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Leserinbrief
Liebe Rebecca!
Dein
Essay
möchte ich gerne kommentieren. Darf ich?
Die
Strategien,
Opfer zum Schweigen zu bringen, werden in deinem Erfahrungsbericht
verblüffend, fast schon lehrbuchmäßig, praktiziert:
1. Verlagere die Gewalt in die
Ferne der Weltpolitik, damit wird die Gewalt im Nahbereich, mitten
unter uns verharmlost. Es ist ja unzweifelhaft Gewalt, wenn Menschen an
den Folgen unseres Wirtschaftens krepieren. Und wer wollte im Ernst
leugnen, dass eine Mutter, die ihrem Kind hilflos beim Verhungern oder
Sterben an unsauberem
Wasser zuschauen muss, Gewalt erlebt? Angesichts dieser Gewalt war ja
nun
die eigene Vergewaltigung, die kindheitslange Misshandlung, der
jahrelange
Missbrauch, der Inzest irgendwie unscheinbarer, harmloser, vermutlich
irgendwie
doch nicht Gewalt.
2. Sprich
von der gewaltmindernden Liebe, die auch die Täter umfasst.
Dann kannst
du sicher sein, dass keine Gewaltüberlebende sich zu Wort meldet.
Täter haben Vorrang und am Ende unser aller Mitgefühl.
3. Suche die Ursachen für
Männergewalt bei den Frauen,
die Opfer werden. D.i. sehr beliebt und wurde bis vor kurzem als
wissenschaftlicher Ansatz allseits akzeptiert. Wenn ein Opfer reden
würde, müsste es sich am Ende von der illustren Runde fragen
lassen, was es denn nun getan hat, um einen armen Täter so ins
Unglück zu stürzen, dass der gar nicht anders konnte.
4.
Schüre die Angst vor hysterischen, unberechenbaren, ausflippenden,
zusammenbrechenden Opfern; bausche die Bedrohung, die von diesen
Menschen für sich und für andere ausgeht, auf. Dann
kannst du diese Menschen ganz fürsorglich an Therapien verweisen,
die kompetent helfen können. Dein Signal an die Opfer wird in
jedem Fall verstanden: Sie müssen
schweigen, wollen sie nicht riskieren, unangenehm aufzufallen oder
überhaupt
kenntlich zu werden. Ganz nebenbei wird man dir Anerkennung zollen
für
deine kompetente Fürsorglichkeit, mit der du dich um Opfer
bemühst.
5. Sprich
davon, durch dein und euer Schweigen die Opfer vor dem
Schmerz schützen zu wollen. Jedes Opfer wird sofort verstehen,
dass es deine guten Absichten, die seinem Schutz dienen, zunichte
macht,
wenn es ohne Rücksicht auf die ihm durch dich gewährte
Schonung
reden würde. Nein, so undankbar sind die Opfer nicht. Sie lassen
sich
schützen und schweigen also.
6. Erwähne ganz richtig,
dass Neid, Eifersucht, Stolz, Gier
in jedem Menschen sind. Vermeide dabei den altbackenen und wahrlich
unzeitgemäßen Begriff der Sünde. Sprich stattdessen von
"Gewalt". Auch Opfer kennen ja Neid, Eifersucht, Stolz, Gier; also
sind ja auch sie irgendwie schuldig; irgendwie gewalttätig.
Für ihre Erfahrung von Vergewaltigung, Inzest, Kindesmisshandlung,
Kindesmissbrauch, ehelicher Gewalt...... haben diese
Opfer dann kein Wort mehr, denn das richtige Wort ist schon anderweitig
in
Benutzung und vergeben. Es wurde ihnen weggenommen, sie sind enteignet.
Wer
kein Wort mehr hat, schweigt.
7. Treibe
die Opfer in die Vergebungsfalle. Darüber besteht Konsens, der
nicht ungestraft in Frage gestellt werden kann: Vergebung ist der
christlichen Güter höchstes. Wer nicht vergeben kann oder
will, der muss schweigen im christlichen Haus, wenn er nicht der
Ächtung durch die anderen unterliegen will. In der Vergebungsfalle
sitzen die Opfer dann endgültig und ein für allemal fest. Das
kriegen sie wieder mal
nicht hin, nicht auf Anhieb, vielleicht sogar nie. Und - horribile
dictu -
vielleicht wollen sie nicht vergeben, weil sie sich selbst belügen
müssten
oder weil sie wissen, dass ihre Vergebung noch allemal der Boden ist,
auf
dem Täter und Zuschauer es sich nach wie vor folgenlos gut gehen
lassen.
Vieles von
dem,
was auf diesen gutgemeinten Veranstaltungen gesagt wird, ist richtig.
Seltsam ist nur, dass ich als Gewaltüberlebende mit meiner
Vergangenheit und Gegenwart dort irgendwie nicht vorkomme. Auf subtile
und verwirrende Weise fühle ich mich der Wirklichkeit und Wahrheit
meines Lebens entfremdet und enteignet. Ich erlebe mich als
Störenfried der Einmütigkeit und wage nicht, das zu sagen aus
Angst, den Konsens zu zerstören und mich – wieder einmal – zu
isolieren.
