25.12.2003
Dörte
Der Geist des Friedens
erfülle mein Herz,
dass ich Zerrissenheit überwinden
und mir gut sein kann.
Die Schatten der Vergangenheit
mögen hinter mich fallen,
dass ich im Heute leben
und meine Möglichkeiten ergreifen kann.
Es wachse in mir der Mut,
mich anzunehmen
mit allem, was zu mir gehört,
dass ich mich nicht mehr
gnadenlos antreiben muss
zu immer neuer Leistung
und frei werde von dem Drang,
mich auf fruchtlose Weise
mit anderen zu vergleichen.
Möge ich mir begegnen können
mit Nachsicht und wachsendem Verstehen
und mehr und mehr darauf vertrauen lernen,
dass ich kostbarer bin,
als ich jetzt weiß.
( aus: 'Viele Türen hat das Leben' von A.S.Naegeli )
Dörte
25.12.2003
Manche Menschen
Manche Menschen wissen nicht,
wie wichtig es ist,
daß sie einfach da sind.
Manche
Menschen wissen nicht,
wie gut es tut,
sie nur zu sehen.
Manche Menschen wissen nicht,
wie tröstlich
ihr gütiges Lächeln wirkt.
Manche Menschen wissen nicht,
wie wohltuend
ihre Nähe ist.
Manche Menschen wissen nicht,
wie viel ärmer
wir ohne sie wären.
Manche Menschen wissen nicht,
daß sie ein Geschenk
des Himmels sind.
Sie wüssten es,
würden wir es ihnen sagen!
Petrus Ceelen
27.11.2003
Bei den
Beduinen gibt es ein Sprichwort: 'In der Wüste gibt es ein
Verbrechen, das
schlimmer ist als Mord: zu wissen, wo Wasser ist und es nicht sagen.'
28.10.2003
Renate
Regenbogen
Manchmal
sehe ich einen Regenbogen . .
verbindend alle Bewegungen des Herzens
Trauer
Schmerz
Hoffnunglosigkeit
Sinnlosigkeit
Wut
Trotz
Verzweiflung . . .
auf der einen Seite
Freude
Sanftmut
Liebe
Ruhe
Gelassenheit . . .
auf der anderen
Frieden schenkend
leuchtet er am Himmel
verbindet Traenen und Freude
Regen und Sonne
und erfreut mein Herz
gibt ihm Ruhe
in den stürmischen Zeiten
Zuversicht
dass die Wege weiter gehen
als bis zu meinem kleinen Horizont
Was mag hinter den Enden
des Regenbogens
alles noch auf uns warten?
Wandern in andere Welten . . . . . . .
7.10.2003
Lia
Steh' auf!
„Das geknickte Rohr wird ER nicht zerbrechen!“
Mühsam geh'n die Tage dahin.
Fragen bleiben zurück:
Warum? Weshalb? Wieso?
Weißt du, wer ich bin?
Weißt du, wie damit leben?
Weißt du einen Ausweg für mich?
Weißt du, wie's weitergeht?
Weißt du um das grausame Beben?
Bist du wirklich immer da?
Hast du weggeseh'n?
Wer ist schuld?
Ist das irgendwann klar?
Jetzt schaust du
mich an!
Jetzt richtest du mich auf!
Jetzt hilfst du mir!
Jetzt gehst du mit dran!
Mühsam sind die Tage.
Manchmal so und manchmal so.
Manchmal klar und fast versöhnt.
Manchmal eine große Plage.
Du hast es versprochen.
Das zählt.
Daran halt ich mich fest:
Auch wenn ich zerbrochen:
Das geknickte Rohr wird wieder steh'n!
19.9.2003
In den Grenzsituationen deines Lebens
wo deine Stimmung auf- und abgeht
und du dich selber nicht mehr verstehst
wünsche ich dir jenes kraftvolle Bild
der Engel
die die Himmelsleiter auf- und abgehen
damit du Vertrauen in dich und Gott
finden mögest
und dir auch in der Krise ein Stück
Himmel geöffnet wird.
aus: Pierre Stutz,
Verwundet bin ich und aufgehoben. Für eine Spiritualität der
Unvollkommenheit, München 2003, S. 54;
1. Mose 28,10-15
12.9.2003
Kurze
Geschichte für lange Leben
Alle sagten:
Das geht nicht. Dann kam eine, die wusste das nicht und hat's gemacht.
12.9.2003
Renate
„Du hast einen
schönen Beruf“, sagte das Kind zum alten Brückenbauer, „es
muss schwer sein, Brücken zu bauen.“
„Wenn man es
gelernt hat, ist es leicht“, sagte der alte Brückenbauer, „es ist
leicht Brücken aus Beton und Stahl zu bauen. Die anderen
Brücken sind viel schwieriger“, sagte er, „ die baue ich in meinen
Träumen.“
„Welche
Brücken?“, fragte das Kind.
Der alte
Brückenbauer sah das Kind nachdenklich an.
Er wusste
nicht, ob das Kind es verstehen würde.
