Quelle: http://www.kirchen.net/ka/pwt/download/fuchs_1999.htm
KIRCHE
IN AGONIE - IST IHR NOCH ZU HELFEN?
Gotthard
Fuchs, Wiesbaden
Als
ich gestern Nachmittag hier nach Salzburg kam und mich mit dem Taxi zum
Priesterseminar fahren ließ, sagte die junge Frau, die das Taxi
fuhr, sie wisse nicht, wo das Priesterseminar sei (ich hatte die
Straße vergessen). Ich sagte: »Da ist in der Nähe eine
große Kirche mit einer Kuppel«, und darauf sie: »Ach
wissen Sie, mit den Kirchen habe ich es nicht so.« Ich denke, das
ist ganz bezeichnend, daß auch im katholischen Salzburg die Frage
nach der Kirche keineswegs im Zentrum steht, ja für viele eher
langweilig, demotivierend ist oder gar abstoßend wirkt. So finde
ich es ausgesprochen mutig, daß Sie sich am Schluß einer so
intensiven Werktagung dieser Frage nach der Kirche widmen. Wir wollen
miteinander darüber nachdenken, in dem ich Ihnen zunächst ein
Wort, das schon 50 Jahre alt ist, zitiere und von ihm her die Frage
nach der Agonie, nach Vergangenheit und Zukunft von kirchlichem
Christentum erläutere. »Kirche wird immer sein, aber wird
Kirche immer bei uns sein? Wenn wir fragen, lebt oder stirbt die
Kirche, dann meint das unsere Kirchen stunde. Da helfen keine frommen
Erwägungen und Absichtserklärungen, da hilft nur die ehrliche
Bestandsaufnahme dessen, was ist und der innere Versuch, damit fertig
zu werden.« So fragte - für uns Heutige vielleicht
überraschend - Alfred Delp in einer Predigt zum Fest Peter und
Paul im Jahre 1941. Schon damals beschrieb er die deutschen Lande als
kirchliches Missionsland: dürftig, dürr und einsam.
»Die Erfahrung gibt uns auf die Frage « Kirche lebst oder
stirbst du< die Antwort, daß Kirche etwas fremdes, einsames
geworden ist. Die Erfahrung legt die Versuchung nahe zu denken,
daß die Kirche müde geworden ist und drängt zu der
weiteren Frage >Ist das deine letzte Stunde? Fallen wir zerbrochen
aus dir heraus?< und vielleicht sagen sie noch einmal, was lebt wird
leben, was stirbt wird sterben. Das kann man aber nur sagen, wenn man
nicht weiß, was die Kirche für uns bedeutet hat und
bedeutet. Wenn man nicht spürt, daß mit der Frage nach der
Kirche auch die Frage nach dem Sinn unseres Daseins gestellt ist. So
wollen wir diese Fragen stellen, um zu wissen, ob die Kirche noch der
Glaube unseres Geistes und die Liebe unseres Herzens ist. Drei einfache
Fragen wollen wir stellen: Wodurch lebt die Kirche? Woran stirbt die
Kirche? Kirche bist du heute Kirche des Lebens oder Kirche am
Ende?« Um an der Jahrhundertwende Klarheit zu bekommen über
unsere Kirchenvisionen und Kirchenrevisionen mag es gut sein, sich an
solche geistlichen Väter und natürlich auch Mütter der
konziliaren Erneuerung zu erinnern. Die Frage, die Delp damals inmitten
der nationalsozialistischen Verblendung umtrieb Sie wissen, er ist
Anfang 1945 von den Nazis als einer der großen christlichen
Märtyrer dieses Jahrhunderts umgebracht worden - die Frage, die
Delp damals stellte, stellt sich heute in der postmodernen
Pluralität der Sinnangebote, der Bedürfnislagen und
Verteilungsprobleme natürlich sehr anders; sie stellt sich in
gewisser Weise sogar verschärft angesichts der Lebens- und
Überlebensproblemen, angesichts der Faszination anderer
Weltanschauungen und Religionen inmitten der neo- und
interreligiösen Szene und natürlich auch angesichts der
Abstimmung in und gegen die Kirche mit den Füßen. Was
stirbt, was ist am Sterben, wo ist Sterbearbeit zu leisten? Es ist ja
ein christliches Werk der Barmherzigkeit, Sterbende zu begleiten und
Tote zu beerdigen. Andererseits: wo ist Neues im Entstehen, wo zeigt
sich evangelisatorische Kraft? Wo ist der spezifisch christliche
Hoffnungsimpuls neu gefragt und damit auch der Reichtum kirchlicher
Glaubensvermittlung. Also auf der einen Seite, so denke ich, sehr viel
Kirchenenttäuschung, Kirchendistanz, Kirchenkritik. vielleicht
sogar Kirchendepression, auf der anderen Seite wie in Gegenreaktion,
Bedarf an Religion, auch an religiöser Institution, neuer
Kirchenbedarf und in der Mitte die fragenden Menschen, die wir sind.
A
n n ä h e r u n g e n
Lassen
Sie mich nach diesem für mich immer noch bewegenden Zitat von
Alfred
Delp
an dieser Stelle eingangs auch dies sagen: Es geht nach christlichem
Verständnis in der Frage nach der Kirche nicht primär um die
Kirche; wenn Christlnnen glauben, dann glauben sie niemals an die
Kirche: sie glauben mittels, dank und trotz der Kirche an den, den sie
den lebendigen Gott nennen und als den Grund und die Hoffnung ihres
Lebens verstehen dürfen. (Denken Sie an die lateinische
Formulierung: credo in deum etc. - credo ecclesiam ohne
»in«: glaubend verlassen wir uns auf den dreieinzigen Gott
allein - credere in -; die Kirche gehört, ihrem eigenem Credo
gemäß, nicht zum Ziel des Glaubens; sie gehört zur
Ordnung der Heilsmittel; sie ist Vermittlerin, Medium des Heils, nicht
dieses selbst.) Dieser Hinweis, daß es gerade bei einem Referat
über Gegenwart und Zukunft der Kirche nicht primär um die
Kirche und schon gar nicht um hausgemachte Probleme der Kirche geht,
sondern um das, was sie zu vermitteln und zu bezeugen hat, scheint mir
ungeheuer wichtig zu sein. Ein tiefer Grund für sehr viel
Kirchenenttäuschung, sehr viel Verärgerung, liegt ja gerade
darin, daß dort, wo man Hoffnung auf das Evangelium, auf
Sinnerschließung, auf Lebensdeutung, auf Hoffnungsvermittlung
hat, daß dort eine Institution verhärtet, ermüdet, mit
sich selbst beschäftigt erscheint und keine Energie mehr hat und
keine Hoffnungsimpulse vermittelt. Deshalb, um dies eingangs zu
unterstreichen, noch ein zweites Zitat, an dem deutlich werden soll,
wie sehr unsere Frage nach dem bisherigen kirchlichen Christentum und
seiner Zukunft transparent bleiben muß auf Grundprobleme der
Daseinsdeutung und der Lebensbewältigung aller Menschen hin.
