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Rückblick 2017
Ein Jahr geht zu Ende, in dem sich bestätigte, was zu erwarten war: Das Thema "Sexueller Missbrauch", das Interesse an Betroffenen und die nötigen strukturellen Veränderungen scheinen längst nicht mehr zu den kirchlichen Prioritäten zu gehören. Es braucht weiterhin einen langen Atem, das Thema gegen viele Widerstände und gegen den Mangel an Interesse an den Betroffenen zu lancieren.
Zunächst gibt es Erfreuliches zu berichten.

  • In der Mailingliste GottesSuche geht es nach wie vor sehr lebendig zu. 2.673 Mails wurden im Laufe des Jahres geteilt, im Schnitt 7 Mails pro Tag. Mancher Austausch über biblisch-theologische Fragen verlagerte sich in den wöchentlichen Chat.

  • Der thematische Chat der Listenfrauen hat sich seit Sommer 2016 etabliert. Dort sprechen wir am Ende einer Woche miteinander über einen der katholischen oder evangelischen Bibeltexte des jeweils kommenden Sonntags. Spannend zu sehen ist immer wieder, wie unterschiedlich Bibeltexte gehört und verstanden werden, wie oft die Texte eher verurteilend gelesen werden und wie schwierig es manchmal ist, zu deren ermutigenden, tröstenden und befreienden Perspektiven vorzudringen. Der Austausch bleibt spannend.
  • Ein Höhepunkt des Jahres war unser Listentreffen bei den Missionsbenediktinerinnen in Tutzing. In einer Atmosphäre des Willkommens im Kloster lernten wir die von uns, die neu hinzugekommen waren, ein wenig kennen, tauschten uns aus, sangen bei Kerzenschein im nächtlichen Hof des Klosters, feierten Gottesdienst mit der Klostergemeinschaft, aber auch in unserer Gruppe und freuten uns an einem langen Spaziergang am Starnberger See, der sich im herbstlichen Sonnenschein von seiner schönsten Seite zeigte. Von Ps 119,105 "Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg" ließen wir uns inspirieren, nach dem zu suchen, was uns im Alltag ein Licht und eine Leuchte ist - aber auch danach zu schauen, wo wir selbst anderen Menschen Licht, Entlastung und Freude bringen. Ein Lied von Leonard Cohen erzählte uns von dem Sprung und dem Riss in allem, durch den das Licht hereinkommen kann: "Ring the bells that still can ring, Forget yout perfekt offering. There is a crack, a crack in everything, That's how the light gets in." Dass es diesen Riss in unseren un-perfekten Leben gibt, konnte jede von uns mit Dankbarkeit wahrnehmen. Wieder einmal zeigte sich, dass wir einander in den virtuellen Kontakten nicht anders begegnen als in den realen Treffen. Neu gestärkt, dankbar für die Gastfreundschaft der Missionsbenediktinerinnen und froh über unsere Gemeinschaft reisten wir ab - wissend, dass die Gemeinschaft uns auch weiterhin tragen wird.
  • In einem Gottesdienst mit anschließender Podiumsdiskussion in der Pallottiner-Gemeinschaft Bruchsal war es möglich, ein wenig die Erwartungen von Missbrauchsopfern an die christliche Gemeinde zu thematisieren. Zugleich zeigte sich, wie schwierig es nach wie vor ist, Interesse an Betroffenen und Verständnis für sie zu wecken. Noch immer - oder schon wieder? - scheinen Betroffene nicht dazuzugehören (wenn diese das überhaupt noch wollen) und nicht der Rede wert zu sein. Die "Achtsamkeit", die in der Präventionsarbeit zu Recht thematisiert wird, muss im Blick auf diejenigen, die unwiderruflich zum Opfer geworden sind, erst noch in den Gemeinden geweckt werden. Eine Daueraufgabe.