Dann sagte er:
„Ich möchte eine Brücke bauen – von der Gegenwart in die
Zukunft.
Ich möchte eine Brücke bauen von einem zum anderen Menschen,
von
der Dunkelheit ins Licht, von der Traurigkeit zur Freude. Ich
möchte
eine Brücke bauen von der Zeit in die Ewigkeit, über alles
Vergängliche hinweg.“
Das Kind hatte
aufmerksam zugehört. Es hatte nicht alles verstanden, spürte
aber, dass der alte Brückenbauer traurig war. Weil es ihn wieder
froh
machen wollte, sagte das Kind: „ Ich schenke dir meine Brücke.“
Und das Kind
malte für den Brückenbauer einen bunten Regenbogen.
gefundener Text
28.8.2003
„Er
Warum lieben
wir einen furchtlosen Draufgänger, der alle Schranken durchbricht?
Er kann sich
nicht wirklich dafür entscheiden, in welchem Land er zur Welt
gekommen ist. Wenn er seinen Kumpels darüber was sagt, dann
variiert er mit dem vagen Hinweis, es könnte eine Großstadt
in dem einen oder eine Kleinstadt in dem benachbarten Land oder gar die
Wüste gewesen sein.
Er ist,
für unsere Begriffe, ein sehr unsteter Geselle, der überhaupt
nichts dabei findet, sich einerseits in recht lässige Lumpen zu
hüllen und sich andererseits relativ sorglos mit ein paar Menschen
zu umgeben, die uns infolge unseres eingeprägten
Sozialgefüges als Lumpen erscheinen müssen.
Obwohl er der
geborene Strotter ist, hat er studiert und sich ein bissel
Körbelgeld auch damit verdient, dass er sein mühsam
erworbenes Wissen weitergegeben hat.
Aber er hat es
nie dazu gebracht, in Monte Carlo oder Las Vegas zu sein, er hat keine
Sekretärin, keinen Dienstwagen, kein Appartement, das von seiner
Firma bezahlt würde, er hat nicht einmal ein Spesenkonto.
Es ist,
ungeachtet seiner Intelligenz, auch relativ wurscht, denn es reicht ihm
merkwürdigerweise, dass er mit mehr als gemischt beleumundeten
Burschen durch diverse Städte ziehen und tollkühn sagen kann:
„Am nächsten Tag wird die Sonne wieder aufgehn.“
Diesen
Schwachsinn haben ja andere Schlenderer auch schon von sich gegeben,
aber das Eigenartige ist, wenn er’s sagt, überlegt jeder Mensch,
ob er das jetzt nicht zum ersten Mal gehört hat.
Er ist kein
Mitglied der Rolling Stones geworden, aber er war bis heute unbekannter
Ghostwriter des Titels „I Can’t Get No Satisfaction“. Denn als echter
geistiger Rocker verachtet er uns alle, die sich mit falschem,
hinterhältigem, menschenverachtenden Idiotentum zufrieden geben.
Er ist strikt
gegen eine Gesellschaft, die Normen zu Dogmen erhöht, die
Barrieren errichtet, anstatt diese zu erstürmen.
Seine besten
Freunde sind Hippies, die zum überwiegenden Teil auch nicht die
Liebe
predigen können und wollen, aber sie versuchen diese, so wie der
Alt-Rocker, wo immer es geht, ein wenig zu verbreiten.
Sie sind eine
Bande, die wir auch Sandler oder Strotter nennen könnten, denn bis
auf einen von ihnen, der an einem speziellen Ort Menschen, die das
freiwillig wollen, während eines für diese nicht ganz
durchschaubaren Gemurmels mit Wasser besprenkelt, haben sie alle keinen
Beruf, wenn man den Schafhirten ausnimmt, der es satt hat, dass sein
Name, deckungsgleich mit seinem Verlegenheitsjob, mit S anfängt.
Natürlich
hat sich der Mann niemals akkurat rasiert – ein im Streit
ausgeschiedener Braun-Sixtant hat ihm noch versichert: „Bei Philips
sehen wir uns wieder!“ –, und frisiert ist er auch, als hätte er
in einem Garten zwischen
zwei plötzlich dynamisch gewordenen Rasenmähern geschlafen.
Sein Hemd ist
womöglich ein Restposten aus dem frühen achtzehnten
Jahrhundert, seine Hose dürfte Charlotte Cardin, die Umnachtete,
in jenem Zeitalter entworfen haben, als die Ritterrüstungen zu
Konservendosen veredelt wurden; und wegen seiner Schuhe, hinter denen
allerdings viele Fans hinterherstiefeln, hat eine bedeutende Firma
beschlossen, sich angesichts des Hatsch-Trends „Salamander“ zu nennen,
statt wie bisher Provinzgauer.
Er schaut
trotzdem nach wie vor relativ abgrissen aus, ist schmalpickt, hat nicht
viel zum Essen, dafür aber erstaunlich beständig die Gosch’n
offen, denn dafür, dass er bis jetzt noch weder in Amerika oder
Russland oder China oder Japan oder Gramatneusiedl war, weiß er
offenbar einen Haufen davon, wie
wir miteinander umgehen könnten.
