Die Seite für Verbündete und jene, die es werden wollen
Letzte Änderung: 10.12.2011
“Wer Gott sagt, nimmt die Verletzung der eigenen Gewissheiten durch das Unglück der anderen in Kauf.” (J. B. Metz)


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Meine Supervision bei Frau Dr. Ch. B., Ettlingen, Supervisorin und Psychoanalytikerin, wird für zwei Jahre von einem Bistum in Deutschland bezahlt. Den Menschen, die sich für diese unbürokratische Unterstützung Gewaltüberlebender eingesetzt haben, gilt mein herzlicher Dank!
Rika 19.5.2008

Für ein Jahr übernimmt die Caritas Bruchsal in Zusammenarbeit mit der Pfarrei St. Peter, Bruchsal, die Hälfte der Kosten für die Supervision. Herzlichen Dank!
Rika, 26.1.2010

Auf meinen Aufruf zur Unterstützung der Gewaltarbeit durch weitere Finanzierung der Supervision meldete sich ein Mann. 2.9.2010






In die Überlegungen auf dieser Verbündetenseite möchte ich einsteigen mit einem Text von Susanne Kristen. Er wirft einen richtigen Blick darauf, mit wem wir uns verbünden und gegen wen und was. Er bringt ebenfalls zur Sprache, was viele von uns täglich leidvoll zu entscheiden und zu tun haben: Sich mit sich selbst zu verbünden. Zugleich zeugt der Text davon, dass und wie nötig wir Menschen brauchen, die sich mit uns verbünden.


  Susanne Kristen
Verbündet

Ich bin verbündet, mit dir, gegen sie,
dagegen, immer wieder zu hören
wie ein Täter aus dir spricht... oder eine Täterin...
Dagegen, dass die Stimme dir sagt,
dass du wertlos bist, Abfall, falsch, unwert;
dass du es wolltest, dass du genau so bist wie sie
und dass du schweigen muss,
dass dir niemand glaubt, dass dich niemand erträgt...
Aber ich bin verbündet und glaube dir, ich halte dich aus
und das, was du erzählst, wenn du es erzählst...
und auch, wenn du selbst glaubst,
was sie dir eingetrichtert haben.

Ich bin verbündet, mit dir, gegen sie,
gegen Bulimie, Anorexie, Adipositas und Binge,
gegen Alpträume und Selbstverletzung,
gegen Panikattacken, Magen- und Darmprobleme,
gegen HErzprobleme und Asthmaanfälle,
gegen Migräne und Wirbelsäulenprobleme,
gegen Schmerzen ohne körperliche Ursache,
gegen Ängste vor allem und jedem, auch vor mir.
Verbündet mit dir, dass du Nähe aushältst,
die dir mehr Angst macht als alles nur denkbar Schlimme,
die dich immer wieder auch vor mir in Panik weglaufen
oder erstarren lässt,
die dich immer wieder auch mich als Fremde behandeln lässt,
kalt und gleichgültig,

die dich immer wieder auch in mir einen Feind sehen
und angreifen lässt.
Dabei bin ich doch derselbe Mensch wie vor 5 Minuten,
Ich bin immer noch ich.
Ich bin immer noch in der Gegenwart -
du nicht.
Und du merkst es nicht einmal.
Und dann ziehst du dich zurück und gibst auf.

Ich bin verbündet, mit dem verängstigten Kind
hinter der panischen Angst, hinter dem wütenden Angriff,
hinter dem kalten schnippischen Wegstoßen
und dagegen, dass es sich selbst die Schuld gibt.

Ich bin verbündet, obwohl du glaubst,
es wäre zuviel für mich zu wissen,
was dir angetan wurde und wie du dich heute fühlst.
Das halte ich aus - aber anderes gar nicht gut.
Es fehlt mir, einfach nur ich sein zu können.
Es verletzt mich, dass du mir zutraust,
ich stünde auf der Seite der Täter
und dächte und handelte wie sie.
Es fehlt mir, Stabilität und Verlässlichkeit zu bekommen.
Es fehlt mir, genommen zu werden, wie ich bin.

Es belastet mich, dass ich so selten die Bestätigung bekomme,
dass der eingeschlagene Weg richtig ist,
dass es richtig ist, weiter zu hoffen,
für dich mit zu hoffen und für dich mit nicht aufzugeben,
wenn du nicht mehr hoffst und aufgegeben hast.

Aber ich bin verbündet und kann auch das aushalten,
ich hoffe, lange genug,
für dich, mit dir und auch für mich
und gegen alles, was sie angerichtet haben.