Erlauben Sie also dieses zweite, etwas längere Zitat: »Es
ist in der Tat die westliche Welt, hervorgegangen aus dem biblischen
Wort, die das wissenschaftliche, moderne und säkularisierte All
hervorgebracht hat, und deshalb ist die Krise dieser Welt eine solche
des Glaubens. Der westliche Atheist ist ein geprüfter
Gläubiger (es besteht ein großer Unterschied zwischen einem
westlichen Atheisten und den Atheisten des vorchristlichen Altertums
oder der verschiedenen Atheismen asiatischer Völker, Buddhisten
und anderer, denn die kulturelle Umwelt ist eine ganz andere). Die
Krise unseres Jahrhunderts ist, soweit sie vom Triumph des Westens
lebt, eine Kollektivkrise des Christentums selbst. Ich bin ernstlich
der Meinung, daß die westliche Krise, die wie eine Krankheit die
ganze Welt ergriffen hat - keine übrigens einfachhin schlechte
Krise - von uns Christen allein gelöst werden kann. Ich sage
nicht, wir die Abendländer, sondern einzig Glaubende können
helfen, die Krise zu bewältigen. weil nur sie verstehen, wo der
Ursprung und der Schlüssel liegen. Das heißt nicht, wir
hätten die persönliche Fähigkeit dazu, wohl aber, das
wir die Frage korrekt stellen können. «So der damalige
Studentenpfarrer Jean-Marie Lustiger, derzeit Kardinal in Paris.
Es
geht nicht primär um die Kirche, nicht um innerkirchliche
Probleme. Es geht, wie Lustiger mit Recht sagt, um die Zukunft
menschlichen, menschengerechten Lebens für alle- Es geht um die
Bewältigung von Lebens- und Überlebensproblemen für
alle. Der westliche Atheist ist ein geprüfter Gläubiger Alle
Kirchenkritik, alle Kirchenenttäuschung, auch die relativ vielen
Distanzierungen und Austritte aus dem kirchlich verfaßten
Christentum hierzulande sind zu lesen als Ausdruck, so würde ich
vorschlagen, einer tiefen Sehnsucht nach geistlichen Ressourcen, nach
spirituellen Kräften, die man aber. so scheint es, oft in dieser
Kirche nicht findet. Viele erleben ja die faktische Kirche - ich
spreche jetzt zunächst von meiner, von unserer, der
römisch-katholischen - viele erleben diese Kirche wie einen
Drachen, der vor einer Höhle liegt, in der kostbarste geistliche
Erfahrungsschätze schlummern; aber man müsse diesen Drachen,
so scheint es, erst einschläfern oder gar töten, um
überhaupt an die Schätze heranzukommen. Ich denke, für
alle, die sich heute über christliche Überlieferung und
kirchliche Zukunft Gedanken machen, ist es entscheidend, den
humanisierenden Mehrwert des Evangeliums, den Reichtum dieser
christlichen Überlieferungen in ihrer kirchlichen
Vermittlungsgestalt neu zu entdecken sowie ihren Glanz und ihre
Ausstrahlungskraft zu würdigen. Wir reflektieren hier nicht
binnenkirchlich, sondern in Solidarität mit den Menschen, die
heute Hoffnung suchen, Hoffnung haben und an einer gerechteren Welt, an
Frieden und Bewahrung der Schöpfung arbeiten. Die Krise unseres
Jahrhunderts ist, soweit sie vom Triumph des Westens lebt, eine
Kollektivkrise des Christentums selbst. Die große Frage ist,
deuten wir diese Kirchenstunde als das Ende des Christentums, als
Agonie im Sinne einer Beendigung eines 2000jährigen geistlichen
Abenteuers oder deuten wir diese Krise mit Lustiger als eine zweifellos
sehr schmerzliche, aber sehr produktive Wachstumskrise. Salopper
gesagt: Schauen wir auf das halb gefüllte Glas Wasser und sagen:
es ist halb leer oder es ist halb voll?
A
r c h e t y p i s c h e s K i r c h e n b i l d
Dazu
möchte ich Ihnen - Sie haben mich ja als Theologen eingeladen,
deswegen will ich jetzt nicht religionssoziologisches Material
ausbreiten - ein kostbares Symbol zur Deutung der gegenwärtigen
Kirchenstunde anbieten und in Erinnerung rufen, das die TheologInnen
der frühen Christenheit gerne gebraucht haben: Das Bild von Sonne
und Mond in der Natur, das Bild von der Kirche, die im Gang der
Menschheit die Rolle des Mondes einzunehmen hat. Die Bedeutung, die
sich daraus für unsere Leitfrage ergibt, wird hoffentlich sofort
deutlich werden) Dieses archetypische Bild von Mondphasen, den Zyklen
der Fruchtbarkeit - übrigens nicht zufällig ein feminines,
feministisches Bild aus einer Männerkirche und
Männertheologie - meint: So wie der Mond in der Natur dazu sei,
sagt etwa Origines oder Augustinus, das Licht der Sonne aufzunehmen und
in die Nacht zu strahlen, damit auch in der Nacht Kühlung,
Orientierung da sei und das Leben weitergeht, so sei die Christenheit
in der Welt, so sei die Kirche in der Menschheit dazu da, das blendende
Licht des Evangeliums - die Botschaft von Gottes einseitig
zuvorkommender Liebe und seiner erwählenden Treue zu allen
Menschen und der Welt im Ganzen - aufzunehmen und in die Nacht der
Menschheit hineinzustrahlen, damit die Menschen, die Orientierung
suchen, dadurch Licht, Orientierung, Hoffnung haben im Dunkel, in den
Fragen und auch Ausweglosigkeiten der Geschichte. Was also der Mond in
der Natur sei, sei die Kirche im Gang der Menschheitsgeschichte. Sie
sehen, es geht in diesem Bild darum, daß das Sonnenlicht,
daß also die frohe Botschaft des Evangeliums weiter gestrahlt
wird. Das Licht des Evangeliums soll reflektierend und attraktiv,
anziehend, auch in der Nacht, auch in den Phasen der Ausweglosigkeit,
der Ratlosigkeit, der Krisen, auch gerade da (wenn auch mondhaft
abgeschattet) leuchten. Nun kommt das Entscheidende an diesem
tiefenökologischen und kosmisch archetypischen Bild. Die alten
TheologInnen sagten: Der Mond muß in rhythmischen Abständen
sterben, er muß sozusagen auf Null herunter, um neu der Power der
Sonne gewachsen zu sein und aufzutanken und wieder seinen Dienst der
Ausstrahlung zu leisten. Und so - das ist nun die Pointe für
unseren Zusammenhang so muß auch die Kirche, genauer gesagt, so
muß die jeweils historisch gewordene Gestalt von Kirche sterben.