  • Eine Gruppe Betroffener trifft sich seit Herbst 2003 monatlich - bis 2015 in Bruchsal in einer Gemeinde, inzwischen in Karlsruhe in Privaträumen. Seelsorglich begleitet wird die Gruppe von der kath. Gemeindereferentin Frau Gallinat-Schneider. (Danke!!!)
  • In Zusammenarbeit mit der Präventionsstelle des Erzbistums Freiburg und dem katholischen Bildungszentrum Singen am Hohentwiel war es möglich, in zwei intensiven Tagen mit SeelsorgerInnen über Seelsorge mit Missbrauchsopfern ins Gespräch zu kommen. Das Interesse so vieler SeelsorgerInnen - einer reiste aus der Nordkirche an! - an der Tagung habe ich mit Freude wahrgenommen. Mir selbst wurde im Lauf des Jahres - auch in konkreten Begegnungen im direkten Umfeld - wieder deutlich vor Augen geführt, dass Missbrauchsopfer mitten unter uns sind - und wie viele es sind. Das Schaubild mag veranschaulichen, was im Alltag unsichtbar ist.

Schaubild

Nach wie vor ist es nicht einfach, Verständnis für die Belange von Missbrauchsopfern zu wecken.
  • Dies mag ein Vorgang beleuchten, der sich zwischen Mai 2016 und heute abspielt. In einem kirchlichen Aufklärungsvideo wird vom Opfer-Sein der Täter und dem Täter-Werden der Opfer gesprochen. Grenzverletzungen durch Missbrauchstäter werden als "zufällig" dargestellt. Übersehen wird in dem Video, dass Grenzverletzungen durch Missbrauchstäter gerade nicht zufällig vorkommen, sondern gezielt eingesetzt werden. Außerdem wird von einem "Wir" gesprochen, bei dem klar ist, dass Missbrauchsopfer nicht dazugehören. Erstmals im Mai 2016 wies ich ein Bistum auf die Opferausgrenzung und Opferfeindlichkeit dieses Aufklärungsvideos hin. Mein Hinweis wurde nicht verstanden. Als das Video im November 2016 in einem zweiten Bistum auftauchte, wurde mein Schreiben an die Präventionsverantwortliche erst gar nicht beantwortet. In der Folge übernahmen weitere Bistümer das Aufklärungsvideo unverändert. Schließlich fand ich im Oktober 2017 das Video auch bei der Deutschen Bischofskonferenz vor. Ich meldete auch dort meine Bedenken an. Ich erhielt die Antwort, dass mein Schreiben an die zuständigen Präventionsverantwortlichen der Bistümer weitergeleitet wurde. Seither hörte ich nichts mehr - das Video ist unverändert (Ende Dez. 2017) in mindestens fünf Bistümern und auf der Präventionsseite der Bischofskonferenz online. Soll ich tatsächlich glauben, dass die Opferabwehr von den Bistümern und der Bischofskonfrenz beabsichtigt ist?
(Nachtrag Januar 2018: Auf Nachfrage nach dem Stand der Überlegungen erhielt ich die Auskunft, dass die verantwortlichen Präventionsfachleute den "Film grundsätzlich nach wie vor für sehr gut halten als niederschwelliges Informationsangebot." Er werde bei Präventionsschulungen genutzt und erhalte auch von FachexpertInnen gute Rückmeldungen. Überarbeitungsbedarf bestehe nur wegen der Änderungen im Strafrecht.)
  • Das Buch von Daniel Pittet: Pater, ich vergebe euch! ist von kirchlichen Kreisen dankbar aufgenommen worden und von Papst Franziskus mit einem Vorwort gewürdigt worden. Der Grund könnte darin liegen, dass Pittet in diesem Buch von "Vergebung" spricht und Vergebung so definiert: "Die Vergebung bedeutet, dass ich in meinem Peiniger einen Menschen sehe, der Verantwortung trägt." Vergebung bedeutet bei Pittet also gerade nicht, dass er seinem Peiniger vergibt, sondern dass er ihm die Schuld und Verantwortung für den Missbrauch zuweist. Das ist eine Umdeutung des Begriffs Vergebung. Sie wird jedoch erstaunlicherweise in kirchlichen Kreisen gar nicht als Umdeutung wahrgenommen. Da scheint es zu genügen, dass der Begriff Vergebung fällt, dass der Autor den bis dahin in kirchlichem Dienst stehenden Kapuziner, der etwa 40 Kinder sexuell missbrauchte, traf, ohne Ärger oder Zorn ihm gegenüber oder Vorwürfe gegen die kirchlich Verantwortlichen zu äußern.