Susanne Kristen, Verbündet, in:  Manuela Jung, Susanne Kristen, Petra Berndt (Hrsg) Überlebenskunst. Folgen und Erfolge, Freiburg 2007, S. 200 - 2001







Verbündete im Netz - und auch sonst :-)

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Was erschwert die Solidarität mit Gewaltopfern?

Wenn Sie eine Entscheidung darüber treffen, ob Sie sich mit Opfern von Gewalt solidarisieren wollen, dann sollten Sie einige Widerstände kennen, die in der Fachwelt als psychotraumatologische Abwehrmechanismen (Fischer & Riedesser, Lehrbuch der Psychotraumatologie, 1998) bekannt sind und denen jeder Mensch unterliegt. Weder sind diese Abwehrmechanismen auf fehlende Hilfsbereitschaft noch auf Bösartigkeit zurückzuführen - vielmehr liegen sie im oft schlimmen Schicksal von Gewaltopfern und im berechtigten Versuch, selbst ein solches Schicksal vermeiden zu wollen.

Das Wissen darum, dass Menschen mitten im Frieden, in unmittelbarer Nachbarschaft Opfer von Gewalt werden, erschüttert das eigene Sicherheitsempfinden gravierend. Dagegen mobilisiert jeder Mensch Abwehrmechanismen. Die Abwehrmechanismen dienen dem eigenen Sicherheitsempfinden, allerdings richten sie sich zugleich gegen die Opfer von Gewalt und können ihre Situation verschlimmern.
 
Einige Abwehrmechnismen seien genannt:
  • Der Gedanke, selbst Opfer zu werden, lässt sich verändern, wenn man sich vom Opfer deutlich unterscheiden kann; wenn es etwas geben kann, was das Opfer zum Opfer machte; was dem Opfer eigen ist, nicht jedoch einem selbst. 
  • Früher hatte der Überbringer einer schlechten Nachricht für die Nachricht selbst den Kopf hinzuhalten. In unserem noch immer auch magischen Denken ist das Opfer die Personifizierung der schlechten Nachricht. Man nimmt sie dem Opfer übel, nicht dem Täter.
  • Im Umkreis kirchlichen Denkens lässt die Tatsache, dass ein Mensch Opfer von Gewalt wurde, an einem "guten Gott" zweifeln. Um das zu vermeiden, ist es entlastend, dem Opfer eine (Mit-)Schuld zu geben. So kann das Bild eines guten und gerechten Gottes gerettet werden. 
  • Ein weiterer Abwehrmechanismus bedient sich der Entmündigung des Gewaltopfers: Dem Opfer wird unterstellt, dass die Tatsache der Gewalterfahrung einhergeht mit unterschiedlichsten Unfähigkeiten, u.a. derjenigen, für eigene Belange einzutreten. Dieser Abwehrmechanismus erlaubt es, über den Kopf von Gewaltopfern hinweg deren (vermeintliche) Interessen zu vertreten
  • Es kann auch zu einer Überidentifikation mit dem Opfer kommen. HelferInnen sind dann mit den eigenen emotionalen Belastungen so beschäftigt, dass für das reale Gewaltopfer kein Blick mehr frei ist.
  • Umgekehrt kann es zu einer gesellschaftlich gestützten Identifikation mit den Tätern kommen.
Alle diese Abwehrmechanismen helfen der Erkenntnis, selbst Opfer von Gewalt werden zu können, auszuweichen. Und alle diese Abwehrmechanismen führen am Ende zu einer Ausgrenzung der Opfer und einer schleichenden Retraumatisierung der Gewaltüberlebenden. Es ist gut, um die eigenen Bemühungen um Selbstschutz zu wissen, um ihnen angemessen begegnen zu können.
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Ermutigung zum Gespräch zwischen Gewaltüberlebenden und Verbündeten