sie muß sozusagen immer wieder auf Null herunter- gefahren
werden, um neu gewachsen zu sein der Power des Evangeliums, dem
unglaublichen Verheißungsüberschuß des biblischen
Gottesglaubens - eine Lehre vom Sterben und vom Tod der Kirche, die
Hugo Rahner wieder erinnert hat; ein Ostersymbol zweifellos, ein
Symbol, in dem sich die Jesusgeschichte im Gang der Kirchengeschichte
spiegelt. Danach gibt es also Phasen, in denen die Attraktivität,
die Ansehnlichkeit, die Ausstrahlungskraft des christlichen Lebens und
der kirchlichen Sozialgestalt am Abnehmen, ja am Sterben ist.
Karsamstaglich verbunden mit der österlichen
Hoffnungsgewißheit ist die Zuversicht, daß gerade durch
solche Sterbeprozesse hindurch sich doch neu eine Kirchengestalt
herausentwickelt, herausgebiert, die zeitgemäß (nicht
modisch!) wiederum attraktiver, lebensermutigender,
hoffnungsstiftender, sinnvermittelnder ist. Mir will scheinen,
daß dieses Symbol der lunaren Ekklesiologie uns helfen kann, die
gegenwärtige Stunde unerbittlich klar, aber im Lichte des
karfreitäglichen Osterglaubens, also streng theologisch - Sie
haben mich als Theologen eingeladen - zu buchstabieren. Es könnte
also hilfreich sein, in diesem Licht zu schauen, welche Kirchengestalt
heute am Sterben ist und welche am Auferstehen: wo sind darin wir (wenn
ich jetzt der Kürze halber »wir« sagen darf) als
Einzelne, als Gemeinden, in dem Lebenszusammenhang, in dem wir stehen,
aber auch in dem ortskirchlichen Kontext, etwa Österreichs oder
Deutschlands, in dem wir Kirche sind?
S
i e b e n P r o v o k a t i o n e n
Wo
erleben wir Sterbeprozesse, wo gilt es Abschied zu nehmen, wo gilt es
Trauerarbeit zu leisten? Wo gilt es, entsprechend Geburtshilfe zu leben
im Sinne eines Hebammendienstes und sozusagen visionär daran
mitzuwirken, daß die gegenwärtig offenkundige Krise - man
spricht von Priesterkrise, Gemeindekrise, Ordenskrise ... ich will das
Krisengerede gar nicht hier jetzt groß ausbreiten - wo wir diese
Übergangsphänomene, in denen wir uns vorfinden, als eine
ungeheure Chance entdecken, um an einer neuen Epoche christlichen
Glaubens und kirchlichen Lebens mitzuwirken. Das möchte ich Ihnen
jetzt der Kürze halber in einigen Thesen, die natürlich
untereinander zusammenhängen - entfalten (wohl wissend, daß
ich kein Prophet bin und die Zukunft nicht kenne). Mir will scheinen
(ein erster Gedanke) - Ist das akustisch gut? Furchtbar? Also leiser,
gehe ich zu nahe heran? Und Sie haben sich das die ganze Zeit
angehört? Jetzt haben Sie die ganze Zeit gelitten. Aber das ist
natürlich gut katholisch, einfach zu leiden und nichts zu sagen.
Tut mir leid. Seit dem ersten Tag schon? Und was ist mit dem Aufstand,
was ist mit dem Protest, was ist mit der Basis, meine Damen und Herren?
Das ist es doch, daß wir zuviel leiden, an der falschen Stelle
leiden, das ist ein bestimmter kirchlich vemittelter Masochismus. Das
ist ja etwas - Sie unterstreichen es mit Ihrem Beifall was viele
spirituell hungrige Zeitgenossinnen enttäuscht am kirchlich
verfaßten real existierenden Christentum: dieses steht im
Verdacht, so depressiv, abwertend, masochistisch zu sein und die
Lebenslust, die Kreativität, die Zukunftshoffnung, die Lust, da zu
sein, zu entwerten. Tod und Auferstehung der Kirche, Agonie ja, a b e r
- noch einmal, ich spreche als Theologe. Und Theologen sind dazu da,
daß sie die bisher gelebte Hoffnung der Glaubenden nachdenkend
übersetzen und unterstreichen, damit entschiedener
christlich-geistlich gelebt werden kann. Theologisch ist das Zentrum
der Osterglaube, und der Osterglaube ist ohne den Karfreitag und den
Karsamstag nicht zu haben, in dem wir stehen. Wir erleben - so meine
These - Sterbeprozesse und sie gehen durch uns hindurch, je nach Alter,
je nach Glaubens- und Lebensgeschichte verschieden. Aber zugleich
können dieselben Prozesse im Lichte des Osterglaubens als ein
ungeheures Hoffnungspotential gelesen werden. Einige Konkretisierungen
im Stenogramm.
Erstens
also: es stirbt die zivilreligiöse Gestalt des kirchlichen
Christentums. Die heiligen und unheiligen Allianzen zwischen Thron und
Altar. wie sie seit Konstantin mächtig wurden, treten zurück
und verlieren ihre lebensgestaltende Kraft. Die Kirche verliert immer
mehr Privilegien in Staat und Gesellschaft. Sie ist unterwegs in die
Minderheit, in die Diaspora, biblisch gesagt ins Exil. Längst ist
das Christentum nicht mehr die gesellschaftsbestimmende Kraft, auch
wenn einige in den kirchlichen Chefetagen sich das noch so
wünschen und erträumen. Längst ist sie nicht mehr
Staatsreligion, und immer stärker wird die Bewegung dahin gehen,
daß die, die in der Zukunft ChristInnen sein und bleiben wollen,
es im Bewußtsein einer freilich erwählten, aber auch in die
Diaspora zerstreuten Minderheit sind. Man mag das bedauern:
Sterbeprozesse, Abschiedsarbeit ganz sicher, aber vielleicht kann man
es auch begrüßen, weil dadurch mancher Ballast abgeworfen
wird und neue Freiheit entsteht; sehr viel, was früher
heilsvermittelnd war, verliert jetzt seine Attraktivität. Es ist
ja bei allen Sterbeprozessen, bei allen Trauerphasen diese tiefe
Ambivalenz: schmerzhaft Abschied nehmen müssen und zugleich
Hoffnung lernen, daß neue Lebensenergie, neue
Lebensmöglichkeiten erschlossen werden. Welches Kirchenbild haben
Sie, habe ich - im Hinterkopf, im Herzen, im Lebensgefühl, in der
Glaubensentscheidung? Immer noch so ein Idealbild von kirchlichem
Christentum, das die Gesamtgesellschaft zivilreligiös
durchsäuern sollte? Oder gehen wir entschiedener, lustvoller,
hoffnungsvoller auf einen solchen Minderheitenstatus in der Diaspora zu?
