Immer neu muss ich mich mit Varianten
der Opferbeschuldigung und der
Täterentschuldigung auseinandersetzen. Dieses Denken ist auch im
kirchlichen Raum verbreitet. Damit ich nicht jedes Mal wieder
Aufklärungsarbeit per Mail zu leisten habe, seien hier einige der
gängigen Mythen über Gewalt und Gewaltopfer benannt, wie sie
im kirchlichen Raum zirkulieren. Nicht immer werden sie so direkt
ausgesprochen, oft sind sie nur unterschwellig virulent.
| Mythos 1:
"Die Opfer
müssen vergeben, sonst werden sie nie geheilt. Sie sind dann
selber schuld, wenn sie psychosomatisch erkranken." |
Ja, es stimmt:
Vergebung IST
heilsam. Es stimmt auch, dass Gewaltopfer unter vielfältigen
psychosomatischen Krankheiten und Beschwerden zu leiden haben: unter
Schlaflosigkeit, Alpträumen, Rückenschmerzen, sonstigen
chronischen Schmerzen, Angst, Unruhe, .... die Liste ist entsetzlich
lang.
Nur
der
Zusammenhang,
in
den
Erkrankung
und
Vergebung gestellt werden, der ist leider falsch. Denn die psychosomatischen
Krankheiten sind keine Folge davon, dass Opfer nicht vergeben - sie
sind eine Folge der Gewalterfahrungen. Die Vergebungsforderung
verknüpft Krankheit mit Schuld. Die Schuld an den
psychosomatischen Krankheiten macht sie nicht da fest, wo sie liegt:
bei den Tätern. Vielmehr bürdet sie sie den Opfern auf, weil
die den - im Übrigen chronisch unschuldigen - Tätern nicht
vergeben.
Diese
Vergebungsforderung
kommt
unter
dem
Deckmantel
der
Fürsorge für die Gesundheit von Gewaltopfern einher. Sie
erweckt den Eindruck, als wollen jene, die von Opfern Vergebung
verlangen, nur das Beste für die Opfer.
Aber
sie dient allen Beteiligten an Gewalt - nur nicht den Opfern,
denen sie zu helfen vorgibt.
Sie
dient in Wirklichkeit den Tätern: Das hätten sie gerne,
dass ihnen schon vergeben ist, bevor sie Einsicht zeigen, bereuen, um
Vergebung bitten und wieder gut machen, was vielleicht noch gut zu
machen ist! Schwamm drüber, reden wir nicht mehr davon. War ja
nicht so schlimm, vergeben - und vergessen!
Sie
dient auch den Zuschauern der Gewalt. Wieder einmal können
Zuschauer zuschauen. Diesmal können sie zuschauen, ob die
Gewaltopfer die Vergebung denn nun "hinkriegen" oder wieder einmal
versagen. Sie müssen nichts tun. Sie müssen nicht mit den
Opfern solidarisch sein; sie müssen keinen Konflikt mit
Tätern und einer täterschützenden Kirche aushalten. Sie
müssen nicht die oft große Not der Opfer aushalten - sie
müssen wirklich nur tun, was Zuschauer und Zuschauerinnen immer
schon tun: zuschauen.
Mythos
2:
"Täter
waren
selber
früher
Opfer."1
|
Das
stimmt mit hoher Sicherheit. Wir erfahren es in dieser Form bei
jedem Prozess, in dem Gewalttaten verhandelt werden: Der Täter war
früher einmal selbst Opfer.