Es ist selbstverständlich, dass Nichtbetroffene und Gewaltüberlebende miteinander sprechen - solange Gewaltüberlebende nicht als solche kenntlich sind: Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben Sie als Nichtbetroffene/r schon häufig mit Gewaltüberlebenden gesprochen oder tun dies täglich. Ihre Nachbarin, Ihre Arbeitskollegin, Ihre Chat-Partnerin, Ihre Sportkameradin, Ihre Cousine, vielleicht Ihre Schwester oder Ihre Mutter sprechen nicht darüber. Vielleicht haben die es Ihnen auch erzählt - und Sie haben es wieder "vergessen", weil Ihnen die Vorstellung Schwierigkeiten macht, dass "die Andere" Schlimmes erlebt hat - Sie jedoch davongekommen sind.  Vielleicht fühlen Sie sich unbehaglich bei dem Gedanken, dass unsere Welt nicht für alle Menschen so sicher ist, wie das für Sie gilt. Sie könnten fürchten, dass Ihr grundlegendes Sicherheitsgefühl in der Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft gefährdet ist. Vielleicht haben Sie auch Sorge, dass das gewaltüberlebende Gegenüber die Fassung verliert, wenn Sie das Thema Gewalt berühren. Möglicherweise ist Ihnen unbehaglich bei dem Gedanken, dass es auch - am Ende gar in Ihrer Nähe - Täter und sogar Täterinnen geben muss. Wem ist dann noch zu trauen?

Es ist inzwischen möglich geworden, dass Gewaltüberlebende miteinander sprechen. Nach dem Überwinden einer ersten Hemmschwelle sind diese Gespräche "leicht". Der Belastung, die ein Gespräch über eigene Erfahrungen mit einem schwierigen Thema mit sich bringt, steht ein hoher Gewinn gegenüber. Da werden tragfähige Erfahrungen gemacht; man wird verstanden, das schwer aushaltbare Gefühl der Isolation wird reduziert, Solidarität und die Einbindung in die Gemeinschaft von Menschen erlebt.

Es ist auch möglich geworden, dass Nichtbetroffene über oder für Gewaltüberlebende sprechen. Akademieveranstaltungen, Gottesdienste, gemeindliche Informationsabende greifen das Thema auf und versuchen, es einem größeren Kreis zugänglich zu machen. Gewaltüberlebende geben sich dabei aus guten Gründen nicht zu erkennen. Sie tun dies nur in der Gruppe der LeidensgenossInnen. Nichtbetroffene andererseits bleiben ebenfalls unter sich. Das erleichtert zwar jeweils das Gespräch, es belässt jedoch Gewaltüberlebende in der Unsichtbarkeit und verzichtet auf die notwendige Konfrontation von Kirche und Gesellschaft mit dem Vorhandensein von Gewalt. Gewalt, die nicht wahrgenommen wird, muss auch nicht bekämpft werden. 


Wenn Gewaltüberlebende und Verbündete Gewalt eindämmen und Gewaltfolgen für die Opfer reduzieren helfen wollen, dann ist es nötig, dass beide auch miteinander ins Gespräch kommen.

Dieses Gespräch scheint jedoch sehr schwierig zu sein. Da gibt es auf beiden Seiten Ängste, die einander manchmal verblüffend ähneln:

In den letzten drei Jahren habe ich das Gespräch mit Nichtbetroffenen gesucht. Dabei machte ich schwierige, aber auch gute Erfahrungen. Die überwältigend häufigste Reaktion auf Gesprächsversuche war Schweigen - auch von Gruppen, zu deren Zielen erklärtermaßen die Eindämmung von Gewalt und die Solidarität mit Opfern von Gewalt gehören. Und so legt sich mit dem andauernden Schweigen erneut wie eine Glasglocke das Gefühl über Gewaltüberlebende, tabu zu sein. Sie erfahren, dass ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihr Nachdenken über Gewalt nicht gefragt sind. Nichtbetroffene erleben ihre Gesprächsunfähigkeit vielleicht als Versagen vor den Ansprüchen an sich selbst. Zweifellos: Die Konfrontation mit Gewalt IST schwierig. Sie kann nicht nur Opfer, sondern auch Verbündete an Grenzen des Erträglichen führen. Gewalt jedoch nicht wahrzunehmen, sich nicht mit ihrem Vorhandensein und ihren langfristigen Folgen zu konfrontieren, unterstützt aber die Täter und trägt nicht zur Eindämmung der Gewalt bei. Die Nichtwahrnehmung von Gewalt belässt die Opfer in der Unsichtbarkeit und riskiert, dass Gewalt sich weiter ausbreitet und Menschen zu Opfern macht - Opfer, die vielleicht verhindert werden könnten. Aus gelungenen Gesprächsversuchen ergeben sich erste Anhaltspunkte.

Wo liegen die Berührungsängste zwischen Gewaltüberlebenden und Verbündeten? Wie können sie überwunden werden?