Zweite
These: Es stirbt das eurozentrische Christentum. In 50 Jahren werden
dreiviertel aller ChristInnen auf der Welt Nichteuropäer sein.
Raimund Panikkar, der große Grenzgänger zwischen Ost und
West, Buddhismus und Christentum, erzählte mir von einer Audienz
bei Paul VI., wo er damals den Papst fragte: »Eure Heiligkeit,
wird man denn auch in Zukunft, um ein Christ werden und bleiben zu
wollen, vorher der geistigen Heimat nach ein Grieche und der
kulturellen Heimat nach ein Semit geworden sein müssen?«
Muß man für die Zukunft des Christentums z. B. das Alte
Testament lesen, muß man in die Geschichte Israels eintauchen?
Indische Christen sagen, wir haben doch die Bagavadghita, wir haben den
Reichtum hinduistischer Traditionen, wir haben die Upanishaden, wir
haben die Veden. Abschied vom eurozentrischen Christentum?!! Zum ersten
Mal - Karl Rahner hat es mit Entschiedenheit gesagt - ist das
Christentum dabei, aus seinen europäischen Wurzeln und Eierschalen
sich herauszuentwickeln und wirklich kat-holisch, ganzheitlich,
weltweit zu werden (Holismus steckt in dem Wort!). Was heißt das
für uns christliche EuropäerInnen? Was heißt das
für unsere narzißtischen Kränkungen. da wir doch
meinten, wir dürften die ganze Welt mit unserer Weise
beglücken? Die Krise unseres Jahrhunderts ist eine Krise des
bisherigen Christentums, hatte Lustiger gesagt: Das bisherige
Christentum ist griechisch, jüdisch, germanisch, eurozentrisch.
Aber in der Form wird es sterben und muß in eine neue
Wachstumsphase eintreten. Es ist schon dabei.
Drittens:
Es stirbt das konfessionalistische Christentum mit seinen
Konfessionskriegen und ökumenischen Grabenkämpfen, mit seinen
schrecklichen Judenverfolgungen und seinen militanten
Alleinvertretungsansprüchen. Manche sagen. daß dieser
Machtverzicht in den Kirchen nicht freiwillig war; wenn die alte Macht
noch da wäre, ginge es munter so weiter wie bisher: autoritativ,
autoritär, gar totalitär. Wie auch immer: wir sind unterwegs
zu einer neuen Kultur nicht nur innerchristlicher Ökumene, nicht
nur innerabrahamitischer Aufgeschlossenheit zwischen Juden, Christen
und Muslimen, auch unterwegs zu einer neuen Dialogizität vor allem
mit den Traditionen, Kulturen und Religionen Asiens. Das Gespräch
zwischen Christus und Buddha beginnt. Es stirbt das
konfessionalistische Christentum: Wir sind unterwegs zu einer neuen
Ökumene im Dialog der Religionen und im Austausch ihrer
geistlichen und geistigen Reichtümer.
Viertens:
Es stirbt die hierarchistische, monokratische Gestalt des kirchlichen
Christentums mit seinen Monopolansprüchen und
Selbstimmunisierungsstrategien. Wir sind in einem Übergang, in dem
wir - und das ist ein Problem des katholischen Fundamentalismus
Abschied zu nehmen haben von einem römisch zentralistischen,
hierarchistischen Verständnis von kirchlichem Christentum.
Wohlgemerkt, ich sage nicht hierarchisch, weil gesunde Hierarchien
etwas Kostbares sind. Die ganze Natur, der Kosmos ist hierarchisch; es
gibt Ordnungen, es gibt Gefüge. Beziehungsgefüge. ohne die
wir gar nicht produktiv leben können. Aber dieser Hierarchismus,
wo einige meinen, für andere das Heil bestimmen, verwalten zu
können und z. B. sogar sich erdreisten zu sagen, man dürfe
über dieses oder jenes. etwa die Frauenordination in der
römischen Kirche, nicht einmal mehr nachdenken - das ist eine
absurde Geste der Abwehr. in der sich sehr viel Hilflosigkeit und Angst
äußern. Wir sind unterwegs zu einem neuen
gemeinschaftlichen, kommunialen geschwisterlichen Verständnis von
Christentum auf allen Ebenen auch kirchlicher Realität.
Entsprechend fängt das Christentum jetzt erst neu an, das, was es
seit Ursprungszeiten verkündet und behauptet, auch selbst zu
realisieren - den Glauben nämlich an einen beziehungsreichen,
trinitarischen, kommunialen Gott, dessen Beziehungsreichtum sieh im
Umgang miteinander, in der kirchlichen Realität auch abbilden
muß. Erst jetzt - das ist eine prophetische Intuition des
jetzigen Papstes fängt das Christentum an. (ich spreche
notgedrungen zuerst vom römisch katholischen) seine eigene
Botschaft einzuholen. Es entdeckt das Geheimnis des Drei einzigen, des
beziehungsreichen, des gemeinschaftlichen Gottes als Grund aller
Wirklichkeit. Wirklichkeit ist Beziehung, die Lust am Anderssein, die
versöhnte Verschiedenheit, die Lust daran, daß ich gerade
dadurch ich werde, daß ich in Beziehung zu dir und dank deiner
ich werde und du dank meiner du. Dieses Grundmuster der
Kommunialität, wie wir Theologen sagen, das wird die neue Gestalt
gelebten Glaubens prägen, im Abschied von Hierarchismen und
monokratischen Strukturen.
Damit
verbunden, fünftens, stirbt auch das klerikalistische Christentum.
