheit.
Und sie liebte den Mond in den klaren Nächten, dessen Licht
harte Umrisse malt und auf dem Meer lange Streifen zieht, die eine
Ahnung
von Unendlichkeit geben. Der kleine Baum wusste, dass wenige Meter
hinter
ihm die Wüste war. Aber er hatte keine Vorstellung von ihr, er
wusste
nicht, was wasserlos und leer bedeutete. Er war ein kräftiger,
glücklicher
Palmenschössling. Bis zu dem Tag, an dem der Mann kam!
Er kam
durch die Wüste. Er war tagelang umhergeirrt, hatte sein Hab und
Gut verloren und war vor Durst
und Hitze fast um den Verstand gekommen. Seine Hände brannten wund
vom
vergeblichen Graben nach Wasser, und alles an ihm war grenzenloser
Schmerz. So stand er vor dem Wasser, vor dem endlosen, weiten, salzigen
Wasser. Der Mann warf seinen ausgedörrten Körper in das
Wasser hinein, aber
in seinem Mund mit den aufgerissenen Lippen und der dickpelzigen Zunge
brannte
der Durst, den das Salzwasser nicht stillen konnte.
Da packte
ihn ein rasender Zorn. 'Ich habe Anspruch auf Wasser!' schrie er. 'Ich
will leben, weil ich einen Anspruch darauf habe!' Er griff nach einem
großen Stein. Sein
Zorn gab ihm Kräfte, die sein ausgedörrter Körper kaum
noch
hergeben konnte, und er schrie über die Grenzenlosigkeit des
Wassers,
schrie gegen die Unauslöschbarkeit der Sonne, schrie gegen die
Wüste
und hinauf zu den unerreichbaren Kronen der Palmen. Drohend hatte er
den
Stein erhoben. Seine Arme zitterten, und es schien, als wolle alle
Kraft
ihn endgültig verlassen.
Da sah er
neben den
großen Palmen, zwischen Geröll und Sand, den
Palmenschössling
stehen, in hellem Grün und voller Hoffnung auf jeden neuen Tag.
'Warum
lebst du?' schrie der Mann. 'Warum findest du Nahrung und Wasser, und
ich
verdurste hier? Warum bist du so jung und schön? Warum hast du
alles
und ich nichts? Du sollst nicht leben!' Mit aller noch vorhandenen
Kraft
presste er den Stein mitten in das Kronenherz des jungen Baumes.
Es
knirschte und brach. Es war, als vervielfachte sich das Knirschen und
Brechen bis in die Unendlichkeit der Wüste und des Meeres. Und
dann kam eine entsetzliche Stille! Der
Mann brach neben der kleinen Palme zusammen. Zwei Tage später
fanden
ihn Kameltreiber - man sagt, dass er gerettet wurde.
Von den
Treibern hatte sich keiner um den kleinen, zerschmetterten Palmbaum
gekümmert. Er war
unter der Last des Steines fast begraben, sein Tod schien
unausweichlich.
Seine hellgrünen Fächerblätter waren abgebrochen, und in
der
heißen Glut der Sonne verdorrten sie schnell. Sein weiches
Palmherz
war gequetscht, und der große Stein lastete so schwer auf dem
zierlichen
Stamm, dass er bei jedem leisen Windhauch abzubrechen drohte.
Doch der
Mann hatte
die kleine Palme nicht töten können. Er konnte sie verletzen,
aber
nicht töten. Als sich in dem jungen Baum das entsetzliche
Geräusch
der brechenden Zweige, das Zerfasern der jungen Triebe und der
brennende
Schmerz zusammenballten, als alles eine ungeheure, wolkenähnliche
Masse
von Schmerz und immer wieder Schmerz war, da regte sich gleichzeitig,
daneben,
ohne Verbindung zum Schmerz und allen zerstörenden
Geräuschen,
eine erste kleine Welle von Kraft. Und diese Welle
vergrößerte
sich, fiel in die Wellenbewegung des Schmerzes, wuchs, machte die
Pausen
zwischen Schmerz und Wieder-Schmerz länger und länger, bis
die
Kraft größer wurde als der Schmerz.
