Ursula Wirtz,
Züricher Psychotherapeutin, arbeitet seit Jahrzehnten mit Überlebenden
sexueller
Gewalt. Im folgenden Beitrag setzt sie sich mit den
Folgen der angezweifelten Glaubwürdigkeit für die Betroffenen
auseinander. Auch wenn im Zentrum von Wirtz Aufmerksamkeit der sexuelle
Missbrauch steht, gelten ihre Aussagen für alle
traumatisierenden Erfahrungen von körperlicher, seelischer und
sexueller Gewalt. Wenn sie sich mit sexuellem Mißbrauch in
Therapien beschäftigt, gelten ihre Aussagen auch für andere
"geschützte Räume", wie Hilfesuchende sie bei Polizei und in
der Seelsorge z.B. erwarten dürfen.
Wirtz hielt das Referat auf einer Tagung im Jahr 1990. Leider sind ihre
Beobachtungen noch immer aktuell und gültig.
Quelle: Tagungsbericht:
Wieso glaubt mir niemand?! Fachtagung zum Problemfeld "Gewalt gegen
Frauen und Mädchen" vom 10./11.Oktober 1990 in der Stadthalle
Sindelfingen, Hrsg. Frauenbeauftragte des Landkreises Böblingen
Annegret Böhm, in Zusammenarbeit mit der Pressestelle des
Landratsamtes 7030 Böblingen, Postfach 1640, S. 54-60.
Homepage Frauenbeauftragte des Landkreises Böblingen: http://www.frauenbeauftragte.boeblingen.de/
Die
angezweifelte
Glaubwürdigkeit
Folgen
für
die
Betroffenen.
Dr.Ursula
Wirtz, Psychotherapeutin,
Zürich.
Wir beschäftigen uns hier auf dieser Tagung mit dem
Thema der "Glaubwürdigkeit" von Opfern sexueller Gewalt. Es
scheint mir sinnvoll, die Bedeutung von "glaub-würdig" etwas
genauer
zu betrachten.
"Glauben" hat mit "vertrauen" zu tun, mit "für wahr
halten". Wenn wir jemandem glauben, sind wir von dieser Person
überzeugt, wir können uns auf sie verlassen, wir begegnen ihr
mit Respekt
und Akzeptanz. Der germanische Ursprung des Wortes "galaubjan" macht
das besonders deutlich. Dort bedeutet es nämlich: für lieb
halten, gutheissen.
"Würdig" ist von Würde abgeleitet und das bedeutet
Achtung, Ehre, Wertgefühl. Wenn wir die Frage zulassen, ob sexuell
traumatisierte Mädchen und Frauen "glaubwürdig" sind, dann
zweifeln wir letztlich, ob diese Menschen es wert sind, daß ihnen
geglaubt wird. Die bloße Frage nach der Glaubwürdigkeit
sexuell verletzter Menschen ist entwürdigend und entwertend.
Jede sexuelle Ausbeutung eines Kindes oder einer Frau bedeutet eine
zentrale Verletzung der menschlichen Würde. Die Opfer fühlen
sich in ihrer Identität, ihrem Ehrgefühl und
Selbstwerterleben tief verwundet. Mit unserem Zweifel an ihrer
Glaubwürdigkeit, mit unserer Unsicherheit, ob wir die Betroffenen
für wert und würdig befinden können, ihnen Vertrauen und
Glauben zu schenken, demütigen wir die Opfer und entwürdigen
sie erneut.
Gleichzeitig wirft solches Fragen ein bezeichnendes Licht auf
unser ganz persönliches Verhältnis zur ethischen Dimension
der Menschenwürde. Es sollte unser unwürdig sein,
Opfern sexueller Gewalt alles das zu nehmen, worauf jeder Mensch einen
natürlichen Anspruch hat: Achtung, Respekt, Würde.
Bevor wir uns darüber Gedanken machen können,
welche Auswirkungen es für Betroffene hat, wenn ihnen nicht
geglaubt wird, müssen wir uns vergegenwärtigen, was die
Erfahrung sexueller Gewalt für ein Kind oder eine Frau bedeutet.
