zurück zum Archiv



Archiv Gäste-Geschichten
Auf der Geschichtenseite für Gäste finden sich inzwischen viele gute Geschichten. Damit sie nicht in den Weiten des www verschwinden, seien sie hier dokumentiert. Den bekannten und unbekannten Schreiberinnen und Schreibern ein herzlicher Dank!
Rika




Inhalt

Es wachse in mir der Mut

Manche Menschen wissen nicht
Verbrechen
Regenbogen
Das geknickte Rohr
Grenzsituationen
Alle sagen
Brueckenbauer
Furchtloser Draufgaenger
Exil
Hoechste Zeit
Chaos und Sterne
Ueber die Gewalt
Von guten Mächten
Zwei Weisen, die hl. Bücher zu lesen
Beppo Straßenfeger
Wenn du Gott dienen willst
... in dieser Zeit nicht der Herrgott sein
Aus der Enge
Keine Pläne
Der Sprung in den Brunnen
Der kleine Baumwollfaden
Wie es aber kein Leben gibt
Glaube ist ein Baum
Stufen
Segenswunsch
Wachsende Ringe

Die kleine Schneeflocke

Die anderen Brücken
Ich hatte einen Traum
Ich lobe meinen Gott
Versicherung
Für die Mutlosen
Verarbeiten
Die Welle und der Ozean

Gib nicht auf
Die drei Bücher
Wer über das Wasser gehen will
Großmütig ihr Juden
Was bedeutet alles irdische Glück?
Du weißt
Es kämpfen
Ich sehe dich
Zu einem Weisen kam
Von einem Rabbi wird erzählt
Halt an!
Das Pferd macht den Mist
Mit zwei Worten
Auf die Vision kommt's an
Gott spricht
Unser tägliches Brot
Wenn dich jemand fragt
Die Geschichte von dem alten Mann
Die Bärenraupe
On beeing poor





25.12.2003
Dörte
Der Geist des Friedens
erfülle mein Herz,
dass ich Zerrissenheit überwinden
und mir gut sein kann.

Die Schatten der Vergangenheit
mögen hinter mich fallen,
dass ich im Heute leben
und meine Möglichkeiten ergreifen kann.


Es wachse in mir der Mut,
mich anzunehmen
mit allem, was zu mir gehört,
dass ich mich nicht mehr
gnadenlos antreiben muss
zu immer neuer Leistung
und frei werde von dem Drang,
mich auf fruchtlose Weise
mit anderen zu vergleichen.

Möge ich mir begegnen können
mit Nachsicht und wachsendem Verstehen
und mehr und mehr darauf vertrauen lernen,
dass ich kostbarer bin,
als ich jetzt weiß.

( aus: 'Viele Türen hat das Leben' von A.S.Naegeli )


zum Seitenanfang





Dörte
25.12.2003
Manche Menschen


Manche Menschen wissen nicht,
wie wichtig es ist,
daß sie einfach da sind.

Manche Menschen wissen nicht,
wie gut es tut,
sie nur zu sehen.

Manche Menschen wissen nicht,
wie tröstlich
ihr gütiges Lächeln wirkt.

Manche Menschen wissen nicht,
wie wohltuend
ihre Nähe ist.

Manche Menschen wissen nicht,
wie viel ärmer
wir ohne sie wären.

Manche Menschen wissen nicht,
daß sie ein Geschenk
des Himmels sind.

Sie wüssten es,
würden wir es ihnen sagen!

Petrus Ceelen


zum Seitenanfang




27.11.2003
Bei den Beduinen gibt es ein Sprichwort: 'In der Wüste gibt es ein Verbrechen, das schlimmer ist als Mord: zu wissen, wo Wasser ist und es nicht sagen.'



28.10.2003
Renate
Regenbogen

Manchmal
sehe ich einen Regenbogen . .
verbindend alle Bewegungen des Herzens
Trauer
Schmerz
Hoffnunglosigkeit
Sinnlosigkeit
Wut
Trotz
Verzweiflung . . .
auf der einen Seite
Freude
Sanftmut
Liebe
Ruhe
Gelassenheit . . .
auf der anderen
Frieden schenkend
leuchtet er am Himmel
verbindet Traenen und Freude
Regen und Sonne
und erfreut mein Herz
gibt ihm Ruhe
in den stürmischen Zeiten
Zuversicht
dass die Wege weiter gehen
als bis zu meinem kleinen Horizont
Was mag hinter den Enden
des Regenbogens
alles noch auf uns warten?
Wandern in andere Welten . . . . . . .







7.10.2003
Lia
Steh' auf!

„Das geknickte Rohr wird ER nicht zerbrechen!“

Mühsam geh'n die Tage dahin.
Fragen bleiben zurück:
Warum? Weshalb? Wieso?
Weißt du, wer ich bin?

Weißt du, wie damit leben?
Weißt du einen Ausweg für mich?
Weißt du, wie's weitergeht?
Weißt du um das grausame Beben?

Bist du wirklich immer da?
Hast du weggeseh'n?
Wer ist schuld?
Ist das irgendwann klar?

Jetzt schaust du mich an!
Jetzt richtest du mich auf!
Jetzt hilfst du mir!
Jetzt gehst du mit dran!

Mühsam sind die Tage.
Manchmal so und manchmal so.
Manchmal klar und fast versöhnt.
Manchmal eine große Plage.

Du hast es versprochen.
Das zählt.
Daran halt ich mich fest:
Auch wenn ich zerbrochen:

Das geknickte Rohr wird wieder steh'n!


zum Seitenanfang





19.9.2003
In den Grenzsituationen deines Lebens
wo deine Stimmung auf- und abgeht
und du dich selber nicht mehr verstehst
wünsche ich dir jenes kraftvolle Bild
der Engel
die die Himmelsleiter auf- und abgehen
damit du Vertrauen in dich und Gott
finden mögest
und dir auch in der Krise ein Stück
Himmel geöffnet wird.

aus: Pierre Stutz, Verwundet bin ich und aufgehoben. Für eine Spiritualität der Unvollkommenheit, München 2003, S. 54;
1. Mose 28,10-15





12.9.2003
Kurze Geschichte für lange Leben
Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam eine, die wusste das nicht und hat's gemacht.



12.9.2003
Renate
„Du hast einen schönen Beruf“, sagte das Kind zum alten Brückenbauer, „es muss schwer sein, Brücken zu bauen.“
„Wenn man es gelernt hat, ist es leicht“, sagte der alte Brückenbauer, „es ist leicht Brücken aus Beton und Stahl zu bauen. Die anderen Brücken sind viel schwieriger“, sagte er, „ die baue ich in meinen Träumen.“
„Welche Brücken?“, fragte das Kind.
Der alte Brückenbauer sah das Kind nachdenklich an.
Er wusste nicht, ob das Kind es verstehen würde.
Dann sagte er: „Ich möchte eine Brücke bauen – von der Gegenwart in die Zukunft. Ich möchte eine Brücke bauen von einem zum anderen Menschen, von der Dunkelheit ins Licht, von der Traurigkeit zur Freude. Ich möchte eine Brücke bauen von der Zeit in die Ewigkeit, über alles Vergängliche hinweg.“
Das Kind hatte aufmerksam zugehört. Es hatte nicht alles verstanden, spürte aber, dass der alte Brückenbauer traurig war. Weil es ihn wieder froh machen wollte, sagte das Kind: „ Ich schenke dir meine Brücke.“
Und das Kind malte für den Brückenbauer einen bunten Regenbogen.

gefundener Text

zum Seitenanfang







28.8.2003
„Er

Warum lieben wir einen furchtlosen Draufgänger, der alle Schranken durchbricht?