Noch nie gab es soviel sogen. Laien in der Christenheit, die sich
geistlich engagieren und die auf der Basis des gemeinsamen Priestertums
aller Glaubenden die Freiheit eines Christenmenschen entdecken, erleben
und ausprobieren. Das ist ungeheuer hoffnungsvoll, in concreto freilich
auch sehr schmerzhaft, weil natürlich überall, wo es ans
Abschiednehmen geht, auch angsthafte Verhärtungen,
fundamentalistische Widerstände da sind und vieles, was wir
derzeit - Stichworte: Bischofsernennungen, mangelnde Transparenz und
Machtspielchen innerhalb des Apparates - erleben, letzte hilflose,
angsthafte Abwehrreaktionen sind in einem Sterbeprozeß mit
entsprechen den Folgen für die, die leider dabei noch Opfer
werden. Es stirbt das klerikalistische Christentum.
Damit
verbunden, sechstens, es stirbt das paternalistische und entsprechend
infantilisierende, das patriarchale und androzentrische Christentum.
Gut, die bisherige Gestalt des kirchlichen Christentums ist sehr
männerzentriert, kirchenmännerzentriert. Da gehört das
ganze Thema »Priester - Laie« hinein, aber auch das
Themenfeld »Männer und Frauen«. Wieviel Angst
voreinander speziell von uns Männern gegenüber Ihnen als
Frauen, wieviel wechselseitige Projektion und Delegation! Wie viele
Klischees, wie viele Verhärtungen, wie viele Fixierungen sind hier
über Jahrhunderte hin ausgeprägt worden. Die sind am Sterben.
Da wächst nicht zuletzt auch dank feministischer Theologien und
Bewegungen eine neue geschwisterliche Form des Umgangs miteinander, in
der eine der revolutionärsten Visionen der Bibel endlich
Realität wird, nämlich die gottgewollte Gleichwürdigkeit
und Gleichwertigkeit von Mann und Frau.
Siebtens
schließlich: es stirbt ein magisch-sakramentalistisches
Christentum der selbsternannten Gottesbesitzer und Gottesverwalter. Wir
sind unterwegs zu einer wirklich mystischen Christlichkeit. Immer
wieder wird nicht zufällig Karl Rahner zitiert: »Der Fromme
der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren
hat« und der aus Erfahrung und Entscheidung den geistlichen Mut
gewinnt zu einer eigenen Biographie. Christ und Christin der Zukunft
haben ein entsprechend unvertret- und unverwechselbares geistliches
Selbstbewußtsein, eine darin begründete prophetische
Zustimmungs- und Widerstandskraft. Wir sind im Abschiednehmen von einem
paternalistisch-infantilisierenden, bevormundenden Christentum. Wir
könnten auch sagen, wir sind dabei, als Getaufte endlich selbst
erwachsen zu werden und aus den Kinderschuhen herauszutreten. Immer
noch gibt es viel zu viele, die sich mit den kleinen und großen
Problemen der kleinen und großen heiligen Väter
beschäftigen und immer noch aus der Perspektive des Kleinkindes
schauen, was denn der Papa da oben jetzt macht und wie es der Mutter
Kirche grad geht. Nein, es geht doch damm, daß wir selber
mütterlich und väterlich, also im Glauben genial, produktiv,
kreativ werden. Dahin sind wir unterwegs - zu einer Gestalt des
Christentums, die von Mündigkeit, von erwachsener Entschiedenheit
geprägt ist, vom Mut zur eigenen Geschichte mit Gott und also der
Welt. In diesem Sinne sprach Karl Rahner von Mystik - Mystik nicht als
elitärer Sonderweg für irgendwelche religiösen
Hochleistungssportler, Mystik nicht als Imbiß in einem
geistlichen Delikatessenladen, wo man Sondererfahrungen macht; nein:
Mystik als Wagnis, in dieser Welt mit ihrer Lust und mit ihrem
Schrecken ein Glaubender, eine Glaubende zu werden, hoffend und hebend
und bereit, die dann auftretenden Widersprüche und Spannungen
auszuarbeiten, auf der Spur und im Geiste Jesu Christi. So meinte es
Kardinal Lustiger, so Karl Rahner u. v. a. m.
Sieben
Aspekte habe ich Ihnen genannt, um das Bild vom Sterben einer
Kirchengestalt, die über Jahrhunderte Heil vermittelt hat, aber
heute am Ende scheint, deutlich zu machen und zugleich zu
unterstreichen, wieviel Grund zur Hoffnung besteht, weil die Macht des
Geistes und die Kraft des Evangeliums sich lebenserneuernd gerade darin
durchsetzen, daß sie Abschiede nötig machen und
Aufbrüche ermöglichen. Aber diese thesenhaften Perspektiven
könnten sehr mißverständlich sein! Sie können
nämlich vergessen lassen, daß es wie immer in concreto, in
der je besonderen Geschichte betroffener Menschen, zumal wenn sie etwa
in der real existierenden Kirche arbeiten, um sehr lange und auch
schmerzhafte Veränderungsprozesse geht. In jedem Krankenhaus, in
jeder Intensivstation erfahren wir das; auf der Intensivstation Kirche
erleben wir das auch! Welche Leidensgeschichten, welche
Hoffnungsgeschichten von Frauen in der Männerkirche! Welche
Leidensgeschichten, welche Hoffnungsgeschichten von sogen. Laien in der
Klerikerkirche! Wieviel Mut und Demut, wieviel revolutionäre
Geduld, wieviel visionäre Hoffnungskraft braucht es da - und das
heißt ja Osterglaube - , um diese Karsamstagsstunde
durchzustehen. Es sind lange Wege, die nicht nur besprochen, sondern
gegangen werden müssen. In ihnen muß und will sich
bewähren, was Christ sein heute heißt, da wo wir nicht an
die Kirche, sondern mittels, dank und trotz der Kirche an den glauben,
den wir den einzig lebendigen Gott nennen dürfen; die Mitte und
das Geheimnis unseres Lebens, die Zukunft der Welt.