Wir müssen uns an den Folgen orientieren, um besser zu verstehen,
wie re-traumatisierend die angezweifelte Glaubwürdigkeit für
die Betroffenen ist.
Sexuelle Gewalt verletzt die körperliche und seelische
Integrität eines Menschen. Wenn die Gewalterfahrungen zu einem
sehr frühen Zeitpunkt erfolgen, kann die sexuelle Ausbeutung eine
tiefgreifende Identitätsstörung bewirken. Wenn ein so massiv
in der Identität verletztes Kind auf einen Menschen trifft, der
die Glaubwürdigkeit des Erfahrenen in Zweifel zieht, wird jede
weitere Entwicklung eines
Identitätsgefühls blockiert.
Für die Entwicklung einer gesunden Ichstärke ist es
ganz wichtig, daß die Kinder gehört und gesehen werden.
Identität kann sich nur bilden, wenn das Kind Anerkennung bekommt,
wenn es akzeptiert wird, sich bestätigt fühlen kann. Kinder,
die in ihrem Identitätsgefühl durch den sexuellen
Mißbrauch verletzt worden sind, brauchen noch dringender das
Erlebnis, gespiegelt zu werden, damit sie sich ihrer Existenz wieder
versichern können. Wer ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellt,
stellt auch die ganze Person in Frage, denn für ein Kind kann die
sexuelle Ausbeutung existenzbestimmend sein. Sexuelle Gewalterfahrungen
sind für das Ich total verunsichernd, können zu einem
teilweisen Ich-Verlust führen, sodaß nicht mehr
unterschieden kann kann zwischen Ich und Nicht-Ich, zwischen Tag und
Traum, zwischen wahr und falsch. Wird den Kindern nicht geglaubt,
verstärkt sich diese Spaltung und kann zu einem fortschreitenden
gefährlichen Wirklichkeitsverlust führen, zur
Unfähigkeit, mit der Welt in Beziehung zu treten.
Aber auch die sexuellen Gewalterfahrungen von erwachsenen
Frauen sind traumatisch, das heißt sie stellen einen Angriff auf
ihre Persönlichkeitsorganisation dar, der es ihnen unmöglich
macht, das Erlebnis in gewohnter Weise zu verarbeiten. Das psychische
Gleichgewicht ist erschüttert, auf das Ich ist kein Verlaß
mehr, weil es
nicht in vertrauter Weise reagieren kann. Das macht extrem hilflos.
Ohnmacht und Hilflosigkeit sind Schlüsselwörter um zu
verstehen, warum der Zweifel an der Glaubwürdigkeit so
zerstörerische Auswirkungen für die Betroffenen hat. Die
sexuellen Grenzüberschreitungen bei Mädchen und Frauen haben
nicht nur das Körperselbst verletzt und das Recht auf
Selbstbestimmung und Autonomie, sie haben auch ein so hoffnungsloses
Gefühl von Ausgeliefertsein erzeugt, eine grenzenlose Ohnmacht,
die in der Überzeugung gipfelt, als Mensch keine Wirkung zuhaben,
keinen Einfluß nehmen zu können, was mit einem geschieht.
Dieses Gefühl restloser Entmachtung wird in all den Situationen
aufs Schmerzlichste bestätigt, wo ein Opfer sexueller Gewalt den
verzweifelten Versuch unternimmt, durch das Sprechen über die
erfahrene sexuelle Gewalt verändernd in das Leben einzugreifen und
draußen Hilfe zu suchen, weil die eigenen
Bewältigungsstrategien zum Überleben nicht ausreichen. Das
Verweigern der Umwelt, für wahr zu halten,
was geschehen ist, stößt die Opfer in eine Leere
zurück,
aus der es kein Entrinnen mehr gibt.
