
Erfahrungen 2000 bis 9/2005
Ich habe lange darüber
nachgedacht, ob ich meine Erfahrungen innerhalb der Kirchen
hier darstellen soll - oder mit freundlichem Schweigen
darüber hinweggehen soll. Ich habe mich entschlossen,
sie darzulegen, weil ich davon ausgehe, dass wir nur dann
etwas ändern können, wenn wir wissen, was ist -
und was geändert werden müsste. Der Befund ist
ernüchternd und bedrückend. Natürlich wenden
Christinnen mit Gewalterfahrungen sich auf der Suche nach
Unterstützung zuerst auch an ihre Kirchen. Immerhin tun
sie sich ausdrücklich zusammen mit dem Ziel, ihr Leben
im Kontext ihres Glaubens miteinander zu teilen. Es gelang
auch, Verbündete innerhalb der Kirchen zu finden: Drei
Menschen ließen sich als SeelsorgerInnen gewinnen.
Einige, eine Handvoll, andere arbeiten in der kirchlichen
Fortbildung oder in der Wissenschaft daran, dass das
Schweigen in Gesellschaft und Kirche über Gewalt und
ihre Folgen ein Ende findet. Wieder andere, nochmal eine
Handvoll, haben sich in fünf Jahren und nach über
190 Briefen und Kontakten für das Anliegen ansprechen
lassen. All diesen Menschen sei Dank.
Die überwältigend
häufigste Reaktion innerhalb der Kirchen auf die Bitte
um Verbundenheit und Unterstützung jedoch hat das Bild
bestätigt, das ich bereits im Sommer 2002 im Querblick so beschrieb:
"Die Isolation Betroffener – schon in der Gewalt erfahren
und wesentlicher Bestandteil des Leidens - setzt sich im Schweigen der
Kirche fort."
Meine Kontaktversuche mit den Kirchen1 endeten
überwältigend oft im Schweigen der Angesprochenen.
Hier ist mit Rainer Bucher nur von Gottes Niederlage
in seiner
Kirche zu sprechen. Eine Variante der Abwehr von Kontakt
erlebte ich als Abwimmeln und Weitergereicht-Werden.
Darüber kann ich nur noch in Form eines Kirchenkabaretts sprechen. Ich habe die
Floskeln und Begründungen der Zurückweisung nur an
wenigen Stellen ein wenig zugespitzt. Die Erfahrungen in kirchlichen
Mailinglisten sind vergleichbar.
Eine dritte Gruppe von
MitchristInnen sendet Doppelbotschaften: Sie spricht in
wohlklingenden und ermutigenden Worten von der
Notwendigkeit, das Schweigen über Gewalt zu beenden.
Diese Gruppe weiß in Positionspapieren durchaus davon,
dass Gewaltüberlebende zwei große Schwierigkeiten
zu bewältigen haben: Die eine Schwierigkeit ist die
Gewalterfahrung und das Leben mit den Traumafolgen. Die
zweite Schwierigkeit ist das Überwinden des
Schweigebefehls. Nicht selten zeigt sich, dass das der
Gewalt folgende Schweigenmüssen nicht minder schlimm
als die Gewalt ist. - Diese Gruppe propagiert in Leitlinien, auf
bunten Websites oder auf Hochglanzpapier das "Ende des Schweigens
in der Kirche". Aber auch diese Gruppe ist nicht in
der Lage, MIT mir und uns zu sprechen. Offensichtlich ist die
Tatsache, dass es Frauen gibt, die Gewalt in
unterschiedlichsten Zusammenhängen erlebten und mit
Traumafolgen zu leben haben, ein so bedrohliches
Phänomen, dass die allermeisten MitchristInnen es
vorziehen, nichts davon zu wissen.
Kirche hätte drei
Aufgaben:
- Sie muss zur Kenntnis nehmen,
dass Gewalt für viele Frauen, Kinder und auch
Männer eine Alltagserfahrung ist. Diese Gewalt findet
nicht in abseitigen Nischen statt, sondern mitten unter
uns. Dann gehört auch die Solidarität mit den
Betroffenen an diesen Ort: Mitten in unsere Kirche und
Gesellschaft.
- Sie hat von einem Gott zu
erzählen, der alle Götzen, auch die der eigenen
Macht, kritisiert und ein "Leben in Fülle" für
alle Menschen will.
- Sie hat in ihrem Tun - und
nicht nur im Sprechen auf Hochglanzpapier! - von einem
befreienden und mit den Leidenden solidarischen Gott zu
erzählen und die - ehemals, aber auch jetzigen -
Ohnmächtigen diese Solidarität erleben zu
lassen.
