Zum
Stichwort Kirche(n)
noch ein paar Anmerkungen:
"Solange wir nicht wissen, wohin
wir gehen sollen, sind wir immer auf dem
richtigen Weg" -- heißt ein flapsiges
Wort, das die Orientierungsprobleme in einer
unübersichtlichen Welt gut beschreibt.
Christinnen jedoch kennen das Ziel. Sie
nennen es mit Jesus "Reich Gottes". Die
Frage, die sich mir und anderen Christinnen
auf dieser HP immer neu stellt, ist: Wozu
brauchen wir (mit mal mehr und mal weniger
Distanz zu ihr) dazu denn eine katholische
oder evangelische Kirche? Warum genügt
es nicht, sich alleine auf den Weg zu machen
zu mehr Solidarität und zu mehr
Gottverbundenheit? Was führt
ausgerechnet Frauen, die auch kirchlich
legitimierte Gewalt erlebt haben, nicht aus
der Kirche hinaus?
- Ich gehe davon aus, dass
Gott mit unserer Welt etwas vorhat und
dass Jesus dazu eine Gruppe von Menschen
zusammengeführt hat, diejenigen
"die zum Herrn1 gehören",
grch. kyriake = Kirche. Es war die
Kirche, die uns trotz allen Unrechts und
aller Verdunkelung des Evangeliums durch
eine oft gewaltgetränkte Geschichte
hindurch das Evangelium geschrieben,
ausgewählt, und es durch die
Jahrhunderte tradiert hat. Ohne die
Kirche gäbe es kein
Evangelium.
- Eine Institution ist immer
auch eine Hilfe gegen das Vergessen.
Wäre die Erinnerung den
Unvollkommenheiten des Erinnerns
Einzelner überlassen, würde
schnell sehr viel an Erkenntnis und
Erfahrung verloren gehen. Kirche
tradiert das Evangelium, die Erfahrungen
damit und die Reflexion über die
Erfahrungen. Da sie eine Gemeinschaft
ist, kann sie eine Vielfalt an
Erfahrungen integrieren und behalten.
Auf diese Vielfalt können wir
zurückgreifen.
- Ein Individuum mag schnell
den eigenen Weg für den einzig
richtigen halten. In einer Institution -
insofern sie sich nicht gegen Kritik
immunisiert und sich immer neu am
Evangelium misst und messen lässt -
besteht die Möglichkeit, eine individuelle
Sicht zu erweitern,
Einseitigkeiten zu korrigieren,
arbeitsteilig Perspektiven lebendig zu
halten. Keine muss alles im Auge haben;
jede kann darauf vertrauen, dass ihre
Einseitigkeiten durch die Perspektiven
anderer erweitert werden.
- In einer Zeit hoher
Individualisierung und Autonomie ist die
Gefahr der Isolation, Vereinzelung und
Entsolidarisierung hoch. Eine
Gemeinschaft hingegen birgt die Chance,
Solidarität, Trost und Schutz
gegen die Atomisierung des Lebens
zu setzen. Das Sich-Binden an eine
konkrete, unvollkommene Gemeinschaft mag
immer auch mühsam sein. Im
Ernstfall jedoch kann es ein Halt sein -
wenn man vor Ort eine Weggemeinschaft
von ChristInnen findet.
- Eine Institution
bündelt die Reflexion vieler
Menschen. Darauf kann - kritisch -
zurückgegriffen werden, wenn es
darum geht, Klarheit über den
eigenen Glauben zu gewinnen;
Taugliches von Banalem, Falsches von
Wahrem zu unterscheiden. In einer
multireligiösen Welt ist diese
Fähigkeit der Unterscheidung
notwendig. Es ist hilfreich, das
Nachdenken Anderer zu Rate zu ziehen auf
dem Weg, Wahrheit zu finden.
Und ein
letztes Argument für die
Zugehörigkeit zu einer zweifelsohne
reformbedürftigen, oft maroden,
vielleicht hier bei uns sterbenden Form von
Kirche: Es feiert sich einfach so schlecht
alleine :-) Es ist also gut, sich vor Ort
eine Gemeinde und dort ein paar Menschen zu
suchen, die mitgehen und eben auch
mit-feiern.
16.12.2003;
ergänzt 31.7.2004
Rika
1
Wenn ich
das Wort "Herr" verwende, dann immer in der
ursprünglichen Bedeutung: Herr aller
Herren