So
ist
auch
eine
Verhaltensentwicklung
zu verstehen, die durch totale
Entfremdung und Dissoziation gekennzeichnet ist. Gefühle werden
eingefrorene, die seelische Totenstarre setzt ein und der Faden zur
Welt reißt. Es ist darum nicht verwunderlich, daß in den
psychiatrischen Kliniken unter den chronischen psychotischen Menschen
viele Frauen sind, die sexuelle Gewalt erlebt haben, ohne daß
diese Erfahrung validiert worden ist. Wenn wir die traumatische
Erfahrung
von sexueller Gewalt als prägendes psychopathogenetisches
Lebensereignis
nicht akzeptieren, wenn wir den Opfern keinen Glauben schenken, dann
bleibt uns eine große Zahl psychosomatischer und psychiatrischer
Verhaltenssymptome unerklärlich. Damit bleibt uns aber auch ein
einfühlender verstehender Zugang zu den Betroffenen versperrt.
Letztlich
stoßen
wir
mit
unserer
ungläubigen Haltung die Opfer in
die totale Isolation, in einen Rückzug auf sich selbst, der
gefährliche, selbstzerstörerische Dimensionen annehmen kann.
Wir wiederholen
und verfestigen damit eine Situation, die den Betroffenen schmerzlichst
vertraut ist. Wir reißen einen Graben auf zwischen uns und den
Opfern.
Diesen
Bruch
zwischen
sich
und
den anderen haben die Opfer sexueller Gewalt
durch die Dynamik der Stigmatisierung bitter gespürt. Durch die
Grenzüberschreitung massiv verletzt, erfahren sie jetzt auch noch
die gesellschaftliche Ausgrenzung, indem ihnen fraglose
Unterstützung
verweigert wird. Das verstärkt den ohnehin schon bestehenden Zwang
zur Geheimhaltung, das Schweigegebot.
Mädchen und Frauen leiden aber nicht nur unter dem
Tabu, über das Geschehene nicht sprechen zu können, sie
verzweifeln auch an der Erfahrung, selber tabu zu werden. Unrein
fühlen sie sich, beschmutzt und entwürdigt und genau dieses
Erleben wird verstärkt, wenn die Umwelt den Betroffenen zumutet,
beweisen zu müssen, daß sie nicht phantasiert oder gelogen
haben. Der inquisitorische Umgang mit Opfern sexueller Gewalt ist
gleichfalls traumatisierend und wiederholt und intensiviert das
Gefühl von Verkehrtsein, von Scham und Schuld. DIe bohrenden
Fragen nach dem Warum - "Warum bist Du nicht
weggelaufen", "warum hast Du Dich nicht gewehrt", "warum hast Du nicht
geschrieen", - rühren an die eigenen Selbstzweifel und die
Unterstellung, den sexuellen Mißbrauch oder die Vergewaltigung
letztlich irgendwie gewollt und selbst herbeigeführt zu haben,
läßt das urvertraute Muster der Verantwortlichkeit und
Schuldübernahme sofort anspringen. Unsere Haltung den Betroffenen
gegenüber verstärkt also nicht nur
die ohnehin schon bestehenden emotionalen Zustände von Ohnmacht,
Scham
und Schuld, sondern sie ist auch für eine vertiefte Verzerrung der
Selbstwahrnehmung verantwortlich, für das Selbstbild, schlecht,
schmutzig,
verkehrt und verrückt zu sein.
Die
soziale
Isolierung
als
Folge
solcher massiven Selbstverunsicherung
wird durch eine Einstellung Betroffenen gegenüber gefördert,
die ihre Aussagen grundsätzlich in Frage stellt. Was sich hier
zwischen Betroffenen und Helfenden abspielt, hat mit Vertrauensverlust
zu tun, mit Verrat. So wie die Mädchen auf Schutz und
Geborgenheit angewiesen waren und stattdessen manipuliert und
ausgebeutet worden sind, genauso sehen sich die Hilfesuchenden in ihrem
Vertrauen getäuscht und in ihrer Verletzlichkeit mißbraucht,
wenn die Helferinnen und Helfer die seelische Not der Opfer in Frage
stellen. Die Folgeschäden solcher sekundär traumatisierenden
Interaktionen haben aber nicht nur langfristige Auswirkungen auf das
Sozialverhalten der Betroffenen
im Sinne konflikthafter, ambivalenter Beziehungen oder regressivem
Rückzug auf sich selbst, sondern das ganze Weltbild wird durch
diesen Wertezusammmenbruch erschüttert.