Er kann sich nicht wirklich dafür entscheiden, in welchem Land er zur Welt gekommen ist. Wenn er seinen Kumpels darüber was sagt, dann variiert er mit dem vagen Hinweis, es könnte eine Großstadt in dem einen oder eine Kleinstadt in dem benachbarten Land oder gar die Wüste gewesen sein.
Er ist, für unsere Begriffe, ein sehr unsteter Geselle, der überhaupt nichts dabei findet, sich einerseits in recht lässige Lumpen zu hüllen und sich andererseits relativ sorglos mit ein paar Menschen zu umgeben, die uns infolge unseres eingeprägten Sozialgefüges als Lumpen erscheinen müssen.
Obwohl er der geborene Strotter ist, hat er studiert und sich ein bissel Körbelgeld auch damit verdient, dass er sein mühsam erworbenes Wissen weitergegeben hat.
Aber er hat es nie dazu gebracht, in Monte Carlo oder Las Vegas zu sein, er hat keine Sekretärin, keinen Dienstwagen, kein Appartement, das von seiner Firma bezahlt würde, er hat nicht einmal ein Spesenkonto.
Es ist, ungeachtet seiner Intelligenz, auch relativ wurscht, denn es reicht ihm merkwürdigerweise, dass er mit mehr als gemischt beleumundeten Burschen durch diverse Städte ziehen und tollkühn sagen kann: „Am nächsten Tag wird die Sonne wieder aufgehn.“
Diesen Schwachsinn haben ja andere Schlenderer auch schon von sich gegeben, aber das Eigenartige ist, wenn er’s sagt, überlegt jeder Mensch, ob er das jetzt nicht zum ersten Mal gehört hat.
Er ist kein Mitglied der Rolling Stones geworden, aber er war bis heute unbekannter Ghostwriter des Titels „I Can’t Get No Satisfaction“. Denn als echter geistiger Rocker verachtet er uns alle, die sich mit falschem, hinterhältigem, menschenverachtenden Idiotentum zufrieden geben.
Er ist strikt gegen eine Gesellschaft, die Normen zu Dogmen erhöht, die Barrieren errichtet, anstatt diese zu erstürmen.
Seine besten Freunde sind Hippies, die zum überwiegenden Teil auch nicht die Liebe predigen können und wollen, aber sie versuchen diese, so wie der Alt-Rocker, wo immer es geht, ein wenig zu verbreiten.
Sie sind eine Bande, die wir auch Sandler oder Strotter nennen könnten, denn bis auf einen von ihnen, der an einem speziellen Ort Menschen, die das freiwillig wollen, während eines für diese nicht ganz durchschaubaren Gemurmels mit Wasser besprenkelt, haben sie alle keinen Beruf, wenn man den Schafhirten ausnimmt, der es satt hat, dass sein Name, deckungsgleich mit seinem Verlegenheitsjob, mit S anfängt.
Natürlich hat sich der Mann niemals akkurat rasiert – ein im Streit ausgeschiedener Braun-Sixtant hat ihm noch versichert: „Bei Philips sehen wir uns wieder!“ –, und frisiert ist er auch, als hätte er in einem Garten zwischen zwei plötzlich dynamisch gewordenen Rasenmähern geschlafen.
Sein Hemd ist womöglich ein Restposten aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert, seine Hose dürfte Charlotte Cardin, die Umnachtete, in jenem Zeitalter entworfen haben, als die Ritterrüstungen zu Konservendosen veredelt wurden; und wegen seiner Schuhe, hinter denen allerdings viele Fans hinterherstiefeln, hat eine bedeutende Firma beschlossen, sich angesichts des Hatsch-Trends „Salamander“ zu nennen, statt wie bisher Provinzgauer.
Er schaut trotzdem nach wie vor relativ abgrissen aus, ist schmalpickt, hat nicht viel zum Essen, dafür aber erstaunlich beständig die Gosch’n offen, denn dafür, dass er bis jetzt noch weder in Amerika oder Russland oder China oder Japan oder Gramatneusiedl war, weiß er offenbar einen Haufen davon, wie wir miteinander umgehen könnten.
Ich glaub nicht, dass er Arzt oder Psychologe oder gar was Gebildetes ist, ich glaub, er ist eine in den Achtundsechzigern entstandene Kreuzung aus Bette Middler und James Dean. Es ist nämlich so, dass es ihm völlig wurscht ist, welche Menschen um ihn herum sind.
Er hat die Feinsinnigkeit und die Nerven, alle unterschiedslos gleich zu behandeln, er hält das für primär human, er bringt Homos ebenso zueinander wie Heteros, er war noch nie bei einer päpstlichen Audienz, aber er war zumindest mit einer sehr bekannten Hübschlerin zusammen, einer Frau, die einen einsamen Ruf hatte, aber gerade deswegen liebte er sie, weil er wusste, dass sie diesen Ruf nur deshalb hatte, weil sie zu stolz war, sich mit jedem Mann einzulassen – was ihr infolgedessen natürlich nachgesagt wurde.
Er wusste, dass sie in gewissen Kreisen als Hure galt, und es war ihm völlig egal, weil er nichts auf Perfidie gab, sondern auf die Person; er wusste auch, dass in diesen Zeiten die Hälfte seiner Kumpels mindestens bi- waren, und auch das hat ihn kein bisschen gestört.
Die Vergegenwärtigung einer angeblichen Vergangenheit ist dadurch eventuell rechtfertigbar, weil ich glaube, dass immer dann, wenn wir einem Menschen etwas Gutes tun, er um uns ist, dieser Jesus.“

Aus: Feuilleton: profan
Von Reinhard Tramontana
Profil Nr.35, 25. August 2003


Übersetzungshilfen bitte anfordern ;-)
 zum Seitenanfang





17.08.2003
Das eigentliche Exil
Rabbi Chanoch sprach: 'Das eigentliche Exil Israels in Ägypten war, daß sie es ertragen gelernt hatten.'

in: Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S.838




03.08.2003
 Als der Meister hörte, daß ein Wald in der Nachbarschaft durch Feuer vernichtet worden war, mobilisierte er alle seine Schüler.
'Wir müssen die Zedern wieder anpflanzen', sagte er.
'Die Zedern', rief ein Schüler ungläubig aus, 'die brauchen doch 2000 Jahre zum Wachsen.'
'In diesem Fall', sagte der Meister, 'gilt es, keine Minute zu verlieren. Wir müssen sofort damit anfangen.'

(Quelle: Anthony de Mello, Wo das Glück zu finden ist, Freiburg 1994, S. 238)


 

 

22.07.2003
liv (liv1line@web.de)

*nur wer das chaos in sich trägt,
kann einen
tanzenden stern
gebären*



 



19.07.2003
 Über die Gewalt

Der reißende Strom
wird gewalttätig genannt,
aber das Flussbett,
das ihn einengt,
nennt keiner gewalttätig.

Bert Brecht
 zum Seitenanfang






05.07.2003
 
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das du uns bereitet hast.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll'n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Laß warm und still die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.


Dietrich Bonhoeffer; aus 'Widerstand und Ergebung', Neuausgabe 1977

 






30.06.2003
ZWEI WEISEN, DIE HEILIGEN BÜCHER ZU LESEN
Es gibt zwei unterschiedliche Weisen, die heiligen Schriften zu lesen.
Der einen folgen jene, die die Weintrauben nur mit den Fingerspitzen ausdrücken. So werden sie stets nur den ersten Saft aus der Frucht auspressen. Und da dieser Saft wässrig ist und nicht gärt, werden sie sagen, die Weintrauben seien schlecht. Zu ihnen gehören jene, die ein Buch bis zum Schluss hastig durchlesen und nichts daran finden, was ihre Aufmerksamkeit verdient.
Der anderen Weise des Lesens folgen jene, die jede Beere der Traube noch bis zum letzten Tropfen auspressen. Der Saft gärt zu einem köstlichen Wein. Diese Leser vertiefen sich in jedes gelesene Wort und ergötzen sich an den Gedanken, die daraus entspringen.