Ein
zweites Mißverständnis steht vielleicht im Raum. Es
könnte bei diesem zyklischen Bild von Tod und Auferstehung im
Bilde der Mondphasen die Möglichkeit der Mondfinsternis habe ich
noch gar nicht angesprochen der Eindruck entstehen, als würde nach
dem Sterben automatisch eine Wiedergeburt erfolgen. Aber jedes Sterben
ist endgültig. Auch das Abschiednehmen von einer lieb gewordenen,
gewohnten und bewohnten Kirchengestalt ist sehr schmerzlich, je nach
Lebens- und Glaubensalter verschieden. Wenn ich an bestimmte
Erfahrungen in meinem Leben, in meinem kirchlichen Dienst denke, wenn
ich an bestimmte gregorianische Gottesdienstformen früherer Zeiten
denke, dann bin ich tief traurig: sie sind gestorben und werden so nie
wiederkommen. Wenn ich daran denke, wie wir als junge Priester tagelang
im Beichtstuhl saßen und Beichte gehört haben, dann bin ich
einerseits froh, daß dieser Ritualismus gestorben ist aber ich
spüre schmerzhaft auch ein tiefes Vakuum, das entstanden ist. Mir
liegt sehr daran, daß wir dieses Bild von Sonne und Mond nicht in
einen fröhlichen Zyklus - »erst wird locker gestorben und
dann wird wieder geboren, so geht das weiter« - naturwüchsig
verniedlichen, denn jedes Bild hinkt. Es ist wichtig, daß wir
auch den Schmerz, die Abschiedsarbeit deutlich an uns heranlassen und
in der eigenen Biographie, in unserer Lebenswelt, in unserer
Kirchengeschichte mitspüren. Es ist durchaus verständlich,
wenn sich dann manche MitchristInnen - vor allem dann, wenn sie
kirchliche Macht haben im Guten verhärten und zwar Ostern
verkünden, aber im Grunde so wie die, die keine Osterhoffnung
haben, aus panischer Todesangst Apparate-Pastoral betreiben oder alles
gesundbeten. Sie sagen, z. B.: es wird schon wieder werden mit den
Priestern, mit den Ordensleuten, mit der Kirche usw. Nein: in der Form,
in der es war, wird es nicht mehr werden. Sterbeprozesse sind
Sterbeprozesse, und wir brauchen in diesem Sinn eine kirchliche Kultur
schöpferischer Abschiedsarbeit - eine Spiritualität nicht des
Leidens, das depressiv macht, sondern kreativer Trauerarbeit. Es
braucht neu die Unterscheidung der Geister: Welche Art von Kirche ist
essentiell und auf welche Art, auf welche Gestalt von Kirche wollen
wir, können und müssen verzichten? Die bisherige Gestalt
kirchlichen Christentums darf ja keinen Augenblick bloß
eingedunkelt, schwarz gemalt und schlecht gemacht werden, ganz im
Gegenteil. Es ist doch so, daß über Jahrhunderte hin durch
das bisherige Christentum gerade in seiner kirchlichen Gestalt
ungeheuer viel Leben ermöglicht, Hoffnung gestiftet, Sinn
vermittelt wurde. Heinrich Böll hat sicher recht, wenn er sagte:
»Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der
besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum
gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für
Krüppel und Kranke, Alte und Schwache. Und mehr noch als Raum gab
es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der
gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen. Ich glaube an
Christus und ich glaube, daß 800 Millionen Christen auf dieser
Erde das Antlitz der Welt verändern könnten und ich empfehle
es der Nachdenklichkeit und der Vorstellungskraft der Zeitgenossen,
sich eine Welt vorzustellen, in der es Christus und die Christen nicht
gäbe. «Ja, was würde uns fehlen, wenn uns das
Evangelium fehlt? Was würde uns fehlen, wenn uns die Kirche fehlt?
Die bisherige Gestalt kirchlichen Christentums zieht zwar leider auch
eine Blutspur hinter sieh her, und es wäre leicht, eine ganze
Litanei von Fehlformen aufzulisten. Aber viel mehr müßten
wir den humanisierenden Wert des bisherigen Christentums deutlich
machen, um den Schmerz des Abschieds zu spüren und die daraus
resultierende Hoffnung und Sehnsucht stark zu machen. Ohne diese Kirche
hätten wir zum Beispiel - das wird oft unterschlagen - die Bibel
nicht. Es ist ein beliebter Trick, die Bibel groß zu machen und
die Kirche schwarz zu färben. Die Bibel ist ein in Jahrhunderten
ausgemendeltes Dokument jüdisch christlicher Verheißungen
und Gottentdeckungen im Schoß der Kirche. Es ist das Geschenk des
kirchlichen Christentums an die Menschheit. daß jeder Mensch
Person ist, unabhängig und vorgängig zu seinen Leistungen und
Fehlleistungen, unabhängig und vorgängig zu seinen Taten und
Untaten. Es ist ein Geschenk des biblischen Gottesglaubens und seiner
kirchlichen Vermittlungsgestalt an die Menschheit. daß jeder
Mensch Gottes Ebenbild ist. Es ist ein Geschenk des biblischen und
kirchlichen Gottesglaubens an die Menschheit, daß jeder Mensch
unhintergehbar eine eigene Gewissensinstanz ist. So könnten und
müßten wir eine Segens und Erfolgsgeschichte des bisherigen
Christentums in concreto schreiben. Dieses Christentum, genauer: diese
Gestalt des Christentums, ist an ein Ende gekommen. Es ist verstellt
durch verschiedene historisch gewordene kirchliche Strukturen; es
muß diese Ursprungsschätze, die es über die bisherigen
zwei Jahrtausende hin begründet haben, neu zur Geltung bringen. Es
ist das Spannende an der gegenwärtigen Kirchenstunde, ganz neu den
humanisierenden Mehrwert des Evangeliums zu entdecken. Es gilt ganz neu
zu bedenken, wie eine heidnische Welt aussähe, in der das
Christentum und jetzt meine ich nicht den römischen Zentralismus,
sondern das Evangelium des Alten und Neuen Testamentes - verschwunden
wäre. Wieviel Kirche brauchen wir, welche Kirche brauchen wir,
nicht weil wir kirchenverliebt sind, sondern um der Menschheit willen,
weil hier Grundwerte der jüngeren Menschheitsgeschichte
jüdisch-christlich vermittelt auf dem Spiel stehen und wir sie
allen Menschen schuldig sind? Das ist die entscheidende Kirchenfrage.
Wie muß eine Kirche aussehen, die im Sinne der lunaren
Ekklesiologie attraktiv diese Freude des Evangeliums vermittelt, diese
Gewißheit, daß es im Chaos menschlicher Geschichte und oft
verwirrender Verhältnisse, daß es angesichts von soviel
Gewalt, Verblendung und Zerstörung doch eine alles tragende
Wirklichkeit gibt, die das Ganze und jede/n Einzelne/n personal will
und führt? Diese typisch christliche, diese typisch biblische
Vision von der Würde des Menschen und von der Schönheit der
Welt im Geheimnis dessen, den wir den erwählenden Gott nennen
dürfen, gilt es stark zu machen.
