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Erfahrungen 2011 in der Gewaltarbeit


In diesem Jahr ist der Rückblick ernüchternd. Meiner Kirche gelingt es nach wie vor, weitgehend ohne Opfer auszukommen. Die Entschädigungszahlungen wurden ohne Opfer unter den Institutionen, die die Täter beherbergten und schützten, ausgemacht; der Antrag auf Entschädigung zeugt vom Abschreckungswillen der Kirche gegenüber Opfern, sonst wäre er anders formuliert. Er setzt voraus, dass die Autoren des Antrages nichts oder nicht viel vom anhaltenden Leid der Opfer verstanden haben. Kirche bewundert sich selbst für die Vorbildlichkeit ihres Umgangs mit Opfern und empfiehlt Gesellschaft und Politik, es genauso wie sie zu machen (da erschrickt so manches Opfer!). Klugerweise lässt Kirche die, um die es geht, außen vor. Es könnte ja  passieren, dass Opfer das Verhalten der katholischen Kirche anders sehen als diese selbst und von der Demütigung erzählen, die sich in den Entschädigungszahlungen und im Antrag auf Entschädigung zeigen. Wie mit den Ex-Heimkindern am RTH umgegangen wurde, berichtet Prof. Kappeler. Diese Menschen hatten bei den Kirchenvertretern noch weniger Unterstützung als die Opfer, über die am Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch verhandelt wurde. Opfern aus der bürgerlichen Mitte wurde ein wenig mehr Gehör geschenkt als den Opfern, die aus prekären Verhältnissen kommend in den Heimen zu Zwangsarbeit (die man laut Sprachregelung der Deutschen Bischofskonferenz nicht so nennen darf) gezwungen wurden, denen Schulbildung verweigert wurde und die so unendlich oft körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt ausgeliefert waren. Es sind nicht wenige Opfer, die das anhaltende Schweigen erleiden.

Jetzt sollte man meinen, dass doch wenigstens von der Forschung offenlegt wird, was noch immer verborgen ist. Da bin ich skeptisch. Christian Pfeiffer stellte im Oktober eine Studie über Gewalt vor. Die gute Nachricht hieß: Gewalt ist im Vergleich zu 1992 deutlich zurückgegangen. Wer jedoch ein wenig genauer hinschaute - wie Christine Bergmann -, der musste erkennen, dass es mit der Aussagekraft dieser Studie nicht weit her ist. Unter den 11 500 Befragten gab es nur eine Frau, die von Missbrauch durch einen katholischen Priester berichtete. Kein Wunder: KatholikInnen waren in dieser Befragung unterrepräsentiert und psychisch Kranke und traumatisierte Menschen wurden erst gar nicht gefragt. Die Studie schloss also Personengruppen von der Befragung aus, bei denen in einem hohen Maß zu erwarten ist, dass sie von Gewalterfahrungen berichten würden. In der Studie von 1992 wurden die 20-40-Jährigen befragt. In der neuen Studie wurde diese Personengruppe (jetzt zwischen 40 und 60 Jahre alt) nicht mehr befragt - obwohl jedem Kundigen bekannt ist, dass viele Gewaltopfer sich erst in und jenseits der Lebensmitte an erlittene Gewalt erinnern können.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) unter der Leitung von Christian Pfeiffer beauftragt, die Akten von 9 der 27 Bistümer seit dem Jahr 1945 zu untersuchen und zu schauen, ob es dort weitere Hinweise auf Missbräuche durch Priester und kirchliche MitarbeiterInnen gibt. Wer auch hier genauer hinschaut, erfährt, dass die erste Sichtung der Akten durch MitarbeiterInnen der Bistümer geschieht. Mitglieder des KFN erhalten die Akten erst, wenn sie anonymisiert wurden. Aus einer gründlicheren Untersuchung im Erzbistum München wissen wir, dass man Akten verschwinden lassen kann und sie verändern kann. Zeit genug ist gewesen. Es kann auch schon genügen, einen Hinweis auf Missbrauch bei der ersten Durchsicht zu überlesen - von den Fällen, in denen erst gar keine Aktenvermerke angelegt wurden, ganz zu schweigen. In den Niederlanden wurde ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung befragt - und bei 10 Mio Einwohnern ist die Rede von 10 - 20 000 Opfern in der katholischen Kirche. In Deutschland ist keine vergleichbare Studie geplant. Offensichtlich will die katholische Kirche die Wahrheit nicht so genau wissen, sonst dürften die Forschungsbedingungen nicht so gestaltet sein, wie sie gestaltet sind.

Es ist nicht einmal im Bistum Trier, dessen Bischof ausgerechnet der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz ist, gelungen, sich an die eigenen (!) Richtlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen zu halten. Da wurde ein Täter 10 Monate, nachdem seine Täterschaft bekannt geworden war, in seinem Wirkungskreis belassen und die Öffentlichkeit wurde nicht informiert. Der von der Presse aufgedeckte Vorgang lässt ahnen, wie es in anderen Bistümern wohl aussieht. Die Vorwürfe von Opfern, es würde weiterhin geleugnet, vertuscht und geheuchelt, könnten der Wahrheit entsprechen. - Im Erzbistum München und in den Niederlanden wurden durch unabhängige Befragungen Opfer- und Täterzahlen ermittelt, die die düstersten Spekulationen bei Weitem übertrafen.

Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Aufdeckung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche hat die Deutsche Bischofskonferenz einen Dialogprozess angekündigt. Bischöfe erklärten, es dürfe keine Tabus geben und auch die Strukturen der Kirche, die alle Gewalt gegen Kinder begünstigten, müssten auf den Prüfstand. Dann jedoch erklärte Bischof für Bischof, über welche Themen im Dialogprozess nicht gesprochen werden darf. Das sind ungefähr alle Themen, die engagierte KatholikInnen seit Jahrzehnten umtreiben. Vom angstfreien und tabulosen Dialog kann keine Rede mehr sein. Über die Strukturen, die in der Vergangenheit sexuelle Gewalt zuließen, Täter unterstützten und Opfer alleine ließen, darf nicht nachgedacht werden.

Die katholischen Kirchenleitungen haben noch immer nicht verstanden, dass es um  z w  e i  schreckliche Erfahrungen von Opfern geht: Da ist einmal das Verbrechen selbst - bekannt sind ca 2 000 Opfer und mehr als 1 000 Täter. Diese Zahl (oder eine noch schrecklichere?) wurde bislang nicht - wie versprochen - von der Bischofskonferenz veröffentlicht. Aber immer noch ist von "Einzelfällen" die Rede. Das zeugt von einer Verkennung der Tatsachen. Da ist zum anderen das Vertuschen der Verbrechen und der Täterschutz, der in der Institution vorgenommen wurde. Dafür hat bislang weder ein Bischof noch der Papst die Verantwortung übernommen. Der Papst schrieb an die irischen Katholiken einen Brief, in dem er die Bischöfe verurteilte, die getan hatten, was der Papst (bzw. der Chef der Glaubenskongregation, vormals Inquisition) wollte: Die Täter nach Rom melden und sie der staatlichen Justiz entziehen.
Und nicht einmal anfanghaft wurde von der Institution verstanden, dass sie eine stellvertretende Sühne zu leisten hat.

Kirche hat in vielen Bereichen begonnen über Prävention nachzudenken und erste Maßnahmen ergriffen. Das ist gut so.

Was fehlt, ist die Überlegung, was an Lebensbegleitung Kirche jenen Menschen anbietet, die längst Opfer geworden sind und für die jede Prävention zu spät kommt. Auch in Zukunft wird es Opfer geben, denen keine Prävention mehr helfen kann. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der direkte Umgang mit Opfern eher gemieden wird. Präventiv ist eine Menge "zu tun": Internetseiten aufbauen, deren interaktiver Teil ein Jahr lang nicht einmal funktioniert; Fortbildungen organisieren, die hoffentlich nicht wie im Bistum Hildesheim1 geschehen, den Opfern eine Mitschuld geben; ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen usw. Das Handeln-Können im Präventionsbereich erspart der Kirche die Ohnmachtserfahrung, die sie im Kontakt mit Betroffenen erleben würde. Es bleibt zu wünschen, dass die Kirchenleitungen anfangen, mit Opfern zusammen zu überlegen, wie die Lebensbegleitung Traumatisierter aussehen kann. Ganz zu Recht weist die Kirche ja immer darauf hin, dass es sexualisierte Gewalt nicht nur in der Kirche sondern überall gibt. Würde sie diese Erkenntnis der Jahre 2010 und 2011 ernst nehmen - und diente sie nicht nur der eigenen Entlastung -, dann müssten schleunigst überall SeelsorgerInnen für den Umgang mit Gewaltopfern sensibilisiert und ausgebildet werden. Von einem Bistum weiß ich, dass dort Überlegungen angesiedelt sind. Viel zu wenig und viel zu langsam, aber immerhin.

Zuletzt möchte ich die nicht vergessen, die die Gewaltarbeit seit vielen Jahren begleiten. Ihnen gilt mein herzlicher Dank. Und besonders danke ich jenen Menschen, die begonnen haben zu erkennen, dass es einer Bekehrung zu den Opfern bedarf. Sie werden im Laufe der Zeit zu spüren bekommen, wie einsam ihr Einsatz für Gewaltüberlebende sie machen kann - und wie er sie reich beschenken kann mit dem Vertrauen von Opfern. Sie tun, wovon Mt 25 berichtet.

28.12.2011 Erika Kerstner

1 "Mit interessanten Einblicken in die Psyche von Tätern und Opfern bereicherte Dr. Eva Busch vom Winnicott-Institut in Hannover den Nachmittag. Nach ihrer Erfahrung zerstören Gewalt und sexueller Missbrauch das Urvertrauen eines Kindes. Opfer entwickeln kein Gefühl für die eigene Unversehrtheit – und jene anderer Menschen. Fruchtbare Folge: „Ein Opfer strebt danach, Täter zu werden, so wie jeder Täter einmal Opfer war“. Indem es einen schwächeren Menschen missbrauche, könne ein ehemaliges Opfer für einen kurzen Moment seine eigene Macht spüren und sein Minderwertigkeitsgefühl überspielen, behauptet die Expertin." Nachzulesen unter: Merkur - auf der Internetseite des Bistums ist dieser Hinweis nach längeren Verhandlungen inzwischen verschwunden.





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