Ich glaub
nicht, dass er Arzt oder Psychologe oder gar was Gebildetes ist, ich
glaub, er ist eine in den Achtundsechzigern entstandene Kreuzung aus
Bette Middler und
James Dean. Es ist nämlich so, dass es ihm völlig wurscht
ist, welche
Menschen um ihn herum sind.
Er hat die
Feinsinnigkeit und die Nerven, alle unterschiedslos gleich zu
behandeln, er hält das für primär human, er bringt Homos
ebenso zueinander wie Heteros, er war noch nie bei einer
päpstlichen Audienz, aber er war zumindest mit einer sehr
bekannten Hübschlerin zusammen, einer Frau, die einen einsamen Ruf
hatte, aber gerade deswegen liebte er sie, weil er wusste, dass sie
diesen Ruf nur deshalb hatte, weil sie zu stolz war, sich mit jedem
Mann einzulassen – was ihr infolgedessen natürlich nachgesagt
wurde.
Er wusste, dass
sie in gewissen Kreisen als Hure galt, und es war ihm völlig egal,
weil er nichts auf Perfidie gab, sondern auf die Person; er wusste
auch, dass
in diesen Zeiten die Hälfte seiner Kumpels mindestens bi- waren,
und
auch das hat ihn kein bisschen gestört.
Die
Vergegenwärtigung einer angeblichen Vergangenheit ist dadurch
eventuell rechtfertigbar, weil ich glaube, dass immer dann, wenn wir
einem Menschen etwas Gutes tun, er um uns ist, dieser Jesus.“
Aus:
Feuilleton: profan
Von Reinhard Tramontana
Profil Nr.35, 25. August 2003
Übersetzungshilfen bitte anfordern ;-)
17.08.2003
Das eigentliche Exil
Rabbi Chanoch sprach: 'Das eigentliche Exil Israels in Ägypten
war, daß sie es ertragen gelernt hatten.'
in:
Martin
Buber,
Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949,
S.838
03.08.2003
Als der Meister hörte,
daß ein Wald in der Nachbarschaft durch Feuer vernichtet worden
war, mobilisierte er alle seine Schüler.
'Wir
müssen die Zedern wieder anpflanzen', sagte er.
'Die Zedern', rief ein
Schüler ungläubig aus, 'die brauchen doch 2000 Jahre zum
Wachsen.'
'In diesem
Fall', sagte der Meister, 'gilt es, keine Minute zu verlieren. Wir
müssen sofort damit anfangen.'
(Quelle:
Anthony
de
Mello, Wo das Glück zu finden ist, Freiburg
1994, S. 238)
22.07.2003
liv (liv1line@web.de)
*nur wer das chaos in sich trägt,
kann einen
tanzenden stern
gebären*
19.07.2003
Über die Gewalt
Der reißende Strom
wird gewalttätig genannt,
aber das Flussbett,
das ihn einengt,
nennt keiner gewalttätig.
Bert
Brecht
05.07.2003
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das du uns bereitet hast.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll'n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
Laß warm und still die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
Dietrich
Bonhoeffer;
aus
'Widerstand und Ergebung', Neuausgabe 1977
30.06.2003
ZWEI WEISEN, DIE HEILIGEN BÜCHER ZU LESEN
Es gibt zwei unterschiedliche
Weisen, die heiligen Schriften zu lesen.
Der einen
folgen jene, die die Weintrauben nur mit den Fingerspitzen
ausdrücken. So werden sie stets nur den ersten Saft aus der Frucht
auspressen. Und da dieser Saft wässrig ist und nicht gärt,
werden sie sagen, die Weintrauben seien schlecht. Zu ihnen gehören
jene, die ein Buch bis zum Schluss hastig durchlesen und nichts daran
finden, was ihre Aufmerksamkeit verdient.
Der anderen
Weise des Lesens folgen jene, die jede Beere der Traube noch bis zum
letzten Tropfen auspressen. Der Saft gärt zu einem köstlichen
Wein. Diese Leser vertiefen sich in jedes gelesene Wort und
ergötzen sich an den Gedanken, die daraus entspringen.
(zitiert
nach:
Lifschitz,
D.: Auf drei Säulen ruht die Welt.
Lebenswissen der Chassidim, Freiburg 1996.)
27.06.2003
Beppo Straßenfeger
Wenn
er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig. Bei
jedem Schritt ein Atemzug und bei jedem Atemzug ein Besenstrich.
Schritt -
Atemzug - Besenstrich. Schritt - Atemzug - Besenstrich.
'Siehst Du,
Momo', sagte er, 'es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange
Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang, die kann
man niemals schaffen, denkt man.'
Er blickte eine Weile schweigend
vor sich hin, dann fuhr er fort: 'Und dann fängt man an sich zu
eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt,
sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem
liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst
zu tun, und zum
Schluß ist man ganz aus der Puste und kann nicht mehr. Und die
Straße
liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen!'