K
i r c h e n - F r a g e n
Ja
wie sähe eine Welt aus, in der all dies verloren ginge? Das ist
die entscheidende Kirchenfrage, prozeßhaft orientiert! Lassen Sie
mich dazu drei Punkte in Erinnerung rufen. Je nach Lebenssituation, je
nach eigener Glaubens- und Kirchengeschichte stehen wir alle in einem
Prozeß, in dem wir uns zu fragen haben, wovon verabschieden wir
uns und worauf hoffen wir? Wer ist der, den wir den einzigen lebendigen
Gott nennen? Eine der großen Kirchenmütter dieses
Jahrhunderts, Madeleine Delbrêl, eine der großen
Mystikerinnen, hat das im Umfeld einer atheistischen, militant
kommunistischen Umwelt formuliert. Sie war übrigens der
Überzeugung, daß kaum etwas dem Glauben und der
Christwerdung dienlicher ist als eine atheistische Umwelt, denn hier
können wir den Stolz und die Demut entdecken, die das Evangelium
denen schenkt, die sich von Gott erwählt glauben dürfen.
»Aber«, so sagt sie, »wir verkünden keine gute
Nachricht mehr, weil das Evangelium keine Neuigkeit mehr für uns
ist. Wir sind daran gewöhnt. Der lebendige Gott ist kein
ungeheures, umwerfendes Glück mehr, er ist bloß noch ein
gesolltes, die Grundierung unseres Daseins.« »Wir (wir
Christen, wir Kirchenleute) verteidigen«, so sagt sie,
»Gott wie unser Eigentum, wir verkünden ihn nicht mehr wie
das Leben allen Lebens. Wir sind keine Erklärer der ewigen
Neuigkeit Gottes sondern nur noch Polemiker, die einen kirchlichen
Besitzstand verteidigen. «Das Evangelium neu entdecken: habe ich
Gründe, ein/e Christ/In sein zu wollen und - was ich noch viel
spannender finde - habe ich Gründe, ein/e ChristIn bleiben zu
wollen und welches sind diese Gründe? Warum konvertiere ich nicht
zum Buddhismus oder zum Judentum oder zum Islam oder in irgendeine
Gestalt des neoreligiösen religionsfreundlichen Atheismus, wie er
postmodern auf dem Markt der Sinnangebote in unterschiedlichen
Mischungen zugänglich ist? Warum denn Christln sein, warum sich
denn gerade darin orientieren? Meine Antwort: Weil das Evangelium ein
Schatz ist, für den es auf der ganzen weiten Erde absolut keine
bessere Alternative gibt! Daraus resultiert das Selbstbewußtsein
der Christen und Christinnen! Das äußert sich nicht durch
elitäre inflationäre Aufgeblasenheit, sondern in einer Praxis
der Solidarität, der Toleranz, der konfliktfähigen
Nächstenliebe, ja Feindesliebe, in der verrückten Geduld, an
das Gute in jedem Menschen zu glauben - gegen die Miesmacher, gegen die
Unglückspropheten in und außerhalb der Kirche. Gerade die
gegenwärtige Krisenstunde ist so gesehen als eine
Wachstumsgeschichte zu begreifen, in der wir bewußter,
entschiedener und dann auch ausstrahlungsfähiger das bezeugen, was
nur die haben dürfen, die sich ChristInnen nennen - nämlich
den wahnsinnigen, den unglaublichen Glauben, daß das wahr sein
könnte mit Jesus von Nazareth und daß dieses Bekenntnis zur
Auferweckung des Gekreuzigten tatsächlich der Schlüssel zur
Wirklichkeit ist und daß deshalb auch eine Sterbestunde und
gerade diese Sterbestunden der Kirche, die durch uns hindurchgehen, in
Wahrheit die Kehrseite von Geburtsszenarien sind, in denen ein
erwachsenes, ein weltbejahendes, gottverliebtes, deshalb
weltveränderndes Christentum entsteht.
Ich
möchte Sie und mich zweitens einladen zu schauen, in welcher
Wachstumsphase des Glaubens - und Glauben heißt im Namen Gottes
sterben lassen und zur Welt bringen - wir sind. Alle, die in der
gegenwärtigen Kirchenstunde sich als ChristInnen engagieren, haben
einen Doppelberuf. Alle sind wir Sterbebegleiter, alle sind wir
Geburtshelfer. Wer heute in der Kirche arbeitet, muß sich
überlegen, wo er Sterbebegleitung übt und wo er Geburtshilfe
leistet, damit Neues zur Welt kommt. Drittens schließlich: wie
überall, wo es ans Sterben und Abschiednehmen geht, wo Aufbruch in
Neuland angesagt ist, wird sehr viel Angst frei und dies in der
Doppelgestalt von Abwehr und Widerstand einerseits und von
therapiefreudiger Veränderungsbereitschaft andererseits. Der
gesellschaftliche, der weltanschauliche und auch der christliche
Fundamentalismus, der ja nicht nur in St. Pölten residiert, ist
eine typische Reaktionsform, in der man mit dieser sehr
verständlichen Angst, loslassen zu müssen, ohne zu wissen,
wohin es geht, nicht österlich-produktiv umzugehen vermag, sondern
kleingläubig angsthaft und im Grunde gottlos am Gewordenen
festhalten will. Es gilt also, eine Kultur der Angstwahrnehmung in
solchen Krisenzeiten zu entwickeln. Ähnlich wie wir zwischen
notwendigem Leiden, das dem Wachstum dient, und masochistischem Leiden,
das selbstzerstörerisch ist, unterscheiden müssen,
müssen wir unterscheiden zwischen einer Angst, in der sieh
Lebensvorgänge neu artikulieren und einer bloß
unproduktiven, verhärtenden, lebensfeindlichen Angstgestalt. Der
karfreitagliche Osterglaube ist Ermutigung zur Angst. Mit Paulus
rühmen wir uns auch unserer Ängste! Weder Gesundbeterei und
Schönreden, weder Jammern und Abwerten - nein: im Tod ist das
Leben, in der Krise - karsamstaglich - die Chance!