Die
Frage ist jedoch, ob Täter weniger Täter sind, weil sie
früher einmal Opfer waren. Und ob Opfer weniger Opfer sind, weil
die Täter früher einmal Opfer waren. Eine aktuelle
repräsentative Studie hat für Deutschland ergeben, dass 40%
aller Frauen in Deutschland Opfer von Gewalt werden. Würden diese
Frauen zu Täterinnen, dann müssten unsere Gefängnisse
voller Frauen sein. Deren Anteil an der Gesamtzahl der
Gefängnisinsassen, die für Gewalttaten verurteilt wurden,
liegt jedoch bei nur 4-5%. Das Argument, dass Opfer zu Tätern
werden, kann so also nicht stimmen. Offensichtlich haben Opfer von
Gewalt durchaus eine Wahl. Sie können entscheiden, ob sie
GewalttäterInnen werden wollen - oder nicht. Die Aussage, dass
Täter früher selbst Opfer waren, dient - jenseits ihres
Wahrheitsgehaltes - einer doppelten Verschleierung: Sie soll den
Gewalttäter entschuldigen und seine Gewalttat weniger schlimm
machen. Ganz nebenbei wird aus dem Opfer eines Gewaltverbrechens dann
jemand, der irgendwie weniger oder vielleicht sogar gar kein Opfer ist
- wer weiß? Zugleich wird damit das verantwortliche Handeln jener
Gewaltopfer, die NICHT zu Gewalttäterinnen (und hoffentlich auch
Gewalttätern!) werden, unsichtbar gemacht. Nicht zufällig
wird damit gerade die Stärke von Frauen unterschlagen, die sich
entschieden haben, die erfahrene Gewalt gerade nicht an andere Menschen
weiterzugeben.
Der
Hinweis, dass Täter früher selbst einmal Opfer waren,
dient dem Täterschutz. Und er dient der Verunglimpfung der Opfer.
Er unterstellt nämlich klammheimlich, dass heutige Opfer in
Wirklichkeit künftige GewalttäterInnen sind. Auch dies ist
eine Möglichkeit, Opfer von Gewalt mundtot zu machen.
|
Mythos
3:
"Opfer
sind
zugleich
Täterinnen.
Sie
haben Anteil an der an ihnen
verübten Gewalt."
|
Es
ist sicher richtig, dass Gewaltopfer nicht die besseren Menschen
sind. Auch Gewaltopfer begehen Unrecht. Auch sie sind fehlbare
Menschen. Dies jedoch ist mit der Aussage, Opfer seien zugleich
Täterinnen, gar nicht gemeint.
Gemeint
ist
vielmehr,
dass
Gewaltopfer
"irgendwie"
mitschuld daran
sind, dass Täter gar nicht anders konnten als zur Gewalt zu
greifen. Die Gleichsetzung
von
Opfer
und
Täterin
und
die ausdrückliche Schuldzuweisung
und Verantwortlichmachung der Opfer (!) für die Gewalt (!), ist
eine Variante der Opferbeschuldigung. Sie relativiert die
Verantwortlichkeit der Täter. Zugleich entlastet eine solche
Opferbeschuldigung die weiterhin schweigende und schweigend zuschauende
Kirche und Gesellschaft: Auch die Opfer von Gewalt sind ja irgendwie
Schuld an der Gewalt. Und schließlich trägt diese
Opferbeschuldigung und Täterentschuldigung dazu bei, dass Opfer
weiterhin isoliert werden und schweigen müssen. Sie riskieren
ansonsten, als Täterinnen gebrandmarkt zu werden. Von den Folgen
einer Brandmarkung verstehen Gewaltopfer eine Menge. Ihr setzen sie
sich nie wieder aus. Sie schweigen.
Ein
Verbündeter gab zu bedenken, dass eine Formulierung, die
Täter und Opfer von Gewalt in einen Topf wirft, nur auf eine
schlampige, fahrlässige und verkürzte Formulierung
zurückzuführen sei. Ich wünschte, er hätte Recht.