Er dachte
einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: 'Man darf nie an die ganze
Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den
nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den
nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur den nächsten.'
Wieder hielt
er inne und überlegte, ehe er hinzufügte:
'Dann macht es
Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut.
Und so soll es
sein.'
aus:
Michael
Ende,
Momo
22.06.2003
Wenn du Gott dienen willst,
dann mache dein Herz bereit auf die Stunde,
in der du meinst, du habest Gott verloren.
Mache dein Herz fest
und habe einen langen Atem.
Verzweifle nicht zu schnell,
wenn du dich verstoßen glaubst.
Halte dich fest an Gott und lass ihn nicht los,
damit du am Ende immer fester stehst.
Jesus
Sirach
2,3-1
22.06.2003
Ich möcht' in dieser Zeit nicht Herrgott sein
und wohlbehütet hinter Wolken thronen,
allwissend, dass die Bomben und Kanonen
den roten Tod auf meine Söhne spei'n.
Wie peinlich, einem Engelschor zu lauschen,
da Kinderweinen durch die Lande gellt.
Weißgott, ich möcht' um alles in der Welt
nicht mit dem lieben Gott im Himmel tauschen.
Mascha Kaléko,
aus: Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen, S. 231
17.06.2003
'Aus der Enge rief ich den Herrn, und er antwortete mir im freien Raum.'
13.06.2003
Das verborgene innere 'Ich' hat keine Pläne
und will nichts verwirklichen,
nicht einmal die Kontemplation.
Dieses 'Ich' will nur sein und 'lebendig-sein'
nach den Eingebungen der höchsten Freiheit,
die Gott ist -
denn sie ist ja im Innersten
'Tätig-, Lebendig-, Bewegung-sein'.
Es gleicht einem scheuen Tier der Wildnis,
das sich niemals vor einem Fremden zeigt,
das erst aus dem Wald kommt,
wenn alles in Frieden, in Schweigen liegt,
wenn es unbelästigt, alleine ist.
Es kann von niemandem herausgelockt werden,
weil es nur der Verlockung
der göttlichen Freiheit folgt.
Thomas
Merton
aus: Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen. Mystik
- die Zukunft des Christentums, Stuttgart 1997, S. 79
12.06.2003
Der Sprung
in den Brunnen
SCHÜLER: Zeige mir, wie ich beten kann.
LEHRER: Kann ich
es dir zeigen? Ich kann es nicht.
SCHÜLER: Bist
du denn nicht ein Lehrer der Religion?
LEHRER: Eben
deswegen! Beten lernt niemand durch WIssen und Können, sondern
durch Erfhren und Leben. Was immer ich weiß, kann dir nicht
ersparen, dich selbst zu suchen. Selbst musst du in denBrunnen
springen, die Tiefe wagen, den inneren Raum und die innere Zeit
entdeckten. Hör zu!
Da ging eines
Tages der Knabe zu seinen Brüdern. Er sagte zu ihnen: 'Gebt acht!
Ich will, daß wir zusammen einen merkwürdigen Ort
aufsuchen.'
'Wohin willst du
uns führen?' fragten die Brüder.
'Ich will euch
dahin führen, wo ihr die Wahrheit über euch selbst erfahren
sollt.'
Die Brüder
baten ihn: 'Laß es doch sein, es lohnt sich nicht. Danke, wozu
sollen wir schon wieder ausziehen?' Sie wollten nicht gehen. Der
Jüngste aber bestand darauf: 'Entweder kommt ihr mit, oder ich
bringe mich
um!' So zwang er sie, mit ihnen zu gehen.
Sie gingen lange,
und noch am selben Tage kamen sie zu jenem Brunnen. Der Jüngste
sagte zum Ältesten: 'Ich will dich anbinden und in den Brunnen
hinunterlassen. Schau dir an, was es dort im Brunnen gibt.'
Der Älteste
fing zu weinen an. 'Warum willst du mich in den Brunnen
hinunterlassen?' Er hatte Angst, in den Brunnen zu gehen. Er bat um
Gnade. Der Jüngste sagte zu ihm: 'Bitte nicht um Gnade, wir
müssen dorthin!' Er band ihm den Strick um und ließ ihn
hinunter. Aber kaum war der Bruder ein paar Klafter tief, fing er an zu
schreien und zu weinen an, - noch ein bißchen und die Angst
zerreißt ihn. 'Ich sterbe, ich
sterbe!' Er war noch nicht einmal ein Viertel des Brunnens hinunter.
Der
Knabe zog ihn heraus, denn er sah, was für ein Mensch das war.
Dann kam der
zweite. Der Knabe band auch ihn und ließ ihn hinunter. Er war
kaum bis zur Hälfte des Brunnens gekommen, da begann er zu
schreien vor lauter Angst. 'Ich sterbe, ich sterbe!' Er zog ihn heraus.
