nach unten  Christinnen mit Gewalterfahrung
nach unten  Stichwort Christentum und Kirchen
nach unten  Erinnerung


Wer sind die "Christinnen mit Gewalterfahrungen"?


Wir sind Frauen, die in der Kindheit, Jugend oder im Erwachsenenalter Gewalt erlebt haben. Diese Gewalt erfuhren wir körperlich, seelisch, sexuell oder als Kombination dieser Gewaltformen. Sie war einmalig, mehrmalig oder auch langjährig. Sie konnte in der Familie, einer Beziehung oder Ehe, in einer Schule, in der Jugendarbeit, aber auch in Therapie oder Seelsorge geschehen. Sie ging von Menschen aus.

Jede von uns hat ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Bewältigungsstrategien. Von unserer Verschiedenheit können wir lernen - die Gemeinsamkeit der Traumatisierung jedoch ist es, die uns verbinden kann.

Wir sind unsichtbar und machen uns unsichtbar. Die Scham, Opfer geworden zu sein, lässt uns ebenso verstummen wie das gesellschaftliche und kirchliche Schweigetabu. Für die kirchliche und gesellschaftliche Öffentlichkeit ist das Wissen um Opfer von Gewalttaten - und damit natürlich auch das Wissen um Täter und Täterinnen - schwer zu ertragen.

Dieses Wissen konfrontiert Menschen mit der Erkenntnis, dass das Leben, die Menschen, die Welt, Gott vielleicht nicht so zuverlässig und sicher sind, wie das für ein normales Leben anzunehmen notwendig ist. Dieses Wissen führt zur Erkenntis, dass jede/r von uns Opfer einer Gewalttat werden kann. 

Unsere Unsichtbarkeit und unser Schweigen werden weder uns noch andere schützen. Sie spielen den Tätern und Täterinnen in die Hände. Das darf - um Gottes willen - nicht sein.



nach oben






Stichwort Christentum

„Wäre nicht Gott meine Hilfe, bald würde ich im Land des Schweigens wohnen.“ ( Ps 94, 17)
Ps 94,17

In einer multireligiösen Welt ist es nötig, genauer zu beschreiben, was ich unter Christentum verstehe. Es gilt zu begründen, warum gewaltüberlebende Frauen auf dieser HP ihre Hoffnung auf den christlichen Gott setzen.

Im Chaos der Traumabewältigung, in den Bodenlosigkeiten der oft andauernden Traumafolgen ist es gut, nach einem Halt Ausschau zu halten, der auch dann noch tragen kann, wenn andere Sicherheiten zusammenbrechen und versagen und wenn der Blick auf das, was Menschen einander antun können, das blanke Entsetzen lehrt. Dann ist es gut, eine Perspektive der Hoffnung zu haben, die das eigene Leben umgreift, sich aber nicht darauf beschränkt. Dann ist es gut, Zeuginnen und Zeugen vorzufinden, die mit ihrem Leben dafür grade stehen, dass Gott es gut mit uns und mit dieser Welt meint.

Es ist wichtig, sich immer neu zu vergewissern, dass der mühsame und zu manchen Zeiten kaum erträgliche Weg der Heilung ein von Gott gewollter Weg zu einem "Leben in Fülle" ist. Dabei ist Heilung ein legitimes Ziel, Heil jedoch noch wichtiger. Wir müssen uns immer neu versichern und zusagen lassen, dass wir für unsere Heilung kämpfen dürfen. Die Botschaft der Gewalt hieß: Du bist ein Gebrauchsgegenstand; der Willkür von Menschen ausgeliefert; nicht wert des Schutzes und der Fürsorge; benutzbar und ausbeutbar. Dieser eingebrannten und vielfach bestätigten Botschaft ist eine andere entgegenzusetzen: Du bist ein Mensch, von Gott gewollt und kostbar.

Wenn wir in der jüdisch-christlichen Tradition nachschauen, finden wir das Maß gebende Befreiungsereignis in der Herausführung des versklavten Volkes aus ägyptischer Knechtschaft. Gott selber sorgte dafür, dass die Ausbeutung der Hebräerinnen und Hebräer durch die ägyptischen Herrenmenschen ein Ende hatte. Gott selber schützte und begleitete sein Volk beim jahrzehntelangen Gang durch die Wüste. Gott selber gab die Lebens-Mittel auf diesem Wüstenweg und zeigte dem Volk die Richtung in das Land der Freiheit.