(zitiert nach: Lifschitz, D.: Auf drei Säulen ruht die Welt. Lebenswissen der Chassidim, Freiburg 1996.) 

  


27.06.2003
Beppo Straßenfeger
Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig. Bei jedem Schritt ein Atemzug und bei jedem Atemzug ein Besenstrich.
Schritt - Atemzug - Besenstrich. Schritt - Atemzug - Besenstrich.
'Siehst Du, Momo', sagte er, 'es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang, die kann man niemals schaffen, denkt man.'
Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: 'Und dann fängt man an sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun, und zum Schluß ist man ganz aus der Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen!'

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: 'Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur den nächsten.'

Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte:
'Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut.
Und so soll es sein.'

aus: Michael Ende, Momo
 

22.06.2003
 
Wenn du Gott dienen willst,
dann mache dein Herz bereit auf die Stunde,
in der du meinst, du habest Gott verloren.
Mache dein Herz fest
und habe einen langen Atem.
Verzweifle nicht zu schnell,
wenn du dich verstoßen glaubst.
Halte dich fest an Gott und lass ihn nicht los,
damit du am Ende immer fester stehst.

Jesus Sirach 2,3-1   


22.06.2003

Ich möcht' in dieser Zeit nicht Herrgott sein
und wohlbehütet hinter Wolken thronen,
allwissend, dass die Bomben und Kanonen
den roten Tod auf meine Söhne spei'n.

Wie peinlich, einem Engelschor zu lauschen,
da Kinderweinen durch die Lande gellt.
Weißgott, ich möcht' um alles in der Welt
nicht mit dem lieben Gott im Himmel tauschen.


Mascha Kaléko,
aus: Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen, S. 231
 




17.06.2003

'Aus der Enge rief ich den Herrn, und er antwortete mir im freien Raum.'




13.06.2003
 Das verborgene innere 'Ich' hat keine Pläne
und will nichts verwirklichen,
nicht einmal die Kontemplation.
Dieses 'Ich' will nur sein und 'lebendig-sein'
nach den Eingebungen der höchsten Freiheit,
die Gott ist -
denn sie ist ja im Innersten
'Tätig-, Lebendig-, Bewegung-sein'.

Es gleicht einem scheuen Tier der Wildnis,
das sich niemals vor einem Fremden zeigt,
das erst aus dem Wald kommt,
wenn alles in Frieden, in Schweigen liegt,
wenn es unbelästigt, alleine ist.
Es kann von niemandem herausgelockt werden,
weil es nur der Verlockung
der göttlichen Freiheit folgt.


Thomas Merton
aus: Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen. Mystik - die Zukunft des Christentums, Stuttgart 1997, S. 79

  



12.06.2003

Der Sprung in den Brunnen
SCHÜLER: Zeige mir, wie ich beten kann.
LEHRER: Kann ich es dir zeigen? Ich kann es nicht.
SCHÜLER: Bist du denn nicht ein Lehrer der Religion?
LEHRER: Eben deswegen! Beten lernt niemand durch WIssen und Können, sondern durch Erfhren und Leben. Was immer ich weiß, kann dir nicht ersparen, dich selbst zu suchen. Selbst musst du in denBrunnen springen, die Tiefe wagen, den inneren Raum und die innere Zeit entdeckten. Hör zu!

Da ging eines Tages der Knabe zu seinen Brüdern. Er sagte zu ihnen: 'Gebt acht! Ich will, daß wir zusammen einen merkwürdigen Ort aufsuchen.'
'Wohin willst du uns führen?' fragten die Brüder.
'Ich will euch dahin führen, wo ihr die Wahrheit über euch selbst erfahren sollt.'
Die Brüder baten ihn: 'Laß es doch sein, es lohnt sich nicht. Danke, wozu sollen wir schon wieder ausziehen?' Sie wollten nicht gehen. Der Jüngste aber bestand darauf: 'Entweder kommt ihr mit, oder ich bringe mich um!' So zwang er sie, mit ihnen zu gehen.
Sie gingen lange, und noch am selben Tage kamen sie zu jenem Brunnen. Der Jüngste sagte zum Ältesten: 'Ich will dich anbinden und in den Brunnen hinunterlassen. Schau dir an, was es dort im Brunnen gibt.'
Der Älteste fing zu weinen an. 'Warum willst du mich in den Brunnen hinunterlassen?' Er hatte Angst, in den Brunnen zu gehen. Er bat um Gnade. Der Jüngste sagte zu ihm: 'Bitte nicht um Gnade, wir müssen dorthin!' Er band ihm den Strick um und ließ ihn hinunter. Aber kaum war der Bruder ein paar Klafter tief, fing er an zu schreien und zu weinen an, - noch ein bißchen und die Angst zerreißt ihn. 'Ich sterbe, ich sterbe!' Er war noch nicht einmal ein Viertel des Brunnens hinunter. Der Knabe zog ihn heraus, denn er sah, was für ein Mensch das war.
Dann kam der zweite. Der Knabe band auch ihn und ließ ihn hinunter. Er war kaum bis zur Hälfte des Brunnens gekommen, da begann er zu schreien vor lauter Angst. 'Ich sterbe, ich sterbe!' Er zog ihn heraus.
Dann kam die Reihe an den Jüngsten. Er sagt: 'Hört zu! Wieviel ich auch weinen und schreien werde, zieht mich nicht hoch. Lasst mich hinunter, bis ihr fühlt, dass der Strick leicht geworden ist.' Die Brüder fingen ihn zu bitten an: 'Du bist unser Jüngster! Warum willst du von uns gehen?' Sie baten, er möge sie doch nicht verlassen, aber er wollte nicht auf sie hören. Da banden sie ihn und ließen ihn hinunter.

SCHÜLER: Das ist eine schöne Geschichte. Ich möchte wissen, wie sie weitergeht.
LEHRER: Es ist nicht irgendeine Geschichte, es soll deine Geschichte werden. Wohin sie führt, mußt du selbst erproben.
SCHÜLER: Aber wo gibt es den Brunnen, in den ich springen könnte?
LEHRER: Weitab und doch nahe. 'Sie gingen lange, und noch am selben Tag kamen sie an', heißt es. Je weiter du in die Welt ausschweifst, umso entfernter bist du ihm. Suchst du bei dir, schaust du über seinen Rand.
SCHÜLER: Dann ist der Brunnen in mir?
LEHRER: Deine eigene Tiefe!
SCHÜLER: Aber warum dann Angst haben. Was in mir ist, muß ich doch nicht fürchten?
LEHRER: Nichts ist den Menschen unbekannter und erschreckender als die eigene Seele. Die meisten Menschen haben Todesängste, in das Brunnenloch zu steigen und den Abstieg zum unbekannten Seelengrund zu wagen. Sie leben nur außen, von allem gefesselt, was zur Schau gestellt wird, aber sie werden schon verwirrt, wenn sie nur einen Blick über den Brunnenrand werfen sollen. Ihre Sicherheit liegt im Geläufigen der äußeren Welt; vor der Tiefe in sich selbst sind sie in hilfloser Not. Aber der Brunnen ist noch nicht verschüttet. Wer ehrlich will, kann ihn finden und das Wagnis beginnen.
SCHÜLER: Ich bin nicht sicher, dass ich das will.
LEHRER: Dann zähl dich zu den älteren Brüdern. Sie bilden die Mehrheit. Mit ihnen verbindet sich keine Hoffnung.
SCHÜLER: Wie also komme ich in die Tiefe?
LEHRER: Zunächst musst du mit dir allein könnnen! Wenn du es versuchst, wirst du sehen, wie schwer das ist. Du kannst unruhig werden und sogar Angst verspüren. Dann wird dich nichts anderes drängen als der Wunsch, schnell wieder nach oben zu kommen. Du wirst dir vorsagen, Alleinsein sei sinnlos, führe zu nichts, und ähnliches.
SCHÜLER: Und? Ist es wirklich anders?
LEHRER: Es ist anders. Aber nicht sofort und nicht nach drei Wochen. Dazu gehören Beständigkeit und Geduld. Für jemanden, der das Alleinsein wieder und wieder übt, verändert sich die Welt. Dann werden die Dinge zugänglich: Es wird zugänglich der Baum, zugänglich wird der Himmel, zugänglich wird der Bach. Was zuvor im geschäftigen Leben nur zufällig da war, wird jetzt die eigentliche Welt. Die kann man nur durch häufiges, müh-seliges Alleinsein erfahren.

