Verhalten in kirchlichen
Mailinglisten - ein paar Tipps
Hier noch ein
paar Tipps zum Umgang mit Gewaltüberlebenden in
Mailinglisten kirchlicher, reformwilliger Frauen- und Männer -
Initiativen. Falls ich oder jemand anders das Thema "Gewalt im
Nahbereich" einbringt, können Sie folgendes Vorgehen wählen:
- Loben Sie Abbé Pierre,
der in seiner Biografie
berichtete, dass er immer mal wieder sexuelle Kontakte zu Frauen
hatte, nie jedoch eine Liaison. Stellen Sie fest, wie leibfreundlich
dieses Verhalten ist. Auf meine Reaktion - darin spiegle sich eine
gehörige Portion Frauenverachtung - stellen Sie doch einfach die
Frage, ob etwa auch ich......
- Sprechen Sie davon, dass es
Zeichen einer reifen und
befreiten Sexualität sei, wenn zwei Menschen sich gegenseitig zum
Abbau eines Hormonstaus benutzen.
- Empfehlen Sie der Kirche, die
von ihr unterdrückten
Texte über rituelle Sexualität im Urchristentum doch endlich
zuzulassen und in den offiziellen Kanon der heiligen Texte aufzunehmen.
- Empfehlen Sie, nicht von den
Sünden der anderen zu
sprechen sondern von den eigenen.
- Plädieren Sie
dafür, die Reifungschancen des
Leides doch anzunehmen und nicht permanent im Leid zu versinken - das
sei schließlich nicht lebenslänglich.
- Weisen Sie darauf hin, dass
Christentum nicht nur die
Religion der Schwachen sei, sondern der Glaube der Starken - da
dürften doch die Schwachen nicht das Maß der Dinge sein. Das
würde zu einer Religion für Schwächlinge führen und
Nietzsche bekäme am Ende gar Recht.
- Bemerken Sie, dass die
Befreiung von Sünde das
schöpferische Movens von Menschen zerstöre. Das könne
doch nicht erwünscht sein!
- Als Moderator dieser Liste
weisen Sie - bevor es zur
Diskussion über Gewalt als DIE Sünde kommen kann - darauf
hin, dass diese Diskussion unerwünscht ist. Lassen Sie sich auch
nicht dadurch irritieren, dass Sie in der Einladung zur Mailingliste
ausdrücklich zu Diskussion und Erfahrungsaustauch über
reformwillige Initiativen eingeladen haben. Ändern Sie nach meinem
Hinweis den Einladungstext zur Mailingliste und lassen Sie - gut
katholisch - am Ende nur noch eine Art von Beiträgen zu: Die vom
Moderator eingestellten Informationen/Pressetexte über kirchliches
Leben. Damit haben Sie dann erreicht, was zu erreichen war: Dass es
kein Gespräch über Gewalt im Nahbereich gab und dass kein
Nachdenken über befreiungstheologische Perspektiven für
Gewaltopfer hierzulande stattgefunden hat.
Mit diesem
Vorgehen garantiere ich Ihnen, dass es nicht möglich ist,
miteinander zu überlegen, was Opfer von Gewalt im Nahbereich
an Solidarität der Kirchen brauchen. Ich habe Ihnen hier nur das
Verhalten EINER kirchlichen Mailingliste geschildert. An dieser
Diskussion beteiligten sich überwiegend Männer. In
kirchlichen Frauenlisten tauchen vergleichbare Argumente auf. Aber auch
dort wird das Thema "Gewalt im Nahbereich" so lange diskutiert, bis
Betroffene betroffen den Mund halten und/oder die Moderatorin die
Diskussion beendet, damit nicht die Liste gesprengt wird. Dass
Betroffene der Weiterexistenz der Liste geopfert werden - nun, dieses
Opfer müssen sie schon mal erbringen. Das kann schließlich
von ihnen im Interesse der jeweiligen Sache, die in der jeweiligen
kirchlichen Mailingliste diskutiert wird, erwartet werden - oder nicht?!
1/2006