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Erfahrungen von Januar bis September 2010


Nun hat sich alles geändert. Die katholische Kirche ist überrascht und erschrocken. Sie will von nun an den Opfern zuhören und sie ernst nehmen. Die Entschuldigungen häufen sich; bisherige Vertuschungen werden (mehr oder weniger) zugegeben. Ab jetzt will die Kirche den Opfern zuhören.
Und das kann ich tatsächlich beobachten. Es gibt einige Interessierte, die von Opfern wissen wollen, was (einige) Opfer von der Kirche brauchen.
1. Die Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar weist empfehlend auf die Artikel von Dr. Haslbeck: "Gott deckt die Pfarrer" und Kerstner "Erwartungen von Gewaltopfern an Kirche" hin.
2. Die evangelische Kirche veröffentlicht eine Kurzfassung der Wünsche Gewaltüberlebender an Kirche.
3. Wir sind Kirche Österreich veröffentlicht in ihrer Zeitung den Beitrag.
4. Der Priesterrat und der Diözesanrat des Bistums Rottenburg-Stuttgart veröffentlicht die Überlegungen in seiner Zeitschrift "informationen", Nr. 418, März - Juni 2010, S. 6-8.
5. Der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher nimmt den Beitrag von Dr. Haslbeck, "Gott deckt die Pfarrer" und von mir, "Was brauchen Gewaltopfer von ihrer Kirche" in den Sammelband "Klerus und Pastoral" auf.

Aber nach wie vor gibt es andernorts das weitere Schweigen. 60 kirchliche Gruppierungen, die sich dezidiert opferfreundlich äußerten, schrieb ich an mit der Frage, ob sie Interesse an den Wünschen Gewaltüberlebender an Kirche haben. 76% dieser Schreiben seit März 2010 wurden erst gar nicht beantwortet (53%) bzw. gingen über eine unverbindliche Äußerung/Eingangsbestätigung (23%) nicht hinaus. Immerhin 23% der Angeschriebenen reagierten in irgendeiner Weise inhaltlich.

Bizarr und surrealistisch gestaltete sich dabei mein Kontakt mit einer Diözese im Verlauf von 6 Monaten. Der im März angefragte Ansprechpartner für Missbrauchsopfer reagierte nicht. 5 Jahre zuvor hatte er mir bereits mitgeteilt, dass er für mein Anliegen (Integration Gewaltüberlebender in die Kirche) keine Zeit habe. Der dreifach angeschriebene Generalvikar reagierte ebenfalls nicht. Der zweifach angefragte Diözesanrat schwieg. Der Vertreter des Priesterrates antwortete freundlich, aber unverbindlich und versprach, das Anliegen an den Missbrauchsbeauftragten weiterzugeben - der es ja längst hatte und sein Desinteresse und vor allem seine Unzuständigkeit bereits bekundet hatte. Diesen zwischen März und Anfang August 2010 nicht zustande gekommenen Kontakt fasste ich zusammen und schickte ihn noch einmal an die eigens für den Dialog des Bistums mit den Menschen eingerichtete Mailadresse. Anfang September erhielt ich daraufhin von der Pressestelle des Ordinariates die Mitteilung, dass mein (postventives) Anliegen in den neu herausgegebenen Leitlinien der Bischofskonferenz längst berücksichtigt sei. Auch nach mehrmaligem Durchlesen konnte ich dies nicht verifizieren und teilte der Pressestelle des Ordinariates mit, dass mein Anliegen nicht verstanden wurde. Einen weiteren Versuch, in der mir gewohnten klaren Sprache erneut meinen postventiven Ansatz zu erklären, machte ich nicht. Er hätte keinen Sinn und keinen Erfolg.
In diesen Tagen wird ein Gespräch mit einem Mitglied des Beraterstabes der Missbrauchskommission dieses Bistums stattfinden. Ob es dort möglich wird, das Anliegen und die Formen von Unterstützung durch die Kirche, die nötig und sinnvoll wären, zu erklären, wird sich zeigen.
2.9.2010