(aus: Hubertus Halbfas, Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule. Patmos Verlag Düsseldorf 1992, S.12 - 17)







10.06.2003
Rika

Der kleine Baumwollfaden
Es war einmal ein kleiner Baumwollfaden, der hatte Angst, dass er nicht ausreicht, so wie er war.
- Für ein Schiffstau bin ich viel zu schwach, sagte er sich,
- für einen Pullover zu kurz;
- um an andere anzuknüpfen, habe ich zu viele Hemmungen;
- für eine Stickerei eigne ich mich auch nicht. Dafür bin ich viel zu blass und farblos.
Ja, wenn ich aus Lurex bestünde, dann könnte ich eine Stola verzieren. Aber so? Es reicht nicht! Zu nichts bin ich nütze. Ein Versager! Niemand braucht mich, und ich mich selbst am wenigsten. So sprach der kleine Baumwollfaden zu sich, legte eine traurige Musik auf und fühlte sich sehr allein in seinem Selbstmitleid.
Da klopfte das Wachs an seine Tür und sagte: „Lass dich doch nicht so hängen, kleiner Baumwollfaden. Ich weiß was: Ich habe eine Idee: Wir beide tun uns zusammen! Für eine große Kerze bist Du als Docht zu kurz, und ich habe dafür auch nicht genug Wachs. Aber für ein Teelicht reicht es allemal. Wir beide zusammen werden eine kleine Kerze, die wärmt und ein bisschen heller macht. Es ist besser auch nur ein kleines Licht anzuzünden, als immer über die Dunkelheit zu schimpfen.“
Da war der kleine Baumwollfaden ganz glücklich und sagte sich: Dann bin ich also doch zu etwas nütze.
Und wer weiß, vielleicht gibt es auf der Welt noch mehr kurze Baumwollfäden, die sich zusammentun mit dem Wachs.

VerfasserIn unbekannt

zum Seitenanfang




08.06.2003
Wie es aber kein Leben gibt ohne Glauben, so hat auch der Glaube selbst an allen Ungewissheiten, von denen das Leben bestimmt ist, teil. Von dem großen Papst Johannes XXIII. ist ein Wort überliefert, das ich ihm bei allem Respekt nicht abnehme: 'Wer Glauben hat, zittert nicht.'

Vielleicht hat der wundervolle alte Mann sich im Lauf seines Lebens das Zittern tatsächlich abgewöhnt, aber wohl nicht, weil er glaubte, sondern weil er die in sich ruhende Kraft einer großen Persönlichkeit besaß. Ich kenne nicht viele Glaubende, die das Zittern hinter sich haben.

Jesus selbst verabschiedet sich von seinen Jüngern mit dem Wort: 'In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.' Bedeutet das nicht, dass Zittern, Angst und Zweifel bleiben werden und wir uns in all dem an ihn halten sollen, der die Welt überwunden hat? Wo der Zweifel beseitigt ist, fürchte ich, an seine Stelle sei nicht der Glaube, sondern die Selbsttäuschung getreten.


aus: Jörg Zink, Erfahrung mit Gott, Stuttgart 1974, S. 34f.







08.06.2003
Glaube ist ein Baum.
Er wächst in der Wüste.
Glaube lebt in der Hoffnung,
vergeblich zuweilen,
dass Gott den Regen schickt.
Glaube ist zärtliches Vertrauen,
vergeblich zuweilen.


Dei Anang von der Goldküste,
aus: Jörg Zink, Erfahrung mit Gott. Einübung in den christlichen Glauben, Stuttgart 1974, S. 36



zum Seitenanfang





08.06.2003

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!


Hermann Hesse,
Eschbacher Textkarte TK 468








04.06.2003

Segenswunsch

Ich wünsche dir, dass du deinen Tag lächelnd beginnen kannst, in froher Erwartung all der vielfältigen Aufgaben, die auf dich warten, und all der Begegnungen, die dir geschenkt werden; dass du aber auch die nötige Geduld hast, das zu ertragen, was dir lästig ist oder was dir überflüssig erscheint.

Ich wünsche dir, dass du die Anforderungen nicht als Einengung erlebst, die Aufgaben und Menschen an dich stellen, sondern in Gespräch und Auseinandersetzung mit ihnen Freiheit erfährst, eine Freiheit, die nicht losgelöst ist von Bindungen, sondern die gerade in Bindungen und Beziehungen entsteht.

Ich wünsche dir, dass dich auf all deinen Wegen ein Engel umgibt, der dich behütet in allem, was dich ängstigt und bedroht, und dich bewahrt vor einem Übermaß an Schmerz und Schuld.

Ich wünsche dir, dass dir die Nacht Ruhe schenkt, dass du dich in den Schlaf sinken lassen kannst und dass friedliche Träume ihre Bilder aufsteigen lassen in deiner Seele und dir neue Kräfte zuströmen für den kommenden Tag.


Christa Spilling-Nöker
Eschbacher Textkarte TK 425

zum Seitenanfang




4.6.2003
Wachsende Ringe

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.


