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In diesem Jahr ist
der Rückblick ernüchternd. Meiner
Kirche gelingt es nach wie vor, weitgehend ohne
Opfer auszukommen. Die
Entschädigungszahlungen wurden ohne Opfer
unter den Institutionen, die die Täter
beherbergten und schützten, ausgemacht; der
Antrag
auf Entschädigung zeugt vom
Abschreckungswillen der Kirche gegenüber
Opfern, sonst wäre er anders formuliert. Er
setzt voraus, dass die Autoren des Antrages
nichts oder nicht viel vom anhaltenden Leid der
Opfer verstanden haben. Kirche bewundert sich
selbst für die Vorbildlichkeit ihres
Umgangs mit Opfern und empfiehlt Gesellschaft
und Politik, es genauso wie sie zu machen (da
erschrickt so manches Opfer!). Klugerweise
lässt Kirche die, um die es geht,
außen vor. Es könnte ja
passieren, dass Opfer das Verhalten der
katholischen Kirche anders sehen als diese
selbst und von der Demütigung
erzählen, die sich in den
Entschädigungszahlungen und im Antrag auf
Entschädigung zeigen. Wie mit den
Ex-Heimkindern am RTH umgegangen wurde,
berichtet Prof.
Kappeler. Diese Menschen hatten bei den
Kirchenvertretern noch weniger
Unterstützung als die Opfer, über die
am Runden
Tisch sexueller Kindesmissbrauch
verhandelt wurde. Opfern aus der
bürgerlichen Mitte wurde ein wenig mehr
Gehör geschenkt als den Opfern, die aus
prekären Verhältnissen kommend in den
Heimen zu Zwangsarbeit (die man laut Sprachregelung
der Deutschen Bischofskonferenz nicht so
nennen darf) gezwungen wurden, denen
Schulbildung verweigert wurde und die so
unendlich oft körperlicher, psychischer und
sexueller Gewalt ausgeliefert waren. Es sind
nicht wenige Opfer, die das anhaltende Schweigen
erleiden. Jetzt sollte man meinen, dass doch wenigstens von der Forschung offenlegt wird, was noch immer verborgen ist. Da bin ich skeptisch. Christian Pfeiffer stellte im Oktober eine Studie über Gewalt vor. Die gute Nachricht hieß: Gewalt ist im Vergleich zu 1992 deutlich zurückgegangen. Wer jedoch ein wenig genauer hinschaute - wie Christine Bergmann -, der musste erkennen, dass es mit der Aussagekraft dieser Studie nicht weit her ist. Unter den 11 500 Befragten gab es nur eine Frau, die von Missbrauch durch einen katholischen Priester berichtete. Kein Wunder: KatholikInnen waren in dieser Befragung unterrepräsentiert und psychisch Kranke und traumatisierte Menschen wurden erst gar nicht gefragt. Die Studie schloss also Personengruppen von der Befragung aus, bei denen in einem hohen Maß zu erwarten ist, dass sie von Gewalterfahrungen berichten würden. In der Studie von 1992 wurden die 20-40-Jährigen befragt. In der neuen Studie wurde diese Personengruppe (jetzt zwischen 40 und 60 Jahre alt) nicht mehr befragt - obwohl jedem Kundigen bekannt ist, dass viele Gewaltopfer sich erst in und jenseits der Lebensmitte an erlittene Gewalt erinnern können. Die Deutsche
Bischofskonferenz hat das Kriminologische
Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) unter der
Leitung von Christian Pfeiffer beauftragt, die
Akten von 9 der 27 Bistümer seit dem Jahr
1945 zu untersuchen und zu schauen, ob es dort
weitere Hinweise auf Missbräuche durch
Priester und kirchliche MitarbeiterInnen gibt.
Wer auch hier genauer hinschaut, erfährt,
dass die erste Sichtung der Akten durch
MitarbeiterInnen der Bistümer geschieht.
Mitglieder des KFN erhalten die Akten erst, wenn
sie anonymisiert wurden. Aus einer
gründlicheren Untersuchung im Erzbistum
München wissen wir, dass man Akten
verschwinden lassen kann und sie verändern
kann. Zeit genug ist gewesen. Es kann auch schon
genügen, einen Hinweis auf Missbrauch bei
der ersten Durchsicht zu überlesen - von
den Fällen, in denen erst gar keine
Aktenvermerke angelegt wurden, ganz zu
schweigen. In den Niederlanden
wurde ein repräsentativer Querschnitt der
Bevölkerung befragt - und bei 10 Mio
Einwohnern ist die Rede von 10 - 20 000 Opfern
in der katholischen Kirche. In Deutschland ist
keine vergleichbare Studie geplant.
Offensichtlich will die katholische Kirche die
Wahrheit nicht so genau wissen, sonst
dürften die Forschungsbedingungen nicht so
gestaltet sein, wie sie gestaltet sind. Es
ist nicht einmal im Bistum
Trier, dessen Bischof ausgerechnet der
Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz
ist, gelungen, sich an die eigenen (!)
