Eindrücke sind
notwendigerweise sehr subjektiv und selektiv. Der erste Eindruck war:
Hier betrete ich "Freundinnenland", ich bin willkommen, mit der
reflexhaften Opferbeschuldigung muss ich in diesem Haus nicht rechnen.
Ich muss mich auch nicht schämen, Opfer zu sein. - Dieser Eindruck
beherrschte den ganzen Tag im Frauenzentrum des Evangelischen
Kirchentages. Er gab ihm eine große Leichtigkeit in allem
Schweren. Dafür sei den Frauen des Frauenzentrums, allen voran
Pastorin Christina Schlarp und Pastorin Daniela Hammelsbeck, herzlich
gedankt.
Der Stand von GottesSuche diente der Information über unsere
Arbeits- und Selbsthilfegruppe. Marieluise Gallinat-Schneider, die die
Bruchsaler Gruppe als Seelsorgerin begleitet, betreute mit mir und
weiteren Frauen zusammen den Stand. Wir hatten viele eindrückliche
und offene Gespräche mit Frauen, die sich für die Initiative
interessierten. Immer wieder auch wurden wir gefragt, ob es in anderen
Gebieten Deutschlands Gruppen gibt, die der Bruchsaler Gruppe
vergleichbar wären und deren Fokus ebenfalls auf
Traumabewältigung vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens
läge. Da mussten wir mit Bedauern verneinen. Dass auch Männer
sich für die Arbeit interessierten, sei ausdrücklich
vermerkt. Noch immer gibt es erst ausnahmsweise ein Gespür
dafür, dass der Kampf gegen Gewalt an Frauen nicht nur Sache der
Frauen, sondern ebenso sehr Aufgabe von Männern ist.
Der Stand unserer Gruppe war zugleich der Treffpunkt für Frauen
aus der Mailingliste GottesSuche, die sich teilweise virtuell seit 4
Jahren kennen, aber einander bislang noch nicht real begegneten. Es war
einfach eine große Freude zu spüren, wie die
Listengespräche sich nun erweitern konnten um ein Gesicht, eine
Stimme und ein Lachen :-)))) Eine große Freude war auch, dass wir
zum ersten Mal in dem Buch von Dr. Barbara Haslbeck, an dem auch Frauen
aus
der Mailingliste GottesSuche mit einem Bild und mit Nach- und Mitdenken
beteiligt waren, blättern konnten. 1
Es war einfach nur schön und ermutigend, längst nicht mehr
alleine dazustehen, sondern sich eingebettet wissen in ein
tragfähiges Netz von Menschen, die miteinander unterwegs sind. Mit
dabei waren in Köln jene Frauen aus der Liste, die nicht haben
kommen können. Für sie schreibe ich hier auch noch einige
Eindrücke von der Podiumsdiskussion auf. Das Thema lautete: "Ich glaube an Gott, den
allmächtigen Vater. Welche Verantwortung haben Theologie und
Liturgie bei Gewalt gegen Frauen und Mädchen?" Auf dem
Podium waren Dr. Margot Käßmann (Bischöfin der
Ev. luth. Landeskirche Hannover); Frauke Mahr
(LOBBY FÜR MÄDCHEN -
Mädchenhaus Köln e.V.), Astrid
Peter (Germanistin und freie
Bildungsreferentin, Leverkusen); Dr. Barbara
Haslbeck (Katholische Theologin,
Passau). Es moderierte Dr. Angela
Maas (Journalistin, WDR
Köln).
Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit dem Such- und Klagegebet von
Carola Moosbach:
"Mit der Anrede fängt es schon an Gott....
Es ist besser wenn Du nicht zur Familie gehörst Gott
mit denen spreche ich nicht...
aber ich verstehe es nicht und es bringt mich zum Weinen
Bitte finde mich bald Schwester Gott"2
Wieder einmal zeigte sich, wie wahr und unverbraucht Carola Moosbachs
Sprache ist. Frau Dr. Haslbeck und Frau Peter gaben einen Einblick in
das Thema des Podiums. Einige der Überlegungen seien hier genannt.
Sie treffen m.E. den Kern des Problems. Frau Dr. Haslbeck
plädierte dafür, Glaube nach Gewalterfahrungen ins Zentrum
des christlichen Hauses zu stellen, u.a. auch weil Menschen mit
Gewalterfahrungen helfen können, das Profil des christlichen
Hauses, die jesuanische Frohbotschaft, zu schärfen. Ein Bild von
"Gott Vater" aus einem alten Katechismus führte in das Erleben von
Gott ein als Begegnung mit einem alten Mann, von der Erde abgehoben,
mit geschlossenen Augen und herrscherlicher Geste. Frau Dr. Haslbeck
betonte, dass dieses Bild von Gott durch das Verhalten seiner
Vertreterinnen und Vertreter auf Erden fortgesetzt wird.
Gewaltüberlebende berichten ihr, dass sie in der Kirche mit ihren
Erfahrungen nicht vorkommen; dass sie Ratschläge erhalten, die
nicht weiterführen; dass ihre Scham- und Schulgefühle
vermehrt werden und dass ihnen noch immer nicht geglaubt wird. So wie
dieses vermeintlich "alte" Gottesbild Gott zeigt, genau so sind auch
die Erfahrungen, die Betroffene mit Kirchen machen. Sie erleben
keine Aufmerksamkeit, kein Wahrnehmungssensorium. Sie stoßen auf
fühllose und hilflose Sprachlosigkeit.