Ich fürchte, er hat Unrecht - und er übersieht, dass
Opferbeschuldigung System hat.
|
Mythos
4:
"Auch
Männer
sind
Opfer
von
Gewalt. Auch Frauen sind Täterinnen."
|
So
ist es. So ist es wirklich. Diese Aussage ist zweifellos
richtig! Das darf aber nicht dazu führen, dass wir den
geschlechtsspezifischen Blick auf die unterschiedliche Verteilung von
Männern und Frauen unter den Gewaltopfern und den
GewalttäterInnen verlieren. Die große Mehrheit der
Gewalttäter ist männlich; sonst wären nicht 95% derer,
die wegen Gewalttaten verurteilt wurden, Männer. Derzeit gibt es
keine zuverlässigen Zahlen über Männer, die Opfer von
Gewalt wurden. Die Pilotstudie über männliche Gewaltopfer
läuft. Die Ergebnisse müssen abgewartet werden. Ich
fürchte, sie werden am Ende aufdecken, dass auch Männer Opfer
von Gewalt werden, ganz überwiegend ausgeübt von -
Männern.
In
der Diskussion allerdings führt der Hinweis, dass es auch
männliche Gewaltopfer gibt, zur Nivellierung, zur Relativierung,
zur Vergleichgültigung gegenüber dem Leid, zum
Aufrechnen von Leid - und letztlich zur Entsolidarisierung mit den
Opfern. Das Opfer-Sein von Frauen wird erneut unsichtbar gemacht.
Frauen werden erneut mundtot gemacht. Ich glaube nicht einmal, dass mit
dieser Argumentationsweise Männern, die Gewaltopfer wurden,
tatsächlich geholfen wird. Auch unter ihnen gibt es solche, die
Opfer wurden, ohne Täter zu werden.
Solange
die
Diskussion
entlang
einer
Männer-
und Frauenfront
verläuft, werden nur die dann üblichen Grabenkämpfe
folgen zwischen Männern und Frauen. Sie kosten Kraft und gehen
dennoch am eigentlichen Problem vorbei. Sie übersehen nämlich dabei,
dass die an Gewalt Beteiligten in Wirklichkeit anders zu beschreiben
sind: Wir haben es nicht zuerst mit Männern = Tätern und
Frauen = Opfern zu tun. Vielmehr haben wir es mit TäterInnen, mit
Opfern und mit ZuschauerInnen zu tun. In allen drei Gruppen befinden
sich - zahlenmäßig unterschiedlich stark vertreten, wie das
in patriarchaler Zeit nicht anders zu erwarten ist - Frauen und
Männer. Erst wenn wir diesen differenzierten Blick auf
Gewalt und die Beteiligten richten, erst dann wird es möglich
werden, dass diejenigen, die mit Gewaltopfern solidarisch sein
möchten, dies auch tatsächlich sind. Unter den mit
Gewaltopfern Solidarischen habe ich bislang sowohl Frauen als auch
Männer gefunden.
|
Mythos 5:
"Die Gewaltfolgen
machen Opfer unzurechnungsfähig und deswegen unfähig für
das Gespräch über Gewalt"
|
Es stimmt: Menschen, die einmal
- meist lange und wiederholt -
einem oder mehreren Menschen zum Opfer fielen, tun manchmal Dinge, die
Nichtbetroffene befremden mögen. Sie fürchten sich
nämlich häufig vor Menschen, die es wirklich und ehrlich gut
mit ihnen meinen. Wohlgesinnte Menschen lösen in ihnen
ungefähr so viel Angst aus wie Gewalt durch nahe Menschen. Aber
diese Gewaltopfer reagieren absolut vernünftig: Sie schützen
sich vor dem, was sie zu gut kennen: Gewalt im Nahbereich, die unter
dem Deckmantel von Liebe daherkommt.