Richtlinien zum Umgang mit
Missbrauchsfällen zu halten. Da wurde ein
Täter 10 Monate, nachdem seine
Täterschaft bekannt geworden war, in seinem
Wirkungskreis belassen und die
Öffentlichkeit wurde nicht informiert. Der
von der Presse
aufgedeckte Vorgang lässt ahnen, wie es in
anderen Bistümern wohl aussieht. Die
Vorwürfe von Opfern, es würde
weiterhin geleugnet, vertuscht und geheuchelt,
könnten der Wahrheit entsprechen. - Im Erzbistum
München und in den Niederlanden
wurden durch unabhängige Befragungen Opfer-
und Täterzahlen ermittelt, die die
düstersten Spekulationen bei Weitem
übertrafen. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der
Aufdeckung von Missbrauchsfällen in der
katholischen Kirche hat die Deutsche
Bischofskonferenz einen Dialogprozess
angekündigt. Bischöfe erklärten,
es dürfe keine Tabus geben und auch die
Strukturen der Kirche, die alle Gewalt gegen
Kinder begünstigten, müssten auf den
Prüfstand. Dann jedoch erklärte
Bischof für Bischof, über welche
Themen im Dialogprozess nicht gesprochen werden
darf. Das sind ungefähr alle Themen, die
engagierte KatholikInnen seit Jahrzehnten
umtreiben. Vom angstfreien und tabulosen Dialog
kann keine Rede mehr sein. Über die
Strukturen, die in der Vergangenheit sexuelle
Gewalt zuließen, Täter
unterstützten und Opfer alleine
ließen, darf nicht nachgedacht werden. Die katholischen Kirchenleitungen
haben noch immer nicht verstanden, dass es
um z w e i schreckliche
Erfahrungen von Opfern geht: Da ist einmal das
Verbrechen selbst - bekannt sind ca 2
000 Opfer und mehr als 1 000 Täter.
Diese Zahl (oder eine noch schrecklichere?)
wurde bislang nicht - wie versprochen - von der
Bischofskonferenz veröffentlicht. Aber
immer noch ist von "Einzelfällen" die Rede.
Das zeugt von einer Verkennung der Tatsachen. Da
ist zum anderen das Vertuschen der Verbrechen
und der Täterschutz, der in der Institution
vorgenommen wurde. Dafür hat bislang weder
ein Bischof noch der Papst die Verantwortung
übernommen. Der Papst schrieb an die
irischen Katholiken einen Brief, in dem er die
Bischöfe verurteilte, die getan hatten, was
der Papst (bzw. der Chef der
Glaubenskongregation, vormals Inquisition)
wollte: Die Täter nach Rom melden und sie
der staatlichen Justiz entziehen. Kirche hat in vielen Bereichen
begonnen über Prävention nachzudenken
und erste Maßnahmen ergriffen. Das ist gut
so. Was fehlt, ist die Überlegung, was an Lebensbegleitung Kirche jenen Menschen anbietet, die längst Opfer geworden sind und für die jede Prävention zu spät kommt. Auch in Zukunft wird es Opfer geben, denen keine Prävention mehr helfen kann. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der direkte Umgang mit Opfern eher gemieden wird. Präventiv ist eine Menge "zu tun": Internetseiten aufbauen, deren interaktiver Teil ein Jahr lang nicht einmal funktioniert; Fortbildungen organisieren, die hoffentlich nicht wie im Bistum Hildesheim1 geschehen, den Opfern eine Mitschuld geben; ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen usw. Das Handeln-Können im Präventionsbereich erspart der Kirche die Ohnmachtserfahrung, die sie im Kontakt mit Betroffenen erleben würde. Es bleibt zu wünschen, dass die Kirchenleitungen anfangen, mit Opfern zusammen zu überlegen, wie die Lebensbegleitung Traumatisierter aussehen kann. Ganz zu Recht weist die Kirche ja immer darauf hin, dass es sexualisierte Gewalt nicht nur in der Kirche sondern überall gibt. Würde sie diese Erkenntnis der Jahre 2010 und 2011 ernst nehmen - und diente sie nicht nur der eigenen Entlastung -, dann müssten schleunigst überall SeelsorgerInnen für den Umgang mit Gewaltopfern sensibilisiert und ausgebildet werden. Von einem Bistum weiß ich, dass dort Überlegungen angesiedelt sind. Viel zu wenig und viel zu langsam, aber immerhin. Zuletzt möchte ich die nicht vergessen, die die Gewaltarbeit seit vielen Jahren begleiten. Ihnen gilt mein herzlicher Dank. Und besonders danke ich jenen Menschen, die begonnen haben zu erkennen, dass es einer Bekehrung zu den Opfern bedarf. Sie werden im Laufe der Zeit zu spüren bekommen, wie einsam ihr Einsatz für Gewaltüberlebende sie machen kann - und wie er sie reich beschenken kann mit dem Vertrauen von Opfern. Sie tun, wovon Mt 25 berichtet. 28.12.2011 Erika
Kerstner 1 "Mit interessanten
Einblicken in die Psyche von Tätern und
Opfern bereicherte Dr. Eva Busch vom
Winnicott-Institut in Hannover den Nachmittag.
Nach ihrer Erfahrung zerstören Gewalt und
sexueller Missbrauch das Urvertrauen eines
Kindes. Opfer entwickeln kein Gefühl
für die eigene Unversehrtheit – und jene
anderer Menschen. Fruchtbare Folge: „Ein Opfer
strebt danach, Täter zu werden, so wie
jeder Täter einmal Opfer war“. Indem es
einen schwächeren Menschen missbrauche,
könne ein ehemaliges Opfer für einen
kurzen Moment seine eigene Macht spüren und
sein Minderwertigkeitsgefühl
überspielen, behauptet die Expertin."
Nachzulesen unter: Merkur
- auf der
Internetseite des Bistums ist dieser Hinweis nach
längeren Verhandlungen inzwischen
verschwunden. |
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