Rainer Maria Rilke
Eschbacher Textkarte TK 435








30.05.2003
Die kleine Schneeflocke
Als die Zeit eines wintermüden Morgens im Wald spazieren ging, hörte sie mit einem Male von irgendwo her ein Weinen. Sie blieb stehen und lauschte. Dann versuchte sie, herauszufinden, aus welcher Richtung das Weinen kam und näher heranzugehen. Und mit jedem Schritt hörte sie deutlicher das Weinen und ein kleines Stimmchen, welches voller Verzweiflung rief: 'Geh nicht, lieber Winter! Bitte, geh doch nicht! Was soll denn aus mir werden ohne dich? Bitte, geh nicht!'
Und zwischen diesen Rufen war immer wieder ein bitterliches Schluchzen zu vernehmen. Als die Zeit so immer näher herankam, sah sie schließlich auch, wer da weinte: Es war die kleine Schneeflocke. Und nun verstand die Zeit natürlich auch, warum diese so verzweifelt war über den Abschied des Winters. Denn was liebt eine Schneeflocke mehr als den Winter?
Die kleine Schneeflocke saß da, den Kopf in den Händen vergraben und weinte herzzerreißebnd. Doch während sie weinte, geschah etwas: Schneeflocke um Schneeflocke verwandelte sich in Wasser. Und je mehr sie weinte, um so mehr taute der Schnee um sie herum, wurde der erstarrte Boden weicher. Schon steckten die ersten Krokusse die vorwitzigen Köpfchen durch die Erde. Aber die kleine Schneeflocke bekam von alledem nichts mit.
Leise trat die Zeit heran, beugte sich zu der kleinen Schneeflocke herab und strich ihr sanft über das vereiste Haar. Da hob die kleine Schneeflocke den Kopf und sah auf. Und nun bemerkte auch sie die Veränderungen, die um sie herum geschehen waren. Und sie verstand, dass mit dem Winter nicht alles zu Ende war, sondern dass es Sommer werden würde, auch für sie. Da zog ein Leuchten über ihr Gesicht und gleich wurde die Erde um sie herum noch ein wenig wärmer und die letzten Eiskristalle schmolzen. Das Leuchten erreichte auch den zugefrorenen Bach, der ganz in der Nähe verlief, und nach und nach kamen auch seine Wasser wieder in Bewegung. Und auch der kleinen Schneeflocke wurde immer wärmer ums Herz, bis sie schließlich mit einem lauten Jubelschrei ihr Winterkleid von sich warf und hoch zur Sonne schwebte.
Hinter dem Hügel plätscherte der kleine Bach jetzt fröhlich vor sich hin, und in jedem Wassertropfen, den er mit sich trug, erklang der Jubel der kleinen Schneeflocke, wie sie in allen diesen Wassertropfen dem Sommer entgegenfloss.
Die Zeit lächelte vor sich hin. Und dachte: 'Sie weiß noch nicht, dass eines Tages wieder ein großer Schmerz über sie kommen wird - wenn der Sommer geht. Sie wird sehen, wie die Sense die Halme auf dem Feld niedermäht, wie die kleinen Blumen verwelken und wie der Baum schließlich auch sein letztes Blatt verliert. Und sie wird so traurig sein, dass sie nicht einmal die Kraft zum Weinen haben wird und vor Kummer erstarren. Bis sich unmerklich auch dieser Schmerz wieder verwandeln wird in Freude und sie als kleine Schneeflocke erneut die Welt verzaubern kann, wenn sie mit dem Winter ihren Tanz aufführt.
Und sage mir keiner, die Schneeflocke sei dumm! Kein Wasser würde mehr fließen, würde sie nicht das Ende des Winters beweinen, nichts wachsen auf der Erde. Und niemals könntet ihr den wilden Tanz der Flocken erleben, erstarrte sie nicht jedes Jahr erneut.'
(A., 2001) 
zum Seitenanfang
 





30.05.2003

Die anderen Brücken

'Du hast einen schönen Beruf', sagte das Kind zum alten Brückenbauer, 'es muss sehr schwer sein, Brücken zu bauen.'
'Wenn man es gelernt hat, ist es leicht', sagte der alte Brückenbauer, 'es ist leicht, Brücken aus Beton und Stahl zu bauen. Die anderen Brücken sind viel schwieriger', sagte er, 'die baue ich in meinen Träumen.'
'Welche anderen Brücken?' fragte das Kind.
Der alte Brückenbauer sah das Kind nachdenklich an. Er wusste nicht, ob es verstehen würde.
Dann sage er: 'Ich möchte eine Brücke bauen von der Gegenwart in die Zukunft. Ich möchte Brücken bauen von einem zum anderen Menschen, von der Dunkelheit in das Licht, von der Traurigkeit zur Freude.
Ich möchte eine Brücke bauen von der Zeit in die Ewigkeit, über alles Vergängliche hinweg.'
Das Kind hatte aufmerksam zugehört. Es hatte nicht alles verstanden, spürte aber, dass der alte Brückenbauer traurig war.
Weil das Kind ihn wieder froh machen wollte, sagte es: 'Ich schenke dir meine Brücke.' Und das Kind malte für den Brückenbauer einen bunten Regenbogen.

Anne Steinwart
Eschbacher Textkarte TK 313







29.05.2003
Ich hatte einen Traum

Eines Nachts hatte ich einen Traum. Ich wanderte mit meinem Herrn am Meer entlang. Über mir am dunklen Himmel sah ich mein Leben, Streiflichtern gleich, in Bildern vorüberziehen. Und ich sah Fußspuren von zwei Wanderern. Die eine, so schien es mir, war meine eigene, die andere die meines Herrn.
Als das letzte Bild meines Lebens aufleuchtete, blickte ich noch einmal zurück. Ich erschrak. Oft war nur die Spur eines einzelnen Wanderers zu sehen, und zwar immer in den Zeiten meines Lebens, die mir als besonders trostlos und düster in Erinnerung waren.
Ich geriet ins Grübeln und fragte schließlich besorgt den Herrn: 'Als ich mich entschied, dir nachzufolgen, hast du mir zugesagt, mir jederzeit beizustehen. Aber jetzt entdecke ich: In den dunklen Zeiten meines Lebens findet sich nur ein Fußabdruck. Warum hast du mich im Stich gelassen immer dann, wenn ich dich am meisten brauchte?'
Da antwortete er: 'Kind, ich liebe dich. Ich würde dich nie allein lassen. Erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, in den Zeiten, in denen du dich allein gelassen fühltest, habe ich dich hindurchgetragen.'

Margaret Fishback Powers,
Eschbacher Textkarten TK 438



zum Seitenanfang






28.05.2003

Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe. - Halleluja -
Ich lobe meinen Gott, der mir die Fesseln löst, damit ich frei bin. - Halleluja -

Ehre sei Gott auf der Erde
in allen Straßen und Häusern,
die Menschen werden singen,
bis das Lied zum Himmel steigt:

Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Frieden auf Erden!

Ich lobe meinen Gott der mir den neuen Weg weist, damit ich handle. - Halleluja -
Ich lobe meinen Gott, der mir mein Schweigen bricht, damit ich rede. - Halleluja -

Ehre sei Gott auf der Erde
in allen Straßen und Häusern,
die Menschen werden singen,
bis das Lied zum Himmel steigt:

Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Frieden auf Erden!

Ich lobe meinen Gott, der meine Tränen trocknet, dass ich lache. - Halleluja -
Ich lobe meinen Gott, der meine Angst vertreibt, damit ich atme. - Halleluja -

Ehre sei Gott auf der Erde
in allen Straßen und Häusern,
die Menschen werden singen,
bis das Lied zum Himmel steigt:

Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Frieden auf Erden!
 







18.05.2003
Versicherung
Eine Frau, die über den Tod ihres Sohnes verzweifelt war, kam zum Meister, um getröstet zu werden. Er hörte geduldig zu, als sie ihm ihr Leid klagte. Dann sagte er sanft: 'Ich kann deine Tränen nicht trocknen, meine Liebe. Ich kann dich nur lehren, wie du sie heiligen kannst.'
(A. de Mello, Eine Minute Weisheit, Freiburg 1986, S. 73)








12.05.2003
Für die Mutlosen
Der Weg wächst im Gehen unter deinen Füßen wie durch ein Wunder. (Reinhold Schneider, 1903-1958)


zum Seitenanfang




   

06.05.2003

Verarbeiten

Sie waren ein haufen angst
sie verarbeiteten sie zu einsicht

sie waren ein haufen krampf
sie verarbeiteten ihn zu atem

sie waren ein haufen hass
sie verarbeiteten ihn zu tränen

so säten sie
sanftmütig unermüdlich
gefährliches gut
drei handvoll freude
und ernteten strahlend
sieben scheunen freiheit

(Niederländische Basisbewegung)

 









04.05.2003
Die Welle und der Ozean
In dieser Geschichte geht es um eine kleine Welle, die auf der Oberfläche des Ozeans entlanghüpft und unglaublich viel Spaß hat. Sie genießt den Wind und die frische Luft, bis sie bemerkt, dass vor ihr noch andere Wellen sind, die alle an der Küste zerschellen.
'Mein Gott, das ist ja schrecklich', sagt die Welle. 'Wenn ich mir vorstelle, was mit mir passieren wird!'
Da kommt eine andere Welle vorbei. Sie sieht die erste Welle, die da so grimmig dreinschaut, und fragt: 'Warum siehst du so traurig aus?'
Die erste Welle sagt: 'Du verstehst überhaupt nicht, was los ist! Wir werden allesamt an der Küste zerschellen! Wir, alle Wellen, werden nichts sein! Ist das nicht schrecklich?'
Die zweite Welle sagt: 'Nein, du verstehst nicht. Du bist keine Welle, du bist ein Teil des Ozeans.'