Erwachsene Frauen, die als Kind in der Familie das Opfer
sexueller Gewalt wurden, fühlen sich von Gott und der Welt
verlassen. Der persönliche Verrat, den sie durch den Vater
erfahren haben, wird oft auch als Verrat am Glauben erlebt. Wenn sie in
der Situation der Beratung oder Therapie noch einmal erleben
müssen, daß sie menschlich keine Antwort finden, daß
kein erstehendes Du ihnen gegenübersitzt, das für wahr
hält, was erlebt wurde,
mit dem gemeinsam auch die Frage nach dem Sinn des Geschehens
aufgeworfen
werden kann, bleibt auch die spirituelle Dimension verletzt.
Diese desillusionierende Erfahrung haben besonders Frauen
gemacht, die in der Therapie Opfer sexueller Übergriffe wurden und
sich dann auf die Odyssee gemacht haben, einen Menschen, eine
Fachperson zu finden, die ihnen glaubte, daß sie dort, wo sie am
verletzlichsten und ausgeliefertesten waren, sexuelle AUsbeutung
erfuhren. Ich möchte am Beispiel des sexuellen Mißbrauchs in
der Therapie deutlich machen, wie gerade Frauen nicht nur als Kinder,
nicht nur als Opfer von Vergewaltigungen im öffentlichen Bereich,
sondern auch im sogenannten geschützten Raum der Therapie Opfer
von Männergewalt werden und in einem zweiten Schritt bei dem
Versuch einer Bewältigung durch die Reaktionen und den Zweifel der
Umwelt überwältigt werden. Gerade am Beispiel
sexueller Gewalt in Psychotherapien wird eklatant deutlich, wie Frauen
notwendige
Unterstützung und Verarbeitungshilfen versagt bleiben und wie die
helfende
Profession, die öffentliche Meinung und die Gerichtsbarkeit dazu
beitragen,
daß Gewalt gegen Frauen immer noch tabuisiert und bagatellisiert
wird.
Gewiß sind wir uns auf dieser Tagung alle einig,
daß sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen die
Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern widerspiegelt und
etwas über den Zustand unserer Gesellschaft aussagt. Zu den
gewaltbegünstigenden Strukturen gehört sicherlich die
Isoliertheit und Privatheit von Heim und Familie, die unterschiedliche
Macht- und Privilegienverteilung, die ökonomischen Zwänge und
Diskriminierungen sozialer Art neben den Geschlechtsrollenstereotypen
und den geschlechtsspezifischen Sozialisierungsprozessen beim Umgang
mit Gewalt.
In der therapeutischen Situation, in der Intimität und
Isoliertheit der analytischen Dyade werden diese gesellschaftlichen
Strukturen, das Thema von Macht und Gewalt, zwischen den Geschlechtern
widergespiegelt. Wiederholt wird aber auch die ganze Palette von
Abwehrmechanismen, mit der Professionelle Frauen begegnen, die vom
sexuellen Mißbrauch durch ihre Therapeuten berichten.
Zuerst einmal Ungläubigkeit, weil doch nicht sein
kann, was nicht sein darf. Dann Vermeiden, Ausweichen. Welcher
Fachkollege, welche Therapeutin will sich einmischen in den Clinch
dieser intimen analytischen Beziehung? Angst, Stellung beziehen zu
müssen, Angst vor den Zweifeln an der eigenen Profession, Angst
auch, von der Innung als Nestbeschmutzerin verleumdet zu werden, mag
dazu führen, daß ein genaues Betrachten analytischer
Verstrickungen gemieden wird wie ein Tabu. Manche Therapeuten
bagatellisieren die sexuelle Ausbeutung, vielleicht nicht so extrem wie
in Herrenmagazinen Kindesmißbrauch heruntergespielt wurde
("Inzest macht die Kinder froh und Erwachsene ebenso"), aber doch auch
mit Argumenten, daß es doch nicht so schlimm gewesen sein
könne, schließlich sei doch der Kollege ein sehr sensibler
Mann und habe sich die sexuelle Begegnung nicht mit Gewalt erzwungen.
