Rezension des Buches von
Barbara
Haslbeck: Sexueller Missbrauch und Religiosität. Wenn Frauen das
Schweigen brechen: eine empirische Studie
Wissenschaftliches
Plädoyer für praktische Solidarität
In den Kirchen ist nach Jahrzehnten der Frauenbewegung die
Notwendigkeit der Aufklärung über Gewalt und die
Prävention von
Gewalt angekommen. Die Hilfe im akuten Notfall ist recht gut ausgebaut.
Noch kaum im
Blick der Kirchen ist jedoch bislang die Gruppe von Frauen, die von
Aufklärung und Prävention nicht mehr erreicht werden und auch
nicht der Akuthilfe bedürfen: Frauen, die als Kinder Opfer von
sexueller Gewalt wurden und lebenslänglich mit der
Bewältigung des Traumas zu tun haben.
Diese Menschen stehen im Mittelpunkt der Dissertation von Barbara
Haslbeck. Die Autorin fragt zunächst in der umfangreichen und
höchst spannend zu lesenden Arbeit, welche
ressourcenorientierten und salutogenetischen Perspektiven die
Traumaforschung anzubieten hat und wo der Ort der Praktischen Theologie
in diesem Themenbereich ist.
Weil B. Haslbeck für eine optionale Theologie an der Seite der
Opfer plädiert, geht sie auch an den Betroffenen nicht vorbei. Im
Zentrum der Arbeit stehen daher acht verdichtet rekonstruierte
Interviews mit Frauen zwischen 28 und 53 Jahren, die als Kinder
sexuelle Gewalt erlebten. In den Interviews geraten sowohl Erfahrungen
mit persönlicher als auch mit kirchlicher Religiosität in den
Blick. Der Zündstoff, der in den Erfahrungen der Gewaltopfer mit
Kirchen sichtbar wird, wird von der Autorin im letzten Teil der Arbeit
reflektiert und interpretiert.
Dabei geraten vor allem zwei Handlungsperspektiven in den Blick:
a. Gewaltopfer benötigen Solidarität auch der Kirchen, die in
eindeutiger Option an der Seite von Gewaltopfern stehen, eine
Klagekultur ermöglichen, wider falsche Toleranz aufstehen und die
Kategorie Sünde im Interesse der Opfer wiederentdecken.
b. Gewaltopfer werden auf der Suche nach Sinn mit problematischen
esoterischen, charismatischen, aber auch problematischen kirchlichen
Sinnangeboten konfrontiert. Apathisches Christentum und narkotisierende
Rede vom Kreuz, die Tyrannei gelingenden Lebens weist die Autorin als
nicht hilfreich zurück. Sie plädiert vielmehr für ein
geschichtliches Mitgehen mit den Menschen. So fehlen dann auch nicht
die Impulse, die aus der Praxis entstanden sind und die Praxis
reflektieren.
Für befreiungstheologisch interessierte Fachleute -
TheoretikerInnen und PraktikerInnen - ist dieses Buch ebenso wichtig
wie es für Betroffene interessant ist. Das Buch schließt die
Lücke, die es derzeit noch zwischen theologischen und
kirchenamtlichen Absichtserklärungen einerseits und den
Gewaltbetroffenen andererseits gibt.