Letzte Änderung: 13.10.2004

Die Mailingliste der HP Hulda - feministische Theologie feiert in diesen Tagen ihren 5. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Eine Darstellung der Seite, die seit ca 1996 existiert, und der zugehörigen Mailingliste Frauenkirche ist hier nachzulesen.

Rebecca Unsöld, eine der Initiatorinnen von "Hulda - feministische Theologie", evangelische Theologin, hat in einem Essay über ihre Eindrücke nachgedacht, die sie auf kirchlichen Veranstaltungen zum Thema "Gewalt gegen Frauen" gewonnen hat.

Diesem Essay habe ich unten stehenden Leserinbrief hinzugefügt. Einzelnen Reaktionen in der Mailingliste GottesSuche ist zu entnehmen, dass Rebecca Unsoelds und meine Eindrücke von diesen Veranstaltungen zutreffend beschrieben sind. Da wäre weiter nachzudenken - dazu lade ich herzlich ein - per Mail, aber auch in der Mailingliste Betroffener und Verbündeter.


Leserinbrief

Liebe Rebecca!
Dein Essay möchte ich gerne kommentieren. Darf ich?

Die Strategien, Opfer zum Schweigen zu bringen, werden in deinem Erfahrungsbericht verblüffend, fast schon lehrbuchmäßig, praktiziert:

1. Verlagere die Gewalt in die Ferne der Weltpolitik, damit wird die Gewalt im Nahbereich, mitten unter uns verharmlost. Es ist ja unzweifelhaft Gewalt, wenn Menschen an den Folgen unseres Wirtschaftens krepieren. Und wer wollte im Ernst leugnen, dass eine Mutter, die ihrem Kind hilflos beim Verhungern oder Sterben an unsauberem Wasser zuschauen muss, Gewalt erlebt? Angesichts dieser Gewalt war ja nun die eigene Vergewaltigung, die kindheitslange Misshandlung, der jahrelange Missbrauch, der Inzest irgendwie unscheinbarer, harmloser, vermutlich irgendwie doch nicht Gewalt. 

2. Sprich von der gewaltmindernden Liebe, die auch die Täter umfasst. Dann kannst du sicher sein, dass keine Gewaltüberlebende sich zu Wort meldet. Täter haben Vorrang und am Ende unser aller Mitgefühl.

3. Suche die Ursachen für Männergewalt bei den Frauen, die Opfer werden. D.i. sehr beliebt und wurde bis vor kurzem als wissenschaftlicher Ansatz allseits akzeptiert. Wenn ein Opfer reden würde, müsste es sich am Ende von der illustren Runde fragen lassen, was es denn nun getan hat, um einen armen Täter so ins Unglück zu stürzen, dass der gar nicht anders konnte. 

4. Schüre die Angst vor hysterischen, unberechenbaren, ausflippenden, zusammenbrechenden Opfern; bausche die Bedrohung, die von diesen Menschen für sich und für andere ausgeht, auf. Dann kannst du diese Menschen ganz fürsorglich an Therapien verweisen, die kompetent helfen können. Dein Signal an die Opfer wird in jedem Fall verstanden: Sie müssen schweigen, wollen sie nicht riskieren, unangenehm aufzufallen oder überhaupt kenntlich zu werden. Ganz nebenbei wird man dir Anerkennung zollen für deine kompetente Fürsorglichkeit, mit der du dich um Opfer bemühst.

5. Sprich davon, durch dein und euer Schweigen die Opfer vor dem Schmerz schützen zu wollen. Jedes Opfer wird sofort verstehen, dass es deine guten Absichten, die seinem Schutz dienen, zunichte macht, wenn es ohne Rücksicht auf die ihm durch dich gewährte Schonung reden würde. Nein, so undankbar sind die Opfer nicht. Sie lassen sich schützen und schweigen also.

6. Erwähne ganz richtig, dass Neid, Eifersucht, Stolz, Gier in jedem Menschen sind. Vermeide dabei den altbackenen und wahrlich unzeitgemäßen Begriff der Sünde. Sprich stattdessen von "Gewalt". Auch Opfer kennen ja Neid, Eifersucht, Stolz, Gier; also sind ja auch sie irgendwie schuldig; irgendwie gewalttätig. Für ihre Erfahrung von Vergewaltigung, Inzest, Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch, ehelicher Gewalt...... haben diese Opfer dann kein Wort mehr, denn das richtige Wort ist schon anderweitig in Benutzung und vergeben. Es wurde ihnen weggenommen, sie sind enteignet. Wer kein Wort mehr hat, schweigt.

7. Treibe die Opfer in die Vergebungsfalle. Darüber besteht Konsens, der nicht ungestraft in Frage gestellt werden kann: Vergebung ist der christlichen Güter höchstes. Wer nicht vergeben kann oder will, der muss schweigen im christlichen Haus, wenn er nicht der Ächtung durch die anderen unterliegen will. In der Vergebungsfalle sitzen die Opfer dann endgültig und ein für allemal fest. Das kriegen sie wieder mal nicht hin, nicht auf Anhieb, vielleicht sogar nie. Und - horribile dictu - vielleicht wollen sie nicht vergeben, weil sie sich selbst belügen müssten oder weil sie wissen, dass ihre Vergebung noch allemal der Boden ist, auf dem Täter und Zuschauer es sich nach wie vor folgenlos gut gehen lassen.