Dann kam die Reihe
an den Jüngsten. Er sagt: 'Hört zu! Wieviel ich auch weinen
und schreien werde, zieht mich nicht hoch. Lasst mich hinunter, bis ihr
fühlt, dass der Strick leicht geworden ist.' Die Brüder
fingen ihn zu bitten an: 'Du bist unser Jüngster! Warum willst du
von uns gehen?' Sie baten, er möge sie doch nicht verlassen, aber
er wollte nicht auf sie hören. Da banden sie ihn und ließen
ihn hinunter.
SCHÜLER: Das
ist eine schöne Geschichte. Ich möchte wissen, wie sie
weitergeht.
LEHRER: Es ist
nicht irgendeine Geschichte, es soll deine Geschichte werden. Wohin sie
führt, mußt du selbst erproben.
SCHÜLER: Aber
wo gibt es den Brunnen, in den ich springen könnte?
LEHRER: Weitab und
doch nahe. 'Sie gingen lange, und noch am selben Tag kamen sie
an', heißt es. Je weiter du in die Welt ausschweifst, umso
entfernter bist du ihm. Suchst du bei dir, schaust du über seinen
Rand.
SCHÜLER: Dann
ist der Brunnen in mir?
LEHRER: Deine
eigene Tiefe!
SCHÜLER: Aber
warum dann Angst haben. Was in mir ist, muß ich doch nicht
fürchten?
LEHRER: Nichts ist
den Menschen unbekannter und erschreckender als die eigene Seele. Die
meisten Menschen haben Todesängste, in das Brunnenloch zu steigen
und den Abstieg zum unbekannten Seelengrund zu wagen. Sie leben nur
außen, von allem gefesselt, was zur Schau gestellt wird, aber
sie werden schon verwirrt, wenn sie nur einen Blick über den
Brunnenrand werfen sollen. Ihre Sicherheit liegt im Geläufigen der
äußeren Welt; vor der Tiefe in sich selbst sind sie in
hilfloser Not. Aber der
Brunnen ist noch nicht verschüttet. Wer ehrlich will, kann ihn
finden
und das Wagnis beginnen.
SCHÜLER: Ich
bin nicht sicher, dass ich das will.
LEHRER: Dann zähl dich zu den älteren
Brüdern. Sie bilden die Mehrheit. Mit ihnen verbindet sich keine
Hoffnung.
SCHÜLER:
Wie also komme ich in die Tiefe?
LEHRER:
Zunächst musst du mit dir allein könnnen! Wenn du es
versuchst, wirst du sehen, wie schwer das ist. Du kannst unruhig werden
und sogar Angst verspüren. Dann wird dich nichts anderes
drängen als der Wunsch, schnell wieder nach oben zu kommen. Du
wirst dir vorsagen, Alleinsein
sei sinnlos, führe zu nichts, und ähnliches.
SCHÜLER:
Und? Ist es wirklich anders?
LEHRER: Es ist
anders. Aber nicht sofort und nicht nach drei Wochen. Dazu gehören
Beständigkeit und Geduld. Für jemanden, der das Alleinsein
wieder und wieder übt, verändert sich die Welt. Dann werden
die Dinge zugänglich: Es wird zugänglich der Baum,
zugänglich wird der Himmel, zugänglich wird der Bach. Was
zuvor im geschäftigen Leben nur zufällig da war, wird jetzt
die eigentliche Welt. Die kann man nur durch häufiges,
müh-seliges Alleinsein erfahren.
(aus:
Hubertus
Halbfas,
Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule.
Patmos Verlag Düsseldorf 1992, S.12 - 17)
10.06.2003
Rika
Der kleine
Baumwollfaden
Es war einmal ein kleiner Baumwollfaden, der hatte
Angst, dass er nicht ausreicht, so wie er war.
- Für ein
Schiffstau bin ich viel zu schwach, sagte er sich,
- für
einen Pullover zu kurz;
- um an andere
anzuknüpfen, habe ich zu viele Hemmungen;
- für eine
Stickerei eigne ich mich auch nicht. Dafür bin ich viel zu blass
und farblos.
Ja, wenn ich
aus Lurex bestünde, dann könnte ich eine Stola verzieren.
Aber so? Es reicht nicht! Zu nichts bin ich nütze. Ein Versager!
Niemand braucht mich, und ich mich selbst am wenigsten. So sprach der
kleine Baumwollfaden zu sich, legte eine traurige Musik auf und
fühlte sich sehr allein in seinem Selbstmitleid.
Da klopfte das
Wachs an seine Tür und sagte: „Lass dich doch nicht so
hängen, kleiner Baumwollfaden. Ich weiß was: Ich habe
eine Idee: Wir beide tun uns zusammen! Für eine große Kerze
bist Du als Docht zu kurz, und ich habe dafür auch nicht genug
Wachs.
Aber für ein Teelicht reicht es allemal. Wir beide zusammen werden
eine kleine Kerze, die wärmt und ein bisschen heller macht. Es ist
besser auch nur ein kleines Licht anzuzünden, als immer über
die
Dunkelheit zu schimpfen.“
Da war der
kleine Baumwollfaden ganz glücklich und sagte sich: Dann bin ich
also doch zu etwas nütze.
