
Walter Gross stellt sich in diesen beiden
Aufsätzen[1]
in dem Sammelband „Angesichts des Leids an Gott glauben? Zur Theologie
der
Klage“ der Frage, wie das Erste Testament mit der sogenannten
„Theodizee-Frage“
umgeht. Seine Beobachtungen scheinen mir bemerkenswert. Er zitiert
zunächst Am
3,6. Dort wird alles, was geschieht, auch das Unglück, auf Gott
zurückgeführt. Mit Blick auf Ps 88
bedenkt Gross das Leid eines einzelnen Menschen.
Er kommt zu drei Thesen:
1. In Israel
wurde mit Selbstverständlichkeit angenommen, dass YHWH alle Übel
ausnahmslos
bewirkt.
2. „Der Glaubende in Israel nimmt eigenes
und fremdes
Leid voll Empörung wahr, er wendet sich nicht ab, sondern schaut hin
und
spricht es in aller Härte vor Gott aus.“[2]
3. „Das Leid wird dem Schwerkranken zum
Gottesproblem.
Der leidende Mensch hält an seiner Unschuld fest und beschuldigt seinen
Gott.“[3]
1. Gott ist für alles, auch für das Übel
verantwortlich
Die Argumentationskette in Amos 3,4-6.8
läuft darauf
hinaus zu belegen, dass Jahwe für alles verantwortlich ist. Ähnlich
lesen wir
bei Ijob: 2,10: „Auch das Gute nehmen wir von Gott entegen, und das
Böse
sollten wir nicht entgegennehmen?“ In Am 9,1-4 wird die assyrische
Brutalität
der Kriegsführung angeklagt – und dennoch wird zugleich das Handeln der
Assyrer
auf Gott zurückgeführt. Bei
Deuterojesaja Jes 45,1.5-7 wird der persische König Kyros als Gesalbter
Jahwes
bezeichnet, der den Exilierten die Heimkehr ermöglicht. Deuterojesaja
lässt
Jahwe
sagen, er habe die Finsternis erschaffen UND er habe das Unheil
geschaffen.
Diese Aussagen, die alles auf Jahwe
zurückführen,
sind dort nötig, wo Israel sich zum Monotheismus durchgerungen hat; zur
Erkenntnis, dass es nur einen Gott gibt. Einen solchen Glauben gegen
die
polytheistische Umwelt durchzuhalten, führt dazu, Gott als Verursacher
von „all
diesem“ zu bekennen. Dualistisches Denken konnte so zurückgewiesen
werden. Für
Menschen des Alten Testamentes war nicht fraglich, ob Gott auch für das
Leid
verantwortlich ist. Für sie war nur fraglich, warum Gott für das Leid
verantwortlich ist. Jahwe-Gläubige weisen im AT die billige Ausrede
zurück,
dass Gott für das Gute und der Mensch für das Böse zuständig sei.
Zurückgewiesen wird auch ein Gesichtspunkt, der nach wie vor auch in
den
christlichen Kirchen zu finden ist: Dass Leid eine Strafe, eine
Erziehungsmaßnahme oder eine Prüfung sei.
2. „Der Glaubende in Israel nimmt eigenes
und fremdes
Leid voll Empörung wahr, er wendet sich nicht ab, sondern schaut hin
und
spricht es in aller Härte vor Gott aus.“
Gross weist darauf hin, dass für den
ersttestamentlichen Menschen das Gebet keine „psychische
Selbstkonditionierung“[4]
sei. Der Beter, die Beterin sei vielmehr überzeugt, dass Gott Abhilfe
schaffen
könne. Hier werde das Gott-Sein Gottes ernst genommen, indem ein
selbstarrangierter Trost zurückgewiesen werde. Es gehe nicht um
kraftloses
Jammern, sondern um den Glauben, dass Gott wirklich Abhilfe schaffen
kann. Die
Not des Menschen wird vor Gott gebracht, weil sie eine „Störung und
Gefährdung
der von Gott geschaffenen Welt“[5]
ist. Der Klagende reduziert seine soziale Isolation, die das Leid
begleitet,
und er
fordert zugleich Gottes Gott-Sein ein.
Dies tut er auf verschiedene Art: Er –
oder sie –
klagt Gott direkt an: „Du hast uns wie Schlachtvieh dahingegeben“ (Ps
44,10).