Noch einen Schritt weiter gehen jene, die das Geschehene
rationalisieren und darauf verweisen, daß hier doch nur ein
Therapeut den heilenden Zugang zur Sexualität habe eröffnen
wollen, daß der Sex ganz sicher als Therapeutikum zu verstehen
sei. Und natürlich fehlt auch nicht jene klassische Umkehrung des
Gewaltverhältnisses, die den Frauen
die Schuld zuweist, den Therapeuten verführt zu haben und
letztlich das Täter-Opfer-Schema auf den Kopf stellt, die Helfer
zu den armen Teufeln macht und die Frauen zu den bösen
Täterinnen.
Dieser massive Empathiedefekt, den Frauen erfahren müssen, wenn
sie Hilfe für eine Therapiekatastrophe suchen, ist strukturell
ähnlich für Kinder, die sexuell ausgebeutet und Frauen, die
vergewaltigt wurden. Auf der Suche nach "Kundigen", die verstehen, nach
Fachpersonen, die glauben, was erzählt wird, die das eigene
Erleben vorurteilsfrei betrachten können, wird Ignoranz erfahren
und Frustration. Die Auswirkungen dieser Abwehrmechanismen auf die
Frauen, die sich als Zweifel an der Glaubwürdigkeit verdichten,
führen zu einem Beschwerdebild, das als Therapeuten-Sex-Syndrom in
die Fachliteratur eingegangen ist.
Damit ist eine schwere gesundheitliche und seelische Schädigung
gemeint, die durch den Verlust der Liebes- und Vertrauensfähigkeit
gekennzeichnet ist, eine Erschütterung im Selbstwertgefühl
mit schweren depressiven Verstimmungen, die bis zum Selbstmord
führen können. Der Zwang zur Geheimhaltung der Tatsache,
daß der
Therapeut seine Macht und Rolle mißbraucht hat und sich als
"Geliebter"
näherte, entfremdet immer mehr von einem sozialen Netz, das tragen
könnte.
Die Isolation wächst und damit auch die archaischen Gefühle
von Trauer und Wut, Scham und Schuld. Die Ambivalenz dem Therapeuten
gegenüber, die Konfusion durch den häufig zu beobachtenden
Rollentausch
bewirkt oft den Verlust des Vertrauens in die eigene Urteils- und
Wahrnehmungsfähigkeit.
Liebesverrat und Betrug auf der Suche nach dem, was heil macht, haben
diese Frauen erfahren. Sie haben die schmerzliche, vernichtende
Erfahrung zulassen müssen, daß sie als Frau und Mensch nicht
gesehen wurden, daß es gar nicht um Individuation und
Selbstwerdung ging. Die angezweifelte Glaubwürdigkeit bedeutet
ein ähnliches Nicht-gesehen Werden.
"Warum glaubt mir denn niemand" - die Verzweiflung, mit der die
Betroffenen diese Frage stellen, ist verständlich. Ob Mädchen
oder Frauen, wir sehen doch die Symptome, wir spüren doch die Not.
Warum verweigern wir jenen die Einfühlung, die sie so bitter
nötig haben?
Ich habe in meinem Buch "Seelenmord, Inzest und Therapie" auf eine
Parallele des Umgangs mit Opfern von Gewalt verwiesen, die mich immer
sehr betroffen gemacht hat. DIe entwürdigende, demütigende
Praxis dem Opfer die Opferrolle streitig zu machen und die
Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen, hat noch eine Dimension, die
mit dem Geschlechterverhältnis allein nicht zu erklären ist.
