
Die Häufung der routinierten Entschuldigungen, die in Fernsehkameras gesprochen werden, erreichen Opfer nur begrenzt - sie sind ja auch an die Öffentlichkeit und nicht an die Opfer gerichtet. Da scheint mir das Vorgehen der amerikanischen Bischofskonferenz 2002 angemessener zu sein. Die amerikanischen Bischöfe hörten damals Opfern zu, ohne Öffentlichkeit, hinter verschlossenen Türen. Bischöfe haben geweint, wird anschließend berichtet. Das scheint mir entscheidend zu sein, dass Kirchenleitungen sich vom Leid berühren lassen - es ist das Erste, das nötig ist.
Kirchenleitungen in Deutschland veranstalteten Bußgottesdienste oder kündigen sie für März 2011 an. Ich unterstelle, dass dieses Zeichen gut gemeint ist. Aber es ist ein falsches Zeichen. Es tut den zweiten Schritt vor dem ersten. Eine Bitte um Vergebung ist zuerst an die Opfer zu richten. Nicht umsonst erinnert Mt 5,24 daran, dass vor dem Gottesdienst die Versöhnung mit dem Bruder/der Schwester rangiert. Erst nach der Versöhnung darf Gottesdienst gefeiert werden. Versöhnung ist ein zwischenmenschliches Geschehen, das nicht vor die Fernsehkameras gehört. Solange die Versöhnungsbereitschaft der Kirchenleitungen nicht bei den Opfern ankommt, solange wird auch die Wiederholung von Bußgottesdiensten nichts nützen. Und vor dieser "Versöhnung" muss erst einmal der Schaden ermessen sein - das ist er nicht nur m.E. noch längst nicht. Noch immer wird vertuscht, geleugnet, verharmlost, abgewimmelt. Und vor der Versöhnung hat die "tätige Reue" zu stehen. Zu ihr gehört der Versuch, das Erlittene wieder gut zu machen. Auch das ist nur immer angekündigt, aber noch nicht geschehen.
Nach einem
anfänglichen Erschrecken kündigten
Kirchenleute an, nach strukturellen Ursachen für den
Machtmissbrauch in der katholischen Kirche zu
suchen. Nicht einmal die Zölibatsverpflichtung
schien ausgenommen. Diese Offenheit ging jedoch sehr
schnell wieder in dem Bemühen unter, die Reihen
fest zu schließen und jene Bischöfe
zurückzupfeifen, die "ergebnisoffen" begonnen
hatten zu sprechen. Eine angekündigte
"Dialogoffensive" sollte mit einem Brief der
Bischöfe an das Volk Gottes in Deutschland im
November 2010 begonnen werden - der Brief wurde
verschoben. Offensichtlich konnte über ihn in den
Bistümern keine Einigkeit erzielt werden. Auch
wenn Gewaltopfer von Priestern und kirchlichen
Mitarbeitern nicht für die überfällige
Kirchenreform instrumentalisiert werden dürfen,
so zeigen die "Missbrauchsfälle" doch wie in
einem Prisma, dass der Umgang mit Macht in meiner
Kirche zu oft höchst problematisch ist - und dies
gilt in allen Bereichen kirchlichen Handelns. Es wird
an der Veränderung der seit Jahrzehnten
praktizierten Dialogverweigerung kein Weg
vorbeiführen, wenn Kirche das Evangelium
erzählen will.
Opfer brauchen einen
nicht-bürokratischen, menschlichen Umgang.
Ihr anhaltendes Leid muss wahrgenommen werden. Opfer
von Menschengewalt dürfen nicht hinter einer
Fülle automatisierter und routinierter
öffentlicher Entschuldigungen und vielen, vielen
Aktionen verschwinden gemacht werden. Ich kann mich
des Eindrucks nicht erwehren, dass all die vielen (und
durchaus auch guten!) Aktionen in erster Linie der
eigenen Beruhigung dienen, nicht den Opfern.
Berührungsängste
mit Opfern müssen abgebaut werden. Dies setzt
natürlich voraus, dass endlich auf die
verletzenden Opferbeschuldigungen verzichtet wird und
dass mit Opfern gesprochen wird und nicht über
sie. Wenn nach wie vor drei Viertel meiner Schreiben -
auch von kirchlichen Stellen, die sich dezidiert
opferfreundlich geäußert hatten - nicht
beantwortet werden, dann ist das symptomatisch
für die anhaltende Dialogverweigerung mit Opfern.
Geld ist
zweifelsohne nicht das Erste und nicht das Wichtigste.
Und dennoch muss auch über Geld als eine Form der
Anerkennung von Leid gesprochen werden - ganz zu
schweigen davon, dass nicht selten Gewalterfahrung in
Kindheit und Jugend eine berufliche Ausbildung und
Arbeit reduziert oder verhindert haben, manchmal erst
in der Lebensmitte. Dabei darf es nicht der
Kirchenleitung überlassen bleiben, die Höhe
von Geldzahlungen festzulegen. Kirchenleitungen sind
Mitglieder der Täterorganisation. Sie sind in der
Gefahr, die Höhe der Geldzahlungen im Blick auf
ihre frei verfügbaren Finanzen und im Blick auf
die Vielzahl der Opfer festlegen zu wollen. Zynisch
wird es, wenn die Entschädigung umso geringer
ausfällt je höher die Zahl der Verletzten
ist. Dass die Bistümer bislang nicht in der Lage
waren, konkret über Geld zu sprechen, lässt
an ihrem Willen zur Umkehr zu den Opfern
zweifeln. Die für die Ex-Heimkinder getroffenen
unannehmbaren Regelungen zeigen, dass Kirchenleitungen
nicht ernsthaft an Wiedergutmachung - oder zumindest
an einer symbolischen Wiedergutmachung - interessiert
sind. Sie sind eher daran interessiert, das Thema aus
der Öffentlichkeit wieder rauszunehmen.
Nötig ist nicht nur, an die Schuld der Kirche in der Vergangenheit und die Erhöhung der Sicherheit von Kindern und Jugendlichen in der Zukunft zu denken. Nötig ist auch, daran zu denken, wie Kirche - neben und nach der bürokratischen "Aufarbeitung" - in der Gegenwart mit jenen Menschen hilfreich umgehen will, die Opfer wurden. Da wären die Opfer zu fragen: "Was braucht ihr? Was brauchst du? Wie können wir helfen?" Vorschläge und Überlegungen liegen schon lange auf dem Tisch. Aufgegriffen werden sie nur ausnahmsweise, erfragt werden sie nie.
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