Und wer
weiß, vielleicht gibt es auf der Welt noch mehr kurze
Baumwollfäden, die sich zusammentun mit dem Wachs.
VerfasserIn
unbekannt
08.06.2003
Wie es aber kein
Leben gibt ohne Glauben, so hat auch der Glaube selbst an allen
Ungewissheiten, von denen das Leben bestimmt ist, teil. Von dem
großen Papst Johannes XXIII. ist ein Wort überliefert, das
ich ihm bei
allem Respekt nicht abnehme: 'Wer Glauben hat, zittert nicht.'
Vielleicht hat
der wundervolle alte Mann sich im Lauf seines Lebens das Zittern
tatsächlich abgewöhnt, aber wohl nicht, weil er glaubte,
sondern weil er die in sich ruhende Kraft einer großen
Persönlichkeit besaß. Ich kenne nicht viele Glaubende, die
das Zittern hinter sich haben.
Jesus selbst
verabschiedet sich von seinen Jüngern mit dem Wort: 'In der Welt
habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.'
Bedeutet das nicht, dass Zittern, Angst und Zweifel bleiben werden und
wir uns in all dem an ihn halten sollen, der die Welt überwunden
hat? Wo der Zweifel beseitigt ist, fürchte ich, an seine Stelle
sei nicht der Glaube, sondern die Selbsttäuschung getreten.
aus:
Jörg Zink, Erfahrung mit Gott, Stuttgart 1974, S. 34f.
08.06.2003
Glaube ist ein
Baum.
Er wächst in der Wüste.
Glaube lebt in der Hoffnung,
vergeblich zuweilen,
dass Gott den Regen schickt.
Glaube ist zärtliches Vertrauen,
vergeblich zuweilen.
Dei
Anang von der Goldküste,
aus: Jörg Zink, Erfahrung mit Gott. Einübung in den
christlichen Glauben, Stuttgart 1974, S. 36
08.06.2003
Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse,
Eschbacher Textkarte TK 468
04.06.2003
Segenswunsch
Ich wünsche dir, dass du deinen Tag
lächelnd
beginnen kannst, in froher Erwartung all der vielfältigen
Aufgaben,
die auf dich warten, und all der Begegnungen, die dir geschenkt werden;
dass du aber auch die nötige Geduld hast, das zu ertragen, was dir
lästig ist oder was dir überflüssig erscheint.
Ich
wünsche dir, dass du die Anforderungen nicht als Einengung
erlebst, die Aufgaben und Menschen an dich stellen, sondern in
Gespräch und Auseinandersetzung mit ihnen Freiheit erfährst,
eine Freiheit, die nicht losgelöst ist von Bindungen, sondern die
gerade in Bindungen und Beziehungen entsteht.
Ich
wünsche dir, dass dich auf all deinen Wegen ein Engel umgibt, der
dich behütet in allem, was dich ängstigt und bedroht, und
dich bewahrt vor einem Übermaß an Schmerz und Schuld.
Ich
wünsche dir, dass dir die Nacht Ruhe schenkt, dass du dich in den
Schlaf sinken lassen kannst und dass friedliche Träume ihre Bilder
aufsteigen lassen in deiner Seele und dir neue Kräfte
zuströmen für den kommenden Tag.
Christa
Spilling-Nöker
Eschbacher
Textkarte TK 425
4.6.2003
Wachsende Ringe
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Rainer Maria Rilke
Eschbacher Textkarte TK 435
30.05.2003
Die kleine
Schneeflocke
Als die Zeit eines
wintermüden Morgens im Wald spazieren ging, hörte sie mit
einem Male von irgendwo her ein Weinen. Sie blieb stehen und lauschte.
Dann versuchte sie, herauszufinden, aus welcher Richtung das Weinen kam
und näher heranzugehen. Und mit jedem Schritt hörte sie
deutlicher das Weinen und ein kleines Stimmchen, welches voller
Verzweiflung rief: 'Geh nicht, lieber Winter! Bitte, geh doch nicht!
Was soll denn aus mir werden ohne dich? Bitte, geh nicht!'
Und zwischen
diesen Rufen war immer wieder ein bitterliches Schluchzen zu vernehmen.
Als die Zeit so immer näher herankam, sah sie schließlich
auch, wer da weinte: Es war die kleine Schneeflocke. Und nun verstand
die Zeit natürlich auch, warum diese so verzweifelt war über
den Abschied des Winters. Denn was liebt eine Schneeflocke mehr als
den Winter?
Die kleine
Schneeflocke saß da, den Kopf in den Händen vergraben und
weinte herzzerreißebnd. Doch während sie weinte, geschah
etwas: Schneeflocke um Schneeflocke verwandelte sich in Wasser. Und je
mehr sie weinte, um so mehr taute der Schnee um sie herum, wurde der
erstarrte Boden weicher. Schon steckten die ersten Krokusse die
vorwitzigen Köpfchen durch die Erde. Aber die kleine Schneeflocke
bekam von
alledem nichts mit.