Der Baum
versuchte,
den Stein abzuschütteln. Er bat den Wind, ihm zu helfen. Aber es
gab
keine Hilfe. Der Stein blieb in der Krone, dem Herzen der kleinen
Palme,
und rührte sich nicht. 'Gib es auf', sagte sich die kleine Palme,
'es
ist zu schwer. Es ist dein Schicksal, so früh zu sterben.
Füge
dich! Lass dich selber los. Der Stein ist zu schwer.' Aber da war auch
eine
andere Stimme, die sagte: 'Nein, nichts ist zu schwer. Du musst es nur
versuchen,
du musst es tun.' 'Wie soll ich es tun?' fragte die Palme, 'der Wind
kann
mir nicht helfen. Ich stehe allein in meiner Schwachheit. Ich kann den
Stein
nicht abwerfen.' 'Du musst ihn nicht abwerfen', sagte wieder die andere
Stimme.
'Du musst die Last des Steines annehmen. Dann wirst du erleben, wie
deine
Kräfte wachsen.'
Und der
junge Baum nahm in seiner Not seine Last an und verschwendete keine
Kraft mehr an das Bemühen, den Stein abzuschütteln. Er nahm
ihn in die Mitte seiner Krone. Er klammerte sich mit langen,
kräftiger werdenden Wurzeln in den Boden, denn er brauchte mit
seiner doppelten Last einen doppelten Halt. Dann kam der Tag, an dem
sich
die Wurzeln der Palme so tief gesenkt hatten, dass sie auf eine
Wasserquelle stießen. Befreit schoss eine Quelle noch oben, und
sie hat diesen Platz
hier zu einem Ort der Freude und des Wohlstands gemacht.
Nun, als
der Baum festen Halt im Grund hatte und dort dauernde Nahrung fand,
begann er, nach oben zu
wachsen. Er legte breite, kräftige Fächerzweige um den Stein
herum.
Man konnte manches Mal meinen, dass er den Stein beschützte. Sein
Stamm
gewann mehr und mehr an Umfang, und mochten die anderen Palmen am
Strand
höher und lieblicher sein, der Palmbaum, den die Leute bald die
Steinpalme
nannten, war unbestritten der mächtigste Baum. Seine Last hatte
ihn
aufgefordert, und er hatte den Kampf gegen seinen Kleinmut aufgenommen.
Er
hat diesen Kampf gewonnen. Er hat eine Quelle freigelegt, die seitdem
den
Durst vieler gelöscht hat, und, was sicher das Wichtigste ist, der
Baum
hat seine Last angenommen und hoch hinausgetragen. Sie liegt auch heute
noch
auf seinem Herzen, aber sie ist in seinem Dasein an eine Stelle
gerückt,
die sie tragbar macht. Nur die äußere Last erscheint uns
tragbar.
Ist sie angenommen, wird sie ein Teil von uns selbst.'
Raman,
der Erzähler, legte beide Hände an den Stamm der großen
Palme. Das Feuer war
fast niedergebrannt. Die Zuhörer verließen einer nach dem
anderen
den Platz. Nur einer blieb noch. Er war spät gekommen und hatte
ein
wenig abseits gesessen. Er setzte sich nun zu Raman, und beide
saßen
lange ohne Worte.
'Ich bin
der Mann, der den Stein auf die Palme gedrückt hat', sagte der
Mann. 'Ich hatte es
vergessen, doch deine Erzählung weckte alles wieder auf. Was soll
ich
tun? Ich fühle Schuld.' 'Dann trage die Schuld wie der Baum den
Stein',
antwortete Raman. 'Nimm die Schuld an. Versuche, soviel du vermagst,
davon
in Liebe zu verwandeln. Vergiss dabei nicht, dass Liebe etwas ist, was
man
tun muss. Es nützt nichts, sie nur zu erkennen und um ihre
Notwendigkeit
zu wissen. Liebe ist Leben und wächst allein aus dem Tun.'
Die
Männer saßen
noch lange unter der Palme, und es war ein leichter Wind, der das Feuer
wieder
zum Brennen brachte.
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