Es genügt nicht, in
Grundsatzpapieren zur Solidarität aufzufordern (wen eigentlich?) - und sich selbst zugleich
rauszuhalten. Es genügt nicht, weiterhin ÜBER
Gewaltüberlebende zu sprechen und keinesfalls MIT
ihnen. Wenn das solidarische Sprechen nicht von
solidarischem Tun gefolgt wird, dann ist es ein
ritualisiertes, "politisch korrektes" Sprechen, das der
eigenen Gewissensberuhigung dient - und der Abwehr des
Kontaktes mit den Betroffenen. Es macht Betroffenen
Hoffnungen, deren Erfüllung nicht einmal beabsichtigt
ist. Damit reiht es sich ein in die Erfahrung vieler
Gewaltüberlebender: Dass ihnen etwas vorgemacht wird.
Die Botschaft der Taten schlägt der Botschaft der Worte
ins Gesicht. Die Taten konterkarieren die Worte. Und: die
Taten wiegen schwerer.
- Über die Gründe des
Schweigens und der Abwehr von Kontakt mit Betroffenen
ist einiges bekannt. Vielleicht kommt in diesen Jahren
einer verschärften wirtschaftlichen Situation, die
auch innerkirchlich zu Sparmaßnahmen zwingt, ein
weiterer Grund hinzu: Wenn sich eine Kirchenmitarbeiterin
mit Gewaltüberlebenden solidarisiert, bringt sie sich
selbst in die Nähe dieser "peinlichen
Verliererinnen". Sie begibt sich in die Gefahr, dass ihre
Solidarisierung die herr-schenden Machtverhältnisse
in Frage stellt oder gar den Anteil auch kirchlich
stabilisierter Macht an der Produktion von Gewaltopfern
aufdeckt. Dies wäre ein schmerzhafter Prozess, aus
dem niemand ungeschoren rauskommt. Ein solch solidarischer
Mensch muss möglicherweise um seine Arbeitsstelle
oder sein berufliches Fortkommen bangen, wenn er
Machtinteressen tangiert.
- Ein zweiter Gesichtspunkt:
Wie die erste und einzige Untersuchung des Bundesministeriums
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erschreckend
gezeigt hat, erleben viele Frauen ab 16 Jahre
körperliche, seelische, sexuelle Gewalt. In dieser
Untersuchung wurden Gewalterfahrungen zwischen 0-16 Jahren
nicht einmal erfasst. Gewalt ist für so viele Frauen
und Kinder fast schon eine "normale" Erfahrung. Ich muss
also immer damit rechnen, dass meine
GesprächspartnerInnen ihrerseits Opfer von Gewalt
oder TäterInnen oder beides sind. Für viele
Gewaltbetroffene ist das "Vergessen" und die Abwehr der
Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte oft
die einzige Möglichkeit, weiterzuleben. Um diese
Überlebensstrategie nicht in Gefahr zu bringen, muss
alles vermieden werden, was in die Nähe der eigenen
Verletzung bringen könnte. Dann ist ganz folgerichtig
auch der Kontakt mit Menschen zu meiden, die sich der
eigenen Gewaltgeschichte stellen.
- Ein dritter Gesichtspunkt:
Die übelwollensten KritikerInnen vor allem meiner,
der katholischen, Kirche sagen es seit langem und ich habe
ihnen nicht glauben wollen. Sie sagen: "Die" katholische
Kirche vertuscht weiterhin, in der - irrigen - Annahme,
dass sie damit Schaden von der Kirche, d.h. der
Verkündigung des Evangeliums, abwenden kann. Nach
meinen nunmehr fünfjährigen Erfahrungen muss ich
diese übelwollende Kritik bestätigen. Es ist
tatsächlich so. Zuerst dämmerte es mir, als ich
erkennen musste, dass meine Kirche sich so gut wie nicht
zur Solidarität mit Frauen/Christinnen bewegen
ließ. Zuletzt dämmerte es mir, als ich
feststellen musste, dass meine Kirche alles, wirklich
alles, tut (inclusive Verweigerung von Geldern und
Kompetenzen von Frauen in der Kirche), um das Thema
"Gewalt gegen Frauen" unter dem Teppich zu halten - und
damit die Betroffenen außen vor zu lassen. Die
dahinter stehende Angst ist im Grunde simpel: Die
katholische Kirche fürchtet, dass die
Öffentlichmachung ubiquitärer Gewalt gegen
Kinder und Frauen zugleich "pädophile" Priester und
damit "die Kirche" der öffentlichen Aufmerksamkeit
und Verurteilung preisgibt. Natürlich gibt es sie,
sexuelle Gewalttäter im katholischen Ornat!