Leise trat die
Zeit heran, beugte sich zu der kleinen Schneeflocke herab und strich
ihr sanft über das vereiste Haar. Da hob die kleine Schneeflocke
den Kopf und sah auf. Und nun bemerkte auch sie die Veränderungen,
die um sie herum geschehen waren. Und sie verstand, dass mit dem Winter
nicht alles zu Ende war, sondern dass es Sommer werden würde,
auch für sie. Da zog ein Leuchten über ihr Gesicht und gleich
wurde die Erde um sie herum noch ein wenig wärmer und die letzten
Eiskristalle schmolzen. Das Leuchten erreichte auch den zugefrorenen
Bach, der ganz in der Nähe verlief, und nach und nach kamen auch
seine Wasser wieder in Bewegung. Und auch der kleinen Schneeflocke
wurde immer wärmer ums Herz, bis sie schließlich mit einem
lauten Jubelschrei ihr Winterkleid von sich warf und hoch zur Sonne
schwebte.
Hinter dem
Hügel plätscherte der kleine Bach jetzt fröhlich vor
sich hin, und in jedem Wassertropfen, den er mit sich trug, erklang der
Jubel der kleinen Schneeflocke, wie sie in allen diesen Wassertropfen
dem Sommer entgegenfloss.
Die Zeit
lächelte vor sich hin. Und dachte: 'Sie weiß noch nicht,
dass eines Tages wieder ein großer Schmerz über sie kommen
wird - wenn der Sommer geht. Sie wird sehen, wie die Sense die Halme
auf dem Feld niedermäht, wie die kleinen Blumen verwelken und
wie der Baum schließlich auch sein letztes Blatt verliert. Und
sie wird so traurig sein, dass sie nicht einmal die Kraft zum Weinen
haben
wird und vor Kummer erstarren. Bis sich unmerklich auch dieser Schmerz
wieder verwandeln wird in Freude und sie als kleine Schneeflocke erneut
die Welt verzaubern kann, wenn sie mit dem Winter ihren Tanz
aufführt.
Und sage mir
keiner, die Schneeflocke sei dumm! Kein Wasser würde mehr
fließen, würde sie nicht das Ende des Winters beweinen,
nichts wachsen auf der Erde. Und niemals könntet ihr den wilden
Tanz der Flocken erleben, erstarrte sie nicht jedes Jahr erneut.'
(A., 2001)

30.05.2003
Die anderen
Brücken
'Du hast
einen schönen Beruf', sagte das Kind zum alten Brückenbauer,
'es muss sehr schwer sein, Brücken zu bauen.'
'Wenn man es
gelernt hat, ist es leicht', sagte der alte Brückenbauer, 'es ist
leicht, Brücken aus Beton und Stahl zu bauen. Die anderen
Brücken sind viel schwieriger', sagte er, 'die baue ich in meinen
Träumen.'
'Welche
anderen Brücken?' fragte das Kind.
Der alte
Brückenbauer sah das Kind nachdenklich an. Er wusste nicht, ob es
verstehen würde.
Dann sage er:
'Ich möchte eine Brücke bauen von der Gegenwart in die
Zukunft. Ich möchte Brücken bauen von einem zum anderen
Menschen, von der Dunkelheit in das Licht, von der Traurigkeit zur
Freude.
Ich
möchte eine Brücke bauen von der Zeit in die Ewigkeit,
über alles Vergängliche hinweg.'
Das Kind
hatte aufmerksam zugehört. Es hatte nicht alles verstanden,
spürte aber, dass der alte Brückenbauer traurig war.
Weil das Kind
ihn wieder froh machen wollte, sagte es: 'Ich schenke dir meine
Brücke.' Und das Kind malte für den Brückenbauer einen
bunten Regenbogen.
Anne
Steinwart
Eschbacher Textkarte TK
313
29.05.2003
Ich hatte einen Traum
Eines Nachts hatte ich
einen Traum. Ich wanderte mit meinem Herrn am Meer entlang. Über
mir am dunklen Himmel sah ich mein Leben, Streiflichtern gleich, in
Bildern vorüberziehen. Und ich sah Fußspuren von zwei
Wanderern. Die eine, so schien es mir, war meine eigene, die andere die
meines Herrn.
Als das letzte
Bild meines Lebens aufleuchtete, blickte ich noch einmal zurück.
Ich erschrak. Oft war nur die Spur eines einzelnen Wanderers zu sehen,
und zwar immer in den Zeiten meines Lebens, die mir als besonders
trostlos und düster in Erinnerung waren.
Ich geriet ins
Grübeln und fragte schließlich besorgt den Herrn: 'Als ich
mich entschied, dir nachzufolgen, hast du mir zugesagt, mir jederzeit
beizustehen. Aber jetzt entdecke ich: In den dunklen Zeiten meines
Lebens findet sich nur ein Fußabdruck. Warum hast du mich im
Stich gelassen immer dann, wenn ich dich am meisten brauchte?'
Da antwortete
er: 'Kind, ich liebe dich. Ich würde dich nie allein lassen. Erst
recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine
Spur gesehen hast, in den Zeiten, in denen du dich allein gelassen
fühltest, habe ich dich hindurchgetragen.'