übersetzt aus: Mitch Albom, Tuesdays with Morrie, New York 1997, S. 180, unter Zuhilfenahme der Übersetzung ins Deutsche von Angelika Bardeleben

zum Seitenanfang
 





 

04.05.2003
'Gib nicht auf.' Ich wüsste nichts Besseres, was ich einer Frau sagen könnte, der gerade bewusst geworden ist, dass sie eine Überlebende ist. Ganz am Anfang ist das das Wichtigste. Es gibt Frauen, die es geschafft haben, und so abgedroschen, so dumm und so belanglos sich das jetzt auch für dich anhören mag, später wirst du weniger Schmerzen haben. Und das kann schon bald sein. Wenn du es bis hierher geschafft hast, hast du verdammt gute Anlagen. Also vertrau einfach darauf, egal, was dir von außen signalisiert wird. Du bist die Einzige, die dir sagen kann, was du tun musst, um zu heilen.
Gib dich nicht auf.
aus: Ellen Bass/Laura Davis, Trotz allem. Wege zur Selbstheilung für sexuell missbrauchte Frauen, Berlin 1990, S. 49

 


 









29.04.2003
Die drei Bücher
Am Neujahrsfest (Rosh HaShana) sitzt Gott zu Gericht, um das Urteil über die Erdenbewohner zu fällen. Drei Bücher werden vor ihm aufgeschlagen: eines der vollkommenen Bösewichter, eines der vollkommenen Frommen und eines der Mittelmäßigen.
Wer als vollkommener Frommer befunden wird, wird sofort registriert und versiegelt im Buch des Lebens.
Wer als vollkommener Bösewicht befunden wird, wird sofort eingechrieben und versiegelt im Buche des Todes.
Das Urteil über die Mittelmäßigen wird verschoben bis Jom Kippur, dem Versöhnungstag. Wenn sie bis dahin Buße getan haben, werden sie eingeschrieben und versiegelt im Buche des Lebens, wenn aber nicht - werden sie zum Tode verurteilt.

Rabbi Levi Jitzchak von Berditschev wurde gefragt, ob er dieses Urteil anzunehmen bereit sei. Er antwortete: 'Wenn es positiv ausfällt, werde ich schweigen; wenn aber nicht, werde ich mich darauf berufen, dass man zu Rosh HaShana nicht schreiben und am Jom Kippur siegeln darf.'
(Neue jüdische Märchen, Ffm 1978, S. 18)









15.04.2003
 Wer über das Wasser gehen will,
muss aus dem Boot steigen.



zum Seitenanfang



 


13.04.2003
Mal ein vielsagender Beitrag zum Thema, was Vergebung nicht ist, was aber doch viele von uns wahrscheinlich aus ihrem Leben kennen:


großmütig
ihr juden
verzeihen wir euch eure ermordung
mit der ihr
über vierzig jahre nach auschwitz
uns immer noch quält

großzügig
ihr russen
vergeben wir euch eure toten
mit denen ihr
jahrzehnte nach unserer niederlage
uns immer noch kommt

diskret
ihr schwarzen
übersehen wir die apartheid
mit der ihr
jahrhunderte nach den sklavenjagden
uns immer noch schlecht macht

so also
ihr nachtragenden
stehen wir vor euch und der welt;
als solche die
gegen niemanden etwas haben
nicht einmal
gegen sich selbst

Christoph Scheytt, schwäbischer Pfarrer
aus: Jörg Zink, Vor uns der Tag, S. 120f.

 

 










13.04.2003
Was bedeutet alles irdische Glück
gegen die Verheißung:
Wo ich bin,
werdet ihr auch sein?

Dag Hammarskjöld
aus: Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen, S. 350


zum Seitenanfang



 


13.04.2003
Du weißt, dass hinter den Wäldern blau
die großen Berge sind.
Und heute nur ist der Himmel grau
und die Erde blind.

Du weißt, dass über den Wolken schwer
die schönen Sterne stehn,
und heute nur ist aus dem goldenen Heer
kein einziger zu sehn.

Und warum glaubst du dann nicht auch,
dass uns die Wolke Welt
nur heute als ein flüchtiger Hauch
die Ewigkeit verstellt?

Eugen Roth
aus: Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen, S. 341
 







13.04.2003
Es kämpfen die Parteien,
und im Wald entrollt sich der Farn.

altchinesisch
 


zum Seitenanfang






10.04.2003
Ich sehe dich auf jenem Berg, Jesus,
irgendwo in Galiläa.
Du redest zu denen, die im Schatten leben,
im Schmerz, in der Entbehrung,
und sagst: Selig seid ihr.

Selig seid ihr Armen, die nichts mitbringen
an eigenem Reichtum
und alles von Gott erwarten.
Euer ist das Himmelreich.

Du meinst nicht die Starken,
die das stärkere, reichere Leben suchen,
indem sie die Armut wählen,
sondern die anderen, die ihre Armut
als hoffnungsloses Elend erleiden.

Du sagst: Selig, die arm sind, geistlich,
das heißt arm an dem, was der Geist geben will.
Du meinst die Armen,
die erdrückt sind vom äußeren Elend
und darum Mangel leiden auch an innerer Kraft.

Denen nicht nur das Brot fehlt,
sondern auch die Hoffnung und der Glaube,
das Vertrauen, dass ihr Leben Sinn hat,
dass eine Hand sie führt,
daß einer da ist, der sie kennt, sie wahrnimmt.

Glücklich sind sie, sagst du.
Nicht weil sie Gelegenheit haben,
Geduld und Ergebung zu lernen.
So hat man erst später die Armut vergoldet.
Glücklich nennst du sie,
weil Gott sie ihrer Armut entreißen wird.

Glücklich, die vor der Tür stehen.
Sie werden eintreten.
Sie werden ihre Sehnsucht mitbringen.
Und sie werden glücklich sein.
aus: Jörg Zink, Vor uns der Tag. Was die Passions- und die Ostergeschichte bedeuten, Freiburg im Breisgau 1995, S. 42f.

 


zum Seitenanfang




07.04.2003
Zu einem Weisen kam eines Tages einer und klagte: Ich suche nun so viele Jahre nach Gott und kann ihn nicht finden. Der Weise sah ihn freundlich an und erzählte:
Es war einmal ein Mann namens Nasruddin. Der war ein Schmuggler. Er ging immer hin und her über die Grenze, an verschiedenen Zollstellen, einmal mit einem Esel, einmal auch mit zweien oder dreien. Auf den Eseln transportierte er große Lasten Stroh. Auf die Frage der Zöllner gab er zu, ein Schmuggler zu sein. So durchsuchten sie ihn immer wieder, ihn selbst und vor allem die Strohballen, und machmal verbrannten sie das Stroh und suchten in der Asche nach dem, was er wohl schmuggelte. Im Laufe der Zeit sahen sie, dass Nasruddin immer reicher wurde. Schließlich wurde er alt, zog in ein anderes Land und setzte sich zur Ruhe. Dort begegnete ihm einer seiner früheren Grenzwächter und sagte: 'Nasruddin, jetzt könnt Ihr es mir ja sagen. Was habt ihr da immer geschmuggelt, das wir nie gefunden haben?' Nasruddin lächelte und antwortete: 'Esel!'
Siehst du, sagte der Weise, so sucht mancher nach Gott, und Gott ist vor seinen Augen.

islamische Geschichte, von Hubertus Halbfas überliefert
aus: Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen. Mystik - die Zukunft des Christentums, Stuttgart 1997, S. 362f.
 