Erfahrungen  bis 31.12.2010

Das Jahr 2010, das "Krisenjahr der Kirche", ist zu Ende gegangen. Es ist Zeit für einen Rückblick. Noch zu Beginn des Priesterjahres im Sommer 2009 hatte der Papst von den "Schwächen der Priester" gesprochen, die zu übersehen seien. "Leider gibt es auch Situationen, die nie genug beklagt werden können, in denen es die Kirche selber ist, die leidet, und zwar wegen der Untreue einiger ihrer Diener. Die Welt findet dann darin Grund zu Anstoß und Ablehnung. Was in solchen Fällen der Kirche am hilfreichsten sein kann, ist weniger die eigensinnige Aufdeckung der Schwächen ihrer Diener, als vielmehr das erneute und frohe Bewußtsein der Größe des Geschenkes Gottes, das in leuchtender Weise Gestalt angenommen hat in großherzigen Hirten, in von brennender Liebe zu Gott und den Menschen erfüllten Ordensleuten, in erleuchteten und geduldigen geistlichen Führern."
Im Zentrum der Klage von Kirchenleuten stand das Leid der Kirche, das durch den bekannt gewordenen Missbrauch entstanden ist. Am Rande wurde auch das Leid der Opfer wahrgenommen.  

Das Jahr 2010 machte die Häufigkeit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche auch in der Kirche bekannt(er). Die Kirchenleitungen reagierten. Manche mit Abwehr und erneuter Opferbeschuldigung.
Andere reagierten mit Schrecken und dem Wunsch, den Opfern Gerechtigkeit zukommen zu lassen, die Täter aus der Seelsorgearbeit herauszuziehen und nach den Ursachen der Häufung von sexualisierter Gewalt in der Kirche zu fragen. Es war die Rede davon, dass die Bistümer und Orden Zahlen veröffentlichen. Einige Bistümer haben das getan - allen voran das Erzbistum München, das die Akten seit 1945 durchsehen ließ und ein erschreckendes Klima von Erpressung und Vertuschung feststellte1 - soweit überhaupt Akten geführt wurden und die euphemistische Sprache, die Verbrechen mehr verdeckten als aufdeckten, entschlüsselt werden konnte. Da, wo unabhängige Menschen genauer hinschauen, wird das Ausmaß an Gewalt erkennbarer. Andere Bistümer haben bis heute keine Zahlen veröffentlicht. Informationen sind nur über die Presse zu erhalten und aufgrund der differierenden Darstellung mit Vorsicht zu behandeln.
Kritische Rückfragen sind an meine Kirche zu stellen:
  1. Die Häufung der routinierten Entschuldigungen, die in Fernsehkameras gesprochen werden, erreichen Opfer nur begrenzt - sie sind ja auch an die Öffentlichkeit und nicht an die Opfer gerichtet. Da scheint mir das Vorgehen der amerikanischen Bischofskonferenz 2002 angemessener zu sein. Die  amerikanischen Bischöfe hörten damals Opfern zu, ohne Öffentlichkeit, hinter verschlossenen Türen. Bischöfe haben geweint, wird anschließend berichtet. Das scheint mir entscheidend zu sein, dass Kirchenleitungen sich vom Leid berühren lassen - es ist das Erste, das nötig ist.