Ansonsten sind sie absolut "normale"
Menschen, die denken, fühlen
und handeln wie andere Menschen auch. Dennoch wird an dem Mythos, dass
Opfer von Gewalt so sehr an den Folgen leiden, dass sie
außerstande seien, an einem vernünftigen Gespräch
über Gewalt teilzunehmen, weiter gestrickt. Dieser Mythos
übersieht völlig, dass Frauen, die Gewaltopfer sind, zugleich
noch vieles andere sind: Sie sind Hausfrau, Pfarrerin, Nachbarin,
Wissenschaftlerin, Kollegin, Mitglied im Sportverein, Lehrerin,
Verwaltungsangestellte, die Referentin des Vortrags, Theologin,
Fabrikarbeiterin, Altenpflegerin, Teilnehmerin am Fortbildungskurs,
Mutter von Kindern, Studentin; Mitglied einer Pfarrgemeinde,
Teilnehmerin am Bibelabend...... Wir finden diese Menschen in allen
Lebensbereichen. Dort leben und arbeiten sie wie andere Menschen auch.
Wir nehmen sie lediglich nicht als Gewaltopfer wahr, weil ihnen kein
Etikett auf der Stirn klebt. Der Mythos von unzurechnungsfähigen,
bisweilen als gefährlich und bedrohlich phantasierten Gewaltopfern
wird gelegentlich unter dem Deckmantel der Fürsorglichkeit
versteckt. "Gewaltopfer dürfen nicht belastet werden mit dem
Gewaltthema." Dabei wird übersehen, dass diese Form der
Ausgrenzung und Bescheinigung der Unzurechnungsfähigkeit eine
zusätzliche Belastung von Menschen ist, die Gewalt erlebt haben
und mit Traumafolgen leben müssen. Sie müssen nun auch noch
damit leben, dass sie für nicht gesprächsfähig oder
für verrückt gehalten werden. Dies ist eine Form, die zweite
(!), einem Menschen die Menschenwürde abzusprechen.
Die Verweigerung von Solidarität
mit Gewaltopfern ist im letzten
Jahrfünft subtiler geworden. Die Beschuldigung der Opfer und ihre
Ausgrenzung sowohl aus dem Diskurs über Gewalt als auch aus der
Gemeinschaft der Menschen/ChristInnen ist schwerer zu erkennen als
früher. Sie verbirgt sich hinter der vorgeblichen Fürsorge
für Opfer. Sie ist jedoch nicht weniger brutal als die früher
offene Ausgrenzung. Nur schwerer zu durchschauen und schwerer zu
bekämpfen ist sie. Und wie schon immer werden zwei Gruppen
geschützt: Täter - und Zuschauer/Zuschauerinnen. Und wie
schon immer wird eine Gruppe von Menschen preisgegeben und verraten:
die Opfer von Gewalt.
Ich kenne nur Einen, der das anders
handhabte, Jesus. Und ich kenne ein
paar Menschen, die in seinen Fußstapfen gehen. Die machen
Hoffnung.
Den Listenfrauen - euch :-) - danke
ich für das genaue und
differenzierte Gespräch, das mir geholfen hat, die jüngsten
Formen der Opferbeschuldigung, der Opferausgrenzung und des
Täterschutzes zu durchschauen und zu benennen.
16.3.2006
Rika
1 Nebenbei sei darauf verwiesen, dass
Täter ihrer Würde verlustig gehen, wenn ihnen die
Verantwortung für ihr Tun abgenommen wird. Das sollen auf dieser
Homepage aber die einzigen Ausführungen zur Psyche von Tätern
bleiben. Denn um die Täter kümmert sich ein Heer von Psychologen,
Therapeuten, Sozialarbeitern, Gefängisseelsorgern, Presseleuten.... Bei
den Opfern sieht das anders aus. Die warten, oft durchaus erheblich
suizidgefährdet, ein ganzes Jahr und länger auf einen Therapieplatz. Und in
fast jeder Diskussion zum Thema sexuelle Gewalt kippt früher oder
später (meist nach 15 Minuten) das Gespräch und
die TeilnehmerInnen beschäftigen sich ausgiebig mit den
Tätern. Ich halte es jedoch für notwenig, von und mit den
Opfern zu sprechen.