Mir scheint, dass die obigen
Strategien dazu dienen, unter dem Etikett des Themas „Gewalt gegen
Frauen“ das Thema und den Kontakt zu Betroffenen zu meiden. Sowas nenne
ich Etikettenschwindel. Der behauptete Schutz der Opfer dient also
in Wirklichkeit dem Schutz vor den Opfern.
Umgekehrt kann ich von wirklichen
Begegnungen erzählen, die außerordentlich hilfreich waren
und sich als langfristig tragfähig erwiesen haben. Vielleicht sind
sie exemplarisch dafür, wie das Brechen des Schweigens so gelingen
kann, dass Opfer die in der Gewalt zerstörten
Verbindungsfäden zur Gemeinschaft der Menschen/der ChristInnen
wieder knüpfen können.
- Zunächst
wurden
im
Gespräch
die Verbrechen beim (richtigen, auch
juristischen) Namen genannt. Die Taten wurden nicht beschönigt und
nicht entschuldigt. Die Folgen wurden nicht kleingeredet.
- Die
TäterInnen wurden benannt – in ihrer Funktion und mit kurzer
Beschreibung.
- Die
Gesprächspartner reagierten jeweils in einer ganz spezifischen
Weise, die folgende Elemente aufweist:
Das Gegenüber
- zeigte
sein Erschrecken, Mitgefühl und den eigenen Schmerz, ohne die
Distanz zu verlieren
- überwand
die
Scheu
nachzufragen.
Die Nachfragen verletzten nicht; ich habe sie
als von Herzen kommendes Interesse an mir erlebt.
- gab
keinerlei Trost für die Vergangenheit, suchte nicht nach
Verharmlosung oder Beschönigung und erschlug mich nicht mit
ihrer/seiner Deutung meiner Erfahrung; auch nicht mit einer
theologischen
- schwieg
mit
mir,
wenn
es keine Wörter mehr gab und floh nicht vor dem
Schweigen
- vermittelte
mir
ein
wenig
ihrer/seiner eigenen Stärke, die das Erzählen
von Schlimmem voller Mitgefühl aushält
- verlor
den eigenen Halt auch angesichts des Schreckens nicht und hielt stand
- konnte
unaufdringlich meine Stärken benennen und verabredete verbindlich
eine Fortsetzung des Kontaktes (der nicht in der Fortsetzung dieses
Gespräches bestehen musste) – ließ mich also nicht wie die
berühmte heiße Kartoffel fallen
Wenn ich mich an diese hilfreichen
Gespräche erinnere, erinnere ich mich zugleich, dass diese
Menschen verstanden haben, dass Christentum Gewaltanschauung ist.
Die PartnerInnen hilfreicher Gespräche waren immer auch sonst in
ihrem Leben wache und mitleidensfähige Menschen, deren Kontakt zum
christlichen Gott krisenerprobt war.
Gute
Erfahrungen, das Thema zur Sprache zu bringen und mich selbst
dabei einbringen zu können, habe ich auch mit Gottesdiensten gemacht.
Die Strenge des liturgischen Rahmens verschaffte zugleich Raum, Dinge
zu sagen, die sonst nur schwer zu sagen sind. Die Sprache der Liturgie
widersetzt sich nach
meiner Erfahrung der Gefahr des Ausweichens in Verharmlosungen oder des
Abgleitens in Banalität. Dass Bedrückendes und Nicht-Sagbares
in
einer Gemeinschaft vor „unseren Gott“ gebracht werden kann, der ja
eigene Erfahrungen mit Gewalt hat, entlastete alle Beteiligten und
ermöglichte Zuversicht und Hoffnung, die die Gewalterfahrung und
deren Folgen nicht ausblenden
musste.
Aus Presseberichten weiß
ich, dass einige Mitglieder der amerikanischen Bischofskonferenz
weinten, als die Opfer von Kindesmissbrauch durch Priester konkret und
genau von ihrem Leben erzählten. Dort gelang es offensichtlich,
den Kontakt vermeidenden, routinierten und ritualisierten Umgang mit
Gewaltopfern zu durchbrechen und dem sonst üblichen Reflex des
Täterschutzes nicht zu erliegen.
Es gibt also
sehr wohl gelungene Versuche, mit Opfern so zu sprechen, dass
diese Menschen mit ihrer Gewaltgeschichte vorkommen dürfen,
wahrgenommen werden, einen Raum finden – und mit einem gestärkten
Gefühl von Zugehörigkeit zur Gemeinschaft von Menschen in
ihren Alltag zurückkehren können.
Ich denke, an
dieser Stelle wäre weiterzudenken und weiter zu sprechen.
Liebe
Grüße!
Rika, u.a.
Gewaltüberlebende, die dir für diesen Essay dankt, weil er
die Hohlheit der üblichen Veranstaltungen zutreffend
beschreibt und sich damit nicht zufriedengibt
13.10.2004
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