 

07.04.2003
 Von einem Rabbi wird erzählt, er habe einem anderen Rabbi gegenüber geklagt, er habe trotz jahrelangen Suchens Gott nirgendwo gefunden. Der andere habe ihm geantwortet: 'Womöglich hast du dich nicht tief genug gebückt.'

aus: Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen. Mystik - die Zukunft des Christentums, Stuttgart 1997, S. 227
 








06.04.2003
Halt an! Wo läufst du hin?
Der Himmel ist in dir!
Suchst du Gott anderswo,
du fehlst ihn für und für.

Angelus Silesius
aus: Jörg Zink, Vor uns der Tag. Was die Passions- und die Ostergeschichte bedeuten, Freiburg im Breisgau 1995, S. 160




zum Seitenanfang






06.04.2003
Das Pferd macht den Mist im Stalle,
und obgleich der Mist einen Unflat
und Stank an sich hat,
so zieht dasselbe Pferd
doch den Mist mit großer Mühe
auf das Feld,
und dann wächst daraus edler,
schöner Weizen
und der edle, süße Wein,
der nimmer so wüchse,
wäre der Mist nicht da.

Also trage deinen Mist -
das sind deine eigenen Gebrechen,
die du nicht abtun
und ablegen noch überwinden kannst, -
mit Müh und mit Fleiß
auf den Acker
des liebreichen Willens Gottes
in rechter Gelassenheit deiner selbst.

Johannes Tauler
aus: Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen. Mystik - die Zukunft des Christentums, Stuttgart 1997, S. 108


zum Seitenanfang





06.04.2003
Mit zwei Worten

Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag.
'London?' frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.
'London!' bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag,
bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.

Sie betrat das Deck des Seglers, und ihr wurde nicht gewehrt.
Meer und Himmel. 'London?' frug sie, von der Heimat abgekehrt,
suchte, blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,
nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendglut verzehrt...

'Gilbert?' fragt die Sarazenin im Gedräng der großen Stadt,
und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.
'Tausend Gilberts gibts in London!' Doch sie sucht und wird nicht matt.
'Labe dich mit Trank und Speise!' Doch sie wird von Tränen satt.

'Gilbert!' 'Nichts als Gilbert? Weißt du keine andren Worte? Nein?'
'Gilbert!' ... 'Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein,
den gebräunt in Skavenketten glüher Wüste Sonnenschein -
dem die Bande heimlich löste eines Emirs Töchterlein.'

'Pilgrim Gilbert Becket' dröhnt es, braust es längs der Themse Strand.
Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt.
Über seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.
Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.

aus: Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen. Mystik - die Zukunft des Christentums, Stuttgart 1997, S. 33f.


zum Seitenanfang

 



06.04.2003
Andrea 
AUF DIE VISION KOMMT'S AN

Vor einiger Zeit habe ich auf einer Küstenmacher-Ausstellung ein wunderschönes Poster gesehen. Werner 'Tiki' Küstenmacher ist Pfarrer und Karikaturist, zeichnet wunderbare Cartoons und Comics zur Bibel und karikiert die Kirche und ihre Leute. Sehr empfehlenswert, auch seine Bücher!

Jedenfalls: Auf dem Poster mit dem Titel 'Auf die Vision kommt's an' waren unten drei Steinmetze zu sehen, die mit Hammer und Meißel Steine bearbeiteten. Oben drüber war in Wort und Bild dargestellt, was sie über ihre Arbeit dachten.
Der erste Steinmetz sah extrem fertig aus, ihm rann der Schweiß nur so vom Gesicht runter. Er dachte: 'Ich behaue einen Stein.' Darunter, in seiner kleinen Gedankenblase, war der Stein zu sehen, wie er wohl einmal aussehen sollte.
Der zweite Steinmetz sah auch ziemlich fertig aus, aber nicht so sehr wie der erste. Er dachte über seine Arbeit: 'Ich arbeite an einem Spitzbogenfenster.' Und darunter, in seiner etwas größeren Gedankenblase, war das Spitzbogenfenster zu sehen, ohne Glas und so, nur die aufeinandergesetzten Steine.
Der dritte Steinmetz hingegen sah total kraftvoll, energiereich, freudig aus. Er dachte: 'Ich baue eine Kathedrale!' Und in seiner sehr großen Gedankenblase sah man darunter die Kathedrale, die von der äußeren Form her etwas Ähnlichkeit mit dem Kölner Dom hatte, aber nicht wirklich mit ihm identisch war.

Ich finde das total genial, und ich denke, es bezieht sich ganz direkt auf unsere Heilungsarbeit. Denn wenn wir die ganze Zeit nur denken, ich arbeite gerade wieder eine Erinnerung durch, ich setze mich mit meiner Wut auseinander, meiner Angst, meinem Ekel oder mit diesem oder jenem Verhaltensmuster, dann kostet der Heilungsprozess ganz schön viel Energie, und wir haben das Gefühl, es würde nie etwas besser.
Wenn wir uns hingegen sagen, 'Ich heile! Ich werde gesund!', dann sieht die ganze Welt viel freundlicher aus...
  


zum Seitenanfang



05.04.2003
Vor nunmehr mehr als drei Jahren haben wir dieses Gedicht einmal im Religionsunterricht behandelt.
Ich war in der dreizehnten Klasse. Und das war der Moment, wo ich zum ersten Mal ernsthaft dachte, Moment, vielleicht ist an 'der Sache mit dem Gott' ja doch was dran...


gott spricht
ich bin ein ohnmächtiger gott
glaubt ihr denn
ich ließe h-bomben und napalm fallen
ich ließe menschen verhungern
glaubt ihr denn
ich machte korruption
überall wohin man sieht
glaubt ihr denn
ich hätte die erde verseucht
ich bin ohnmächtig ohne euch
glaubt ihr denn
ich kippte weizen ins meer
um die wirtschaft anzukurbeln
glaubt ihr ich euer gott
vernichtete butterberge
glaubt ihr denn ich sorgte dafür
daß die wirtschaft
ein riesenrad schlägt
ohne rücksicht auf verluste
meint ihr ich teilte die erde ein
in zwei drittel hungernde
und ein drittel wohlstandsverseuchte
ich bin ohnmächtig
ich sterbe wenn ihr sterbt
ich bin machtlos wenn ihr machtlos seid
wenn euer herz herzlos ist
ist auch mein herz herzlos
wenn euer verstand nicht verständig ist
ist auch mein verstand nicht verständig
wenn eure hände nichts hergeben
geben meine hände auch nichts her
ich sterbe wenn ihr sterbt
ihr habt mich allmächtig genannt
ich habe den starken verdacht
ihr menschen wolltet mir für
alles dunkle und nicht vollbrachte
den schwarzen peter zuschieben
den teufel
ohnmächtig bin ich
und nicht allmächtig gegenwärtig bin ich
aber nur in euch
und wenn ihr wollt
die güte bin ich aber nicht ohne euch
ich vermehre brot
aber nur durch euch
wenn ihr weizen züchtet
wenn ihr teilt und nicht alles
für euch behaltet
mein erbarmen kann nur
durch euer erbarmen wirksam werden
ich bin nichts wenn ihr nichts seid
mein leben ist euer leben
mein tod kommt unweigerlich
wenn ihr mit eurer sprache
mich totmacht
ihr müßt mich neu erfinden
ihr müßt mich glaubhaft aufweisen
diese stadt ist gottlos
wenn ihr nicht göttlich
nicht heilig seid
diese welt ist ohne vater und beistand
wenn ihr nicht
wirkliche söhne und töchter
im höchsten sinne seid
ihr werdet alle miteinander
fein sauber komfortabel krepieren
wenn ihr nicht
den auferstehen laßt
den ich in euch gelegt habe
wenn ihr den wahren
göttlichen menschen
jesus christus
nicht in euch auferstehen laßt
wenn der nicht in euch aufersteht
jesus christus
dann wird der teufel
der sohn der bosheit
der sohn der finsternis
in euch aufstehen
der teufel ist schon auferstanden
ihr werdet komfortabel
mit allen finessen krepieren
wenn ihr nur die bosheit
auferstehen laßt
und nicht jesus christus in euch allen
durch die passion
muß er mit euch gehen
ohne passion
ohne leiden
ohne leidenschaft wird jesus
nicht in uns auferstehen
leidenschaft ist der einzige ausweg