Pittet empfiehlt überdies kirchlichen und familiären Missbrauchsopfern das Schweigen, weil den Opfern oft nicht geglaubt werde. Ich halte es für äußerst fragwürdig, dass ein Opfer andere Opfer zum Schweigen aufruft. Nötig wäre vielmehr ein Appell an die Umgebung, den Opfern zuzuhören, ihnen zu glauben und ihnen zu helfen.
Bei aller Kritik ist Pittets Buch zugleich ein beeindruckendes Zeugnis dafür, dass der christliche Glaube eine Hilfe im Umgang mit Missbrauchsfolgen sein kann. Dafür ist dem Autor zu danken.

  • Dankenswerter Weise macht Pater Hans Zollner, SJ, Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission, immer wieder darauf aufmerksam, dass es noch immer an einer Theologie des Missbrauchs fehlt. Mir bleibt unverständlich, warum meine Kirche noch kaum die theologischen Implikationen sexuellen Missbrauchs als Forschung und theologisches Nachdenken prioritär behandelt. Schließlich ist sie die einzige Institution, die dazu in der Lage ist.

  • Noch immer bleibt der Blick von Kirchenverantwortlichen auf Missbrauchsopfer von Priestern und Ordensmännern eingeengt. Die Mitmenschen und Mitchristen, die Opfer wurden, geraten nicht in den Fokus. Sowohl diejenigen, die Opfer von Klerikern wurden, als auch diejenigen, die in Familien, im Nahbereich, in nicht-kirchlichen Institutionen zum Opfer wurden, werden noch immer als Außenstehende wahrgenommen, die nicht zum "Wir" der Kirche dazugehören. Daher sind kritische Rückfragen an diese Sichtweise zu richten. Nach wie vor trifft die Beobachtung von Marie Collins von 2012 zu: "Es gibt aus meiner Sicht sehr wenig spirituelle Hilfe für die Überlebenden. Ich habe das mit Angehörigen der katholischen Kirche in Irland diskutiert, und mir scheint, sie betrachten die Opfer als außerhalb der Kirche stehend, als verletzt und zornig und nichts mehr mit der Kirche zu tun haben wollend. Nun, die meisten Missbrauchsopfer kamen aus katholischen Familien, deshalb hatten ja die Priester Zugang zu ihnen. Zu denken, dass die Überlebenden kein Interesse mehr daran haben, den katholischen Glauben zurückzugewinnen, ist – meine ich – falsch."1 
  • Bedauerlich ist, dass die neuen Mitglieder der Päpstlichen Kinderschutzkommission nicht zum Ende der Amtszeit am 17.12.2017 ernannt wurden. Unklar ist auch, wie und ob in Zukunft Opfer in dieser Kommission vertreten sein werden. Im Gespräch ist, kirchliche Missbrauchsopfer in einen Beirat zu berufen, um sie noch besser als bisher zu hören. Mir ist nicht verständlich, wie das gehen soll: Den Opfern besser zuzuhören und sie zugleich von Mitbestimmung und Einfluss auf Entscheidungen auszuschließen
  • In Australien hat die königliche Missbrauchskommission ihre Ergebnisse vorgelegt. Zwei Forderungen wurden heftig diskutiert: Die Forderung nach Aufhebung des Beichtgeheimnisses und die Forderung nach Aufhebung des Pflichtzölibates.