Als Gründe wurden benannt, dass das Ideal der glücklichen
Kindheit und die Idylle der heilen Familie aufgegeben werden
müssen, wenn
Opfern von Gewalt im Nahbereich Gehör geschenkt werden soll. Die
Konfrontation mit Gewaltopfern führt dazu, dass die Provokation,
die in der fortgesetzten Präsenz des Opfers als Opfer liegt,
ausgehalten werden muss. In jedem Fall ist zu vermeiden, dass sich das
noch immer virulente Bild des allmächtigen, unberührbaren und
fernen Gottes in der Kirche wiederholt. Menschen braucht es, "die mit beiden Beinen auf der
Erde stehen und
nicht bei der ersten Verunsicherung davon laufen; welche, die die Augen
und Ohren
offen halten; es geht also um eine elementare
Leidempfindlichkeit" (J.B.Metz) Wesentlich ist es, einer zutiefst
verunsicherten Person wieder
etwas Selbstsicherheit und Macht zurückzugeben. In der
Gewaltsituation hat sich
keiner für das Opfer parteilich gezeigt – umso mehr braucht es die
nachträgliche Solidarität der Umstehenden im Aushalten des
Leides.
Sehr wichtig scheint mir - und dies wurde in den statements aller
Podiumsteilnehmerinnen ebenso deutlich wie in der Diskussion -, dass
Gewaltüberlebende einen Adressaten benötigen, dem sie ihr
Leid und Leben, ihre Not und Klage, ihre Zweifel, Fragen und Hoffnungen
sagen dürfen. Das Sprechen, das Klagen vor Gott, braucht
unverzichtbar auch einen irdischen Adressaten -
und da liegt die Verantwortung jedes Christen und jeder Christin in den
Kirchengemeinden und Gottesdiensten. An ihrer Solidarität, an
ihrer Leidempfindlichkeit wird sich erweisen, ob Gewaltbetroffene
hoffen lernen, dass Gott eine ist, die und der sich nicht mit Gewalt
und Macht, sondern im "Säuseln des Windes" in das Leben
hineinbuchstabiert. An der Solidarität der MitchristInnen
entscheidet sich, ob das Sprechen von der göttlichen Ruach und der
Chokmah tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit für die führt,
die einen parteilichen Gott so dringend nötig haben.
In der Diskussion, an der auch die ZuhörerInnen beteiligt wurden,
zeigte sich, dass in diesem Frauenzentrum nicht mit Opferbeschuldigung
gerechnet werden musste und dass der christliche Gott ganz eindeutig
auf der Seite der Opfer zu finden ist. Nur in einer kurzen Sequenz
unterlag das Gespräch der Versuchung, sich mit "Räumen
für Täter", in denen die sich ihrer Schuld stellen
können, zu beschäftigen. Frau Dr. Haslbeck warnte
eindringlich davor, den Blick auf abwesende und chronisch unschuldige
Täter zu lenken - und damit erneut den Blick von den Opfern
abzuwenden. Ganz konsequent tauchte im Laufe der Diskussion auch die
Frage auf, warum wir sehr wohl Täterseelsorge, nicht jedoch
Opferseelsorge kennen.
Alle Podiumsteilnehmerinnen - und Frau Dr. Käßmann benannte
dies ausdrücklich - nahmen aus dem Gespräch mit, dass sie
noch aufmerksamer als bislang schon die Perspektive der Opfer in ihrem
theologischen, liturgischen und sozialen Tun im Blick haben werden. Das
Gespräch wurde mit Musik und den "Brauchbitten" von Carola
Moosbach abgeschlossen:
"Wir brauchen welche
die kämpfen können
die nicht davonlaufen beim ersten Geruch des Schreckens
wir brauchen welche
die hoffen können
die Dein Mund sind Dein Ohr und Dein Schrei
denen schick Deine Kraft Gott
die lass ansteckend sein" 3
Tatsächlich: Wir brauchen welche, die nicht davonlaufen beim
ersten Geruch des Schreckens und die Gottes Mund, Ohr und Schrei sind.
Wie entlastend es sein kann, wenn Frauen sich solidarisch verhalten,
das habe ich - und wohl viele mit mir - auf dem Podium und bei den
TeilnehmerInnen des Gespräches an diesem Morgen im Frauenzentrum
des
Kirchentages gespürt. Das macht Hoffnung. Dafür danke ich!
Rika, 10.6.2007
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1Barbara Haslbeck:
Sexueller
Missbrauch und Religiosität. Wenn
Frauen
das
Schweigen
brechen:
eine
empirische
Studie
Münster
2007
(ISBN
3-8258-9449-5) 2 in: Carola Moosbach: Gottflamme Du Schöne
Lob- und Klagegebete, Gütersloh 1997, S. 19-20; vergr. 3 in: Carola Moosbach:
Lobet die Eine. Schweige- und Schreigebete, Mainz 2000, S. 72