Margaret Fishback Powers,
Eschbacher Textkarten TK 438
28.05.2003
Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe. -
Halleluja -
Ich lobe meinen Gott, der mir die Fesseln löst,
damit ich frei bin. - Halleluja -
Ehre sei Gott auf der Erde
in allen Straßen und Häusern,
die Menschen werden singen,
bis das Lied zum Himmel steigt:
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Frieden auf Erden!
Ich lobe meinen Gott der mir den neuen Weg weist, damit ich handle. -
Halleluja -
Ich lobe meinen Gott, der mir mein Schweigen bricht,
damit ich rede. - Halleluja -
Ehre sei Gott auf der Erde
in allen Straßen und Häusern,
die Menschen werden singen,
bis das Lied zum Himmel steigt:
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Frieden auf Erden!
Ich lobe meinen Gott, der meine Tränen trocknet, dass ich lache. -
Halleluja -
Ich lobe meinen Gott, der meine Angst vertreibt, damit ich atme. -
Halleluja -
Ehre sei Gott auf der Erde
in allen Straßen und Häusern,
die Menschen werden singen,
bis das Lied zum Himmel steigt:
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Frieden auf Erden!
18.05.2003
Versicherung
Eine Frau, die über den Tod ihres Sohnes verzweifelt war, kam zum
Meister, um getröstet zu werden. Er hörte geduldig zu, als
sie ihm ihr Leid klagte. Dann sagte er sanft: 'Ich kann deine
Tränen nicht trocknen, meine Liebe. Ich kann dich nur
lehren, wie du sie heiligen kannst.'
(A. de Mello, Eine Minute Weisheit, Freiburg 1986, S. 73)
12.05.2003
Für die Mutlosen
Der Weg wächst im Gehen unter deinen Füßen wie durch
ein Wunder. (Reinhold Schneider, 1903-1958)
06.05.2003
Verarbeiten
Sie
waren ein haufen angst
sie
verarbeiteten sie zu einsicht
sie
waren ein haufen krampf
sie
verarbeiteten ihn zu atem
sie
waren ein haufen hass
sie
verarbeiteten ihn zu tränen
so
säten sie
sanftmütig
unermüdlich
gefährliches
gut
drei
handvoll freude
und
ernteten strahlend
sieben
scheunen freiheit
(Niederländische
Basisbewegung)
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04.05.2003
Die Welle und
der Ozean
In dieser Geschichte geht es um
eine kleine Welle, die auf der Oberfläche des Ozeans
entlanghüpft und unglaublich viel Spaß hat. Sie
genießt den Wind und die frische Luft, bis sie bemerkt, dass vor
ihr noch andere Wellen sind, die alle an der Küste zerschellen.
'Mein Gott,
das ist ja schrecklich', sagt die Welle. 'Wenn ich mir vorstelle, was
mit mir passieren wird!'
Da kommt eine
andere Welle vorbei. Sie sieht die erste Welle, die da so grimmig
dreinschaut, und fragt: 'Warum siehst du so traurig aus?'
Die erste
Welle sagt: 'Du verstehst überhaupt nicht, was los ist! Wir werden
allesamt an der Küste zerschellen! Wir, alle Wellen, werden nichts
sein! Ist das nicht schrecklich?'
Die zweite
Welle sagt: 'Nein, du verstehst nicht. Du bist keine Welle, du bist ein
Teil des Ozeans.'
übersetzt aus: Mitch Albom,
Tuesdays with Morrie, New York 1997, S. 180, unter Zuhilfenahme der
Übersetzung ins Deutsche von Angelika Bardeleben
29.04.2003
Die drei
Bücher
Am Neujahrsfest (Rosh HaShana)
sitzt Gott zu Gericht, um das Urteil über die Erdenbewohner zu
fällen. Drei Bücher werden vor ihm aufgeschlagen: eines der
vollkommenen Bösewichter, eines der vollkommenen Frommen und eines
der Mittelmäßigen.
Wer als
vollkommener Frommer befunden wird, wird sofort registriert und
versiegelt im Buch des Lebens.
Wer als
vollkommener Bösewicht befunden wird, wird sofort eingechrieben
und versiegelt im Buche des Todes.
Das Urteil
über die Mittelmäßigen wird verschoben bis Jom Kippur,
dem Versöhnungstag. Wenn sie bis dahin Buße getan haben,
werden sie eingeschrieben und versiegelt im Buche des Lebens, wenn aber
nicht - werden sie zum Tode verurteilt.
Rabbi Levi
Jitzchak von Berditschev wurde gefragt, ob er dieses Urteil anzunehmen
bereit sei. Er antwortete: 'Wenn es positiv ausfällt, werde ich
schweigen; wenn aber nicht, werde ich mich darauf berufen, dass man zu
Rosh HaShana nicht schreiben und am Jom Kippur siegeln darf.'
(Neue
jüdische Märchen,
Ffm 1978, S. 18)