Oder die Beterin stellt eine Frage, die jedoch die Behauptung
voraussetzt, dass Gott die Ursache des Leides sei. Die
Frage klingt vorsichtiger und wird formuliert als „Warum?“ und als „Wie
lange
noch?“ In diesen Fragen geht es jedoch nicht um Informationsfragen,
sondern um
Anklage Gottes, um Gott zu einer Sinnesänderung zu veranlassen. „Gott,
dem mein
Lob gilt, schweige nicht!" (Ps 109,1). Die Beterin, der Beter umgehen
mit der
Anklage Gottes ein Problem. Sie erliegen nicht der Versuchung, -
zusätzlich zum
Leid – auch noch sich selbst anzuklagen und sich selbst zu hassen. Sie
ziehen
vielmehr Gott zur Verantwortung. Sie leiden im Letzten an Gott – und
sie wehren
sich.
3. „Das Leid wird dem Schwerkranken zum
Gottesproblem. Der leidende Mensch hält an seiner Unschuld fest und
beschuldigt
seinen Gott.“[6]
Walter Gross schaut sich dann noch den
Psalm 88 an.
Es ist das Gebet eines Schwerkranken, der „todkrank von Jugend an“ ist.
In
diesem Psalm wird Jahwe schonungslos für das Leid eines unschuldigen
(!)
Menschen verantwortlich gemacht. Der Beter sucht keinen Ausweg, um zu
vermeiden,
Gott anzuklagen – auch nicht den Ausweg der Selbstbeschuldigung. Jahwe
ist
letztlich der Feind dieses Menschen. Er hat den Kranken von allen
sozialen
Kontakten isoliert. Alles, was Jahwe tat, war dem Kranken feindlich und
schädlich. Nicht einmal mehr sicher ist er sich, ob Jahwe tatsächlich
den
Willen hat, ihn zu erhören.
Der Glaube dieses Beters besteht
eigentlich nur noch
darin, dass er zu Gott betet; zu einem Gott, der ihm seinerseits die
Kommunikation verweigert. Der Gott, an den dieser Mensch glaubt und der
Gott,
den er tatsächlich erfährt, sind unvereinbar auseinandergefallen. Nur
noch im
Akt des Gebetes werden Glaube an Gott und Gotteserfahrung
zusammengehalten.
Walter Gross betrachtet – seine
Überlegungen zur
Theodizeefrage damit abschließend - die Stellung des Ps 88 im Psalter.
Der
voraufgehende Ps 87 enthält ausschließlich lebensbejahende Aussagen.
Sie bilden
ein Gegengewicht zu Ps 88, ohne den letzten der Korachiterpsalmen damit
zu
neutralisieren. Ps 88 als letzter der Korachiterpsalmen behält mit
dieser
Stellung den stärkeren Akzent. Und der liegt auf der Anklage Gottes.
Zwischen Ps
87 und Ps 88 wird kein Kompromiss geschlossen. „…es wird nicht die
negative
Seite schlicht verschwiegen und verdrängt, wie das in unserer
christlichen,
jederzeit gnadenlos und unengagiert heiter gestimmten Liturgie der
Fall ist.
Eine Erfahrung macht die gegenteilige ja nicht unrichtig, sie
verhindert nur
deren Absolutierung.“[7]
Johann Baptist Metz, den Gross mit seiner
Abschiedsvorlesung in Münster zitiert, formuliert es so: „Diese Sprache
[der
Gebete] ist viel widerstandsfähiger, viel weniger geschmeidig und
anpassungsbereit, viel weniger vergeßlich als die platonische oder
idealistische Sprache, in der die Theologie sich um ihre
Modernitätsverträglichkeeit bemüht und mit der sie ihre
Verblüffungsfestigkeit
gegenüber allen Katastrophen und allen Erfahrungen der Nichtidentität
probt.“[8]
Gross hat Recht, wenn er formuliert: „Dann
erfordern
das eigene Leid und vor allem das Leid anderer, wo Hilfe nicht möglich
ist,
Klage und Anklage gegen Gott, der die Verantwortung dafür als Schöpfer
und
Erhalter nicht abweisen kann. Alles andere wäre mangelnde Solidarität
mit den
Leidenden, es wäre unengagierte Heiterkeit, billiger Trost der
Unbetroffenen
angesichts der Leiden anderer.“[9]
[1] vgl. Walter Gross: „Trifft ein Unglück die Stadt, und der Herr war nicht am Werk?“, und: Walter Gross, Ein Schwerkranker betet. Psalm 88 als Paradigma, in: Gotthard Fuchs (Hrsg.): Angesichts des Leids an Gott glauben? Zur Theologie der Klage, Frankfurt, 1996, S. 83 - 118
[2] a.a.O. S. 95
[3] a.a.O., S. 101
[4] a.a.O., S. 95
[5] a.a.O., S. 96
[6] a.a.O., S. 101
[7] a.a.O., S. 114.
[8] a.a.O., S. 113
[9] a.a.O,. S. 116