Israel hat aber auch die Erinnerung an das Murren des Volkes auf diesem langen und beschwerlichen Weg, dessen Ende nicht absehbar war, aufbewahrt. Angesichts der Not des Weges zur Freiheit sehnte es sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Lieber wollte es die bekannte Unfreiheit als die unbekannte Freiheit haben. Diese Versuchung ist vielen von uns ebensowenig unbekannt wie die Versuchung, das Heil zwischendurch bei anderen Göttern suchen zu wollen. Die "goldenen Kälber" haben andere, vielleicht subtilere Formen angenommen. Sie zeigen sich als Stimmen, die uns von unserer Wertlosigkeit überzeugen wollen; als Verzagtheit und Kampfesmüdigkeit; als die Versuchung, "Abkürzungen" bei der Heilung nehmen zu wollen, von denen wir wissen können, dass sie sich als Sackgassen erweisen werden; als quälende Schuldgefühle - von TäterInnen implantiert -, die uns mürbe machen wollen; als den Wunsch, nur noch um das private Glück zu kämpfen und andere Menschen, die unter die Räder gekommen sind und fortwährend kommen, im Stich zu lassen.

Wir können den unbedingten Befreiungswillen Gottes auch in Leben, Tod und Auferstehung Jesu nachzeichnen. In seinem Leben erfahren wir, dass Gott jene zu ihren "bevorzugten Kindern" erklärte, die von allen verachtet waren, die an den Rand gedrängt, zum Schweigen gebracht, blind und taub gemacht worden waren. Dass die Einlösung dieses Versprechens Gottes nicht kostenneutral, unpersönlich und unverbindlich war, können wir an Jesu Bereitschaft ablesen, den Befreiungswillen Gottes für die "Letzten" mit Leib und Leben zu unterschreiben. Wir dürfen wissen, dass es Jesus mit uns ernst war.

Und weil dies so ist, müssen wir auch sagen, wo und mit welchen Mitteln die Gewalt bis heute in Kirchen und Gesellschaft fortgesetzt und legitimiert wird dadurch, dass
  • Frauen unsichtbar gemacht und diskriminiert werden
  • Frauen ihres Subjektseins beraubt und auf des Menschen unwürdige Rollen festgenagelt werden
  • das Patriarchat Himmel und Erde unter sich und auf Kosten von Frauen aufteilt
  • Frauen religiös enteignet und heimatlos gemacht werden
  • auch der christliche Gott zur Aufrechterhaltung von Unrecht instrumentalisiert wurde und wird
  • eine kirchliche Leidens- und Opfertheologie Frauen in ihrer Menschenwürde beschneidet
  • Gottes- und Menschenbilder transportiert werden, die Gott und Mensch nur männlich denken können
  • eine aus den Schöpfungsberichten vermeintlich ableitbare Urschuld der Frauen belegt wird
  • Vergebung als Keule gegen Gewaltopfer verwendet wird
  • ........
Gegen Scham, aufoktroyiertes Schuldgefühl und Hilflosigkeit setzen wir die Perspektive der Solidarität des Volkes Gottes - und beginnen damit, dass wir einander trösten, ermutigen und Leid gemeinsam zu tragen versuchen. Wir suchen in unserem Glauben an einen treuen und mit uns mitgehenden Gott Quellen des Mutes und der Kraft, der befreienden Klage und Anklage, der Freude und des Berechtigtseins. Gegen das Schweigen setzen wir das "Beten mit offenen Augen" und das Sprechen.
Versuchungen zu alter Versklavung in neueren Gewändern, wie sie in fundamentalistischem Christentum vorliegen, wollen wir widerstehen. Wir wollen uns auch nicht auf die Banalität, Trivialisierung und beliebige Relativität von
esoterischem Christentum einlassen.