Vieles von dem, was auf diesen gutgemeinten Veranstaltungen gesagt wird, ist richtig. Seltsam ist nur, dass ich als Gewaltüberlebende mit meiner Vergangenheit und Gegenwart dort irgendwie nicht vorkomme. Auf subtile und verwirrende Weise fühle ich mich der Wirklichkeit und Wahrheit meines Lebens entfremdet und enteignet. Ich erlebe mich als Störenfried der Einmütigkeit und wage nicht, das zu sagen aus Angst, den Konsens zu zerstören und mich – wieder einmal – zu isolieren.

Mir scheint, dass die obigen Strategien dazu dienen, unter dem Etikett des Themas „Gewalt gegen Frauen“ das Thema und den Kontakt zu Betroffenen zu meiden. Sowas nenne ich Etikettenschwindel. Der behauptete Schutz der Opfer dient also in Wirklichkeit dem Schutz vor den Opfern.

Umgekehrt kann ich von wirklichen Begegnungen erzählen, die außerordentlich hilfreich waren und sich als langfristig tragfähig erwiesen haben. Vielleicht sind sie exemplarisch dafür, wie das Brechen des Schweigens so gelingen kann, dass Opfer die in der Gewalt zerstörten Verbindungsfäden zur Gemeinschaft der Menschen/der ChristInnen wieder knüpfen können.
  • Zunächst wurden im Gespräch die Verbrechen beim (richtigen, auch juristischen) Namen genannt. Die Taten wurden nicht beschönigt und nicht entschuldigt. Die Folgen wurden nicht kleingeredet.
  • Die TäterInnen wurden benannt – in ihrer Funktion und mit kurzer Beschreibung.
  • Die Gesprächspartner reagierten jeweils in einer ganz spezifischen Weise, die folgende Elemente aufweist:
Das Gegenüber
  1. zeigte sein Erschrecken, Mitgefühl und den eigenen Schmerz, ohne die Distanz zu verlieren
  2. überwand die Scheu nachzufragen. Die Nachfragen verletzten nicht; ich habe sie als von Herzen kommendes Interesse an mir erlebt.
  3. gab keinerlei Trost für die Vergangenheit, suchte nicht nach Verharmlosung oder Beschönigung und erschlug mich nicht mit ihrer/seiner Deutung meiner Erfahrung; auch nicht mit einer theologischen
  4. schwieg mit mir, wenn es keine Wörter mehr gab und floh nicht vor dem Schweigen
  5. vermittelte mir ein wenig ihrer/seiner eigenen Stärke, die das Erzählen von Schlimmem voller Mitgefühl aushält
  6. verlor den eigenen Halt auch angesichts des Schreckens nicht und hielt stand
  7. konnte unaufdringlich meine Stärken benennen und verabredete verbindlich eine Fortsetzung des Kontaktes (der nicht in der Fortsetzung dieses Gespräches bestehen musste) – ließ mich also nicht wie die berühmte heiße Kartoffel fallen
Wenn ich mich an diese hilfreichen Gespräche erinnere, erinnere ich mich zugleich, dass diese Menschen verstanden haben, dass Christentum Gewaltanschauung ist. Die PartnerInnen hilfreicher Gespräche waren immer auch sonst in ihrem Leben wache und mitleidensfähige Menschen, deren Kontakt zum christlichen Gott krisenerprobt war.


Gute Erfahrungen, das Thema zur Sprache zu bringen und mich selbst dabei einbringen zu können, habe ich auch mit Gottesdiensten gemacht. Die Strenge des liturgischen Rahmens verschaffte zugleich Raum, Dinge zu sagen, die sonst nur schwer zu sagen sind. Die Sprache der Liturgie widersetzt sich nach meiner Erfahrung der Gefahr des Ausweichens in Verharmlosungen oder des Abgleitens in Banalität. Dass Bedrückendes und Nicht-Sagbares in einer Gemeinschaft vor „unseren Gott“ gebracht werden kann, der ja eigene Erfahrungen mit Gewalt hat, entlastete alle Beteiligten und ermöglichte Zuversicht und Hoffnung, die die Gewalterfahrung und deren Folgen nicht ausblenden musste. 

Aus Presseberichten weiß ich, dass einige Mitglieder der amerikanischen Bischofskonferenz weinten, als die Opfer von Kindesmissbrauch durch Priester konkret und genau von ihrem Leben erzählten. Dort gelang es offensichtlich, den Kontakt vermeidenden, routinierten und ritualisierten Umgang mit Gewaltopfern zu durchbrechen und dem sonst üblichen Reflex des Täterschutzes nicht zu erliegen.

Es gibt also sehr wohl gelungene Versuche, mit Opfern so zu sprechen, dass diese Menschen mit ihrer Gewaltgeschichte vorkommen dürfen, wahrgenommen werden, einen Raum finden – und mit einem gestärkten Gefühl von Zugehörigkeit zur Gemeinschaft von Menschen in ihren Alltag zurückkehren können.
Ich denke, an dieser Stelle wäre weiterzudenken und weiter zu sprechen.

Liebe Grüße!
Rika, u.a. Gewaltüberlebende, die dir für diesen Essay dankt, weil er die Hohlheit der üblichen Veranstaltungen zutreffend beschreibt  und sich damit nicht zufriedengibt
13.10.2004




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