Wilhelm Willms, Der geerdete Himmel





zum Seitenanfang
 

 



04.04.2003

Unser tägliches Brot gib uns heute

'Wir sagen: 'Unser tägliches Brot gib uns heute.' Das Brot also, das uns täglich nötig ist, und soviel dieser Tag verlangt. Aber mir scheint, diese Bitte meine eigentlich etwas anderes. Das Wort, das im griechischen Text für 'täglich' steht, könnte auch heißen 'künftig'. Gib uns also unser 'künftiges Brot'. Jesus sprach ja immer wieder von dem künftigen Festmahl, das wir feiern werden bei dem großen Umbruch aller Dinge. Jesus könnte also gemeint haben: Diese Speise im kommenden Reich, dieses künftige Brot gib uns schon heute! Es ist Zeit. Der Hunger unserer Seele ist groß und dauert schon allzu lang. Diese Zeit des Hungers nach Erlösung dehnt sich. Kürze sie ab! Gib uns dieses künftige Brot heute.'

Aus: Jörg Zink, Jesus, Freiburg im Breisgau 2001, S. 101
 


zum Seitenanfang




04.04.2003 'Wenn dich jemand fragt:
'Wie hat Jesus die Toten lebendig gemacht?',
dann führe ihn zu mir, gib mir einen Kuss
und sage: 'So!''

Dschelaleddin Rumi, islamischer Mystiker des 13. Jahrhunderts


zum Seitenanfang






03.04.2003
Die Geschichte von dem alten Mann und den Tagen, die nicht sein sollten

Es war einmal ein alter Mann. Er lebte allein in einem alten Haus inmitten eines Gartens, so groß, dass es mancher Tage bedurfte, ihn zu durchmessen. Damals, als er alt geworden war und keiner mehr ihn brauchen konnte, war er bitter geworden. Wie die Jahre ins Land gingen, verließ ihn seine Bitterkeit, und er wurde leicht.
Da vernahm er eines Tages einen Ruf. 'Geh und sammle die Tage, die nicht sein sollen!'
Derer gab es viele.
Und da er leicht wie eine Feder geworden war, ließ er sich von den Winden in alle Himmelsrichtungen tragen, wann immer ein Tag irgendwo auf der Welt nicht sein sollte.
Er sammelte Tage, an denen Menschen das Liebste verloren, was sie hatten, Tage, an denen ein Schmerz sich in das Herz eines Menschen grub, Tage ohne Trost, Tage, an denen das Leben eine Last war, verfluchte Tage, Tage der Dunkelheit, Tage des Zorns, Tage der Sinnlosigkeit. Immer gab es einen, der sagte: 'Dieser Tag sollte nicht sein.' Der alte Mann sammelte sie alle ohne Ansehen ihrer Geschichte. Einer wog ihm gleich viel wie der andere. Manchmal gab es auch Freudentage, von denen einer sagte: 'Dieser Tag sollte nicht sein!'
Sanft trug er sie mit dem Wind in seinen Garten und legte sie in die Erde; und der Regen fiel auf die Erde, die Sonne gab ihr Licht, bis der Schnee alles bedeckte. Nach Jahr und Tag wuchsen Blumen und Bäume, deren Duft so süß war, dass sie die seltensten und schönsten Falter anlockten.
Das war ein Blühen und Summen in diesem Garten, wie keiner es noch je gesehen und vernommen hatte. So lebte der alte Mann mit den Tagen, die nicht sein sollten.
Eines Tages hörte er wieder einen Ruf: 'Nun nimm die Samen aus deinem Garten und bring sie in die Welt!'
Und wieder ließ er sich von den Winden in alle Richtungen tragen, und diesmal säte er seine Samen hierhin und dorthin. Alle Blumen und Bäume, die aus den Samen wuchsen, dufteten so süß, wie noch keiner es erlebt hatte.
Da kamen die Menschen zu den Blumen und Bäumen, ihre Gesichter wurden hell, und sie sagten: 'Oh, was für ein schöner Tag, was für ein schöner Tag, wenn er doch nie ein Ende hätte.'
Da lächelte der alte Mann. Und sammelte die Tage, die nicht sein sollten.

Aus: Luise Reddemann, Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren, Stuttgart 2001, S. 161f.



zum Seitenanfang





03.04.2003
Die Chance der Bärenraupe, über die Straße zu kommen

Keine Chance, sechs Meter Asphalt
zwanzig Autos in der Minute
fünf Laster, ein Schlepper, ein Pferdefuhrwerk

Die Bärenraupe weiß nichts von Autos,
sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist,
weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds.

Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst.
Herrliches Grün, vermutlich fressbar.
Sie hat Lust auf Grün. Man müsst hinüber.

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen
Zwanzig Autos in einer Minute.
Geht los ohne Hast, ohne Furcht, ohne Taktik.

Fünf Laster, ein Schlepper, ein Pferdefuhrwerk.
Geht los und geht und geht und
KOMMT AN.

Rudolph Otto Wiemer 


zum Seitenanfang






03.04.2003

ON BEING POOR

One day, a father and his rich family
took their son for a trip in the country
with the firm purpose of showing him
how poor people live.

They spent a day and night
at the farm of a very poor family.
When they got back from their trip,
the father asked the son,
'How was the trip?'
'Very good, dad!'
'Did you see how poor people can live?'
the father asked.
'Yeah!' 'And what did you learn?'
The son answered,
'I saw that we have a dog at home,
and they have four.
We have a pool
that reaches to the middle of the garden,
they have a creek that has no end.
We have imported lamps in the garden,
they have the stars.
Our patio reaches to the front yard,
they have a whole horizon.'
As the little boy was finishing,
the father was speechless.
His son added,
'Thanks, dad, for showing me how poor we are!'

Isn't it true that it all depends on the way you look at
things? If you have love, friends, family, health, good humor,
and a positive outlook towards life You've got everything!
You can't buy any of these things, but still you can have all
the material possessions you can imagine, provisions for the
future, but if you are poor in spirit, you have nothing.
May God Bless you and those you love,
and keep you safe

unknown






 

Zur Startseite

Mailen Sie
Diese Seite gehört zu http://www.gottes-suche.de
nach oben