G
o t t e s F r a g e n
»Kirche
in der Agonie - ist ihr noch zu helfen?« Ich habe das Ganze im
Bild von Sonne und Mond zu erläutern versucht mit dem Archetyp
karfreitäglichen Osterglaubens. Ich hätte das Ganze auch,
aber dazu reicht die Zeit nicht, in einem anderen Bild
erschließen können, nämlich in der zentralen biblischen
Erfahrung, die das Volk Israel macht und der wir das sogen. Alte
Testament verdanken, nämlich die Erfahrung des Exils. Das Volk
Israel mußte im 6. Jahrhundert Gott neu lernen, da der Tempel,
der Staat, das Königtum zusammenbrachen, alle Verheißungen
kaputt gingen, alles am Ende war. In dieser Phase mußte, durfte
das Volk Israel lernen, daß der, den es seinen Gott nennt, den
Bundesgott der Treue, auch ins Exil mitgeht, ja daß er sein Volk
ins Exil schickt, damit das Gottesvolk unter den Völkern den
Glauben an den lebendigen Gott bezeugt. Israel mußte in die
Diaspora zerstreut werden. Das ganze Alte Testament ist Ergebnis eines
Trauerprozesses angesichts des Exils. Auch das Neue Testament ist wir
vergessen es zu oft - Produkt der Trauerarbeit über den Verlust
Jesu. Angesichts der Tötung Jesu am Kreuz mußten die
frühen Christen sich Klarheit darüber verschaffen, was
trägt. Da haben sie die Schriften komponiert, da haben sie der
Bibel ihre Endgestalt gegeben. Vor jedem biblischen Text stellt
gleichsam als Notenschlüssel der Partitur: ein Text im Exil, ein
Text in der Zerstreuung, ein Text, der, aus Trauerarbeit geboren,
Hoffnung vermittelt. Die europäische Christenheit ist dabei, neu
zu lernen, daß sie im Übergang steht von einer Kirche, die
sich selbst behauptet, die sich von ihrer Umwelt abgrenzt, die mit der
Umwelt rivalisiert, hin zu einer Minderheitenkirche, die aber offensiv
teilnimmt an dem, was alle Menschen bewegt und ihnen Anteil gibt an der
eigenen Hoffnung: Kirche im Exil, in der Diaspora. Madeleine
Delbrêl hat das beispielhaft gesagt für die Eigenart eines
missionarischen, ausstrahlungskräftigen christlichen Zeugnisses in
einer Gott suchenden und noch gottlosen Welt. »Wir kommen zu den
Nichtglaubenden nicht wie Leute, die ein Diplom erlangt haben zu denen,
die keines haben. Wir kommen nicht wie solche, die Gott besitzen zu
denen, die ihn nicht haben. Wir kommen als solche, denen vergeben
worden ist und die im Evangelium einen Schatz gefunden haben, der bei
ihnen hinterlegt ist für die Welt. Wir kommen wie solche, denen
vergeben worden ist, damit andere Menschen auch an dieses Sonnenlicht
des Evangeliums glauben. «Es ist eine Mystik der offenen Augen,
die sich der weltlichen Übergangsrealität stellt, mitten in
den karfreitäglichen Abbrüchen und österlichen
Aufbrüchen. Es ist eine Doppelbewegung: Abschiedsarbeit,
Trauerarbeit, Sterbeprozesse, aber auch Wiedergeburt, Neuanfang,
Auferstehung. Unsere Kirchenstunde, so scheint, mir, ist der
Karsamstag. Es gibt bewegende Hinweise auf das, was wächst an
neuer Christlichkeit, einiges habe ich genannt: der Aufbruch
geistlicher Gemeinschaften, die Entschiedenheit von Menschen,
kontemplativ, betend, mystisch erwachsen zu werden,
Einsiedlerbewegungen mitten in Paris, Konversionen hochreflektierter
zeitgenössischer Menschen und vieles, vieles an Aufbruchbewegungen
sonst. Aber auch Sterbearbeit ist angesagt, schwere Abschiedsarbeit,
der Karsamstag in der Mitte. Es ist wie in den alttestamentlichen
Texten des (Nach-)Exils, und mit dem Gebet der drei Jünglinge im
Feuerofen des Buches Daniel möchte ich deshalb schließen:
»Ach Herr. wir sind geringer geworden als alle Völker. In
aller Welt sind wir heute wegen unserer Sünden erniedrigt.«
Ja, die Kirche ist, wir sind, voller Sünden, deshalb ergeht
über sie und uns Gottes Gericht. Gottes rettende und richtende
Liebe richtet aber immer auf. Die Prozesse, die wir erleben, sind
deutbar in diesem Bild von Gottes wieder aufrichtender Reinigung einer
selbstgefällig, leidenschaftslos und faul gewordenen Kirche. In
aller Welt sind wir heute wegen unserer Sünden erniedrigt.
»Wir haben in dieser Zeit weder Vorsteher noch Propheten und
keinen, der uns anführt. Wir haben weder Brandopfer noch
Schlachtopfer noch einen Ort, um dir die Erstlingsgaben dar zubringen
und um Erbarmen zu finden bei dir. Du aber nimmst uns an ... «
(Dan 3,37ff). Und insofern ist die Antwort auf die Frage, die Sie mir
gestellt haben, klar: Ja, Kirche ist in Agonie, leider Gottseidank. Es
ist nämlich ein Gottesgeschenk, sterben lassen zu dürfen, mit
allen Schmerzen, um zum wahren Leben zu kommen. Der Kirche ist - umso
mehr - auch zu helfen, in der Kraft des Geistes und in österlicher
Widerstandskraft. Denn wir alle sind Kirche. Ihr großer Landsmann
Friedrich Heer sprach von der »Resistance der
Innerlichkeit«. Ja, was würde uns fehlen, wenn uns das
Evangelium fehlt - und die Kirche!
Anmerkungen
1.
Themenformulierung und Anlaß waren mir vorgegeben. Die folgende
Nachschrift des Vortragsteils als Manuskript vorliegend, teils in
freier Rede wurde nur spärlich redigiert und um wichtigste
Literaturangaben ergänzt.
2.
Alfred Delp: Gesammelte Schriften (Hg. von Roman Bleichstein)
Gesammelte Schriften III, Frankfurt 1983, 234f.
3.
Jean-Marie Lustiger. Wagt den Glauben, Einsiedeln 1986, 12Sf.
4.
Vgl. Hugo Rahner: Symbole der Kirche. Die Ekklesiologie der Vater,
Salzburg 1964. 91 - 173.
5.
Zitiert nach Gisbert Greshake: Der dreieine Gott. Eine trinitarische
Theologie, Freiburg 1997, 515
6.
Madeleine Delbel. Wir Nachbarn der Kommunisten, Einsiedeln 1975, 238.
7.
ebd 253.
8.
Vgl. Rolf Zerfass: Spirituelle Ressourcen einer neuen Pastoralen
Kultur, in: Karl Gabriel, Johannes Horstmann, Nobert Mette (Hg.):
Zukunftsfähigkeit der Theologie, Paderborn 1999, 113 127.- Es
wäre ein eigenes Thema, den ekklesiologischen
Diskussionszusammenhang, der im Hintergrund meiner Überlegungen
steht, hier im einzelnen zu belegen. Vgl dazu Medard Kehl: Die Kirche.
Eine katholische Ekklesiologie, Würzburg 1992; Siegfried
Wiedenhofer Das katholische Kirchenverständnis. Ein Lehrbuch der
Ekklesiologie, Graz-Köln 1992. Jürgen Werbick: Kirche. Ein
ekklesiologischer Entwurf für Studium und Praxis, Freiburg 1994.