  • Verbündete machen sich vielleicht Sorgen darüber, wie Gewaltüberlebende reagieren, wenn über Gewalt gesprochen wird. Sie fürchten möglicherweise, dass das Gegenüber die Fassung verliert. Da kann es hilfreich sein, dass Verbündete sich immer wieder klar darüber werden, dass der Status "gewaltüberlebend" nur eine von vielen anderen möglichen Beschreibungen eines Menschen ist. Das Wissen um die unterschiedlichen Rollen Gewaltüberlebender im Alltag kann Ängste Verbündeter vor Gewaltüberlebenden auf ein realistisches Maß reduzieren. Natürlich ist es richtig, dass Gewaltüberlebende mit speziellen Schwierigkeiten, die aus der Gewalterfahrung resultieren, zu kämpfen haben. Aber das ist ihre alltägliche Aufgabe, die sie in Familie, Nachbarschaft, Beruf..... auch meistern. Es ist also nicht sinnvoll, dass Verbündete eine Schonhaltung einnehmen, als wären Gewaltüberlebende nicht belastbar oder unfähig, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Hilfreich ist ein normaler Umgang miteinander.  
  • Das Thema Gewalt kann alle, die sich damit konfrontieren, an Grenzen des Erträglichen führen. Gefühle, auch extreme und widersprüchliche, können auftauchen. Der Umgang mit diesen Gefühlen kann schwierig sein. Es hat sich bewährt, wenn GesprächsteilnehmerInnen aufmerksam ihre eigenen Gefühle wahrnehmen und sich auf sie verlassen. Darüber hinaus hat es sich als hilfreich erwiesen, wenn über diese Gefühle miteinander gesprochen wird. Das hilft, Missverständnisse und Verletzungen zu vermeiden.
  • Wenn Angst, Abwehr, Unsicherheit, Überforderung oder Befangenheit die vorherrschenden Gefühle sind, die ein eigentlich gesuchtes Gespräch verhindern, dann ist vielleicht zuallererst genau DARÜBER zu sprechen. Es könnte sich zeigen, dass diese Situation auch für die inhaltliche Arbeit am gemeinsamen Thema wichtig ist. 
  • Es ist gut, am Anfang eines langfristig geplanten Gespräches Verabredungen darüber zu treffen, wie mit den Schutzbedürfnissen der GesprächsteilnehmerInnen bei Überforderung und Überlastung umgegangen werden soll. Hilfreich ist der Versuch, das Gespräch auch dann nicht abzubrechen - wenngleich sich Vertagungen bewährt haben -, wenn es schwierige Phasen gibt. Hilfreich ist auch, einander dies zuzusagen. Damit wird der Eindruck eines möglicherweise bedrohlich wirkenden Gesprächsabbruchs vermieden. 
  • Beobachtungen im Gespräch zwischen Traumatisierten und Nichtbetroffenen zum Thema Gewalt lassen erkennen, dass Verbündete manchmal Sorgen haben, dass Gewaltüberlebende in einer Arbeitsgruppe therapeutische Unterstützung suchen könnten. Gewaltüberlebende, die mit Verbündeten zusammen in einem "Projekt Gewalteindämmung" a r b e i t e n, können jedoch sehr genau zwischen einer Arbeitsgruppe und einer therapeutischen Gruppe unterscheiden. Schon die Erfahrung, dass Menschen das Gespräch mit identifizierten Gewaltüberlebenden nicht verweigern, ist heilsam. Mehr und anderes ist in einer Arbeitsgruppe nicht zu leisten und wird von Gewaltüberlebenden auch nicht erwartet. 
  • Manchmal fürchten Verbündete, dass Gewaltüberlebende ihnen zumuten könnten, ausführliche Erzählungen über Gewalterfahrungen anhören zu müssen. Gewaltüberlebende hingegen wissen, dass sie selbst sich die Konfrontation mit ihren Erfahrungen nur dosiert, häufig nur im Schutz von Therapien oder in der Verschwiegenheit eines Tagebuches zutrauen dürfen. Sie erzählen anderen Menschen daher in der Regel nur summarisch, mit wenigen Stichworten, unter Angabe einer "anerkannten Diagnose" von ihren Erfahrungen. Die Sorge Verbündeter, im Kontakt mit Überlebenden von unerträglichen Erzählungen überschwemmt zu werden, ist daher unbegründet. Gewaltüberlebende erzählen eher zu wenig als zu viel, wenn sie nicht das Schweigen über ihre Erfahrungen zu ihrem eigenen Schutz vorziehen. Schließlich: Wäre es denn so schlimm, wenn Verbündete und Überlebende weinen würden darüber, wie viel Gewalt es gibt und was sie anrichtet? Ich denke, es wäre eine durchaus angemessene Reaktion. Außerdem kann zugelassene Trauer eine Quelle der Kraft sein.

 



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