Der Umgang mit Menschen, die an schweren seelischen Folgeschäden
litten, nachdem sie den Todeslagern und dem nationalsozialistischen
Terror entkommen waren, zeigt ähnliche Strukturen. Die nach dem
Wiedergutmachungsgesetzen einsetzende Gutachterpraxis, bei der es darum
ging, den Verfolgten einen ANspruch auf Entschädigung
zuzugestehen, wenn sie "nicht unerheblich geschädigt" worden
waren, erinnert in ihrer anfänglichen Einfühlungsverweigerung
an
die Untersuchungsmethoden und Befragungstechniken, die uns aus der
gerichtlichen Praxis bei Opfern sexueller Gewalt bekannt sind. Was
sich damals
abspielte und heute immer noch, besonders Mädchen und Frauen
gegenüber abspielt, ist eine erneute Traumatisierung und
Stigmatisierung. Wieder sehen sich die Betroffenen der Willkür
eines Menschen ausgesetzt, einem Gutachter ausgeliefert, der die
seelischen Störungen als nicht entschädigungspflichtige
Renten- oder Tendenzneurose abwertet. Ähnlich werden auch jene
Frauen behandelt, die versuchen in einem Prozeß
nachzuweisen, daß ihr Therapeut sie ausgebeutet hat und das
seelische
und körperliche Beschwerdebild in einem Kausalzusammenhang mit der
fehlbaren Haltung des Therapeuten steht. Statt Respekt zu erfahren und
als Mensch ernst genommen zu werden, erfolgt Pathologisierung. Die
Untersuchungsverfahren
haben den Charakter einer Beurteilung von Objekten, denen nicht zu
trauen
ist.
Die
Verdrängung
und
das
Nicht-wahr-haben-wollen
traumatischer
Realitäten ist aber nicht nur in der Justiz wirksam.
Abwehrreaktionen und Distanzierung vom Geschehenen ist in uns allen
wirksam, gerade auch in den helfenden Berufen.1
Der Zweifel an der
Glaubwürdigkeit kann auch als eine Berührungsangst
mit dem Thema sexueller Gewalt verstanden werden. Starke
Gefühlsreaktionen, Ungläubigkeit und Abwehr ist überall
dort zu erwarten, wo Fachleute sich mit den Folgen sexueller Gewalt
auseinanderzusetzen haben. Die Konfrontation mit der eigenen
Hilflosigkeit bedeutet immer auch einen Angriff auf das eigene
Wertesystem und eine Bedrohung der persönlichen
Glaubensüberzeugungen. Es ist für uns alle schwer
auszuhalten, daß es Grenzerfahrungen gibt, ob im
Konzentrationslager oder bei sexueller Gewalt, die zu einem totalen
Zusammenbruch der seelischen Struktur führen. Die
Hoffnungslosigkeit der Opfer, deren Zeuge wir als Helfende oft werden,
stellt unseren Glauben an unsere beraterischen oder therapeutischen
Fähigkeiten und auch den Glauben an die Selbstregulation der
Psyche empfindlich in Frage. Mit dem Zweifel an der
Glaubwürdigkeit halten wir uns die Gefühle vom Leibe. Das
In-Frage-Stellen der Opfer schützt uns davor, unser Wertesystem,
unsere Gesellschaft, unser Geschlecht in Frage zu stellen. Damit
vermeiden wir, uns mit der Abgründigkeit menschlichen Seins
auseinanderzusetzen, wir verschließen die Augen und Ohren, um
nicht handeln zu müssen und geraten damit kollektiv in die gleiche
Rolle, in der sich viele Mütter befinden, die an das Vorkommen
sexueller Gewalt in ihrer Familie nicht
glauben können.
Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß wir mit dem Anzweifeln
der Glaubwürdigkeit den Menschen und die Thematik auf Distanz
halten, dann wird auch deutlich, wie ein sinnvoller, helfender
Umgang
mit betroffenen Mädchen und Frauen aussehen muß. Wir
müssen uns betreffen lassen von dem, was wir hören, wir
müssen uns öffnen für das Ungeheurliche. Wenn wir mit
den Betroffenen wirklich in Beziehung treten, wenn wir sie in ihrem
Menschsein ernstnehmen, sie wertschätzen und ihnen ihre Würde
nicht absprechen, dann glauben wir ihnen auch. Wir dürfen
Betroffene nicht auf einen Opferstatus festschreiben, der sie nicht als
ganze Person akzeptiert und nur rudimentär wahrnimmt.
Grundsätzlich gilt für die Arbeit mit Opfern von
Gewalt, daß wir eine Haltung des Daseins, des Zuhörens,
Mutmachens
und der Wertschätzung brauchen, um informiert und kompetent helfen
zu können.
Voraussetzung für eine solche Haltung den Opfern sexueller
Gewalt gegenüber ist die persönliche Arbeit an der eigenen
Betroffenheit, das In-Frage-Stellen persönlicher Vorurteile, Werte
und Normen, die Bereitschaft und Offenheit zur Konfrontation mit dieser
Problematik. Erst wenn wir die eigene Sprachlosigkeit diesem
Tabuthema gegenüber überwunden haben, können wir auch
den Betroffenen aus ihrem Schweigen und Verstummen heraushelfen.
Dazu brauchen wir Wissen und Fachkompetenz, Aufklärung über
Risikofaktoren und Folgen sexueller Gewalt, Einsicht in die
strukturellen Zusammenhänge von Gewaltverhältnissen und
institutionellen
Rückhalt. Wir müssen auch bereit sein, unsere
berufsideologischen
Grundüberzeugungen zu hinterfragen, um interdisziplinäre
Handlungskonzepte
zu entwickeln, die Mädchen und Frauen vor sexueller Gewalt
schützen
und Möglichkeiten der Aufarbeitung von Gewalterfahrungen bieten.
Abschließen möchte ich meine Ausführungen mit den
Worten einer Frau, die Opfer sexueller Gewalt war. Sie vermag Ihnen...
einen tieferen und berührenderen Einblick in das geben, was die
angezweifelte Glaubwürdigkeit für die Betroffene bedeutet.
"Wenn die Angst im Dunkeln verhallt
und der Schrei nach Hilfe ungehört bleibt,
dann ist der Raum nur noch
mit verzweifelter Leere erfüllt.
Und das Leben wird im Gefängnis des Todes erstickt.
Wenn die im Tal des Todes verirrten Menschen
als Irre bezeichnet werden,
gibt es keine Rückkehr ins Leben.
Wo, ohne hinzuhören, verurteilt wird,
gibt es keine Hoffnung mehr,
und die Sprache verliert ihren Sinn.
Wo keine Hoffnung und keine Sprache mehr ist,
da reißt der Faden des Seins.
Da gibt es einen Bruch mit Raum und Zeit
und das Ver-rücktsein wird zur Realität.
1 Das könnte eine Erklärung
für die Erfahrung unserer Gruppe im kirchlichen Raum beider
Großkirchen sein: Bitten um Vernetzung werden in ca 90% der
Anfragen mit Schweigen beantwortet - auch von Gruppierungen, die
ausdrücklich zu erkennen geben, dass "Gewalt gegen Frauen ein
Thema der Kirche" sei. Gegen diese Berührungsängste kommt die
anderweitige Erkenntnis, dass Gott - und deswegen auch die
NachfolgerInnen Jesu - auf der Seite der Entrechteten und unter die
Räder Gekommenen zu finden sind, nur in Einzelfällen an. Hier
wiederholt sich also tatsächlich, was Gewaltüberlebende
kennen: Ihre Erfahrungen werden nicht beachtet, sie werden von
Gesellschaft und Kirche erneut zum Schweigen verurteilt und müssen
mit Retraumatisierung im Gefolge des Verschwiegenwerdens rechnen.
Noch immer als heilsam haben sich hingegen Wahrnehmung und Miteinander
Reden gezeigt.