    • Wenn Opfer damit rechnen müssen, sich im Anschluss an eine sakramentale Beichte als Zeugen sexuellen Missbrauchs oder als zu einer Anzeige gedrängte Opfer mit der Justiz auseinandersetzen zu müssen, werden sie im Beichtgespräch nichts von Missbrauch erzählen.

    • Die australischen Untersuchungsergebnisse (7% Missbrauchstäter unter Priestern und Ordensmännern) legen es nahe, zumindest von einer Missbrauch begünstigenden Rolle des Pflichtzölibates auszugehen. Es ist jedoch kaum zu erwarten, dass der schon lange innerkirchlich diskutierte Pflicht-Zölibat in absehbarer Zeit aufgehoben wird.

Die strukturellen Veränderungen2 hingegen, die die australische Missbrauchskommission forderte, scheinen bislang kein Interesse der kirchlichen Verantwortlichen zu finden. Sie würden helfen, den Schutz von Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Abhängigen zu verbessern.

Das Fazit: Nach wie vor finde ich interessierte und engagierte MitchristInnen, die sich unermüdlich für die Belange von Missbrauchsopfern - nicht selten gegen viele innerkirchliche Widerstände - einsetzen. Nach wie vor jedoch ist weder bei allen Kirchenverantwortlichen noch in vielen Kirchengemeinden angekommen, dass Missbrauchsopfer allerorten, auch in der Kirche, anzutreffen sind, Solidarität und Unterstützung suchen - und sie so oft nicht finden. Es bleibt weiterhin eine Aufgabe, um Solidarität zu werben. Nach wie vor ist auch nicht im Blick, dass kirchliche und außerkirchliche Missbrauchsopfer seelsorgliche Begleitung suchen - und beklagenswert selten kompetente SeelsorgerInnen finden. Christliche Seelsorge ist Alleinstellungsmerkmal einer christlichen Kirche - sie kann von keiner anderen Institution geleistet werden. Mir bleibt schleierhaft, warum es noch immer so wenig Anstrengungen gibt, SeelsorgerInnen für Missbrauchsopfer auszubilden.

Noch immer hören sich kirchliche Äußerungen, die den Missbrauch von Kindern, Jugendlichen, erwachsenen Schutzbefohlenen beklagen, seltsam unbeteiligt, routiniert, oft nichtssagend an. Zu wünschen bleibt noch immer die ehrliche Umkehr von Kirchenleitungen und christlichen Gemeinden zu den Opfern, nicht nur der eigenen Pastoral. Wo diese Umkehr gelingt - und auch das geschieht!- , ereignet sich Heilsames für Opfer; da wird das Evangelium praktisch.

31.12.2017 Erika Kerstner


1 Tagesmeldung Radio Vatikan vom 9. 2. 2012, http://de.radiovaticana.va/Articolo.asp?c=561781, Abruf am 24. 6. 2015; nicht mehr online.
2 Die Kommission sieht Veränderungsbedarf in folgenden katholischen Bereichen: Transparenz, Rechenschaftspflicht, Konsultation, Beteiligung von Laien - Frauen und Männern; Auswahl der Bischöfe, die deren Bemühen um den Schutz von Kindern im Blick hat; transparente Wahl der Bischöfe unter direkter Beteiligung von Laien; Änderung des Kirchenrechts, das bislang Kindesmissbrauch als Verletzung des Zölibatsgesetzes sieht - nicht als Verletzung von Kindern und Jugendlichen; Anhebung des Schutzalters von 14 Jahren auf 18 Jahre; Aufhebung des "päpstlichen Geheimnisses" (secretum pontificium) für Kindesmissbrauch; zeitnahe Veröffentlichtung von vatikanischen Entscheidungen und Vorlage schriftlicher Entscheidungsgründe - ausgenommen Informationen, die zur Identifizierung von Opfern führen könnten; Verlängerung der Aufbewahrungspflicht von Akten von 10 auf 45 Jahre; Überprüfung klerikaler Denk- und Verhaltensweisen; Auswahl, Ausbildung und berufsbegleitende Fortbildung der Kleriker unter Hinzuziehung von Fachleuten.

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