Unbestritten. Allerdings ist Kirche nicht der einzige Ort
von Gewalt. Um aber die Institution Kirche zu
schützen, darf das Thema und dürfen folglich
auch gewaltüberlebende Frauen nicht - nicht mal
Christinnen - auftauchen. In meinen Augen ist das
Verrat an den Menschen und zugleich an der Botschaft Jesu
Christi. Ich kann es nicht weniger scharf formulieren.
TROTZDEM glaube ich, dass eine solche Kirche nicht ihren
VerräterInnen überlassen bleiben darf.
- Ein letzter Gesichtspunkt:
Christentum ist Gewaltanschauung. Im Zentrum unseres
Glaubens steht ein Folteropfer. Einer, der erbärmlich
am Kreuz krepierte. ChristInnen haben dieses Bild vor
Augen. Könnte es sein, dass es hier einen
immunisierenden Gewöhnungsprozess an den Anblick
eines zu Tode Gequälten gibt? Könnte es sein,
dass dieser Gefolterte bereits Abwehr hervorruft?
Könnte es sein, dass dieses Bild uneingeschränkt
alle Menschen mit der Tatsache der eigenen
Korrumpierbarkeit konfrontiert? Mit der Tatsache, dass wir
alle im Ernstfall tun, was - mit Ausnahme einiger Frauen,
die "von Ferne" zuschauten - alle Jünger Jesu taten:
abhauen und sich selbst in Sicherheit bringen? Die
Begegnung mit dem Gekreuzigten ist immer auch eine
Begegnung mit den eigenen Abgründen, die so wenig zum
guten Selbstbild passen wollen. Unterliegen Menschen, die
professionell diesen hingerichteten Auferstandenen
weiterzuerzählen haben, einer spezifischen Gefahr der
Gewöhnung? Kann ein Mensch sich mit Leben, Tod und
Auferstehung von Jesus auseinandersetzen, ohne zugleich in
den Zeitgenossinnen die Schwestern - und Brüder -
dieses Menschen zu erkennen?
Ich habe keine Antworten. Als ich im Sommer 2000 meine
Sprache gefunden hatte und begann, mit anderen zusammen
meinen und unseren Beitrag zum Ende des Schweigens zu
leisten, wusste ich, dass es ein langer und schwieriger Weg
werden würde. Wie schwierig dieser Weg würde,
ahnte ich nicht. Trotz dieser Erfahrungen bleibt
festzustellen: Eine Kirche, die sich nicht solidarisch an
der Seite von Gewaltüberlebenden eindeutig
positioniert, versagt in ihrer ureigenen Aufgabe. Sie
schreibt die Geschichte der Fortsetzung des Schweigens - und
arbeitet so den Tätern in die Hände. Diese Kirche
ist dann an ihre ureigene Aufgabe zu erinnern.
Es gilt nämlich
festzuhalten: Die Frage nach dem "Sinn" ist leichter zu
ertragen, wenn sie in Solidarität mit anderen Menschen
gestellt und ihre Nicht-Beantwortbarkeit gemeinsam
ausgehalten werden kann. Betroffene in Forum und Liste hier
und vor Ort machen diese Erfahrung. Solidarität ist
heilsam. Und: Selten, aber immer wieder, treffe ich auf
MitchristInnen, die berührbar sind, sich Betroffene
nicht vom Leib halten, Position beziehen und das Gleichnis
vom barmherzigen Samariter zu Rate ziehen.
17.9.2005 Rika
1 Meine Adressenliste
der Angeschriebenen umfasst inzwischen 192 (Stand September
2005) Briefe und liest sich wie der katholische und (weniger
intensiv) evangelische "Who is who?" Deutschlands aus den
Bereichen Seelsorge, Frauenarbeit, Caritas/Diakonie,
Sozialdienste, Bistümer und Landeskirchen, Pfarreien
und Dekanate. Nicht ausschließen kann ich auch
sozusagen bürokratische Gründe: Jede/r der
Angeschriebenen ging davon aus, dass schon irgend jemand
anders zuständig sein könne - jedenfalls nicht sie
oder er. Und so ergab es sich, dass (fast) niemand
zuständig war. Von den 192 Schreiben blieben 127 ohne
Antwort oder ergebnislos.