  2. Kirchenleitungen in Deutschland veranstalteten Bußgottesdienste oder kündigen sie für März 2011 an. Ich unterstelle, dass dieses Zeichen gut gemeint ist. Aber es ist ein falsches Zeichen. Es tut den zweiten Schritt vor dem ersten. Eine Bitte um Vergebung ist zuerst an die Opfer zu richten. Nicht umsonst erinnert Mt 5,24 daran, dass vor dem Gottesdienst die Versöhnung mit dem Bruder/der Schwester rangiert. Erst nach der Versöhnung darf Gottesdienst gefeiert werden. Versöhnung ist ein zwischenmenschliches Geschehen, das nicht vor die Fernsehkameras gehört. Solange die Versöhnungsbereitschaft der Kirchenleitungen nicht bei den Opfern ankommt, solange wird auch die Wiederholung von Bußgottesdiensten nichts nützen. Und vor dieser "Versöhnung" muss erst einmal der Schaden ermessen sein - das ist er nicht nur m.E. noch längst nicht. Noch immer wird vertuscht, geleugnet, verharmlost, abgewimmelt. Und vor der  Versöhnung hat die "tätige Reue" zu stehen. Zu ihr gehört der Versuch, das Erlittene wieder gut zu machen. Auch das ist  nur immer angekündigt, aber noch nicht geschehen.     

  3. Nach einem anfänglichen Erschrecken kündigten Kirchenleute an, nach strukturellen Ursachen für den Machtmissbrauch in der katholischen Kirche zu suchen. Nicht einmal die Zölibatsverpflichtung schien ausgenommen. Diese Offenheit ging jedoch sehr schnell wieder in dem Bemühen unter, die Reihen fest zu schließen und jene Bischöfe zurückzupfeifen, die "ergebnisoffen" begonnen hatten zu sprechen. Eine angekündigte "Dialogoffensive"  sollte mit einem Brief der Bischöfe an das Volk Gottes in Deutschland im November 2010 begonnen werden - der Brief wurde verschoben. Offensichtlich konnte über ihn in den Bistümern keine Einigkeit erzielt werden. Auch wenn Gewaltopfer von Priestern und kirchlichen Mitarbeitern nicht für die überfällige Kirchenreform instrumentalisiert werden dürfen, so zeigen die "Missbrauchsfälle" doch wie in einem Prisma, dass der Umgang mit Macht in meiner Kirche zu oft höchst problematisch ist - und dies gilt in allen Bereichen kirchlichen Handelns. Es wird an der Veränderung der seit Jahrzehnten praktizierten Dialogverweigerung kein Weg vorbeiführen, wenn Kirche das Evangelium erzählen will.

  4. Meine Kirche beklagt den Glaubwürdigkeitsverlust und ahnt, dass dieser nicht nur am Rande der Gemeinden, sondern mitten in den Gemeinden angekommen ist. Sie hat noch nicht verstanden, dass ihre Glaubwürdigkeit am Umgang mit den Schwächsten - in diesem Fall: mit den Opfern von Menschengewalt - gemessen wird. Ich denke, dass die Kirche kein Glaubwürdigkeitsproblem mehr hat, wenn sie zu erkennen beginnt, dass ihr Gott ein "Gott der Opfer" ist. Und wenn sie in der Nachfolge Jesu Christi die nötigen Konsequenzen daraus zieht. Kirche ist weit entfernt von dieser Erkenntnis und von den Konsequenzen, auch wenn Einzelne - Gott sei Dank! - auf dem Weg sind.
Nötige Konsequenzen
Auch wenn ich - dankbar! - wahrnehme, dass vereinzelte Verantwortliche in der Kirche begonnen haben, Opfern zuzuhören, muss ich doch feststellen, dass die "Umkehr der Kirche zu den Opfern" eher von den Vereinzelten praktiziert wird. Sie ist noch lange nicht Konsens - und sie bringt die Vereinzelten noch immer in Konflikte mit den Kollegen und Vorgesetzten - nur Wenige gehen dieses Risiko ein. Solange Kirchenleute meinen, der Verzicht auf eine (von drei) Urlaubswochen, sei eine angemessene Form der Wiedergutmachung, solange müssen sie sich von mir sagen lassen, dass sie nichts vom Leid der Opfer von Menschengewalt verstanden haben. Der Graben zwischen Verantwortlichen in der Kirche und Opfern von (sexualisierter) Gewalt ist weiterhin grässlich tief.  Ich weiß nicht mehr, ob er überwindbar sein wird.  
1.1.2011
Erika Kerstner


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