Wir gehen diesen Weg für uns selbst, in unserem ureigenen Interesse. Wir gehen ihn aber auch in dem Bewusstsein, dass wir eingebunden sind in eine vielfältig verflochtene Geschichte und Welt. Ich hoffe, dass eine nächste Kinder- und Frauengeneration auf diesen Mosaikstein der Befreiung zurückgreifen kann und dass das Wissen um Gott, der das Heil aller Menschen - auch das Heil Gewaltüberlebender - will, nicht verloren geht.
Zum Stichwort Kirche(n) noch ein paar Anmerkungen:
"Solange wir nicht wissen, wohin wir gehen sollen, sind wir immer auf dem richtigen Weg" -- heißt ein flapsiges Wort, das die Orientierungsprobleme in einer unübersichtlichen Welt gut beschreibt. Christinnen jedoch kennen das Ziel. Sie nennen es mit Jesus "Reich Gottes". Die Frage, die sich mir und anderen Christinnen auf dieser HP immer neu stellt, ist: Wozu brauchen wir (mit mal mehr und mal weniger Distanz zu ihr) dazu denn eine katholische oder evangelische Kirche? Warum genügt es nicht, sich alleine auf den Weg zu machen zu mehr Solidarität und zu mehr Gottverbundenheit? Was führt ausgerechnet Frauen, die auch kirchlich legitimierte Gewalt erlebt haben, nicht aus der Kirche hinaus?
  • Ich gehe davon aus, dass Gott mit unserer Welt etwas vorhat und dass Jesus dazu eine Gruppe von Menschen zusammengeführt hat, diejenigen "die zum Herrn1 gehören", grch. kyriake = Kirche. Es war die Kirche, die uns trotz allen Unrechts und aller Verdunkelung des Evangeliums durch eine oft gewaltgetränkte Geschichte hindurch das Evangelium geschrieben, ausgewählt, und es durch die Jahrhunderte tradiert hat. Ohne die Kirche gäbe es kein Evangelium.
  • Eine Institution ist immer auch eine Hilfe gegen das Vergessen. Wäre die Erinnerung den Unvollkommenheiten des Erinnerns Einzelner überlassen, würde schnell sehr viel an Erkenntnis und Erfahrung verloren gehen. Kirche tradiert das Evangelium, die Erfahrungen damit und die Reflexion über die Erfahrungen. Da sie eine Gemeinschaft ist, kann sie eine Vielfalt an Erfahrungen integrieren und behalten. Auf diese Vielfalt können wir zurückgreifen.
  • Ein Individuum mag schnell den eigenen Weg für den einzig richtigen halten. In einer Institution - insofern sie sich nicht gegen Kritik immunisiert und sich immer neu am Evangelium misst und messen lässt - besteht die Möglichkeit, eine individuelle Sicht zu erweitern, Einseitigkeiten zu korrigieren, arbeitsteilig Perspektiven lebendig zu halten. Keine muss alles im Auge haben; jede kann darauf vertrauen, dass ihre Einseitigkeiten durch die Perspektiven anderer erweitert werden.
  • In einer Zeit hoher Individualisierung und Autonomie ist die Gefahr der Isolation, Vereinzelung und Entsolidarisierung hoch. Eine Gemeinschaft hingegen birgt die Chance, Solidarität, Trost und Schutz gegen die Atomisierung des Lebens zu setzen. Das Sich-Binden an eine konkrete, unvollkommene Gemeinschaft mag immer auch mühsam sein. Im Ernstfall jedoch kann es ein Halt sein - wenn man vor Ort eine Weggemeinschaft von ChristInnen findet.
  • Eine Institution bündelt die Reflexion vieler Menschen. Darauf kann - kritisch - zurückgegriffen werden, wenn es darum geht, Klarheit über den eigenen Glauben zu gewinnen; Taugliches von Banalem, Falsches von Wahrem zu unterscheiden. In einer multireligiösen Welt ist diese Fähigkeit der Unterscheidung notwendig. Es ist hilfreich, das Nachdenken Anderer zu Rate zu ziehen auf dem Weg, Wahrheit zu finden. 
Und ein letztes Argument für die Zugehörigkeit zu einer zweifelsohne reformbedürftigen, oft maroden, vielleicht hier bei uns sterbenden Form von Kirche: Es feiert sich einfach so schlecht alleine :-) Es ist also gut, sich vor Ort eine Gemeinde und dort ein paar Menschen zu suchen, die mitgehen und eben auch mit-feiern.

16.12.2003; ergänzt 31.7.2004
Rika

1 Wenn ich das Wort "Herr" verwende, dann immer in der ursprünglichen Bedeutung: Herr aller Herren


Seitenanfang



Erinnerung


Wir sind davongekommen. Manche von uns sind mit dem Leben davongekommen, andere ohne das Leben. Denn Leben ist mehr als Überleben.

An dieser Stelle denken wir an die Menschen, die uns vertraut waren und die nicht überlebt haben. Wir trauern um sie.

Unser Versuch, Gewalterfahrungen dem gesellschaftlichen und kirchlichen Schweigen zu entreißen, ist das Bemühen, Betroffenen Wegbegleiterinnen zu sein zum Leben.

Unser Versuch ist zugleich ein Protest gegen den Tod der Menschen, die uns nahe standen und die ihre Lebensgeschichte nicht überlebten.

Jes 27,8a

Und aus der Jesaja-Apokalypse noch ein Trostwort für die unter uns, die mit dem vorzeitigen Tod "Einer von uns" konfrontiert sind: "Vernichten den Tod auf immer und abwischen wird mein Herr, Jahwe, Tränen von jedem Angesicht."


Zur Startseite
Kontakt
Diese Seite gehört zu http://www.gottes-suche.de zum Seitenanfang